Parlamentskorrespondenz Nr. 39 vom 03.02.2003

DAS RECHT ALS GRUNDLAGE DES STAATES

Wien (PK) - Gelangt der Parlamentsbesucher bei seinem Rundgang um das Gebäude zur Ecke Reichsratsstraße/Stadiongasse, kommt - nach der Reihe der in PK Nr. 31 vom 27. Jänner 2003 genannten allegorischen Statuen - das Relief "Staatsorganisation" in sein Blickfeld. Laut Theophil Hansen sollte es, ebenso wie das folgende, der Stadiongasse zugewandte Relief, das den Titel "Einigkeit" trägt, die Tätigkeit des Ministeriums des Inneren allegorisch darstellen. Konkret ging es Hansen hier um die Darstellung der rechtlichen Grundlagen des Staates. Deutlicher noch als die beiden von Josef Fritsch gestalteten Reliefs zeigt dies die Auswahl der historischen Persönlichkeiten, deren Statuen die beiden Reliefs flankieren: die Verfassungsgeber Servius Tullius, Solon, Lykurg und Appius Claudius, der um die Mitte des 5. Jhdts.v.Chr. als Führer der Dezemvirn das römische Recht in Form der "Zwölftafelgesetze" erstmals schriftlich fixierte.

Die linke Seite des Reliefs "Staatsorganisation" nimmt eine Götterversammlung ein: Zeus und Athena sitzen auf einem Thron, hinter ihnen steht der Held und Halbgott Herakles. Die Olympier blicken auf eine Gruppe von fünf Männern, die einen Eid auf eine Gesetzestafel schwören. Die Gestaltung der Szene erinnert an das Gemälde "Schwur der Horatier" des französischen Klassizisten Jacques-Louis David (1748-1825). Dieser historische Bezug führt uns in die sagenhafte römische Frühzeit. Nach der Herrschaft des friedliebenden Numa Pompilius soll König Tullius Hostilius den römischen Machtbereich ausgedehnt haben, wobei er in Konflikte mit den Nachbarstädten geriet. Als auch ein Krieg mit der Mutterstadt Alba Longa bevorstand, habe der Feldherr der Albaner, Mettus Fufetius, mit Erfolg vorgeschlagen, ein großes Blutvergießen zu vermeiden und den Streit der eng verwandten Völker durch einen Zweikampf einzelner Krieger zu entscheiden. Daraufhin stellten sich für Rom die drei Söhne des Horatius dem Kampf. Auf Seiten Albas traten den Horatiern ebenfalls drei Brüder, die Kuratier, entgegen. Publius Horatius überlebte den Kampf als einziger, was die Entscheidung zugunsten Roms bedeutete und die im weiteren friedliche Eingliederung Alba Longas in die römische Herrschaft nach sich zog. - Der Kunsthistoriker Walter Rehucek knüpft in seiner Deutung des Reliefs nicht unmittelbar an die Sage von den Horatiern und Kuratiern an, sondern interpretiert die Gruppe der fünf schwörenden Männer als Vertreter verschiedener Bevölkerungsgruppen, die ihre Bereitschaft beeiden, das Staatswohl gemeinschaftlich zu sichern.

SERVIUS TULLIUS - DER ORGANISATOR DES RÖMISCHEN STAATES

An der rechten Seite des Reliefs steht eine Skulptur des Servius Tullius, ein Werk des Bildhauers Josef Tautenhayn, der den sechsten der sieben legendären Könige Roms mit vollem Bart und lockigen Haaren in einem Feldherrnmantel darstellte. Der Sage nach regierte der Herrscher von 578 v. Chr. bis 534 v. Chr. Er soll mehrere Reformen des römischen Staatswesen durchgeführt haben, was Theophil Hansen veranlasste, Servius Tullius in seinem Skulpturenprogramm als "Organisator des römischen Staates" zu bezeichnen. Unter anderem schrieben die römischen Historiker Servius Tullius die nach dem Vermögen vorgenommene Einteilung der römischen Bürger in fünf Census-Klassen zu. Seine in den Grundsätzen der Timokratie Solons ähnliche Heeres- und Verfassungsreform soll das Ende der Königszeit und den Anfang der römischen Republik eingeleitet haben. Servius Tullius wurde auch die Servianische Stadtmauer zugeschrieben, die noch in Resten erhalten ist, die aber tatsächlich aus einer späteren Zeit stammt.

Auf der linken Seite des Reliefs steht die ebenfalls von Josef Tautenhayn gefertigte Plastik des Solon, die den Staatsmann, der in der Antike zu den sieben Weisen zählte, mit einer Schriftrolle als Zeichen seiner politischen Reformen zeigt.

Der um 640 in Salamis geborene Solon kam als junger Mann nach Athen und betätigte sich als Politiker und Dichter. Um die soziale und politische Krise in Athen zu überwinden, schuf Solon als Archont die Schuldknechtschaft ab und erließ den Bauern ihre finanziellen Verpflichtungen gegenüber den Großgrundbesitzern. Ins Ausland versklavte Schuldner holte Solon auf Staatskosten in ihre Heimatstadt zurück. Solon förderte den Zuzug ausländischer Fachleute nach Athen und schuf das System der "Timokratie", mit dem er politische Privilegien der Geburt durch die des Besitzes ablöste. Zu den in Ansätzen demokratischen Reformen Solons zählt auch die Einrichtung des Rates der 400 als Gegengewicht zum Adelsrat auf dem Areopag. - Solon ist auch in einem Friesgemälde im Sitzungssaal des Abgeordnetenhauses von August Eisenmenger verewigt. Die PK- Besprechung dieses Werkes enthält auch eine ausführliche Solon-Biographie (siehe PK Nr. 580 vom 22.7.2002). Überdies zierte eine Solon-Skulptur von Richard Kauffungen die Stirnwand des 1945 zerstörten Herrenhaus-Sitzungssaales. Der antiken Homer-Bildnissen nachgebildete Kopf dieser Skulptur ist erhalten geblieben und wird in den Büroräumen der Gebäudeverwaltung des Hauses aufbewahrt.

DAS RELIEF "EINIGKEIT" - BESCHWÖRUNG DER BEDROHTEN REICHSEINHEIT

Das Zentrum des Reliefs "Einigkeit" nehmen zwei Frauenfiguren in vom Wind gebauschten Gewändern ein, die einander die rechte Hand reichen. Links von ihnen ist der Held Herakles auf einem Felsen sitzend dargestellt. Der Löwenfell-Umhang liegt neben ihm, die mächtige Keule, sein zweites Attribut, hält er in der rechten Hand, das Kinn ist nachdenklich in die linke Hand gestützt. Rechts des Frauenpaars ist ein weiblicher Rückenakt zu sehen, es handelt sich um eine Mutter, die von ihren beiden ebenfalls nackten Kindern umgeben ist.

Als antikes Vorbild für die Figur des sitzenden Herakles führt der Kunsthistoriker Walter Rehucek den "Herakles Epitrapezios" des spätklassischen Plastikers Lysipp von Sikyon an. Dazu kommt ein modernes Marmortondo mit einem auf einem Felsblock sitzenden Herakles, das von Bertel Thorvaldsen stammt und auf die Zeit von 1807 bis 1810 datiert wird.

Die zentralen Frauenbildnisse entsprechen griechischen Urkundenreliefs, die Vertragsabschlüsse zwischen griechischen Städten mit dem Handschlag der jeweiligen Stadtgöttinnen versinnbildlichen. Walter Rehucek sieht die zentrale Szene des Reliefs als Allegorie für den Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn. Herakles auf der linken und die Mutter-Figur mit den Kindern auf der rechten Seite sollen Männer, Frauen und Kinder und damit die Gesamtheit der Bevölkerung des Habsburgerreiches darstellen und die durch Nationalismus bedrohte Einheit der Monarchie beschwören.

Die rechte Seite des Reliefs flankiert eine Statue des sagenhaften spartanischen Gesetzgebers Lykurg, der eine steinerne Gesetzestafel in seiner Linken hält. Lykurg soll zwischen dem 9. und dem 7 Jahrhundert im Auftrag des Orakels von Delphi die spartanische Verfassung, die "Große Rhetra" geschaffen haben. Eine Zusammenfassung seines sagenhaften Lebenslaufes bietet die Parlamentskorrespondenz in ihrer Ausgabe Nr. 396 vom 3. Juni 2002. Der spartanische Gesetzgeber ist auch auf einem Fries-Gemälde August Eisenmengers im Abgeordnetenhaus-Sitzungssaal dargestellt und zierte den Plenarsaal des Herrenhauses bis zu dessen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg in Form einer von Karl Schwerzek geschaffenen Skulptur.

APPIUS CLAUDIUS CRASSUS UND DIE ZWÖLFTAFELGESETZE

Lykurgs Partner an der linken Seite des Reliefs "Einigkeit" ist Appius Claudius Crassus, ebenfalls in einer Darstellung von Josef Tautenhayn, der den adeligen Römer mit einer Schriftrolle in der linken Hand zeigt. Der Künstler folgte dem Typus römischer Beamtenbildnisse aus der späten Republik und der frühen Kaiserzeit.

Der adelige Römer Appius Claudius Crassus lebte im 5. Jhdt.v.Chr. zur Zeit der "Ständekämpfe" zwischen den Patriziern und den bis dahin politisch noch völlig rechtlosen Plebejern. Appius Claudius soll erstmals 471 und dann wieder im Jahr 451 Konsul gewesen sein. In seiner zweiten Amtszeit leitete er das "Zehnmänner"-Gremium" ("decemviri consulari imperio legibus scribundis"), das vom Senat gewählt worden war, um das römische Gewohnheitsrecht schriftlich zu fixieren. Dieses Gremium, dem erstmals in der römischen Geschichte auch Plebejer angehörten, erfüllten ihren Aufgabe mit Erfolg und legten der Volksversammlung das "Zwölftafelgesetz" vor, ein Gesetzesbuch, das - wenn auch mit Anpassungen - viele Jahrhunderte lang, bis zum berühmten Codex Justitianus aus dem Jahr 529 n.Chr. in Geltung blieb. Die zwölf Bronzetafeln, die leider verloren gingen und nur aufgrund von Zitaten aus der Literatur bruchstückhaft rekonstruiert werden konnten, enthielten unter anderem die wichtigsten Bestimmungen des römischen Prozessrechts und werden von den Historikern als ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Überwindung adeliger Willkür bei der Auslegung des Rechts beschrieben. Nach Abschluss ihrer legistischen Aufgabe sollten die Dezemvirn, denen außergewöhnliche Befugnisse eingeräumt worden waren, zurücktreten. Appius Claudius habe sich aber nicht von der Macht trennen wollen, erzählt die von dem römischen Historiker Livius überlieferte Sage. In gewaltsamen Auseinandersetzungen sei Appius Claudius gestürzt und eingekerkert worden. Der Hinrichtung soll er durch Selbstmord entgangen sein.

Die Sage berichtet auch von einer Liebesaffäre des Appius Claudius, die Gotthold Ephraim Lessing zu seinem bürgerlichen Trauerspiel "Emilia Galotti" inspirierte. Die Leidenschaft des Appius Claudius hatte für die Plebejertochter Virginia tragische Folgen. Ihr Vater tötete seine Tochter, um ihr die Schande des "Mätressentums" zu ersparen. Lessing dramatisierte dieses Sujet in neuzeitlichem Gewand, um die heroische Moral des Bürgertums der sittlichen Verkommenheit an den Adelshöfen gegenüberzustellen. (Schluss)