Parlamentskorrespondenz Nr. 53 vom 17.02.2003

DIE KUNST, DIE WISSENSCHAFT UND DIE FREIHEIT

Wien (PK) - Kunst und Wissenschaft - sie tragen zum Wohl des Staates ihren unverzichtbaren Teil bei. Dies allerdings unter der Voraussetzung, dass sie weder unterdrückt noch "verzweckt" werden, sondern sich in Freiheit entfalten können. Nur wenige Jahre nach Baubeginn des Parlaments sollte das Motto der Sezession lauten "Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit". Vielleicht deutet die phrygische Mütze, die Phidias trägt (er steht mit Homer für die Kunst beim entsprechenden Relief auf dem Dach des Parlamentsgebäudes) und die als Jakobinermütze aus der Großen Französischen Revolution bekannter ist, auf diese notwendige Freiheit hin. Die Wissenschaft wird durch Archimedes und Marcus Terentius Varro vertreten.

EIN PAUKENSCHLAG AM BEGINN DER EUROPÄISCHEN LITERATURGESCHICHTE

Ilias und Odyssee: Die europäische Literaturgeschichte beginnt wahrlich mit einem doppelten Paukenschlag. Ilias und Odysse sind "der Grundtext der europäischen Zivilisation" (Horkheimer/Adorno). Doch über den Autor der Epen, Homer, war schon im Altertum wenig bekannt. Man stellte sich ihn als blinden alten Mann vor. Manche sahen ihn als Zeitgenossen des Trojanischen Krieges (etwa 1300 v.Chr.), was kaum plausibel ist, andere ordnen ihn dem 8. Jahrhundert zu, als Zeitgenossen des Hesiod.

Sieben Städte rühmten sich, sein Geburtsort zu sein. Smyrna war eine davon, dort soll er von seiner Mutter Kretheis als unehelicher Sohn geboren worden sein. Von einer Reise nach Ithaka - man wollte Spuren dieser Reise aus der Odyssee herauslesen - sei er blind zurückgekehrt und habe sich der Dichtung zugewandt. Als wandernder Rhapsode soll er nach Chios gekommen sein, wo er zum einen heiratete und zum anderen die beiden Epen schrieb.

Im 8. Gesang der Odyssee hat Homer auch einige Verse pro domo und für seine Sänger-Kollegen eingeflochten. Er lässt den Odysseus sagen:

Alle sterblichen Menschen der Erde nehmen die Sänger

Billig mit Achtung auf und Ehrfurcht; selber die Muse

Lehrt sie den hohen Gesang, und waltet über die Sänger.

Auf seinen Wanderungen soll Homer auch mit Hesiod im Dichter-Wettstreit aufeinander getroffen sein. Man sagt, die Griechen hätten dem Homer zugejubelt. Doch Hesiod hätte den Siegespreis erhalten, weil er zu friedlichen Werken mahne, während Homer Schlachten besinge. Athen, Korinth, Argos, Delos sollen Homers nächste Stationen gewesen sein, und zuletzt Ios, wo er schließlich starb und wo man sein Grab lokalisierte. In Ios soll er eine Sängerschule gegründet haben, die so genannten Homeriden leiteten sich direkt von ihm ab.

Ilias und Odyssee, die beiden Epen, die wie zwei Wunder am Eingang zur europäischen Literatur stehen, hängen beide am Trojanischen Krieg. Die Ilias beschreibt Szenen aus dem 9. Kriegsjahr, die Odyssee die Abenteuer, die Odysseus, einer der griechischen Helden vor Troja, erlebte.

DER TROJANISCHE KRIEG - EUROPA GEGEN ASIEN 1 : 0

Ob der "Trojanische Krieg" je und gar in der von Homer beschriebenen Form statt gefunden hat, ist im Zusammenhang mit Literatur unerheblich. Bemerkenswert scheint immerhin, dass Heinrich Schliemann Troja, mit der Ilias und ihren Angaben in der Hand, unter dem Hügel von Hisarlik vermutete und fand. Dass den Griechen, die durch Jahrzehnte einen Überlebenskampf gegen die Perser führen mussten, die Ilias gut im Ohr klang, erinnerte sie doch an den ersten Sieg der Hellenen über die östlichen Fremden, scheint leicht nachvollziehbar.

Dabei geht's in der Ilias keineswegs um den Sieg der Achäer über Ilion, wie Troja auch genannt wird. Der Autor macht es in den ersten Zeilen klar:

Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus,

Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregt

Und viel tapfere Seelen der Heldensöhne zum Ais

Sendete, aber sie selbst zum Raub darstellte den Hunden

Und dem Gevögel umher. So ward Zeus Wille vollendet.

Es geht um den Zorn des wichtigsten griechischen Helden, des Peleussohns Achill. Erregt hat diesen Zorn, im 9. Jahr der zehnjährigen Belagerung Trojas, der Heerführer der Griechen, Agamemnon. Der nahm dem Achill dessen Sklavin für's eigene Lager. Achill trat darauf in einen unbefristeten Streik und zog sich aus dem Kampf zurück, ja betete sogar um den Sieg der Feinde. Den Preis dafür zahlte allerdings auch Achill selbst: Sein Freund Patroklos wird von Hektor, einem der Prinzen von Troja und der Stadt mächtigster Recke, getötet. Jetzt greift Achill wieder ins Kampfgeschehen ein, tötet Hektor und schleift dessen Leichnam um die Stadt. König Priamos von Troja kommt als Bittender und erhält schließlich den Leichnam seines Sohnes.

Achill aber hatte früher seine Entscheidung getroffen. Er konnte wählen zwischen einem langen, ruhigen, unbedeutenden Leben und einem kurzen, das ihn berühmt machen sollte. Er wählte Berühmtheit und damit frühen Tod - dem er auch nicht entgehen konnte. Denn als er mit seinen Myrmidonen in den Krieg gegen Troja ziehen sollte, versteckte er sich in einem Mädchenpensionat, zog Mädchenkleider an - alles vergeblich. Er wurde eingezogen und fiel durch Apollons Pfeil in seine berühmte Achilles-Ferse. Das allerdings steht schon nicht mehr in der Ilias.

ODYSSEUS: WEITGEREIST, LISTENREICH - MIT ENTSCHIEDENHEIT MENSCH

In der Odyssee, dem zweiten Homer zugeschriebenen Werk, wird hingegen sehr wohl, wenn auch nur kurz, über eine der berühmtesten Kriegslisten berichtet, über das sprichwörtlich gewordene "Trojanische Pferd". Im 8. Gesang veranlasst Odysseus - zu diesem Zeitpunkt noch inkognito am Hof des Alkinoos - den Sänger Demodokos, über "des hölzernen Rosses Erfindung" zu singen, was dieser tut und was dazu führt, dass Odysseus sich zu erkennen gibt. Ein paar Jahrhunderte später nimmt der römische Staatsdichter Vergil in seiner "Äneis" das Troja-Thema wieder auf. Äneas, der Sohn der Aphrodite und Titelheld dieses Epos, trug seinen Vater Anchises aus dem brennenden Troja und wurde zum Ahnherrn der Römer.

Die namengebende Figur der Odyssee ist Odysseus, Sohn des Laertes, Herrscher von Ithaka, Vater des Telemachos und Gatte der Penelope. Zehn Jahren Krieg um Troja folgen für Odysseus weitere zehn Jahre der Irrfahrt auf dem Meer, ehe er, als einziger Überlebender seiner Mannschaft, heimkehrt. Einen Großteil dieser zweiten Dekade verbringt Odysseus allerdings auf Ogygia, der Insel der Nymphe Kalypso. Die Unsterbliche ist - man möchte sagen: so unsterblich - in den sterblichen Odysseus verliebt, dass sie ihm Unsterblichkeit anbietet, wenn er nur bei ihr bliebe. Odysseus entscheidet sich für die Rückkehr nach Ithaka und zu Penelope und damit gegen die Unsterblichkeit - eine wahrhaft bemerkenswerte Wahl; denn sie bedeutet am Ende das Schattendasein im Hades. Und vom großen Achill, den Odysseus in der Unterwelt trifft, weiß der Sohn des Laertes, dass es besser sei, der letzte Taglöhner des ärmsten Bauern im Licht der Sonne zu sein als Herrscher im Schattenreich.

Wie Achill wollte auch Odysseus dem Kriegsdienst entkommen. Er stellte sich verrückt, als die Stellungskommission erschien, spannte einen Ochsen und einen Esel als ungleiches Paar ins Joch, pflügte den sandigen Strand und säte Salz. Doch als man den Säugling Telemachos, seinen Sohn, vor die Pflugschar legte,hielt er Gespann und Pflug an, auf diese Weise klaren Verstand zeigend. Dabei war seinerzeit, als Menelaos die schöne Helena freite, Odysseus der Erfinder der griechischen Beistandspflicht gewesen, er ließ den Pakt bei einem Pferdeopfer beschwören.

Auch von der Odyssee seien die ersten fünf Verse angeführt:

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,

welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung,

Vieler Menschen Städte gesehen, und Sitte gelernt hat,

Und auf dem Meere so viel' unnennbare Leiden erduldet,

Seine Seele zu retten, und seiner Freunde Zurückkunft.

Johann Heinrich Voß (1751 - 1826) übersetzt hier nicht ganz exakt, denn "andra moi ennepe, Mousa" zielt auf den "Mann" selbst, den die Muse besingen soll, die Person steht im Zentrum, nicht ihre Taten.

Odysseus weilt bei Kalypso, doch die Götter beschließen, dass er heimkehre. Nach vier Gesängen, die als "Telemachie" bezeichnet werden, weil sie dem Sohn des Odysseus und seiner Suche nach dem Vater gelten, stattet Kalypso den Odysseus mit dem Nötigen für die Heimkehr aus. Aber Poseidon zerschmettert das Floß des Heimkehrwilligen, der sich mit Mühe an den Strand der Insel Scheria rettet. Dort wird er von Nausikaa aufgefunden und in den Palast ihres Vaters, des Phäakenherrschers Alkinoos, gebracht. Seinen Gastgebern erzählt Odysseus dann von seinen Abenteuern, davon, wie nahe das Schiff Ithaka schon war, als die Gefährten die Winde aus dem Schlauch entließen, den ihm Äolos gebeben hatte, von Polyphem, von Skylla und Charybdis. Die Phäaken bringen ihn nach Ithaka, wo er - als Bettler verkleidet - die seine Gattin bedrängenden Freier umbringt und in seine angestammten Rechte zurückkehrt.

DIE HOMERISCHE FRAGE

Schon in der Antike gab es Stimmen, die hinter Ilias und Odyssee zwei - wenn nicht mehr - Autoren vermuteten. Im Hellenismus schrieben die "Chorizonten" (die Trennenden) dem Homer die Ilias zu, sprachen ihm die Odyssee aber ab.

In der Neuzeit relevierte - und radikalisierte - Friedrich August Wolf, ein Zeitgenosse Goethes, die Homerische Frage: Ilias und Odyssee seien aus einzelnen, mündlich tradierten Liedern mehr schlecht als recht zu Epen zusammen geflickt, im 6. Jahrhundert v.Chr., von einer Anzahl mehr oder weniger geschickt vorgehender Redaktoren. Homer habe es gar nicht gegeben, und außerdem habe er nicht schreiben können, könnte man, zugespitzt, Wolfs Lösung der "Homerischen Frage" zusammen fassen.

Goethe hat diese Antwort Wolfs auf die Homerische Frage in einem elegischen Distichon unübertroffen auf den Punkt gebracht:

Sieben Städte zankten sich drum, ihn geboren zu haben;

Nun, da der Wolf ihn zerriss, nehme sich jede ihr Stück.

Liest man die beiden Epen aufmerksam, springen immerhin selbst dem ungeübten Leser altgriechischer Epik Unterschiede ins Auge. Etwa die Art und Weise, wie das Verhältnis zwischen den Göttern einerseits und Welt und Menschen anderseits beschrieben wird. In der Ilias scheint es selbstverständlich, ungebrochen, auch in der Art, wie Menschen sich dem Willen der Götter fügen. Anders in der Odyssee: Da beginnt der Mythos seine Kraft zu verlieren, der Mensch - als Individuum - wagt die Götter und ihren Willen zu "hinterfragen".

Goethe hat sich auch zu diesem Punkt geäußert, und seine Diagnose weist ihn als feinfühligen Sprach-Denker aus:

... und klinget nicht immer im hohen Palaste,

In des Königes Zelt, die Ilias herrlich dem Helden?

Hört nicht aber dagegen Ulysses wandernde Klugheit

Auf dem Markte sich besser, da, wo sich der Bürger versammelt?

Man hat - neben verschiedenen anderen Erklärungsversuchen - auch gemeint, die Ilias sei Homers Jugend-, die Odyssee aber sein Alterswerk, quasi ein Epilog zur Ilias. Endgültig gelöst ist die Homerische Frage bis heute nicht, wird sie wohl auch nie sein. Meinung wird gegen Meinung stehen. Die meisten sehen Homer als den Schöpfer der Ilias an, dessen Text freilich von folgenden Generationen ergänzt, bearbeitet, wohl auch da und dort verfälscht wurde. Auch die Odyssee habe einen Kern, der von einem Autor stamme - von Homer oder einem jüngeren -, über den gleichfalls andere Schichten gelagert wurden. Text- und Redaktionskritik gibt's ja auch im Zusammenhang mit anderen alten Texten. Am Rang der beiden Epen ändert das nichts.

Manche haben auch bezweifelt, dass es überhaupt menschenmöglich sei, Epen dieser Dimension zu behalten, "auswendig" zu lernen. Das ist beim  Nibelungenlied nicht anders. Und doch haben, bis in unsere Tage, Menschen Texte dieser Länge frei hersagen können, wandernde Sänger, Rhapsoden - erst der Siegeszug des Fernsehens mag diese alte Kunst als überflüssig erscheinen lassen.

Im "Gastmahl" des Xenofon erzählt ein gewisser Niceratus, es sei seinem Vater sehr am Herzen gelegen gewesen, dass ein tüchtiger Mann aus dem Sohn werde. Daher habe er ihn gezwungen, Homers sämtliche Werke auswendig zu lernen. Offenbar mit Erfolg, denn Niceratus fährt fort (mag es der Wahrheit entsprechen oder Angeberei sein, bleibe dahingestellt): "So bin ich nun im Stande, die Ilias und die Odyssee von Anfang bis zu Ende aus dem Kopf herzusagen." Ein anderer Teilnehmer an dem Symposion drauf: "Weißt Du nicht, dass kein Rhapsode ist, der diese Gedichte nicht ebenfalls auswendig wüsste?" Wer es heute vermöchte, wäre wohl ein Kandidat für "Wetten dass"...

BATROCHOMYOMACHIA, PARADISE LOST UND JAMES JOYCE'S ULYSSES

Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist oft nur ein kleiner Schritt, und was dem einen an der Ilias erhaben dünkt, mag einem anderen lächerlich vorkommen. Bald nach Homer - irgendwann zwischen dem 6. und dem 1. vorchristlichen Jahrhundert - erschien die erste Parodie, die "Batrochomyomachia": In diesem Epos kämpften nicht Griechen gegen die Trojaner, sondern Frösche mit Mäusen. Im 3. Jahrhundert v.Chr. verfasste Livius Andronicus eine Nachdichtung der Epen Homers, Vergils römisches Nationalepos "Aeneis" orientierte sich an der Ilias.

In John Miltons Epos "Paradise Lost" aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts haben manche Kämpfe beschreibende Verse für heutige Ohren einen eher - wohl unfreiwillig - komischen Charakter. Unter den Nachfahren nicht zu vergessen ist James Joyce's Opus Magnum Ulysses, dessen Held allerdings seine Irrfahrten nicht auf dem Meer absolviert, sondern in Dublin.

Die Statue Homers auf dem Dach des Parlaments stammt von Viktor Tilgner. Der Stab in der Linken deutet die Blindheit des Dichters an. Er und Phidias sind um das Relief "Kunst" gruppiert.

PHIDIAS MIT DER JAKOBINERMÜTZE 

Der Athener Bildhauer Phidias, der vom Beginn des fünften Jahrhunderts bis ungefähr 430 v. Chr. lebte, gilt als der größte Bildhauer der Antike. Kunsthistoriker würdigen seine technisch perfekt ausgeführten Götterstatuen als klassische Beispiele naturnaher Idealisierung. Berühmt wurde Phidias mit seinen Kolossalstatuen auf der Akropolis, der "Athena Parthenos" aus Gold und Elfenbein und der zwölf Meter hohen "Athena Promachos", einer Erzstatue mit weithin leuchtendem Helmbusch aus Gold. Phidias' monumentale Zeusstatue in Olympia zählte zu den "Sieben Weltwundern".

Als die Athener in den vierziger Jahren des 5. Jahrhunderts begannen, die in den Perserkriegen zerstörten Tempel auf der Akropolis wieder und glanzvoller denn je aufzubauen, übernahm Phidias, ein Freund des damals führenden Strategen Perikles, die Gestaltung des Skulpturenschmucks am neuen Parthenontempel. Außerdem war Phidias in gewählten Gremien der Bauaufsicht tätig. Dies und Phidias' persönliche Nähe zu Perikles boten dem deutschen Kulturhistoriker Johann Joachim Winckelmann im 18. Jahrhundert Anhaltspunkte für seinen Mythos vom "Perikleischen Zeitalter", in dem der geniale Künstler Phidias im Auftrag des zum Kunstmäzen hochstilisierten Vollenders der attischen Demokratie die klassischen Bauten und Kunstwerke Athens konzipierte.

Theophil Hansen hat diesem Mythos vom Ursprung der klassischen griechischen Kunst mit dem Parlamentsgebäude ein Denkmal gesetzt. Hansen selbst wurde in Gestalt des Phidias verewigt, wie wir bei der Besprechung des zentralen Fries-Gemäldes von August Eisenmenger im Abgeordnetenhaus-Sitzungssaal zeigen konnten.

Die Skulptur des Phidias, die das Relief "Kunst" an der rechten Seite flankiert, stammt von Viktor Tilgner. Er orientierte sich bei der Gestaltung des antiken Künstlerkollegen an klassischen Philosophenstatuen und stellte Phidias als vollbärtigen, kräftigen Mann mit ausgeprägter Muskulatur dar. Auf dem Kopf trägt Tilgners Phidias eine phrygische Mütze, eine aus dem Orient stammende Kopfbedeckung, die - ursprünglich aus dem Hodensack eines Stiers hergestellt - von orientalischen Astronomen, Priestern des Mithraskultes sowie von Trojanern und Amazonen getragen wurde.

Die Gestalt des Phidias steht aber in keinem Zusammenhang mit Religionen und Mythen des Ostens, wie der Kunsthistoriker Walter Rehucek nachgewiesen hat. Er geht bei seiner Deutung der Kopfbedeckung der Phidiasstatue davon aus, dass die phrygische Mütze schon im Altertum als ein Symbol der Freiheit galt. Der Republikaner und Caesarmörder Brutus etwa gab eine Münze heraus, auf der der "pileus libertatis", wie die Römer die Mütze nannten, als Freiheitssymbol erscheint. Dieselbe Bedeutung hatte die phrygische Mütze in neuzeitlichen Unabhängigkeits- und Revolutionsbewegungen. Zu einem der klassischen Freiheitssymbole der Moderne wurde die phrygische Mütze als Kopfbedeckung der Jakobiner, einer führenden politischen Fraktion der Französischen Revolution ("le bonnet de la Liberte", "bonnet rouge"). Am Beginn der Französischen Revolution stand die Konstituierung der Nationalversammlung im Jahr 1789, die das Ende des Ancien Regime einleitete und zu einem wichtigen Datum in der Entwicklung des kontinentaleuropäischen Parlamentarismus wurde.

So kann der geduldig suchende Betrachter des Hohen Hauses wenigstens in der phrygischen Mütze des Phidias einen symbolischen Bezug zur modernen Geschichte des Parlamentarismus finden. Die bildungsbürgerliche Begeisterung für klassische Kunst und Kultur, attische Demokratie und römische Verfassung, die in der luxuriösen Fülle antiker Symbole und Allegorien des Parlamentsgebäudes zum Ausdruck kommt, hatte auch bei Theophil Hansen und Viktor Tilgner die Erinnerung an die neuzeitlichen Kämpfe nicht ganz vergessen lassen, in denen der Verfassungsstaat und der moderne Parlamentarismus real erkämpft wurden.

ARCHIMEDES UND SEINE GESTÖRTEN KREISE

Die beiden Reliefs zu den Themen "Kunst" und "Wissenschaft" stammen von Werner David. Für die Wissenschaft stehen Archimedes - man mag ihn heute der Naturwissenschaft zuordnen - und Marcus Terentius Varro, eher dem Bereich der "Wissenschaften von Menschen" zuzuordnen.

Bis heute sagen manche, wenn sie etwas gefunden oder entdeckt zu haben glauben, "heureka", zumeist allerdings falsch auf der zweiten statt auf der ersten Silbe betonend. "Heureka", ich hab's gefunden, soll Archimedes ausgerufen haben, als er, in der Badewanne sitzend und seine Beine betrachtend, das Gesetz des hydrostatischen Auftriebs "entdeckte". Er, der von etwa 287 bis 212 v.Chr. lebte, zählt zu den bedeutendsten Mathematikern des Altertums. Eine Reihe von Erfindungen und Entdeckungen werden ihm zugeschrieben, darunter die Hebelgesetze ("Gebt mir einen Punkt, und ich hebe die Welt aus den Angeln."), der Brennspiegel, der Flaschenzug, die Wasserschraube.

Seine letzten Worte sollten sprichwörtlich werden: "Störe meine Kreise nicht!" Der Satz soll einem römischen Legionär gegolten haben, ehe der ihn mit einem Schwerthieb enthauptete. Archimedes lebte in seiner Heimatstadt Syracus auf Sizilien - die Insel und Süditalien waren über lange Zeit griechisch besiedelt, Sizilien teilweise im Einflussbereich Karthagos - und hatte lang in Frieden leben und forschen können; denn König Hieron II. hatte sich in den beiden ersten Punischen Kriegen auf die Seite Roms gestellt. Sein Enkel und Nachfolger aber, Hieronymos, wechselte, von Hannibals Erfolgen geblendet, die Seiten. Die Römer belagerten Syracus zur See und zu Land, und trotz des Erfindungsreichtums des Archimedes in der Verteidigung konnten die Syracusaner die Stadt nicht halten.

Archimedes sei, so will es die Anekdote, über geometrische Skizzen im Sand gebeugt gewesen, als der römische Plünderer eindrang, und diese Kreise sollte der Soldat nicht stören. Kaum glaublich, dass der Plünderer den Wissenschaftler verstanden hat - unabhängig davon, in welcher Sprache Archimedes seine Bitte vorgetragen hat.

Der Archimedes von Viktor Tilgner hält einen Stechzirkel in der Rechten, in der Linken hält er eine Tafel, auf der ein Kreis in ein Quadrat eingezeichnet ist. Die "Quadratur des Kreises" ist nicht nur ein bis heute theoretisch ungelöstes Problem, sondern gilt auch als Metapher für manche Aufgabenstellungen in der Politik.

MARCUS TERENTIUS VARRO UND DIE WISSENSCHAFTEN VOM MENSCHEN

Marcus Terentius Varro, 116 v.Chr. im Sabinischen geboren, lebte in einer Zeit, in der ihm kaum langweilig werden konnte. Als Freund des Pompeius kam er in hohe Staatsämter. Doch Cäsar siegte, und die Begnadigung des Varro im Jahr 49 ist ein Beispiel von vielen für "clementia Caesaris", die Milde des Cäsar gegenüber früheren Feinden. Nach Cäsars Ermordung im Senat im Jahr 44 wurde Varro von Mark Anton geächtet, von Oktavian aber, dem späteren Prinzeps Augustus, wieder begnadigt.

Schon Cäsar machte ihm zum Leiter der Bibliothek von Rom, und Varro stürzte sich mit wahrem Feuereifer in seine Aufgabe. Er dürfte ein begnadeter Sammler, aber auch Auswerter und Darsteller des Gesammelten gewesen sein. Über 70 Werke soll er verfasst haben, von denen immerhin einige erhalten sind: über die Landwirtschaft und ein Teil eines Werkes über die lateinische Sprache. Schade hingegen um eine verlorene Darstellung des politischen und des religiösen Lebens der Römer seit den ältesten Zeiten, schade gewiss auch um die "Disciplinae", eine Enzyklopädie der Wissenschaften, und um die "Imagines", 700 Bildnisse berühmter Griechen und Römer mit metrischen Bildunterschriften.

Viktor Tilgners Varro greift sich mit der Rechten ans Kinn, sein vollbärtiges Gesicht hat einen ausgesprochen nachdenklichen Ausdruck. Vielleicht sinnt er über ein humanwissenschaftliches Problem nach - vielleicht aber denkt er auch über die verschlungenen Wege nach, die er in Lauf seines Lebens und seiner Karriere gegangen ist. Die Philosphenbinde auf dem Kopf lässt auch diese Deutung zu. (Schluss)