Parlamentskorrespondenz Nr. 100 vom 10.03.2003

HANSENS PARLAMENT - EIN ARCHITEKT TRÄUMT VON RECHT UND FREIHEIT

Wien (PK) - "Entdeckungen und Begegnungen", die montägliche Porträtserie der "Parlamentskorrespondenz" über die historischen und mythologischen Skulpturen, die das Parlamentsgebäude schmücken, geht zu Ende. An den Ausgangspunkt unseres virtuellen Rundgangs, die Ringstraße, zurückgekehrt, betrachten wir noch einmal das markante Ensemble: die Pallas Athene-Statue, die Historiker-Skulpturen auf den Rampen, den Hauptportikus mit den korinthischen Säulen, den Giebelfries mit dem "römischen" Kaiser Franz Joseph und die Quadrigen auf dem Dach des Hohen Hauses, die Symbole für den Sieg des Parlamentarismus in den "im Reichsrat vertretenen Königreichen und Ländern".

Die Skulpturen, Reliefs und Gemälde im und am Parlament sind mehr als bloßer Dekor mit zufälligen Bezügen zu antiker Geschichte und Mythologie. Der Architekt erzählt mit den Mitteln des Klassizismus und dem Wissen eines klassischen Bildungsbürgers von den Ursprüngen des Rechtsstaates und der politischen Freiheit in Griechenland und Rom. Diese Geschichte lebendig zu machen war die vornehmste Aufgabe unserer Serie. Außerdem war zu zeigen, dass Hansens Bild der Antike selbst historisch geworden ist. Angesichts eines Perikles etwa, der in der Haltung eines Renaissancefürsten auf einem Thron sitzt und die Gesichtszüge Kaiser Franz Josephs trägt, stellte sich die Frage nach dem modernen Verständnis der attischen Demokratie. Dazu kam die spannende Frage, was Hansens Antike über das politische Selbstverständnis der Wiener Ringstraßengesellschaft verrät, zu deren künstlerischen Repräsentanten der Architekt des Parlamentsgebäudes zweifellos zählte.

ANTIKE HELDEN DES RECHTSSTAATES UND DER POLITISCHEN FREIHEIT     

In den Erläuterungen seines Baukonzepts für das Reichsratsgebäude schreibt Theophil Hansen, er sehe die Parlamente seiner Zeit als "neue Monumente", auf die sich "die Aufmerksamkeit der Völker konzentriert" wie vordem auf die Kathedralen des Mittelalters und die Tempel der Antike. Den Stil der griechischen Klassik habe er gewählt, weil "die Hellenen das erste Volk waren, welches die Freiheit und Gesetzmäßigkeit über alles liebte". Hansen stand in der Tradition der Griechenlandbegeisterung des europäischen Bürgertums, das im demokratischen Athen der Antike geistige Anknüpfungspunkte und Identifikationsmöglichkeiten für den eigenen Emanzipationskampf gegen Adel, Kirche und Fürsten suchte.

Theophil Hansens umfassende Geschichte der "Freiheit und Gesetzmäßigkeit" reicht weit in die mythische Vorgeschichte zurück. Wir sehen den Kreterkönig Minos die bis dahin den Göttern vorbehaltene Gerechtigkeit als Mensch in seine Hände nehmen und die Rechtssprechung "säkularisieren", wie es die Rechtshistoriker nennen. Man begegnet im Hohen Haus den großen griechischen Gesetzgebern mit ihren kühnen Gerechtigkeitskonzepten, Lykurg und Solon, den Repräsentanten der Demokratie in Athen, Themistokles und Perikles, den ersten "Politologen" Sokrates, Plato und Aristoteles und schließlich dem Verteidiger der attischen Demokratie gegen die Monarchie Philips von Makedonien - dem Parlamentarier Demosthenes.

Hansen bezog auch die Entwicklungsstationen des römischen Rechts- und Verfassungsstaates mit ein: Er erinnerte an den Begründer der römischen Republik, an Lucius Brutus, der Recht ohne Ansehen der Person sprach, selbst seine eigenen Söhne verurteilte und damit die Gleichheit des Rechts durchsetzte; auch Servius Tullius, der Staat und Heer der Römer organisierte und die Voraussetzungen für die Volksvertretung schuf, ist in Marmor verewigt. Zu unseren "Entdeckungen" zählen auch Menenius Agrippa, der Plebejer und Patrizier "versöhnte"; Appius Claudius, der an der Spitze der Dezemvirn das Zwölftafelgesetz schuf und damit das römische Recht kodifizierte; der tragisch gescheiterte Sozialreformer Gaius Gracchus und nicht zuletzt die großen römischen Republikaner Cincinnatus und Cicero.

Historiker werden vielleicht den einen oder anderen Helden des antiken Rechtsstaates und der politischen Freiheit vermissen: Kleisthenes etwa, den Schöpfer der Athener Phylenverfassung von 507, der Grundlage für die Demokratisierung der Stadt im fünften Jahrhundert. Auch Ephialtes, der Gegenspieler des Aristokraten Kimon, der 461 den Athener Adel entmachtete und die Volksversammlung zum alleinigen Organ der politischen Willensbildung machte, fehlt. Vergeblich suchten wir auch den jüngeren Cato, Ciceros entschlossenen Mitstreiter gegen den Verschwörer Catilina.

Manchen wird auch überraschen, dass Theophil Hansen völlig auf antike Österreichbezüge verzichtet hat. Marc Aurel etwa, der 180 n. Chr. in Wien (Vindobona) starb und deshalb in jedem österreichischen Geschichtsbuch vermerkt ist, hätte den Platz des Philosophen Seneca einnehmen können, denn auch der Kaiser war ein berühmter stoischer Denker und Autor. Noch ein "antiker Österreicher" hat keinen Platz im Hohen Haus gefunden - der Heilige Severin, ein Bischof, der sich am Ende der Römerzeit, während der Wirren der Völkerwanderung im Donauraum um die Sicherheit und die alltäglichen Nöte der Menschen kümmerte.

DER MYTHOS VOM GUTEN HERRSCHER

Die eine oder andere Lücke in Hansens Bild der Antike mag zufällige Ursachen haben, historisch bedeutsam ist aber, dass die "heiteren Formen des griechischen Heidentums", mit denen der Architekt die zeitgenössischen Journalisten begeisterte, nicht nur an die "attische Wiege der Demokratie" oder die Ursprünge des römischen Rechtsstaates erinnern. Der Parlamentsbesucher entdeckt auch Statuen römischer Könige und Kaiser und - wie schon erwähnt - einen deutlich "monarchisch" gestalteten Perikles mit den Gesichtszügen Kaiser Franz Josephs. Freilich hat Theophil Hansen seinen kaiserlichen Bauherrn nicht in eine Reihe mit irgendwelchen Potentaten gestellt - zu sehen sind König Numa Pompilius, der legendäre Friedensfürst, Kaiser Augustus, Symbolfigur römischen Wohlstands, und Konstantin, der erste christliche Kaiser. Wir begegnen Staatsmännern, die als Monarchen zwar nicht zur Heldengeschichte der Demokratie gehören, aber doch dem "Mythos des guten Herrschers" oder genauer, dem Kriterium der "Rechtmäßigkeit" entsprechen. Das Gegenbeispiel ist Julius Caesar. Der Diktator, der sich über die Verfassung der römischen Republik hinwegsetzte und die Autorität des römischen Senats in Frage stellte, findet sich bei Hansen weder bei den Staatsmännern im Reichsratssaal noch auf den Attiken von Herrenhaus und Abgeordnetenhaus - der Architekt ließ nur Caesars Leistungen als Schriftsteller gelten und wies ihm einen Platz unter den Historikern auf der Rampenauffahrt zu.

Theophil Hansen hat die Aristokraten, Könige und Kaiser gut ausgewählt, die er in eine Reihe mit den Helden antiker Freiheitstraditionen stellte, um die Mythen der Demokratie und des guten Herrschers miteinander zu verbinden und beide Prinzipien in der Gestalt Kaiser Franz Josephs versöhnt erscheinen zu lassen. Mit derselben Sorgfalt haben Hansen und seine Künstler darauf geachtet, revolutionäre Deutungen des antiken Erbes zu vermeiden, wie sie etwa den Klassizismus der Französischen Revolution kennzeichnen. Einige Erinnerungen an die revolutionären Bewegungen von 1789 und 1848 leben im künstlerischen Schmuck des Parlamentsgebäudes aber dennoch fort. So fanden wir - nach langem Suchen - auf einem Relief zum Thema "Einheit" ein Bildzitat von Jacques Louis David, dem Maler der Französischen Revolution. Auf die Pariser Umwälzungen des Jahres 1789 - eine wichtige Station auf dem Weg zum modernen europäischen Parlamentarismus - weist hie und da auch die phrygische Mütze hin, die als "Jakobinermütze" zu einem Hauptsymbol der Französischen Revolution wurde. 

VON DER FREIHEIT DER KUNST ZUM SIEG DES PARLAMENTARISMUS

Der aufmerksame Betrachter des Parlamentsgebäudes findet die "Jakobinermütze" auf dem Kopf des Phidias, des Athener Bildhauers, der auf der Attika des Abgeordnetenhauses gemeinsam mit Homer das Relief mit dem Titel "Kunst" flankiert. Im Bild des Phidias mit dem zugleich antiken und modernen Freiheitssymbol feierten Theophil Hansen und seine Bildhauer die Freiheit der Kunst. Sie erschien den Künstlern verständlicherweise als Inbegriff der Grund- und Freiheitsrechte, die 1867 im "Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger" verankert wurden. Dieser Grundrechtskatalog, der bis heute zum Bestand des österreichischen Verfassungsrechts zählt, war ein epochaler Schritt in der österreichischen Rechtsgeschichte, der die Basis für die Modernisierung von Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Politik in den letzten Jahrzehnten der Monarchie legte. Freiheit kann aber weder im antiken noch im modernen Verständnis auf Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur beschränkt werden. Im Zentrum der Geschichte, die uns Theophil Hansen mit Architektur und Bildschmuck des Parlamentsgebäudes erzählt, steht die politische Freiheit, das Recht der Staatsbürger auf Mitwirkung an der politischen Willensbildung. Den Sieg dieser Freiheit symbolisierte Theophil Hansen mit den Quadrigen, den acht vierspännigen Siegeswagen, die, gelenkt von der Siegesgöttin Nike, auf dem Dach des Parlamentsgebäudes den Triumph des Parlamentarismus darstellen sollten. Im Wissen um die verfassungsrechtliche und politische Entwicklung der Monarchie nach 1867 betrachtet der heutige Parlamentsbesucher diesen Teil von Hansens Erfolgsstory aber mit deutlich weniger Euphorie als der klassizistische Architekt.

Der Reichsrat, der mit dem "Grundgesetz über die Reichsvertretung", das auf das Februarpatent von 1861 zurückging, etabliert wurde, wählte zwar seine Präsidenten selbst, hatte das Zustimmungsrecht in Finanz- und Budgetangelegenheiten und konnte Minister wegen Gesetzesverletzungen vor dem Reichsgericht anklagen - vom Niveau der bereits 1848 erreichten politischen Partizipation, von einem allgemeinen Wahlrecht, war dieses Parlament aber noch weit entfernt. Das Volk blieb durch das ungleiche Kurienwahlrecht vom Abgeordnetenhaus weitgehend ausgesperrt. Das Abgeordnetenhaus des Jahres 1873 war eine Versammlung von Großbürgern, in der Industrielle, Großgrundbesitzer, Bankiers, Professoren, Rechtsanwälte und Ärzte dominierten. Das Herrenhaus, das dem Abgeordnetenhaus in der Gesetzgebung gleichberechtigt zur Seite stand, setzte sich aus Hochadel, Kirchenfürsten und vom Kaiser ernannten Mitgliedern zusammen und vertrat in seiner Gesamtheit den Standpunkt des Kaisers. Kam dennoch ein Gesetzesbeschluss zustande, der den Wünschen des Kaisers nicht entsprach, konnte dieser, der einzige Souverän, auf Grund seines Sanktionsrechts ein absolutes Veto aussprechen.

Die schrittweise Ausdehnung des Wahlrechts auf die einfachen Staatsbürger, die im Jahr 1907 zum allgemeinen (Männer)-Wahlrecht führte, kam zu spät. Die neuen politischen Kräfte, die nach und nach in den Reichstag strömten, die Massenparteien der Bauern, Gewerbetreibenden und Arbeiter, hatten sich längst in ihre jeweiligen Sprachnationen integriert - der Zerfall der Monarchie war nur noch eine Frage der Zeit. Der Reichsrat hatte seine wesentlichste Aufgabe, zum Kristallisationspunkt einer modernen Staatsnation zu werden, nicht erfüllt.

Die Idee der politischen Freiheit und des Parlamentarismus, den Staatswillen durch Mehrheitsbeschluss der vom Volk gewählten Vertreter zu bilden, siegte erst mit der Gründung der Republik. Das Porträt Hans Kelsens, des Mitschöpfers des Bundes-Verfassungsgesetzes von 1920, gab uns Gelegenheit, die parlamentarische Revolution zu skizzieren, aus der die Republik Österreich und ihre Verfassung hervorgingen. Die Staatsgründung durch die Provisorische Nationalversammlung, die Einführung des nun alle Staatsbürger und Staatsbürgerinnen erfassenden allgemeinen Wahlrechts von 1918 und die Gesetzgebung der Konstituierenden Nationalversammlung, vor allem der einstimmige Beschluss des Bundes-Verfassungsgesetzes von 1920 bedeuten tatsächlich jenen "Sieg des Parlamentarismus", von dem Theophil Hansen in den "heiteren Formen des antiken Heidentums" geträumt hat. Der Parlamentsbesucher bewundert die Quadrigen Theophil Hansens, die jetzt nach und nach saniert werden und in neuem Glanz erstrahlen - als Zeichen für den Sieg des Parlamentarismus betrachtet er aber ein wesentlich schlichteres Symbol: die rot-weiß-rote Fahne der Republik, die heute hoch über dem Parlament an der Ringstraße weht. (Schluss)