Parlamentskorrespondenz Nr. 344 vom 20.05.2003
BAYERISCH-ÖSTERREICHISCHER GEDANKENAUSTAUSCH ÜBER UNIVERSITÄTSPOLITIK
Wien (PK) Während im Budgetsaal das Kapitel Innovation und Technologie beraten wurde, traf ein paar Räume weiter eine Delegation des Ausschusses für Hochschule, Forschung und Kultur des Bayerischen Landtags mit österreichischen Parlamentariern zu einem Gedankenaustausch zusammen. Im Mittelpunkt des Interesses der Gäste standen Entwicklungen und Perspektiven der österreichischen Universitätspolitik. Die bayerische Delegation wurde vom Vorsitzenden des Landtagsausschusses, Staatssekretär a.D. Paul Wilhelm, geleitet. Auf österreichischer Seite nahmen an der Aussprache die Abgeordneten Gertrude Brinek (V) und Melitta Trunk (S), beide Mitglieder des Wissenschaftsausschusses, und Bundesrat Peter Böhm (F) teil.
Delegationsleiter Wilhelm bezog sich einleitend auf deutsche Medien, in denen das Bonmot geprägt worden sei, in Österreich würden jene Reformen gemacht, über die in Deutschland geredet werde. Im einzelnen zeigten sich die Gäste aus Bayern u.a. interessiert an der Position der Rektorate in den Berufungsverfahren, an den österreichischen Positionen zu Zulassungsbeschränkungen, insbesondere zu "überlaufenen" Fächern, an den Möglichkeiten der parlamentarischen Kontrolle, der Einbindung des Mittelbaus, der Gewichtung zwischen Lehre und Forschung und der Gender-Thematik an den Universitäten.
Abgeordnete Brinek sieht die Position der Rektorate durch die Reform gestärkt; sie seien für die Herausbildung des Profils ihrer jeweiligen Universität verantwortlich. Die Abgeordnete verwies in diesem Zusammenhang auf die Universitätsräte. SP-Abgeordnete Trunk kritisierte die ihrer Meinung gegebene "Parteipolitisierung" dieser Gremien. Bundesrat Böhm hingegen sieht keinen Zusammenhang zwischen Universitätsreform und parteipolitischer Einflussnahme. Durch die Reform gebe es aber mehr Transparenz.
Numerus-Clausus-Fragen habe man bisher in Österreich nicht angetastet, führte Abgeordnete Brinek aus, vielmehr sei man andere Wege - etwa Effizienzsteigerung der Organisation - gegangen. Allerdings würde man eines Tages vor der Frage stehen, was bei einem "Stau" zu machen sei. Abgeordnete Trunk hält es für "nicht gescheit", einen Numerus Clausus anzudenken. Allerdings gebe es bereits jetzt Zugangsbeschränkungen, etwa schon durch ein zu geringes Angebot. Angesichts der niedrigen österreichischen Akademikerquote sei ihre Fraktion für den freien Zugang zur schulischen und universitären Ausbildung. Bundesrat Böhm stellte einen Zusammenhang zwischen dem Verzicht auf Zugangsbeschränkungen und in der Folge schlechteren Berufsaussichten her.
Die Universitäten seien dem Ministerium verantwortlich, das wieder dem Parlament Berichte übermittle. Das Parlament werde allerdings lernen müssen, sich noch stärker einzubringen, stellte Abgeordnete Brinek fest. Abgeordnete Trunk betonte, für die Verbesserung der Qualifikation würden mehr Mittel benötigt. Die deutsche Sorge eines Übergewichts der Forschung gegenüber der Lehre teilten die österreichischen Gesprächspartner nicht, zumal die Situation in Österreich eher durch eine umgekehrte Verteilung der Gewichte gekennzeichnet sei. Eine Einschränkung der Mitbestimmungsmöglichkeiten für Mittelbau und Studierende räumte Brinek ein.
Bei den Studierenden hätten Frauen zumindest an der Uni, an der er lehre, ein Übergewicht, stellte Bundesrat Böhm fest. Es gebe allerdings weniger Frauen im Mittelbau und kaum Frauen in der Professorenschaft. Qualifizierte Frauen hätten aber "gleiche Chancen", meinte Böhm. Auch Abgeordnete Trunk äußerte sich kritisch zum geringen Frauenanteil. Abgeordnete Brinek nannte dazu Studien, die belegten, dass Mädchen und Frauen auch im akademischen Bereich sich vielfach selbst in einem traditionellen Rollenverständnis definierten; sie gab aber zu bedenken, dass Unis nach wie vor als "old-boys-network" funktionierten. (Schluss)