Parlamentskorrespondenz Nr. 878 vom 21.11.2003

KENNEDY UND ÖSTERREICH - NEUTRALITÄT IM KALTEN KRIEG

Wien (PK) - Hat Kennedy etwas mit Österreich zu tun? Mit dieser Frage beschäftigt sich ein Buch des Historikers Martin Kofler, das gestern der Zweite Nationalratspräsident Heinz Fischer in Anwesenheit von zahlreichen Gästen aus Politik, Diplomatie und Wissenschaft im Parlament vorstellte.

Martin Kofler behandelt darin ein bislang vernachlässigtes Thema der Geschichte Österreichs - die US-Sichtweise der österreichischen Neutralität durch die Kennedy-Administration. Auf Basis eines nach der Öffnung der Archive äußerst umfangreichen Quellenfundus unterschiedlichster Provenienz arbeitet der Autor die Rolle Österreichs als Modellfall für den kommunistischen Osten, die Blockfreien und sogar das damals umkämpfte Laos heraus. Die Bedeutung des "Vorpostens" der US-Botschaft in Wien wird in dem Buch ebenso erörtert wie maßgebliche Konzepte und Richtungsänderungen der Österreich-Politik unter den Präsidenten Eisenhower und Kennedy. Ausführlich zur Sprache kommt in Koflers Arbeit auch der Balance-Akt zwischen Ost und West, den die Außenpolitik der österreichischen Bundesregierungen unter den VP-Kanzlern Julius Raab und Alfons Gorbach und den SP-Politikern Vizekanzler Bruno Pittermann und Außenminister Bruno Kreisky unternommen hatten.

Der Zweite Nationalratspräsident Heinz Fischer verwies auf die innenpolitische Situation in den frühen sechziger Jahre und strich die zentrale Rolle Bruno Kreiskys in der österreichischen Außenpolitik der damaligen Großen Koalition heraus. Auf das Foto, das anlässlich des Besuches des Außenministers bei Kennedy im Weißen Haus aufgenommen wurde - es ist auch das Titelfoto von Koflers Buch -, sei Kreisky immer ganz besonders stolz gewesen, erinnerte sich Fischer.

Univ.-Prof. Helmut Kramer hob in seinen einleitenden Worten den starken multilateralen Charakter der Außenpolitik Kennedys hervor und meinte, dies habe sich auch im Verhältnis der USA zu Österreich gezeigt. Österreich sei von der Kennedy-Administration eine große Bedeutung beigemessen worden, in der Neutralität haben die USA einen absolut positiven Beitrag gesehen. Wichtig waren aus Sicht Kramers auch die innenpolitischen Aspekte des Buches, wobei er den Konsens zwischen ÖVP uns SPÖ über die Grundsätze der österreichischen Außenpolitik hervorhob und die führende Rolle Bruno Kreiskys ansprach.

Martin Kofler betonte, sämtliche Dokumente würden die positive Neubewertung der Neutralität durch die USA unter Präsident Kennedy belegen. Neutralität sei nicht mehr wie in der Ära Eisenhower als unmoralisch eingestuft worden, vielmehr habe man nun in der österreichischen, prowestlichen Neutralität einen Modellfall für andere Staaten gesehen, insbesondere für den damaligen Krisenherd Laos. Der wohlwollenden Position Kennedys sei auf österreichischer Seite ein Abstimmungsverhalten in der UNO gegenübergestanden, das Kofler mit dem lateinamerikanischer Staaten verglich und als teilweise proamerikanischer als jenes der NATO-Staaten bezeichnete. Dies sei eine Reaktion auf den Marshall-Plan, aber auch auf die massive finanzielle Unterstützung der USA beim Aufbau des österreichischen Bundesheeres gewesen, vermutete Kofler.

Hat Kennedy etwas mit Österreich zu tun? Diese Frage beantwortet Martin Kofler in seinem Buch mit einem eindeutigen Ja.

Martin Kofler wurde 1971 in Lienz geboren. Er studierte Geschichte an der Universität Innsbruck und an der University of New Orleans. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist die Geschichte Österreichs im Kalten Krieg. Sein Buch "Kennedy und Österreich" ging aus einer geschichtlichen Dissertation hervor und erscheint im Studienverlag. Es umfasst 181 Seiten und ist um 19,50 Euro im Buchhandel erhältlich. (Schluss)