Parlamentskorrespondenz Nr. 53 vom 27.01.2004
PRÄSIDENT KHOL PRÄSENTIERT UMFASSENDE AGRARGESCHICHTE ÖSTERREICHS
Wien (PK) - Nationalratspräsident Andreas Khol präsentierte heute Abend im Parlament gemeinsam mit den Universitätsprofessoren Ernst Bruckmüller (Wien), Ernst Hanisch (Salzburg), Roman Sandgruber (Linz) den zweiten Band der "Geschichte der österreichischen Land- und Forstwirtschaft im 20. Jahrhundert. Regionen - Betriebe - Menschen", das auf Initiative des Vorsitzenden des Vereins für Österreichische Agrargeschichte, Generaldirektor Franz Ledermüller in sechsjähriger Arbeit von einem vielköpfigen Historikerteam verfasst wurde und nun im Verlag Carl Ueberreuther erscheint. Unter den zahlreichen prominenten Gästen aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft begrüßte Präsident Khol namentlich die ehemaligen Bundesminister Franz Hums und Wilhelm Molterer sowie Abgeordnete und Bundesräte.
DER LÄNDLICHE LEBENSRAUM
Präsident Khol bezeichnete Österreich als ein Bauernland, auch wenn der Anteil der Bauern an der Bevölkerung seit 1945 von 50 % auf 5 % zurückgegangen sei. Khol sprach vom Erfolg der Bauernpolitik, der es gelungen sei, die Dörfer zu erneuern, eine flächendeckende Landwirtschaft aufrechtzuerhalten, ein Kammerstruktur zu schaffen und als Sozialpartner volle Anerkennung zu erringen. Ein Erfolg, der nicht zuletzt auch darin zum Ausdruck kommt, dass sich heute 30 % der Österreicher zum ländlichen Raum als Lebensform bekennen. Froh zeigte sich der Nationalratspräsident auch darüber, dass sich die Angst vieler Bauern vor dem EU-Beitritt als unbegründet erwiesen habe. "Den Bauern ist in der EU nichts passiert".
VON HOLZPFLÜGEN UND LEISTUNGSPFLÜGERN
Generaldirektor Franz Ledermüller erinnerte daran, dass die Herausgabe der letzten umfassenden Geschichte der österreichischen Landwirtschaft bereits mehr als 100 Jahren zurückliege und skizzierte die gravierenden Veränderungen, von denen das Leben der Bauern im 20. Jahrhundert geprägt war. Hatten sie in den ersten Jahrzehnten gemeinsam mit den Arbeitern noch die Mehrheit der Bevölkerung gestellt, seien sie selbst im ländlichen Raum heute aus der Mitte de Gesellschaft an ihren Rand gerückt. In sehr persönlichen Worten schilderte Ledermüller die schwere Arbeit der Landbevölkerung und zeigte sich als Herausgeber stolz darauf, dass es in sechsjährigen Arbeit gelungen ist, ein neues wissenschaftliches Standardwerk zu schaffen. Es soll zugleich ein breiteres Publikum ansprechen, weitere historische Untersuchungen anregen und Bewusstsein für die historische Bedeutung der Bauern in Österreich schaffen. Der zweite Band stellt, so Ledermüller, die Vielfalt und Vielschichtigkeit der Landwirtschaft in Österreich dar und zeigt, wie die österreichische Landwirtschaft während der letzten 100 Jahren "den Sprung aus dem Mittelalter in das 20. Jahrhundert" (Roman Sandgruber) bewältigt hat. Das reich illustrierte Buch macht den dramatischen Wandel in der Landwirtschaft zwischen Vorarlberg und dem Burgenland im 20. Jahrhundert sichtbar. Zu sehen sind etwa ackernde Bergbauern, die sich in der Nachkriegszeit zu viert vor einen Holzpflug spannten, oder Bauern im Marchfeld, die beim Leistungspflügen Weltmeister- und Europamedaillen erringen. Ledermüller wies auch auf die großen strukturellen Tendenzen hin, auf die Abwanderung von Bauern in die Fabriken oder - in der Ostregion - auf den Wiener Arbeitsmarkt und nicht zuletzt auch auf Massenphänomene wie den Tourismus, die das Leben auch im ländlichen Raum vielfach Weise veränderten.
Namens des Verlages Carl Ueberreuther betonte Fritz Panzer die Bedeutung des neuen Standardwerks zu der "für die Identität Österreichs so wichtigen Land- und Forstwirtschaft" und machte das Publikum auch auf die kürzlich erschienene neue 14-bändige "Österreichische Geschichte" hin. Panzers dank galt der Initiative Franz Ledermüllers und dem Engagement der Herausgeber und Autoren.
HISTORIKER STELLEN DIE LEISTUNGSFÄHIGKEIT DER ÖSTERREICHISCHEN WISSENSCHAFT UNTER BEWEIS
Universitätsprofessor Ernst Bruckmüller wies auf die mit Rücksicht auf den Umfang des Buchprojekts kurze Entstehungszeit von sechs Jahren hin und sah darin einen Beweis für die Leitungsfähigkeit der österreichischen Wissenschaft. Der Wirtschafts- und Sozialhistoriker sah sich zunächst veranlasst, dem Eindruck entgegenzutreten, während der letzten 100 Jahre wäre in der Landwirtschaftsgeschichte nichts passiert und schilderte die maßgeblichen historischen Leistungen von Alfons Dopsch und Otto Brunner auf dem Gebiet der Landwirtschaftsgeschichte. Dass nun in kurzer Zeit eine vielbändige Österreichische Geschichte, eine große österreichische Landwirtschaftsgeschichte und ein große österreichische Industriegeschichte erschienen sind, wertete Bruckmüller als Zeichen dafür, dass nach Jahrzehnten intensiver wissenschaftlicher Arbeit nun die Zeit gekommen sei, "die Ernte einzufahren". Zugleich zeigten diese historischen Leistungen an, dass sich Österreich im 20. Jahrhundert konsolidiert habe. Die vorliegende Geschichte der österreichischen Land- und Forstwirtschaft präsentiere den Standard der österreichischen Geschichtswissenschaft, der dem international üblichen Standard entspreche. Dabei wies der Historiker auf die Vielfalt der verwendeten Quellen, der wissenschaftlichen Methoden und die Vielfalt der Perspektiven auf den Gegenstand hin - vom Produktionsgebiet über die Region bis zum Einzelhof. Zudem werde das Werk durch einen kritischen Impetus ausgezeichnet. Verbreitete Bilder von der Landwirtschaft werden als Vorurteile erkennbar. Höfe, die im Vollerwerb geführt und über Generationen in einer Familie weitervererbt werden, seien nicht als Normalfall der Landwirtschaft zu betrachten, sie prägen allenfalls die Agrargeschichte von 1830 bis 1950. Die "Entschuldung" der Bauern ist keine Leistung des Dritten Reiches gewesen, sondern Folge der Inflation nach dem Zweiten Weltkrieg, zeigte Bruckmüller auf. Den Autoren bescheinigte der Herausgeber, ein schönes Buch geschrieben zu haben, das bei aller Wissenschaftlichkeit sehr gut lesbar sei. Die Menschen, von denen es handle, kommen direkt zu Wort - Hausgeschichten und die Arbeitswelt werden für den Leser lebendig, sagte Ernst Bruckmüller.
DAS BUCH
Vor gut einem Jahr erschien der erste Band der "Geschichte der österreichischen Land- und Forstwirtschaft im 20. Jahrhundert", herausgegeben von den Wirtschafts- und Sozialhistorikern Ernst Bruckmüller (Wien), Ernst Hanisch (Salzburg) und Roman Sandgruber (Linz). Band 1 beschrieb die Entwicklungen und Veränderungen, die die letzten hundert Jahre den Bauern gebracht haben. Der zweite Band stellt nun die einzelnen Agrarregionen Österreichs vor. Ausgangspunkt und methodisches Prinzip, das die Analysen und Darstellungen der 14 Autoren verbindet, kann mit dem Wort Vielfalt umschrieben werden. Denn vielfältig ist die Landwirtschaft in Österreich, wie die Landschaften, in denen sie betrieben wird. Landwirte im burgenländischen Seewinkel leben und arbeiten unter anderen Voraussetzungen als Bauern in voralpinen oder alpinen Zonen. Das Buch macht bewusst, wie unterschiedlich sich das bäuerliche Leben von Region zu Region entwickelte, je nachdem, ob Haus und Hof im Mühlviertel, im Alpenvorland, in einer Kärntner Beckenlage oder im Innviertel stehen. Dieser Vielfalt der Regionen entspricht die Vielfalt der Darstellungsformen. Der Leser begegnet Kapiteln, die die agrarische Entwicklung eines ganzen Bundeslandes nachzeichnen ebenso wie kleinräumigen Fallstudien.
Die Reise beginnt im Westen und endet im Osten: Die Geschichte der Vorarlberger Landwirtschaft wird von Hubert Weitensfelder unter dem Titel "Vom Stall in die Fabrik" vorgestellt - detailliert, kenntnisreich und mit Humor. Wolfgang Meixner und Gerhard Siegl beschreiben die Entwicklung in Tirol ("Bergbauern im Tourismusland"), Werner Drobesch das bäuerliche Leben in inneralpinen Beckenlagen am Beispiel Kärntens ("Gebirgsland im Süden"). "Unter schneebedeckten Bergen" ist eine eingehende Untersuchung des Pinzgaus von Ursula Neumayr, zugleich eine Fallstudie für das Salzburger Hochalpenland. Der Steiermark gelten zwei Beiträge: Karl Kaser, Karl Stocker und Beatrix Vreca schreiben die Landwirtschaftsgeschichte der Südoststeiermark mit ihren Obstplantagen und ihrem Weinbau als Entwicklung "Vom Selbstversorger zum Nebenerwerbslandwirt". Bernhard Reismann schildert die Landwirtschaft der alpinen Obersteiermark als "Landwirtschaft inmitten der Industrie". Michael Pammer analysiert zwei Nachbarregionen in angrenzenden Ländern - das Mühl- und das Waldviertel ("Hochland im Norden"). Roman Sandgruber berichtet über den oberösterreichischen Zentralraum - das Vierkanterland mit ihren für die moderne Landwirtschaft meist viel zu großen und für die modernen Maschinen doch wieder zu kleinen Hofformen. Ernst Langthaler stellt zwei niederösterreichische Regionen gegenüber: das Pielachtal, Beispiel für die Ungunstlagen der Voralpen, wo es bergig, kühl und feucht ist ("Agrarwende in den Bergen"), und den Bezirk Gänserndorf, das warme, ebene und trockene Marchfeld, die Region mit den besten Ackerböden in Österreich ("Agrarwende in der Ebene"). Schließlich gibt Leonhard Prickler Einblick in die nordburgenländische Landwirtschaft ("Ebene im Osten"), unter Einschluss der Darstellung der Geschichte eines typischen Gutshofes im Nordburgenland, des Wittmannshofes (verfasst von Herbert Brettl).
Ernst Bruckmüller, Ernst Hanisch, Roman Sandgruber (Hrsg.): "Geschichte der Land- und Forstwirtschaft im 20. Jahrhundert. Regionen - Betriebe - Menschen" Verlag Carl Ueberreuther Wien, 2003, 926 Seiten. (Schluss)