Parlamentskorrespondenz Nr. 443 vom 14.06.2004
DIE POLITIK DES RICHTIGEN ZEITPUNKTS
Wien (PK) - In der Serie "Entdeckungen und Begegnungen" der Parlamentskorrespondenz wurde der Leserschaft in den Jahren 2001 bis 2003 eine virtuelle Führung durch das Hohe Haus und seine Umgebung geboten. In diesem Addendum sei auf das von Clemens Holzmeister geschaffene Julius-Raab-Denkmal verwiesen, welches sich an der Außenmauer des Volksgartens befindet, sodass der Staatsvertragskanzler und langjährige ÖVP-Bundesobmann dem Parlament vis a vis in Richtung Burgtheater blickt.
Mit Leopold Figl, Karl Renner und Adolf Schärf gehört Julius Raab zu den Geburtshelfern der Zweiten Republik, mit dem Raab-Kamitz-Kurs schrieb er Republiksgeschichte, und mit seiner Amtszeit von über acht Jahren ist Raab nach Bruno Kreisky und Franz Vranitzky der dienstälteste Bundeskanzler in der Geschichte beider Republiken. Unvergessen sind zudem seine Verdienste für die Standesvertretung der heimischen Unternehmerschaft und sein Eintreten für die Sozialpartnerschaft. Mit dem Abschluss des Staatsvertrages 1955 gelang es Raab, nach zehn Jahren den Abzug der Alliierten aus Österreich zu bewirken, wodurch sein langjähriger Freund und Weggefährte Leopold Figl im Marmorsaal des Belvedere verkünden konnte: "Österreich ist frei".
JUGEND IN DER MONARCHIE
Geboren wurde Julius Raab am 29. November 1891 in St. Pölten. Raabs Vater gleichen Namens stammte aus Schlesien und war zu Studienzwecken nach Wien gekommen. Er absolvierte die Staatsgewerbeschule und arbeitete am Bau der neuen Wiener Universität mit. 1885 siedelte Raab senior nach St. Pölten über, wo er in die damals wohlbekannte Baufirma Wohlmeyer eintrat. 1890 heiratete er die Schwester des Firmenchefs, womit Raab junior in ein klassisches bürgerliches Haus geboren wurde, in dem die Politik damals schon einen hohen Stellenwert hatte. Die Firma Wohlmeyer war aus der Stiftsmaurerei von Lilienfeld hervorgegangen und hatte sogar unter dem Patriarchen von Venedig Ladislaus Pyrker den Dombaumeister von San Marco gestellt. In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts übernahm Johann Wohlmeyer die Firma, dessen politische Laufbahn für Julius Raab jr. bestimmend werden sollte. Wohlmeyer war eng mit Alois Fürst Liechtenstein und Karl Lueger befreundet und zählte zu den Mitbegründern der Christlichsozialen Partei. Er war in zahlreichen gesellschaftlichen Vereinigungen aktiv und zog für seine Partei 1897 in den Reichsrat ein, dem er bis zum Ende der Monarchie angehören sollte, um anschließend noch Mitglied der Provisorischen Nationalversammlung zu sein, ehe er sich knapp 70jährig aus der Politik zurückzog.
Raab verlebte eine sorglose Jugend im Umfeld des weitläufigen Areals der Baufirma, ehe er in das St. Pöltener Gymnasium eintrat. Die Oberstufe absolvierte er im Stiftsgymnasium von Seitenstetten, wo er auch maturierte. 1911 übersiedelte Raab nach Wien, wo er an der Technischen Hochschule Hochbau zu studieren begann. Ob seines politischen Hintergrunds trat er unmittelbar nach der Immatrikulation auch einer Studentenverbindung bei, in seinem Fall der "Norica", der er bis zu seinem Tod eng verbunden bleiben sollte. Als Couleurnamen wählte er, bezeichnend für seinen späteren Weg, "Caesar", doch zu intensiveren Studien kam es vorerst nicht, da Raab schon 1912 zur Armee ging. Er meldete sich zu den Sappeuren, der technischen Eliteeinheit, bei der er das "Einjährig-Freiwilligen-Jahr" zu absolvieren gedachte. Zunächst in Villach stationiert, wurde er, zum Korporal befördert, nach Rovereto versetzt. Sein Dienst war kaum abgeleistet, Raab kaum wieder an der Hochschule, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Noch im August 1914 zog Raab, mittlerweile Fähnrich, an die Ostfront, um 1915, nach weiteren Beförderungen, als Oberleutnant an den neuen italienischen Kriegsschauplatz kommandiert zu werden. Dort erlebte Raab nicht weniger als zehn Isonzo-Schlachten und machte die Bekanntschaft des Generalstabschefs der österreichischen Isonzo-Armee. Als dieser, Oberst Theodor Körner, der spätere Bundespräsident, einmal die Front inspizierte und trotz Trommelfeuers aufrecht durch die Linien schritt, meinte der junge Raab, es dem Oberkommandierenden gleichtun zu müssen. Körner blieb dies nicht verborgen, und er fragte Raab, was er hier tue. Auf dessen Antwort, der Herr Oberst schone sich ja auch nicht, erklärte Körner lakonisch: "Oberste gibt es genug, aber fähige Sappeuroffiziere sind rar." Auf Raab verfehlte dieser Satz den entsprechenden Eindruck nicht, und noch mehr als drei Jahrzehnte später leistete sich Raab als frisch gekürter Bundeskanzler bei seinem Antrittsbesuch beim Bundespräsidenten Körner eine Bezugnahme auf die seinerzeitige Begegnung: "Sappeurhauptmann Raab meldet sich zur Stelle."
IN DER ERSTEN REPUBLIK
Unmittelbar nach Kriegsende kehrte Raab wieder an die Technische Hochschule zurück und erwarb 1922 endlich sein Ingenieursdiplom. Er trat als Bauleiter in den Familienbetrieb ein, begann aber alsbald, sich wie sein Onkel politisch zu engagieren. Bereits 1923 wurde er christlichsozialer Bezirksparteisekretär von St. Pölten, vier Jahre später zog er als jüngster Mandatar seiner Fraktion in den Nationalrat ein.
Wohl durch das Fronterlebnis nicht unwesentlich radikalisiert, zählte Raab in jenen Jahren zu den stramm ideologisch orientierten Vertretern seiner Partei. Ignaz Seipel wurde auf den jungen Niederösterreicher aufmerksam und hievte ihn im September 1928 auf den Posten des Führers der niederösterreichischen Heimwehr, damit diese, wie es hieß, "soldatischen Schwung" bekomme. Und Raab erklärte programmatisch: "Schon einmal hat gerade die ländliche Bevölkerung in den Revolutionsjahren die Kosten eines sozialistischen Regierungssystems zu spüren bekommen und Arbeiter- und Soldatenräte und anderes Gelichter hatten in diesen Tagen moralisch sich berufen gefühlt, den Landmann zu überwachen." Die bodenständige christliche Bevölkerung dürfe nicht ungerüstet und wehrlos bleiben, so Raab, damit sie nicht dem "Ochsenziemer des republikanischen Schutzbundes schutzlos" ausgeliefert sei.
Schon bald aber zeigten sich selbst Granden der Christlichsozialen Partei besorgt über das Säbelrasseln der Heimwehr. So erklärte Leopold Kunschak: "Die Heimwehrbewegung nimmt eine Entwicklung, die sie als Gefahr für das parlamentarische System erscheinen lässt." In der Tat versammelte sich die Heimwehr am 18. Mai 1930 in Korneuburg, um dort einen Eid abzulegen: "Wir verwerfen den westlich-demokratischen Parlamentarismus und den Parteienstaat! Wir wollen an seine Stelle die Selbstverwaltung der Stände setzen und eine starke Staatsführung, die nicht aus Parteienvertretern, sondern aus den führenden Personen der großen Stände und den bewährtesten Männern unserer Volksbewegung gebildet wird. Wir kämpfen gegen die Zersetzung unseres Volkes durch den marxistischen Klassenkampf und liberal-kapitalistische Wirtschaftsgestaltung. Jeder Kamerad fühle und bekenne sich als Träger der neuen deutschen Staatsgesinnung: Er sei bereit, Gut und Blut einzusetzen, er erkenne die drei Gewalten: Gottesglauben, seinen eigenen harten Willen, das Wort seiner Führer." Unter jenen, die diesen Eid leisten, ist auch Julius Raab, getreu seiner Aussage: "Ich werde meine Pflicht erfüllen."
Knapp vier Jahre später war die Demokratie in Österreich beseitigt. Bundeskanzler Dollfuß hatte seine politischen Gegner vernichtend geschlagen und ging daran, einen christlich-autoritären Ständestaat zu errichten, dessen System heute gemeinhin unter der Bezeichnung "Austrofaschismus" bekannt ist. Zu dessen Verwirklichung ließ Dollfuß am 30. April 1934 sogar noch einmal ein Rumpfparlament einberufen, um eine neue Verfassung absegnen zu lassen. Von den 165 Abgeordneten, die 1930 bei den letzten Nationalratswahlen gewählt worden waren, hatten freilich kaum mehr als 70 noch tatsächlich ein Stimmrecht, hinzu kamen einige Politiker, die extra für diese Sitzung mit einem Mandat ausgestattet worden waren. Auf diese Weise ging der für diese Sitzung eingesetzte Nationalratspräsident davon aus, das Haus bestehe aus 91 Mitgliedern, von denen 89 an der Sitzung teilnahmen, darunter auch Raab. Die Verfassung wurde einstimmig angenommen, nachdem zuvor zwei ehemalige großdeutsche Abgeordnete den Saal unter Protest verlassen hatten.
Gemäss der neuen Verfassung wurden neue Organe geschaffen, die das Parlament ersetzen sollten. Darunter der Bundeswirtschaftsrat, dessen stellvertretender Vorsitzender Julius Raab wurde. Er nahm eine Reorganisation der Handelskammer in Angriff, zu deren Präsident er avancierte. Im Februar 1938 ernannte Bundeskanzler Schuschnigg Julius Raab zum Handelsminister in seinem letzten Kabinett. Zu realer politischer Aktivität kam das frisch gebackene Regierungsmitglied jedoch nicht mehr, da er kaum vier Wochen nach seiner Angelobung den Untergang Österreichs zur Kenntnis nehmen musste. Nun hatte es sich als verhängnisvoll erwiesen, dass Dollfuß und Schuschnigg einen tiefen Keil in die Bevölkerung getrieben und die "linke Reichshälfte" in den Untergrund gedrängt hatten, denn das gespaltene Land war eine leichte Beute für die Nationalsozialisten, die Österreich am 12. März 1938 okkupierten.
DIE FINSTEREN JAHRE
Für viele Protagonisten des Ständestaats setzte mit diesem Datum ein siebenjähriges Martyrium ein. Die Vertreter des Regimes fanden sich noch im März in jenen Zellen wieder, in die sie noch bis Januar 1938 Aktivisten der Sozialdemokratie gesperrt hatten. Bereits am 1. April, noch vor der so genannten "Volksabstimmung", in der sich die Nazis eine vermeintliche Zustimmung der österreichischen Bevölkerung zum "Anschluss" holten, wurden zahlreiche prominente Christlichsoziale, darunter Leopold Figl und Fritz Bock, ins Konzentrationslager Dachau verbracht, etliche Politiker, darunter Hans Sylvester, Richard Steidle und Johann Staud, sollten den NS-Terror nicht überleben. Raab aber hatte Glück in diesem nationalen Unglück. Zum NS-Gauleiter Niederösterreichs (hinfort "Niederdonau" geheißen) avancierte Hugo Jury, der langjährige Hausarzt der Familie Raab. Durch ihn stand der ehemalige Minister unter besonderem Schutz, sodass ihm bis zuletzt Verfolgung und Gefängnis oder gar Schlimmeres erspart blieben. Raab konnte sogar Leopold Figl nach dessen Entlassung aus dem KZ in seiner Baufirma unterbringen und ihn so vor weiterer Drangsal schützen.
Raab zeigte sich früh optimistisch über den Ausgang des von den Nazis entfesselten Weltkriegs. Im Januar 1944 schrieb er in Figls Gästebuch: "Bald wird wieder das Freiheitsjahr sein, dann gehört die Heimat wieder mein. Österreich ist, wird sein, wird bestehen, und aller Dreck wird untergehen." Es spricht für Figls Vorsicht, dass er diese Zeilen sorgsam auf dem elterlichen Bauernhof in Rust im Tullnerfeld versteckte, denn bei Entdeckung wären sie wohl für beide verhängnisvoll geworden. So aber konnten Raab und Figl im April 1945 im Wiener Schottenstift mit Gleichgesinnten wie Lois Weinberger, Josef Reither und Felix Hurdes zusammenkommen, um eine neue Partei für eine neue Republik aus der Taufe zu heben.
AUFERSTANDEN AUS RUINEN
Mitte April 1945 war Österreich größtenteils befreit. In Wien konstituierte sich unter Theodor Körner als Bürgermeister ein demokratischer Stadtsenat, und die nunmehr führenden Politiker des bürgerlichen Lagers ziehen die Konsequenzen aus den Fehlern der Ersten Republik. Mit der Gründung der "Österreichischen Volkspartei", die sich auf drei Bünde (Wirtschaftsbund, Arbeiter- und Angestelltenbund und Bauernbund) stützt, öffnet sich die ehemalige christlichsoziale Bewegung neuen Bevölkerungsschichten und beschreitet mutig Neuland. Nur zehn Tage nach der Formierung dieser neuen Partei hat auch das wiedererstandene Österreich eine neue Regierung. Karl Renner wird, wie schon 1918, Regierungschef, ihm zur Seite steht Leopold Figl für die ÖVP. Julius Raab wird in diesem Kabinett Staatssekretär für öffentliche Bauten.
Dies war freilich eine Aufgabe, die außerordentliche Fähigkeiten und entschlossene Willenskraft erforderte, denn im Gefolge des Krieges waren abertausende Gebäude zerstört worden, waren hunderttausende Menschen obdachlos. Zahlreiche Familien waren zerrissen, das Schicksal vieler Menschen ungewiss. Umso mehr engagierten sich die Mitglieder der neuen Regierung und die Vertreter der drei demokratischen Parteien um den Wiederaufbau des zerstörten Landes.
Dazu gehörte freilich auch, die demokratischen Institutionen zu schaffen, die das Land künftighin lenken sollten. Bereits im November 1945 wurden die ersten Nationalratswahlen der Zweiten Republik abgehalten, bei der die ÖVP die absolute Mehrheit erhielt, aber dennoch die Konzentrationsregierung mit der SPÖ und der KPÖ fortsetzte. Leopold Figl übernahm das Amt des Bundeskanzlers, und er sah seinen Freund Julius Raab als Handelsminister vor.
Völlig überraschend jedoch verweigerte die sowjetische Verwaltung die Zustimmung zu Raab, sodass dieser am 20. Dezember 1945 aus der Regierung ausscheiden musste. Raab wurde daraufhin Klubobmann der ÖVP-Fraktion und war zudem als Präsident der Wirtschaftskammer und als Chef des Wirtschaftsbundes ungebrochen ein überaus einflussreiches Mitglied der ÖVP-Spitze.
Als solches zeigte er, dass er aus der unheilvollen Geschichte der Ersten Republik gelernt hatte. Er setzte voll auf die soziale Partnerschaft mit dem politischen Mitbewerber, die freilich mitunter unorthodoxe Wege ging. Raab verstand sich besonders gut mit Innenminister Oskar Helmer (SPÖ), mit dem er sich regelmäßig an Samstagabenden im Traiskirchner Rathauskeller zu einem Umtrunk traf, um anstehende Probleme in entspannter Atmosphäre zu besprechen. Zu diesem Behufe rief er gegen Ende der Woche bei Helmer an und fragte ihn, ob er am Wochenende in seinen Garten fahre. Wenn Helmer diese Frage bejahte, raunte Raab: "Alsdern, uma ans im Kellerstüberl." Ein besonderes Verhältnis pflegte Raab auch mit ÖGB-Präsident Johann Böhm, der wie Raab aus der Baubranche kam und nach einer Abstimmung einmal augenzwinkernd meinte: "Der Polier hat sicher so abgestimmt wie der Meister."
Raab betonte nun vor allem die soziale Komponente der Politik. So sagte er am ersten ÖVP-Parteitag 1947: "Das Schlagwort, dass unsere Partei eine kapitalistische sei und nur den Interessen der Großen diene, weisen wir zurück. Die Arbeit muss wieder zu Ehren kommen, und gerade die Handarbeit begründet den Wohlstand unseres Volkes. Der Handwerker besitzt daher auch das Recht, im Alter, wenn der Hände Kraft versiegt, Sicherheit und Versorgung zu haben." Raab setzte sich für ein allgemeines Sozialversicherungsgesetz ein, welches später auch sozialpartnerschaftlich verwirklicht werden konnte.
Nach sechs Jahren waren die ärgsten Kriegsschäden behoben und die drückendste Not überwunden. Österreich begann, entspannteren Zeiten entgegenzugehen. In diesem Umfeld fanden die ersten Bundespräsidentschaftswahlen statt, die der Wiener Bürgermeister Theodor Körner für sich entscheiden konnte. Die ÖVP war über diese unerwartete Niederlage irritiert, und innerparteilich begann der Stern des Bundesparteiobmanns Figl, der in der Bevölkerung ungebrochen populär war, zu sinken. Figl erkannte dies und bot von sich aus den Rücktritt als Parteiobmann an. Dieser wurde angenommen, und 1952 wurde Julius Raab zum neuen Vorsitzenden der ÖVP gekürt.
Wenig später, im Februar 1953, fanden die dritten Nationalratswahlen der Zweiten Republik statt, bei denen die SPÖ einen beachtlichen Wahlsieg erringen konnte. Erstmals wurde sie stimmenstärkste Partei, und nur die Wahlarithmetik rettete der ÖVP einen Vorsprung von einem Mandat. Figl ging in die Koalitionsverhandlungen, aber hinter vorgehaltener Hand wurde kolportiert, dass seine Tage nun auch als Kanzler gezählt waren. Parallel zu Figls Gesprächen brachte Raab die Idee einer "schwarzblauen" Koalition auf, die sich immerhin auf 88 von 165 Abgeordneten hätte stützen können. Doch Bundespräsident Körner machte nur allzu deutlich klar, dass er für eine solche Regierungsform nicht zur Verfügung stehen würde. Seine kategorische Weigerung, eine solche Regierung anzugeloben, führte zu einem Rückzieher der ÖVP-Befürworter dieser Koalitionsvariante und zur Fortsetzung der "großen Koalition", in der nun allerdings Julius Raab Bundeskanzler war. Figl musste gänzlich aus der Regierung ausscheiden und saß buchstäblich schmollend abseits, ehe er nach dem Rücktritt von Außenminister Gruber im Herbst 1953 dessen Amt übernehmen konnte. In der Außenpolitik mehr als unerfahren, stützte sich Figl bald auf seinen Staatssekretär Bruno Kreisky.
Dieser hatte zuvor eng mit Theodor Körner zusammengearbeitet, und Körner war es auch gewesen, der im November 1951 die Idee eines "neutralen Österreich" formuliert hatte, um in die schier endlose Geschichte um Österreichs Staatsvertrag neuen Schwung zu bringen. Und als im März 1953 Josef Stalin starb, was in Moskau zu einem bald "Tauwetter" geheißenen Wechsel der politischen Linie führte, standen mit einem Mal auch Österreichs Chancen gut, endlich wieder die volle Souveränität zu erringen.
ENDLICH FREI
Nachdem bei einem halbprivaten Dinner mit sowjetischen Offiziellen Bruno Kreisky eine Definition der zukünftigen Neutralität Österreichs nach dem Vorbild der Schweiz ins Spiel gebracht hatte, wobei zu diesem Zweck die entsprechenden Formulierungen des Wiener Kongresses bemüht worden waren, luden die Sowjets die Österreicher ein, in Moskau mit ihnen über den Abschluss eines Staatsvertrages zu verhandeln.
Die Geschichten, die sich um diese für Österreich so entscheidende Verhandlungsrunde ranken, sind Legion. Erwähnenswert vielleicht der Kommentar des sowjetischen Außenministers Wjatscheslaw M. Molotow nach der Rede des österreichischen Botschafters in Moskau, Norbert Bischoff, dieser müsste nach diesen Ausführungen zumindest zum Erzbischof befördert werden. Der neue Kreml-Chef Nikita S. Chruschtschow hatte jedenfalls ein vitales Interesse, die österreichische Frage zu lösen, und so konnten die Österreicher viele sowjetische Begehrlichkeiten abschmettern und viele eigene Anliegen durchsetzen. Das lag sicher auch am Verhandlungsstil Raabs, der den Sowjets Respekt abnötigte, konnte dieser doch ebenso energisch wie konziliant seine Standpunkte vorbringen. Als ihn Chruschtschow bei einem späteren Treffen als "Kapitalist" bezeichnete, antwortete Raab lakonisch: "Ja. Aber nur ein kleiner."
Die österreichische Delegation konnte letztlich alle ihre Wünsche durchsetzen, und dementsprechend euphorisch wurden Raab, Vizekanzler Schärf, Figl und Kreisky bei ihrer Rückkehr gefeiert. Am 15. Mai 1955 war es so weit. Im Schloss Belvedere wurde der Vertrag feierlich von Außenminister Figl und seinen alliierten Ressortkollegen John Foster Dulles, Harold McMillan, Antoine Pinay und Wjatscheslaw Molotow unterzeichnet, wobei Figl verkünden konnte: "Österreich ist frei." Dann begab man sich auf den Balkon, von wo aus Figl das Vertragswerk präsentierte.
HÖHEPUNKT UND ABGESANG
Raab wusste die derart entstandene Popularität geschickt zu nutzen. Frühzeitig ließ er Neuwahlen ausschreiben, welche die ÖVP klar gewinnen konnte, verpasste sie doch die absolute Mehrheit nur um ein einziges Mandat. Mit neuer Stärke ging Raab mit seinem Finanzminister Reinhard Kamitz daran, das endgültig frei gewordene Land nun nach seinen Vorstellungen umzugestalten. Als ein System indirekter Wirtschaftslenkung orientierte sich der so genannte "Raab-Kamitz-Kurs" zwar an der Marktwirtschaft, überließ sie aber nicht sich selbst, sondern griff mit einer gezielten staatlichen Interventionspolitik in ihre Abläufe ein. Realiter handelte es sich bei dieser Politik um eine Art geplante Wirtschaft, in welcher sich der Staat um seine Verantwortung für das Allgemeinwohl bewusst war und dementsprechend sozialpolitisch ausgleichend wirkte. Durch entsprechende öffentliche Aufträge und direkte Investitionen förderte man die heimische Wirtschaft und verfolgte somit ein Modell, das sich grosso modo in seinen Absichten nicht allzu sehr vom späteren "Austro-Keynesianismus" der Regierungen Kreisky unterschied.
Konkret verständigte man sich auf eine neue Währungspolitik, die vor dem Hintergrund der internationalen Konjunkturlage eine effiziente Exportförderung bedeutete, ohne dass dadurch von der Importseite negative Begleiterscheinungen sichtbar geworden wären. Mit bewusst gesetzten Exportförderungsmaßnahmen wurde diese Politik nachhaltig unterstützt. Zudem sorgten Steuersenkungen bei gleichzeitiger Beachtung des Budgetgleichgewichts und eine Aktivierung des Kapitalmarkts durch eigene Anleihen für eine Belebung des Arbeitsmarktes sowie eine Erhöhung der Kaufkraft und damit verbunden der Binnennachfrage. Einen wesentlichen Wachstumsimpuls setzte zudem die Schaffung von direkten Investitionsbegünstigungen, wodurch es zu einem weiteren Ansteigen der gesamtwirtschaftlichen Investitionsquote kam.
Gleichwohl begnügte sich die Regierung nicht mit Maßnahmen zur Stärkung von Produktion und Außenhandel, die Rekonstruktion des Kapitalmarktes bedeutete einen weiteren wichtigen Schritt auf dem Weg zum "Wirtschaftswunder Österreich". Schließlich sorgten die intensive öffentliche Bautätigkeit und die fortwährende Verbesserung der heimischen Infrastruktur - Ausbau der Autobahn, Elektrifizierung der Bahn, Automatisierung des Telefonnetzes - für eine weitere Verbesserung der Gesamtsituation.
Umso überraschender kam für Raab das Wahlergebnis von 1959, in welchem der Vorsprung der ÖVP auf ein einziges Mandat zusammenschmolz. Schon zwei Jahre zuvor, 1957, hatte man eine herbe Niederlage einstecken müssen, als der Kandidat der beiden bürgerlichen Parteien bei den Präsidentschaftswahlen glatt verlor. Im Vorfeld dieser Wahl hatte es nicht wenige Stimmen gegeben, die die Popularität des Staatsvertragskanzlers in den Gewinn des Präsidentenamtes ummünzen wollten. Doch Raab hatte kategorisch erklärt, er lasse sich nicht nach "Pensionopolis" abschieben und stattdessen den Chirurgen Wolfgang Denk nominieren lassen, der aber als politischer Newcomer gegen Adolf Schärf keine Chance hatte.
1959 musste Raabs Freund Leopold Figl endgültig die Regierung verlassen. Im Gefolge der Wahlen fiel das Außenamt der SPÖ zu, die es mit Bruno Kreisky besetzte, der damit endgültig in die erste Reihe der Sozialisten aufrückte. Nach außen hin setzte Raab auch mit seinem dritten Kabinett seine Politik fort, doch intern begann mit der Wahlniederlage ein Wetterleuchten, welches 1960 in einem Obmannwechsel gipfeln sollte. Raab, zudem geschwächt durch einen Schlaganfall, der ihn längere Zeit außer Gefecht gesetzt hatte, musste die Kür von Alfons Gorbach zum neuen ÖVP-Obmann hinnehmen und wusste aus eigener Erfahrung, dass nun auch seine Tage als Kanzler gezählt waren. Immerhin blieb es ihm vergönnt, den Zeitpunkt seines Abgangs selbst zu bestimmen, und so trat er am 11. April 1961 nach acht Jahren und neun Tagen als Regierungschef zurück. Zahlreiche Telegramme und Schreiben, die seine Verdienste rühmten und ihm Glück für seinen weiteren Lebensweg wünschten, versüßten ihm diesen Augenblick, fanden sich unter den Briefschreibern doch auch Nikita Chruschtschow, John F. Kennedy und Konrad Adenauer.
Raab blieb als einfacher Abgeordneter im Hohen Haus und gestaltete als Kammerpräsident weiterhin die Politik der ÖWK. Trotz seiner angeschlagenen Gesundheit ließ sich Raab im Frühjahr 1963 nun tatsächlich zu einer Kandidatur für die Bundespräsidentschaft überreden, doch hatte er gegen Amtsinhaber Adolf Schärf keine Chance. Während 55 Prozent für den SPÖ-Kandidaten stimmten, gaben nur 40 Prozent Raab ihre Stimme. Raab nahm das Resultat resignierend zur Kenntnis und meinte nur: "Wir haben an Schraufn kriegt."
Nun konnte Raab seine Krankheit nicht länger ignorieren, er musste schließlich Ende 1963 ins Spital gebracht werden. Dort starb der langjährige Spitzenpolitiker am 8. Januar 1964. Er wurde unter reger Anteilnahme der Bevölkerung am Wiener Zentralfriedhof begraben, wo er rechts der Präsidentengruft (links derselben befindet sich seit 1990 das Grab Kreiskys) bestattet wurde.
Zehn Jahre nach seinem Tod erschien eine Biographie Raabs, in der es abschließend heißt: "Julius Raab hat mit seinen Freunden im eigenen Lager und im gegnerischen Lager gezeigt, dass durch die Überwindung kleinlicher Schranken die Vergangenheit in ihrem Handeln ausgelöscht wurde, um einzig und allein einem Ziel zu leben, welches jede Anstrengung, jede Mühe und jedes Opfer lohnt: Österreich." (Schluss)