Parlamentskorrespondenz Nr. 664 vom 05.10.2004

SONDERAUSSTELLUNG ÜBER ALCIDE DE GASPERI IM PARLAMENT

Wien (PK) - Am 19. August des Jahres 1954 starb Alcide De Gasperi, einer der Gründerväter des neuen Europa und der am längsten amtierenden Ministerpräsidenten Italiens nach dem Zweiten Weltkrieg. Gemeinsam mit dem österreichischen Außenminister Karl Gruber hat er im Pariser Vertrag von 1946 den Grundstein für die Autonomie Südtirols gelegt. Aus Anlass seines 50. Todestages ist Alcide De Gasperi eine Sonderausstellung im Parlamentsgebäude gewidmet. Sie wurde von Nationalratspräsident Andreas Khol und dem Dritten Präsidenten des Nationalrates Thomas Prinzhorn, Obmann der österreichisch-italienischen parlamentarischen Freundschaftsgruppe, gemeinsam mit dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses des italienischen Parlaments Pier Ferdinando Casini eröffnet.

Im Anschluss an die Ausstellungseröffnung wurde im Sitzungssaal des Abgeordnetenhauses des Reichsrates eine den Namenszug Alcide De Gasperis tragende Gedenktafel an jenem Sitzplatz enthüllt, den De Gasperi in den Jahren 1911 bis 1914 eingenommen hat.

Die Ausstellung ist bis Ende Oktober im Rahmen einer Führung in der Säulenhalle des Parlaments zu sehen. 

Die Exponate beleuchten in erster Linie einen weniger bekannten und historisch auch noch nicht vollständig aufgearbeiteten Lebensabschnitt des berühmten Politikers, nämlich sein Wirken als Mitglied des Abgeordnetenhauses des österreichischen Reichsrates in den Jahren 1911 bis 1918. Sie zeigt das Umfeld von Alcide De Gasperis politischer Sozialisation und damit auch den Hintergrund, vor welchem De Gasperi zu einem glühenden Verfechter der Völkerverständigung und gemeinsam mit Konrad Adenauer und Robert Schumann zum Gründervater der Integration Europas geworden ist.

Anwesend war auch die Tochter Alcide De Gasperis, Maria-Romana De Gasperi, der gegenüber Präsident Pier Ferdinando Casini seine besondere Wertschätzung zum Ausdruck brachte. Sie habe mit Intelligenz und Umsicht mitgeholfen, das Andenken des großen europäischen Staatsmannes aufrecht zu erhalten.

Als weitere Gäste durfte Nationalratspräsident Khol den italienischen Botschafter in Österreich sowie den Landeshauptmann von Trentino, den ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim sowie die ehemalige Zweite Präsidentin des Nationalrates Marga Hubinek, den Präsidenten des Konvents und Rechnungshofpräsidenten a.D. Franz Fiedler, Staatssekretär Eduard Mainoni und zahlreiche Abgeordnete begrüßen.

Präsident Pier Ferdinando Casini hatte am Nachmittag mit Nationalratspräsident Andreas Khol ein Vieraugengespräch geführt und war zuvor mit Bundespräsident Heinz Fischer und mit Bundeskanzler Wolfgang Schüssel zusammengetroffen.

KHOL: GRUBER-DE GASPERI-ABKOMMEN HAT SICH FÜR SÜDTIROL BEWÄHRT

Pier Ferdinando Casini wurde besonders herzlich von Nationalratspräsident Andreas Khol in seiner - auch in italienischer Sprache gehaltenen - Eröffnungsrede willkommen geheißen. Unter dessen Vorsitz habe das italienische Abgeordnetenhaus die wichtigen Abstimmungen zur Verfassungsreform durchgeführt, sagte Khol. Nicht nur unter seinem Vorsitz, sondern mit seiner tatkräftigen, verlässlichen und schnellen Hilfe sei bei dieser Verfassungsreform die Autonomie Südtirols nicht gemindert, sondern gestärkt worden, so Khol, der auch Obmann des Südtirol-Unterausschusses ist.

Präsident Khol würdigte in weiterer Folge die verschiedenen Facetten der politischen Tätigkeit des "großen Altösterreichers und Trentiners" Alcide De Gasperi. In Italien sei sein Name mit der Gründung des Partito Populare 1921 zusammen mit Don Sturzo verbunden sowie mit dem Kampf gegen den Faschismus, mit der Gründung der Democrazia Cristiana und dem Wiederaufbau der italienischen Demokratie. In Österreich werde besonders der Europäer De Gasperi geschätzt, der mit Robert Schumann, Konrad Adenauer und anderen die Wiedervereinigung Europas in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, heute die Europäische Union, vorbereitet habe.

Mit dem österreichischen Außenminister Karl Gruber habe Alcide De Gasperi das berühmte Pariser Abkommen abgeschlossen, im Volksmund "Gruber-De Gasperi-Abkommen" genannt. Dieses Abkommen, das zunächst für viele ein Abkommen des müden Verzichts auf die Rückkehr Südtirols zu Österreich gewesen sei, stelle die Grundlage für eine lebenskräftige Autonomie Südtirols in Italien dar. "Das Gruber-De-Gasperi-Abkommen ist die völkerrechtliche Grundlage für unsere Südtirol-Politik, und daher bin ich heute dafür dankbar, dass Alcide De Gasperi mit Gruber dieses Abkommen geschaffen hat. Es hat sich für Europa bewährt", unterstrich Präsident Khol.

  

CASINI: AUTONOMIE UND SELBSTBESTIMMUNG AUCH IN ZUKUNFT GESICHERT

Präsident Pier Ferdinando Casini unterstrich die Freundschaft zwischen Italien und Österreich und verlieh seiner Freude über die Ausstellung Ausdruck. Alcide De Gasperi habe seine ersten politischen Erfahrungen im österreichischen Reichsrat gemacht und habe darauf sowie auf seinen christdemokratischen Idealen aufbauend am Ziel der Integration Europas konsequent festgehalten. Viele seiner Entscheidungen seien nicht populär gewesen, die Zeit habe ihm aber Recht gegeben und darin liege seine große Leistung, sagte Casini. Europa sei für De Gasperi immer mehr als ein ökonomischer Zusammenschluss gewesen, Europa sollte seiner Meinung nach eine Seele haben, ein politischer Zusammenschluss sein und somit auch über eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik verfügen.

In seiner Rede schnitt Casini auch die Südtirol-Autonomie an. Der Weg sei nicht immer leicht gewesen, gab er zu bedenken, aber durch konstruktive Zusammenarbeit, Freundschaft und Beständigkeit habe man es geschafft, die Autonomie zu bewahren. Auch durch die jüngste Verfassungsreform seien die Werte der Autonomie und Selbstbestimmung weiterhin gesichert, bekräftigte Präsident Casini.

PRINZHORN: INTEGRATION AUF DEN WURZELN DE GASPERIS WEITERBAUEN

Präsident Thomas Prinzhorn würdigte insbesondere die richtungsweisenden Gedanken De Gasperis zur Integration Europas weit über den wirtschaftlichen Zusammenschluss hinaus. Wir seien gut beraten, so Prinzhorn, wenn es uns gelänge, auf diesen Wurzeln auf- und weiter zu bauen, denn die Integration sei noch immer nicht abgeschlossen. Die Geschichte sollte uns auch ein Warnzeichen sein, den Weg des Friedens und der Rücksichtnahme auf die Regionen und Staaten weiter zu verfolgen, wie es De Gasperi beispielhaft vorgeführt habe.   

ALCIDE DE GASPERI  -  BIOGRAPHISCHE NOTIZEN

Alcide de Gasperi (Namensschreibweise ursprünglich "Degasperi") wurde am 3. April 1881 in Pieve Tesino nahe Trient als Sohn eines Gendarmen geboren, absolvierte das Gymnasium in Trient und studierte deutsche und romanische Philologie in Wien.

 

Schon als Schüler und Student fühlte er sich der katholischen Soziallehre verpflichtet und war in katholischen italienischen Studentenverbindungen aktiv. Nach seinem Studienabschluss übertrug ihm der Fürstbischof von Trient die Leitung der Diözesanzeitung, die er unter dem Namen "Il Trentino" zur Parteizeitung der jungen katholischen Volkspartei des Trentino ausbaute.

 

Für die Volkspartei wurde er 1909 in den Gemeinderat von Trient, 1911 in das Abgeordnetenhaus des Reichsrates und 1914 in den Tiroler Landtag gewählt.

 

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges sah ihn als einen nach umfassender Autonomie für das Trentino strebenden, aber dem österreichischen Staat loyal verbundenen italienischsprachigen Österreicher. Die Bereitschaft Österreich-Ungarns, als Preis für die italienische Neutralität das Trentino an Italien abzutreten, vor allem aber die nach dem Kriegseintritt Italiens durchgeführte Deportation von Teilen der italienischen Bevölkerung des Trentino und ihre pauschale Verdächtigung als "politisch unzuverlässig" untergruben diese Loyalität jedoch nachhaltig.

 

De Gasperis Hauptsorge während des Krieges galt in erster Linie dem Schicksal der italienischen Deportierten, die zum Teil in Barackenlagern untergebracht waren. Nach Wiedereinberufung des Reichsrates im Mai 1917 (XXII. Session von 1917 bis 1918), prangerte er in scharfen Worten die Menschenrechtsverletzungen durch die Militärverwaltung an. Als Mitglied des "Flüchtlingskomitees" konnte er einige Verbesserungen hinsichtlich der Lebensmittelverteilung, des Schulunterrichts und der medizinischen Versorgung erreichen und ein Gesetz für die Hilfeleistung an Internierte und Flüchtlinge durchsetzen.

 

Im Oktober 1918 wählten ihn die italienischen Reichsratsabgeordneten zum Sekretär des "Fascio Nazionale Italiano", der seine Aufgabe darin sah, die Überführung der italienischen Gebiete der Monarchie in den Staatsverband des Königreichs Italien vorzubereiten. Am 6. November 1918 traf er in Rom ein.

 

Hatte sich De Gasperis politische Arena auch geändert, so schloss doch seine politische Tätigkeit in Italien in vielem dort an, wo sie in Österreich geendet hatte: Sein Partito Popolare Trentino vereinigte sich 1919 mit Luigi Sturzos Partito Popolare Italiano, für den De Gasperi nach der formellen Eingliederung des Trentino in den Staatsverband ab 1921 ein Abgeordnetenmandat ausübte; er wurde zum Klubobmann, 1924 zum Parteisekretär gewählt. Als Publizist knüpfte er bereits im November 1918 an sein 1915 eingestelltes Blatt "Il Trentino" an, das er nun unter der Bezeichnung "Il Nuovo Trentino" herausgab. Und hatte er zuvor den Kampf um die Autonomie des Trentino gegen Wien geführt, so nun gegen Rom.

 

Der Faschismus unterbrach sein politisches und publizistisches Wirken radikal: 1926 wurde sein Abgeordnetenmandat für verfallen erklärt, seine Zeitung verboten, und der Zentralismus setzte sich unter faschistischen Vorzeichen durch.

 

Nach vorübergehender Inhaftierung konnte De Gasperi die Jahre bis 1943 als Mitarbeiter der Vatikanischen Bibliothek überdauern. Noch im Untergrund begann er, die Democrazia Cristiana als katholische Sammlungspartei aufzubauen.

 

1944 wurde er Außenminister, am 10. Dezember 1945 erster christdemokratischer Ministerpräsident Italiens, das er zurück zur parlamentarischen Demokratie, zum Friedensvertrag, zu wirtschaftlichem Wiederaufstieg und in die beginnende europäische Integration führte. Die Funktion des Ministerpräsidenten hatte er, an der Spitze von insgesamt acht Kabinetten, bis zum 17. August 1953 inne.

 

Alcide De Gasperi gehörte zu den ersten Europa-Visionären, der konsequent an der politischen Realisierung eines vereinten Europa mitwirkte. Eine rein ökonomische Sichtweise der Integration hielt er für viel zu kurz gegriffen. Deshalb trat er von Beginn an für eine politische Integration bei Wahrung des Gleichgewichts unter den Staaten ein und betonte dabei die Notwendigkeit, die Entscheidungsstrukturen nach dem Prinzip der Subsidiarität auszurichten. Ebenso war er ein vehementer Verfechter einer demokratisch-parlamentarischen Vertretung, der die Regierung Europas verantwortlich sein sollte. Die "Gemeinsame Versammlung" der Montanunion wurde dann auch zum Vorläufer für das Europäische Parlament.

 

Gemeinsam mit dem französischen Außenminister, dem Lothringer Robert Schumann, und dem deutschen Regierungschef, dem Rheinländer Konrad Adenauer, gelang es dem Trentiner De Gasperi die Politik auf eine Integration Europas auszurichten. Im April 1951 war es dann so weit: Die Benelux-Staaten, Frankreich, Deutschland und Italien gründeten die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), die am 23. Juli 1952 in Kraft trat. Der besondere Beitrag De Gasperis zu dieser Montanunion bestand in seiner Forderung, eine parlamentarische Versammlung einzubauen. Am 11. Mai 1954 sollte er dann auch erster Präsident der Parlamentarischen Versammlung der EGKS werden.

 

Aktiv unterstützte De Gasperi auch das Projekt der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, dagegen waren jedoch die Widerstände zu groß.

 

Für Österreich und vor allem für die Tirolerinnen und Tiroler bleibt Alcide De Gasperi insbesondere durch den Abschluss des Pariser Vertrages vom 5. September 1946 mit dem österreichischen Außenminister Karl Gruber im Gedächtnis. Dieses so genannte "Gruber-De-Gasperi-Abkommen" legte den Grundstein für die Autonomie Südtirols.

 

Alcide De Gasperi starb am 19. August 1954 in Borgo Valsugana, inmitten der Trentiner Berge. (Schluss)

 

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