Parlamentskorrespondenz Nr. 789 vom 04.11.2004
INNENANSICHTEN DES NS-TERRORS
Wien (PK) - Die Zweite Präsidentin des Nationalrates Barbara Prammer stellte heute Nachmittag im Hohen Haus das Buch "Die Gesellschaft des Terrors" aus der Feder von Paul Neurath vor, in dem dieser von seinen Erlebnissen in den Konzentrationslagern von Dachau und Buchenwald berichtet und daraus allgemeine Erkenntnisse über den organisierten Terror der Nationalsozialisten ableitet. An der Präsentation des Buches nahm ein ebenso zahlreiches wie prominentes Publikum teil, darunter Bundesratspräsidentin Anna Elisabeth Haselbach und die ehemalige Dritte Präsidentin des Nationalrates Heide Schmidt.
Prammer stellte ihrer Begrüßung ein Zitat Hannah Arendts über die Funktion der Konzentrationslager für die nationalsozialistische Schreckensherrschaft voran und ging auf die Biographie Neuraths sowie die Genese des Buches ein, wobei sie ihrer Freude Ausdruck verlieh, dass dieses Werk, das sich vor allem durch die ungewöhnliche Verschränkung von persönlich Erlebtem und wissenschaftlicher Reflexion auszeichne, nun einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden sei.
Es sei von großer Wichtigkeit, an die eigene Geschichte immer wieder erinnert zu werden, betonte die Präsidentin. Gerade am Vorabend des Bedenkjahres 2005 sei man aufgefordert, so Prammer, sich auch mit der Zeit vor 1945 zu befassen.
Christian Fleck, Herausgeber des Buches, wies auf den besonderen Stil der Arbeit hin und meinte, das Werk sei deshalb von großer Bedeutung, weil Neurath darin eine Perspektive benutze, die in der Literatur über Konzentrationslager außergewöhnlich ist. Mit seinen Methoden habe Neurath Pionierarbeit geleistet, er habe Fragen gestellt und nach Antworten gesucht, weshalb dem Band auch heute noch entsprechende Aktualität zukomme.
Im Anschluss daran gab es eine Diskussionsmöglichkeit mit Otto Binder, der zur selben Zeit wie Neurath in Dachau und Buchenwald inhaftiert gewesen war. 1939 war dem 1910 in Wien geborenen Binder die Emigration nach Schweden gelungen, von wo er 1949 nach Österreich zurückkehrte. Binder war später 22 Jahre lang Generaldirektor der Wiener Städtischen Versicherung und legte heuer seinen eigenen Erlebnisbericht "Wien - retour" im Böhlau-Verlag vor.
Binder erinnerte sich dabei an die gemeinsame Vergangenheit mit Paul Neurath, den er schon 1927 bei der Sozialistischen Arbeiterjugend kennen gelernt habe. Man könne sagen, wo immer er, Binder, und Neurath auch hinkamen, stets seien sie sich begegnet. So 1938 im KZ Dachau, später im KZ Buchenwald und schließlich 1939 im Stockholmer Exil. Binder berichtete von gemeinsamen Erlebnissen und setzte sich auch mit Neuraths weiterem Lebensweg auseinander. Das nun vorliegende Werk habe ihm Neurath früh schon zur Verfügung gestellt, weshalb er seinen Wert kenne und sich freue, dass es nun doch veröffentlicht wurde. Binder verwies in diesem Zusammenhang auch auf die Arbeiten von Benedikt Kautsky und Eugen Kogon zum Thema, die er dem Auditorium gleichfalls zur Lektüre empfahl.
INNENANSICHTEN
Bereits unmittelbar nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht machen Gestapomänner Jagd auf den damals 27jährigen Paul Neurath, der eben erst zum Doktor iuris promoviert hatte. Durch Kaltblütigkeit und eine ordentliche Portion Chuzpe gelingt es Neurath zunächst, seinen Häschern zu entkommen. Doch drei Kilometer vor der tschechischen Grenze wird er von einem örtlichen Bauern verraten und doch noch gefasst. Der Kommandant des Trupps, der ihn aufgreift, verhält sich unter den gegebenen Bedingungen verhältnismäßig menschlich, was Neurath dazu veranlasst, ihn nach seinem Namen zu fragen. Der Kommandant zeigt sich erstaunt. "Na ja", klärt Neurath ihn auf, "heute bin ich der Gefangene, aber das kann sich einmal ändern. Und dann wäre es ganz gut, wenn man sich erinnert, wer anständig zu einem war." Der Kommandant erklärt lakonisch: "Sie fangen ja früh zu hoffen an." Neuraths Antwort ist bestechend: "Wann sollte ich denn sonst damit anfangen?" Der Kommandant gibt Neurath seinen Namen bekannt.
Neurath wird nach Wien verfrachtet, von wo aus er am 1. April 1938 mit 150 anderen Gefangenen im so genannten "Prominenten-Transport" ins Konzentrationslager Dachau verbracht wird. Leidensgenossen auf dieser Fahrt sind unter anderen die späteren Bundeskanzler Leopold Figl und Alfons Gorbach, der spätere Innenminister Franz Olah und der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Desider Friedmann. Weshalb sich Neurath auf dieser Liste und in dieser Gesellschaft befindet, ist ihm nicht klar, ist er doch keineswegs prominent oder einflussreich. Er vermutet schließlich, dass er gleichsam stellvertretend für seinen Vater, den Philosophen Otto Neurath, der seit 1934 im holländischen Exil lebt, in Haft genommen wurde.
Penibel und beinahe mit wissenschaftlicher Neugier analysiert Neurath die Bedingungen seiner neuen Umgebung, welche auch die Grundlage für den ersten Teil des nun vorgelegten Buches bilden. Von den ersten Eindrücken im Lager über eine genaue Beschreibung der Anlage bis zum genauen Ablauf der alltäglichen Routine im Konzentrationslager zeichnet Neurath ein konzises Bild des nationalsozialistischen Terrors. Er analysiert die Haftbedingungen, beschreibt die einzelnen - und durchaus unterschiedlichen - Gruppen von Häftlingen, durchleuchtet den gesellschaftlichen und sozialen Hintergrund der Wachmannschaften und geht auf die Strukturen der Lagergesellschaft ein. Neuraths Bericht zeichnet sich dabei durch seine zeitliche Nähe zum Geschehen, seine Unmittelbarkeit aus, schrieb Neurath diesen Text doch bereits 1943, wodurch er frei ist von Deutungen a posteriori.
Seine besondere Bedeutung erhält "Die Gesellschaft des Terrors" aber durch seine Verschränkung von persönlicher Erfahrung und theoretischer Reflexion, schreibt Neurath doch im zweiten Teil des Buches über die politischen Gründe, die pseudojuristischen Grundlagen und die ökonomischen Auswirkungen der nationalsozialistischen Lagerkomplexe. Das ständige Oszillieren zwischen der nüchternen Analyse des Wissenschaftlers und der persönlichen Betroffenheit des Häftlings verleiht dem Bericht Neuraths eine eigene Note, die ihn über viele andere Darstellungen zum Thema hinaushebt. Als Augenzeugenbericht und wissenschaftliche Darlegung ist Neuraths Untersuchung mithin ein bemerkenswertes historisches wie wissenschaftliches Dokument.
PAUL NEURATH
Paul Neurath wurde 1911 in Wien als Sohn des Philosophen Otto Neurath geboren, der als einer der wesentlichen Vertreter des Wiener Kreises gilt. Der Dozent der Heidelberger Universität hatte sich 1919 der bayerischen Räterepublik zur Verfügung gestellt und war nach deren Niederschlagung inhaftiert worden. Auf Intervention von Max Weber und Otto Bauer konnte Otto Neurath nach Österreich zurückkehren, wo er das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum aufbaute. Eine akademische Karriere scheiterte jedoch an den damaligen Verhältnissen an den Universitäten. Politisch war Otto Neurath in der Sozialdemokratie aktiv.
Paul Neurath wurde dementsprechend vom Milieu des "Roten Wien" geprägt. Er gehörte den Roten Falken und später der Sozialistischen Arbeiterjugend an. Nach der Matura am Margaretner Rainergymnasium begann Neurath ein Studium der Rechtswissenschaften an der Wiener Universität. Er hörte Vorlesungen bei Max Adler, Karl Bühler und Hans Mayer. 1938 versuchte Othmar Spann Neuraths Promotion zu verhindern, doch wurde der Apologet des "Ständestaates" von der Mehrheit des Professorenkollegiums überstimmt. Im Februar 1938 begann Neurath am Wiener Gewerbegericht sein Gerichtsjahr, doch wurde diese Tätigkeit durch den Untergang Österreichs jäh unterbrochen.
1939 gelingt es Freunden Neuraths, ihm ein Ausreisevisum nach Schweden zu besorgen, wodurch er aus dem Konzentrationslager entlassen wird. Nach dem Überfall der Nazis auf Norwegen und Dänemark entschließen sich die USA, die für diese Staaten vorgesehenen Einwanderungsquoten auf Schweden zu übertragen, weshalb auch Neurath in den Besitz eines Affidavit kommt. In New York wendet er sich an den auch ihm bekannten väterlichen Freund Paul Lazarsfeld, der Neurath in seinem Institut beschäftigt.
Nebenbei beginnt Neurath ein weiteres Studium an der Columbia University, wo er schließlich das nun vorliegende Buch 1943 als Dissertation einreicht. Neben Bruno Bettelheim wurde Neurath so zu einem Pionier der Erforschung der Konzentrationslager, und deren Werke bildeten die Grundlage für zahlreiche spätere Studien.
Durch die Tätigkeit bei Lazarsfeld avancierte Neurath zudem zu einer Kapazität auf dem Gebiet der empirischen Sozialforschung, was zu seiner Berufung an die New Yorker Universität führte. Ab 1946 lehrte Neurath drei Jahrzehnte lang Statistik am Queens College New York.
Seine Verdienste um die Soziologie wurden schließlich auch in Wien gewürdigt, wo Neurath ab 1961 maßgeblich am Aufbau entsprechender wissenschaftlicher Einrichtungen mitwirkte. Ab 1965 war Neurath ständiger Gast am IHS, 1973 erhielt er eine Honorarprofessur an der Wiener Universität. Doch wie schon bei seinem Vater scheiterten alle Versuche, ihm eine ordentliche Professur zu verschaffen. Bis zuletzt blieb Neurath mithin Gastprofessor an seiner Alma Mater. 1978 gründete Neurath zudem das Lazarsfeld-Archiv, dessen Leiter er bis zu seinem Tod im September 2001 blieb.
Seinem Buch "Die Gesellschaft des Terrors", das 1951 erstmals in den USA erschien, stellt Neurath eine Widmung voran. Er berichtet von seinem Mithäftling Franz Steinberg, der ihn eines Tages fragte, ob er, Neurath, an die ewige Gerechtigkeit glaube. Neurath zuckte nur mit den Schultern: "Schau dich um, vielleicht findest du sie ja." Steinberg insistiert: "Aber genau deswegen frage ich. Irgendjemand muss das alles doch einmal rächen." Neurath entgegnet: "Wenn du es nicht selber rächst, wird es niemand für dich tun." Steinberg bleibt skeptisch: "Aber ein Mensch kann vorher sterben." Neurath versucht den Mithäftling aufzurichten: "Red keinen Unsinn! Du stirbst nicht morgen. Und solltest du morgen sterben, werde ich dich rächen." Franz Steinberg starb am nächsten Tag. Neuraths Buch ist nicht nur eine luzide wissenschaftliche Darlegung über eines der traurigsten Kapitel der Menschheitsgeschichte, es ist mithin auch ein Buch gegen das Vergessen.
Paul Neuraths "Die Gesellschaft des Terrors" ist bei Suhrkamp erschienen, umfasst 461 Seiten und ist zum Preis von 29 Euro 80 im Buchhandel erhältlich. (Schluss)