Parlamentskorrespondenz Nr. 340 vom 03.05.2005

BUCHPRÄSENTATION: EINE LEBENSREISE DURCH KONZENTRATIONSLAGER

Wien (PK) - Die Zweite Nationalratspräsidentin Barbara Prammer lud heute Nachmittag zu einer Buchpräsentation ins Hohe Haus ein. Die im Buch "Eine Lebensreise durch Konzentrationslager" niedergeschriebene Biographie Dagmar Ostermanns "fügt der Geschichte von Auschwitz und Auschwitz-Birkenau einen weiteren Baustein der Rekonstruktion von in Wahrheit nicht Rekonstruierbarem hinzu", erklärte Prammer. Gerade in einer Zeit wie heute sei es umso wichtiger, dass Menschen wie Frau Ostermann über ihre schrecklichen Erlebnisse berichten. "Möge doch endlich die Rechtfertigung der Opfer beendet sein, dass es diese Lager überhaupt gegeben hat", appellierte die Nationalratspräsidentin.

Dagmar Ostermann dankte den zahlreich erschienenen Gästen für ihr Kommen und vor allem ihren Kameradinnen aus den Konzentrationslagern Ravensbrück und Auschwitz. Im heurigen Gedenkjahr gebe es auch für sie persönlich zwei wichtige Jubiläen, gestern vor 60 Jahren sei sie nämlich von den Amerikanern befreit worden und vor 20 Jahren sei sie erstmals als Zeitzeugin in die Schulen gegangen. Auf eine Frage hin merkte Ostermann an, dass sie trotz all der furchtbaren Erlebnisse das Gefühl des Hasses nicht kenne. Vielleicht sei dies auch eine Art Selbstschutz, so Ostermann, denn man könne mit diesem Gefühl nicht leben, da es einen selbst zerstört.

Entstanden ist das heuer erschienene Buch aus einer Vielzahl von Interviews, die zwischen März 2001 und September 2004 von Martin Krist durchgeführt wurden. Krist hat Ostermann erstmals 1990 als Zeitzeugin vor Wiener Schülerinnen und Schülern kennen und schätzen gelernt. Zweimal begleitete sie ihn bei Exkursionen mit Jugendlichen nach Auschwitz-Birkenau. Er freue sich sehr darüber, dass dieses Buch heute im Parlament präsentiert werden könne, erklärte Krist. Dagmar Ostermann habe sich dies wirklich verdient, weil sie seit vielen Jahren unermüdlich in den Schulen unterwegs sei und über ihre Erfahrungen berichte. Sie sei gerade in einer Zeit wie heute, wo einzelne politische Repräsentanten recht sonderbare Aussagen treffen, ein ganz wertvoller Mensch. Nach den Einführungsworten von Krist trugen drei Schülerinnen des Döblinger Gymnasiums Textpassagen vor.

DAS LEBEN DER DAGMAR OSTERMANN

Frau Ostermann, am 6. Dezember 1920 in Wien geboren und aufgewachsen, wurde als so genannter Mischling 1. Grades im August 1942 bei ihren Verwandten in Dresden verhaftet, ins KZ Ravensbrück gebracht und schließlich nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort gelang es ihr durch Zufall in die Position einer Schreiberin am Standesamt der Politischen Abteilung zu gelangen. (Das Standesamt war nicht - wie man annehmen könnte - für Heiratswillige zuständig, sondern für die Ausstellung von Todesurkunden und Sterbebüchern.) Dies ermöglichte ihr das Überleben. Diese Schreiberinnen wussten über so gut wie alles Bescheid, was im Lager vorging. Allerdings konnten sie auch nicht damit rechnen, zu überleben, da sie als so genannte Geheimnisträgerinnen der Endlösung zugeführt werden sollten. Im November 1944 wurde sie wieder ins KZ Ravensbrück, von dort in das Nebenlager Malchow deportiert, wo sie für Dynamit-Nobel Zwangsarbeit leisten musste. Im Mai 1945 wurde sie von der US-Armee befreit und kehrte nach Wien zurück. Ab Mitte der 80er Jahre besuchte Dagmar Ostermann eine Vielzahl von österreichischen Schulklassen als Zeitzeugin und ist bis heute Generalsekretärin der "Österreichischen Lagergemeinschaft Auschwitz".

Das 222 Seiten umfassende Buch, das von Martin Krist herausgegeben wurde, ist heuer im Verlag Turia + Kant erschienen; es ist im Buchhandel zum Preis von 22 € erhältlich. (Schluss)