Parlamentskorrespondenz Nr. 1031 vom 14.12.2005

Gedenktafel für Karl Renner im Parlament enthüllt

Wien (PK) - Im Parlamentsgebäude, gegenüber dem Eingang zur Bibliothek, die einst seine Wirkungsstätte war, wurde heute Vormittag von Nationalratspräsident Andreas Khol eine Gedenktafel für Karl Renner feierlich enthüllt. Aus diesem Anlass sprachen neben dem "Hausherrn" in Gegenwart des sozialdemokratischen Klubobmanns Josef Cap und zahlreicher National- und Bundesräte auch die Zweite Präsidentin Barbara Prammer und SPÖ-Bundesvorsitzender Alfred Gusenbauer.

Präsident Khol erinnerte eingangs daran, dass diese Tafel an Renners 135. Geburtstag enthüllt werde, was die Frage aufwerfe, weshalb diese Tafel nicht schon vor 35 Jahren angebracht worden sei. Es sei jedenfalls eine Freude, sie heute enthüllen zu können. Renner habe hier in der Bibliothek gearbeitet - der Zettelkatalog mit Renners gestochen scharfer Handschrift sei heute noch zu bewundern - und habe hier - unter Pseudonym - seine wichtigsten Bücher geschrieben. Der Präsident ging sodann auf Renners politisches Wirken ein und meinte, wir seien "ihm alle zu Dank verpflichtet", habe er doch Großes für das Land und die Menschen geleistet. Schließlich wies Khol noch darauf hin, dass die Tafel aus Sterzinger Marmor, der also aus seiner Heimat stamme, geschaffen wurde und kündigte an, dass künftighin auch die Parlamentsbibliothek seinen Namen tragen werde.

Prammer erklärte, Renners Leben sei ein Spiegelbild seiner Zeit und der damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse gewesen. Er hatte 17 Geschwister, seine Eltern endeten im Armenhaus, das habe Renner sensibel für politische Anliegen gemacht. 1895 sei er in die Bibliothek eingetreten, doch habe er damals in einem so genannten losen Verhältnis gelebt, weshalb er heiraten musste, um pragmatisiert werden zu können. Auch eines Unbedenklichkeitszeugnisses habe es damals noch bedurft. Schließlich sei Renner in ein Haus eingetreten, das ihn und seinesgleichen nicht vertreten habe. Auch solle man nicht vergessen, dass Renner Präsident des Nationalrates gewesen sei, als dieser ausgeschaltet wurde. Prammer ging sodann auf Renners politische Rolle, insbesondere im Jahre 1945, ein und verlieh ihrer Freude Ausdruck, "dass wir heute diese Gedenktafel enthüllen können und die Bibliothek künftig seinen Namen tragen wird".

Gusenbauer konzediere, es sei in der Tat etwas spät, erst zum 135. Geburtstag eine solche Tafel zu enthüllen, zumal, wenn man bedenke, welche Leistungen, Verdienste und Erfolge Renner erworben habe. Er sei einer der Großen gewesen, seine Rolle sei legendär, seine Bücher zählten heute noch zu den Standardwerken der politischen Literatur. Er sei ein typischer Österreicher gewesen - geboren außerhalb der Grenzen dieser Republik, wie auch die ersten sozialdemokratischen Abgeordneten nicht aus dem heutigen Österreich, sondern aus dem heutigen Tschechien gekommen seien -, in seinen Verdiensten, aber auch in seinen Verirrungen. Es sei jedenfalls bemerkenswert, dass ein Mann an fast allen Weggabelungen der Geschichte gestanden habe, und zwar immer in derselben Rolle: mäßigend, konsensorientiert und stets auf das Staatsganze bedacht. Man habe es mit einem wahren großen Österreicher zu tun, den es sicher freue, dass eines der namhaftesten politischen Institute Österreichs nach ihm benannt ist, und den es sicher noch mehr freuen werde, dass eine der besten Bibliotheken Österreichs künftig seinen Namen tragen werde.

Ehe die Politiker formell zur Enthüllung der Tafel schritten, wurden ihnen und der Direktorin der Parlamentsbibliothek Elisabeth Dietrich-Schulz, die sich um die adäquate Würdigung Renners im Hause nachhaltig verdient gemacht hat, von einem Vertreter der Renner-Gedenkstätte in Gloggnitz Dokumente Renners überreicht. Dabei handelt es sich um zwei Briefe, die Renner 1945 an Josef Stalin geschrieben hatte.

An der Wiege beider Republiken

Für Bruno Kreisky war er einer der "ganz großen Österreicher", für Leo Trotzki "nur k. u. k. Beamter, der sich marxistischen Phraseologie vorzüglich zu bedienen verstand." An Karl Renner schieden sich stets die Geister, unbestritten aber ist er jener Politiker, der am Anfang beider Republiken Pate stand, ein Mann, der, wie der heutige Nationalratspräsident Heinz Fischer in seinem 1970 erschienenen Renner-Porträt festhielt, in jeder Funktion "Hervorragendes geleistet hat: als Staatskanzler, als Nationalratspräsident und als Bundespräsident". Nicht ohne Grund heißt daher jener Abschnitt der Ringstraße, auf welchem das Parlament steht, nach ihm. Und passender Weise befindet sich auch sein Denkmal neben dem Hohen Haus, in dem er in so mannigfacher Weise wirkte.

Eine harte Jugend

Geboren wurde Renner am 14. Dezember 1870 in Dolni Dunajovice (Unter-Tannowitz) nahe Mikulov (Nikolsburg), wo 20 Jahre nach ihm ein weiterer österreichischer Bundespräsident, nämlich Adolf Schärf, zur Welt kommen sollte, als 17. von 18 Kindern einer Kleinbauernfamilie. Um ihn von seinem Zwillingsbruder Anton, der früh verstarb, unterscheiden zu können, erhielten die beiden verschiedenfarbene Bänder, die sie, so will es die Legende, einmal "hetzhalber" vertauschten - sodass Renner später scherzhaft meinte, er wisse gar nicht mit Sicherheit, ob er der Karl sei. Doch derartige Scherze haben Seltenheitswert in Renners Jugend, denn über der Großfamilie lastet drückende Armut, sodass die Kinder kaum mit dem Nötigsten versorgt werden können. Und wiewohl Renner ein überaus kluges und lernbegieriges Kind ist, spricht wenig dafür, dass seine Eltern ihm eine adäquate Ausbildung zukommen lassen könnten.

Mit den bescheidenen Beträgen, die die Eltern aufbringen können, wird Renner dennoch in das Nikolsburger Gymnasium geschickt, ein beachtlicher Fußmarsch für einen Elfjährigen, der zweimal täglich zurückgelegt werden muss. Doch nach der zweiten Klasse sind die Ressourcen der Familie erschöpft. Renner muss von der Schule abgehen, wenn es ihm nicht gelingt, eine alternative Geldquelle aufzuspüren. In seiner Not macht sich der Junge zum Nikolsburger Pater auf, den er um kirchlichen Beistand ersucht. Und dieser verschafft ihm in der Tat eine "Anstellung" als Spielkamerad eines Bürgerkindes, wofür Renner Kost und Logis erhält. Ab 1883 lebt Renner also dauerhaft in Nikolsburg, die Zwangsversteigerung des Elternhauses zwei Jahre später erlebt er somit nur mittelbar. In der Zwischenzeit hat sich Renner zum Klassenprimus entwickelt und erhält von der Gemeinde Unter-Tannowitz ein Stipendium, welches es ihm ermöglicht, 1889 die Matura abzulegen - mit Auszeichnung, wie er in seinen Erinnerungen betonen wird.

Unmittelbar danach rückt Renner ein und meldet sich "einjährig freiwillig" zur Verpflegungskompanie, die er im Sommer 1890 mit dem Rang eines "Militärverpflegsbeamten der Reserve" wieder verlässt. Er übersiedelt ins rund 70 Kilometer entfernte Wien, wo er im Oktober 1890 das Studium der Rechte aufnimmt. Bis 1895 absolviert er die Studien bis unmittelbar vor die Rigorosen, für die er ob seiner finanziellen Notlage die erforderlichen Kosten nicht aufbringen kann, zumal er nach dem in jenem Jahr erfolgten Tod des Vaters auch seine Mutter finanziell unterstützen muss. In dieser Situation erhält er ein Angebot für den Staatsdienst.

Parlamentsbibliothekar

Einer seiner Professoren, der weiß, dass Renner mit seinem "Nebenjob" als Stenographie-Lehrer an einer Privatschule nicht genügend Geld für die nötigen Studiengebühren verdient, empfiehlt den Studiosus seinem Freund Siegfried Lipiner, dem Leiter der Bibliothek des Reichsrates, der sofort von Renner begeistert ist und eine Anstellung per 1. Dezember 1895 in der Parlamentsbibliothek erwirkt. Dem Innenminister und späteren Staatskanzler Baron Gautsch gegenüber lobt Lipiner den jungen Beamten in den höchsten Tönen: "Karl Renner hat alle für den Posten erforderlichen persönlichen Eigenschaften: ruhiges, bescheidenes Wesen, Ernst und Arbeitsfreudigkeit, Intelligenz. Dabei eine gewisse Geschicklichkeit und Raschheit, und zugleich auch Sorgsamkeit und Verlässlichkeit in der Erledigung der Agenden."

Ehe Renner jedoch definitiv gestellt werden kann, muss er noch ein persönliches Hindernis überwinden. Renner lebt in wilder Ehe, was dazumals als grob unschicklich und mit der Ehre des Beamtenstandes unvereinbar galt. Renner hatte seine spätere Ehefrau Luise - geborene Stoisics - 1890 in Wien kennen gelernt und sogar eine Tochter gezeugt, die im August 1891 zur Welt kommt. Zu diesem Zeitpunkt ist für Renner eine Ehe noch absolut unvorstellbar: "Mir aber galt diese Liebe als das ernsteste, dauerndste Bündnis des Lebens und der Seele, die bürgerliche Ehe als eine verächtliche Einrichtung und die staatskirchliche Zeremonie der Eheschließung als Farce", schreibt er noch 1892. Doch fünf Jahre später unternimmt er seinen Canossagang und heiratet "ohne alle Form und Festlichkeit, auch ohne sonderliche Seelenbewegung". Die Pragmatisierung war denn doch eine Messe wert.

Zu jener Zeit, Anfang 1897, ist Renner bereits fest in der Sozialdemokratie verankert. Erste Kontakte ergaben sich schon 1892, als Renner, um sich Geld für's Studium zu verdienen, für die Arbeiterbildung Kurse abhält. Drei Jahre später lernt er Victor Adler kennen, der den 25jährigen endgültig für die Bewegung gewinnt. Renner zählt noch im selben Jahr zu den Gründern der Naturfreunde und engagiert sich auch im Parteileben. Nebenher befasst er sich mit wissenschaftlichen Problemen, so vor allem mit der nationalen Frage, über die er in der Folge mehrere Bücher publiziert, die er allerdings unter Pseudonym herausgeben muss, um seinen Posten als Beamter nicht zu gefährden. Im November 1898 kann er endlich zum Doktor der Rechte promovieren.

In der Partei

Bibliotheksleiter Lipiner beginnt zu ahnen, dass sein junger Mitarbeiter nach Höherem strebt: "Wer derartige Studien hinter sich und eine auch nur mäßige Begabung hat, geht auf etwas Anderes aus, als auf einen relativ bescheiden honorierten Bibliotheksdienst, in welchem er zu einer irgendwie bedeutenden Stellung zu gelangen kaum hoffen darf." Tatsächlich wollte Renner dem Parlament durchaus treu bleiben, aber er dachte schon frühzeitig daran, die Seiten zu wechseln.

Seit 1897 gibt es eine eigene sozialdemokratische Parlamentsfraktion, die unter der Leitung des Krakauer Volkstribuns Ignacy Daszynski steht. Ziel der Partei ist ein faires Wahlrecht, welches die Sozialdemokratie fraglos zu einer der stärksten Klubs im Hause machen würde. Nach acht Jahren des Kampfes und der Mobilisierung der Massen sollte die Partei in dieser Frage siegreich sein. Renner hat sich mittlerweile in der Sozialdemokratie etabliert und zählt zu ihrem engeren Führungskreis. Kein Wunder also, dass er für die ersten Wahlen nach dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht als Kandidat nominiert wird.

Als Abgeordneter im Hohen Haus

Am 14. Mai 1907 wird Renner im Wahlkreis Neunkirchen mit 4.736 Stimmen zum Abgeordneten gewählt. Schon zehn Tage nach seiner Angelobung steht Renner erstmals am Rednerpult - er fordert die Ausweitung des allgemeinen Wahlrechts auf die Landtage. Seine Rolle innerhalb der Fraktion kann auch daran ermessen werden, dass er von ihr in die prestigeträchtigen Ausschüsse - etwa Budget-, Justiz- und Steuerfragen - nominiert wird. Er etablierte sich als einer der Hauptredner der Sozialdemokratie und entwickelte auch in Sachen Ausschussberichte und Interpellationen beachtliche Aktivität.

Ein besonderes Anliegen war ihm dabei der Fortbestand der Monarchie. Der nationalen Frage wohnte in dieser Hinsicht eine besondere Sprengkraft inne, wie Renner aus seinen bisherigen Arbeiten nur zu gut wusste. Wollte die Monarchie bestehen, musste sie sich wandeln, oder, wie es Renner im November 1909 in einer Rede vor dem Abgeordnetenhaus formulierte: "So werden wir unter dem Gesichtspunkt der nationalen Autonomie das einheitliche Prinzip aller in unserem Lager vereinigten Nationen Ihnen entgegenhalten und dadurch werden wir in Österreich eine Verbrüderung freier Völker, einen Bund freier Nationen erringen, die Demokratie der Verwaltung."

Doch Renners Zuversicht wich bald einer gewissen Ernüchterung. Die Behörden des Habsburgerreiches beabsichtigten nicht, den Völkern mehr Raum zu geben. Und der Erste Weltkrieg machte ohnehin alle Reformbestrebungen obsolet. Beinahe schon resignativ meinte Renner bei der Wiedereröffnung des Parlaments im Frühjahr 1917: "Schaffen Sie uns die Möglichkeit, in diesem Lande zu leben, schaffen Sie dem Arbeiter die Möglichkeit, in der Gemeinde, im Kreise, im Land und im Staate zu wirken, das bisschen Arbeiterschutz sich durchzusetzen, seine persönliche Würde sich zu wahren, schaffen Sie ihm diese rechtliche Möglichkeit, und er wird in diesem Lande arbeiten und mit ihm verwachsen. Wenn aber der Staat ein Staat des Chaos bleibt, der Willkür, der Recht- und Gesetzlosigkeit, dann soll er zugrundegehen." Eineinhalb Jahre später sollte sich Renners Prophezeiung erfüllen.

An der Wiege der Republik

Im Oktober 1918 strebten die Völker Habsburgs los von Wien. Tschechen, Polen, Südslawen, ja schließlich auch die Ungarn, absentierten sich aus dem Staatsverband. Den deutschsprachigen Abgeordneten blieb wenig mehr zu tun übrig, als sich zu einer provisorischen Nationalversammlung zusammenzuschließen, um das neue Österreich aus der Taufe zu heben. Am 30. Oktober 1918 wurde Karl Renner mit der Führung der Regierungsgeschäfte betraut, wenig später wurde dafür der Titel "Staatskanzler" gefunden. Am 12. November 1918 wurde aus dem ehemaligen Kaiserreich Österreich-Ungarn die Republik (Deutsch)Österreich, und der einstige Bibliothekar war ihr oberster Repräsentant. Bei den Wahlen zur Konstituierenden Nationalversammlung im Februar 1919 wurde die Sozialdemokratie abermals stärkste Kraft, Renner blieb sohin im Amt. Unter seiner Regierung erlebte Österreich den grundlegendsten Modernisierungsschub seit den Tagen von Josef II. am Ende des 18. Jahrhunderts.

In der Zeit zwischen 1918 und 1920 wurde nicht nur der Achtstundenarbeitstag eingeführt, die Pensions- und Sozialvorsorge geschaffen, der Urlaubsanspruch durchgesetzt, es durften endlich auch die Frauen wählen und gewählt werden, und dank der Sozialdemokratie blieben Österreich grundlegende Erschütterungen wie in Deutschland oder Ungarn erspart. Renner bilanzierte 1920 wie folgt über jene Epoche: "Für uns war es in den Zeiten des Zusammenbruchs selbstverständliches Gebot der Pflicht, alles zu tun, um das Land aus der Katastrophe herauszuführen, um die Republik einzurichten und zu sichern, um die Demokratie herzustellen und auf dem Gebiet der sozialen Verwaltung jenes Existenzminimum zu schaffen, ohne das die Arbeiterklasse diese Krise zu überleben nicht in der Lage gewesen wäre."

Doch die Koalition währte nicht lange. Die bürgerlichen Parteien ließen sich nur ob ihrer Furcht vor einer sozialen Revolution zur Zusammenarbeit bewegen. Ende 1920 ist diese Angst dahin. Christlichsoziale und Deutschnationale schließen sich zu "Schwarzblau" zusammen, um bis 1934 gemeinsam zu regieren. Der Sozialdemokratie bleibt nur der Weg in die Opposition, nachdem sie kurz zuvor noch ein wichtiges Werk, die Österreichische Bundesverfassung, durchgebracht hatte. Renner scheidet aus der Regierung aus und wird wieder einfacher Abgeordneter.

Präsident des Nationalrats

Die 20er Jahre sehen Renner wieder als prominenten Redner seiner Partei, der "nebenbei" auch in den Organisationen der Partei - den Naturfreunden, der Konsum-Bewegung, der Arbeiterbildung - hoch aktiv ist. Doch neuerliche Weihen scheinen dem einstigen Regierungschef verwehrt. Bei den Wahlen 1920 trennen die Sozialdemokraten 16 Sitze von der relativen Mehrheit. Doch der Vorsprung des politischen Gegners schmilzt. 1923 beträgt er 14, 1927 gar nur noch zwei Mandate, und 1930 ist es endlich so weit: die Sozialdemokratie ist wieder, wie zuletzt 1919, die stimmenstärkste Partei im Land. Wurde zunächst Mathias Eldersch, der altgediente Zweite Präsident des Nationalrates, von seiner Partei auf den Präsidentensessel berufen, so avancierte im April 1931, nach Elderschs überraschendem Tod, Renner in das zweithöchste Amt des Staates.

Renner war nun beinahe 61 Jahre alt, und der Posten des Nationalratspräsidenten hätte der krönende Abschluss einer über ein Vierteljahrhundert währenden Arbeit für den Staat sein können, wenn die politischen Ereignisse jener Jahre dem nicht entgegengestanden wären. Der seit 1932 als Bundeskanzler amtierende Engelbert Dollfuß drängt auf die Beseitigung der Demokratie, und so kommt ihm eine Abstimmungspanne im Hohen Haus am 4. März 1933, in deren Gefolge alle drei Präsidenten zurücktreten, gerade recht, um das Parlament auszuschalten. Fortan existiert nur noch der Bundesrat, der mitsamt seinem Präsidenten Theodor Körner im Februar 1934 ebenfalls "beseitigt" wird. Renner und Körner finden sich mit zahllosen Gesinnungsgenossen in den Kerkern des Regimes wieder, andere wie Kreisky und Jonas sollten folgen.

Renner bleibt bei all dem noch relativ unbehelligt. Ab Ende Mai 1934 ist er wieder auf freiem Fuß, und er retiriert nach Gloggnitz, wo er schon seit den Zeiten der Monarchie eine Villa besitzt. Dort verfasst er seine Memoiren, als neues Unheil über Österreich hereinbricht.

Sündenfall

Im März 1938 marschiert die deutsche Wehrmacht in Österreich ein, das Land hört zu bestehen auf, wird Teil Hitlerdeutschlands. Abermals werden tausende Patrioten inhaftiert und wenig später in die Lager der Nazis verschickt. Dennoch versuchen die Nationalsozialisten, ihren Gewaltakt "demokratisch" zu legitimieren. Sie setzen eine Volksabstimmung an, die den "Anschluss" bestätigen soll. An dieser Stelle kommt es zu Renners "Sündenfall". Er erklärt sich zu einer Pro-Stellungnahme bereit und erklärt in einem Interview mit dem "Neuen Wiener Tagblatt", er stimme mit "Ja".

Dieser Schritt ist später von Verteidigern Renners damit begründet worden, er habe durch diesen Dienst gefährdete Genossen, namentlich Robert Danneberg, retten wollen, doch verfängt diese Argumentation nicht, wenn man bedenkt, dass Renner im Sommer 1938 ein eigenes Propagandabuch für die Nationalsozialisten verfasste, welches das "Recht" des Deutschen Reiches auf das Sudetenland beweisen sollte.

Diese Schrift war lange unbekannt, ehe der spätere ORF-Journalist Raimund Löw 1977 unter dem eher marktschreierischen Titel "Wie Renner Österreich verriet" im "Forvm" Auszüge daraus publizierte, die später Anton Pelinka in seinem Renner-Porträt aufgriff. Vor allem seit dem Nachdruck dieses Werkes 1990 ist die Diskussion darüber in Fachkreisen nicht mehr zur Ruhe gekommen.

Schon 1930 hatte Leo Trotzki Renner des Opportunismus geziehen, und dieser Vorwurf ist wohl nicht völlig aus der Luft gegriffen, wenn man bedenkt, dass Renner keinerlei Hemmungen hatte, nur sieben Jahre später den Generalsekretär der KPdSU als "lieber Genosse Stalin" zu titulieren und davon zu berichten, dass "das Vertrauen der österreichischen Arbeiterklasse in die Sowjetrepublik grenzenlos geworden" ist. Auch diesen Schritt redeten Renners Verteidiger später als taktische Meisterleistung schön.

Wiedergeburt

Fakt ist freilich, dass Renner zu einem Zeitpunkt, da in weiten Teilen Österreichs und Deutschlands noch gekämpft wird, darangeht, Österreichs Wiedergeburt in die Wege zu leiten. Die Legende will es, dass Renner im April 1945 zu den Sowjets Fühlung nimmt, um die Gloggnitzer vor Schaden zu bewahren, woraufhin die Sowjets, der Bedeutung Renners bewusst, diesen sofort nach Wien verfrachtet hätten, damit dieser dort eine Regierung bilde. Seine Gegner werfen Renner hingegen vor, er habe sich angedient. Die Wahrheit dürfte wohl irgendwo in der Mitte liegen.

Jedenfalls ist Renner wenig später wieder in Wien und bildet am 27. April 1945 eine provisorische Regierung. Abermals ist er Staatskanzler, zur Seite stehen ihm als Stellvertreter Adolf Schärf, Leopold Figl und Johann Koplenig. Mit diplomatischem Gespür gelingt es ihm, die Bundesländer davon zu überzeugen, dass er keine sowjetische Marionette ist, und so treten im September 1945 auch aus dem Westen des Landes Politiker in sein Kabinett ein.

Im November 1945 finden erstmals seit 15 Jahren wieder Wahlen in Österreich statt, und die bringen der ÖVP eine absolute Mehrheit. Die Dreiparteienkoalition wird dennoch fortgesetzt, nur übernimmt Figl nun den Posten des Bundeskanzlers. Renner beruft - als letzter frei gewählter Nationalratspräsident - die Sitzung des neuen Nationalrates für den 19. Dezember 1945 ein, wo er Karl Seitz als Alterspräsident den Vorsitz überträgt. Er selbst legt Bilanz über seine achtmonatige Tätigkeit - und wird am folgenden Tag einstimmig zum Bundespräsidenten der Republik gewählt.

Das höchste Amt im Staat

Renner ist 75 Jahre und sechs Tage alt, als er in das höchste Amt im Staate berufen wird. Der einstige kaiserliche Bibliothekar ist nun selbst oberster Vertreter jenes Staatswesens, auf welches seine Nachfolger in der Verwaltung angelobt werden. Nach seiner Angelobung erklärt Renner vor dem Parlament: "Nehmen Sie die Versicherung entgegen, dass ich mir treu bleiben werde, treu bleiben in meiner unvergänglichen Liebe, in meinem unwandelbaren Bekenntnis zur Demokratie und in meiner angeborenen und niemals wankenden Liebe zu unserem Vaterlande Österreich!"

Mit großem Geschick hatte Renner alle Klippen des Schicksals umschifft, und angesichts der Erfahrungen der ersten Jahrhunderthälfte war Renner für nahezu alle politischen Lager im Winter 1945/46 zur Vaterfigur geworden. Als solche setzte er sich noch bis zuletzt für die volle Souveränität Österreichs ein, doch konnte er sein letztes großes Ziel, den Abschluss eines Staatsvertrages, nicht mehr erleben. Er starb wenige Tage nach seinem 80. Geburtstag just am Silvesterabend 1950 und wurde am 5. Januar 1951 in der Ehrengruft der Präsidenten am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt. Sein Leben war, wie Heinz Fischer 1970 schrieb, "das Porträt einer Evolution von der Erkämpfung des allgemeinen Wahlrechtes bis zur Errichtung der Zweiten Republik."

Die heute enthüllte Gedenktafel zählt die wichtigsten Funktionen Renners auf und weist seine Geburts- und Sterbedaten und zudem seine Unterschrift auf. (Schluss)