Parlamentskorrespondenz Nr. 30 vom 25.01.2006
Raum-Klänge: Konzert in der Säulenhalle des Parlaments
Wien (PK) – Die Säulenhalle des Parlamentsgebäudes mutierte gestern Abend zu einem Konzertsaal. Unter dem Titel "Raum-Klänge" präsentierte Karheinz Essl gemeinsam mit dem "ensemble xx.jahrhundert" unter der Leitung von Peter Burwik sowie mit Günter Meinhart an den Schlaginstrumenten fünf seiner Kompositionen, die die stimmungsvoll beleuchtete Halle regelrecht mit Klängen erfüllten und somit dem, antiken Tempeln nachempfundenen, Raum eine gewisse Transzendenz verliehen. Das zum Schluss dargebotene Werk "Intervention" hat Karlheinz Essl vor rund zehn Jahren speziell für die besonderen akustischen Gegebenheiten der Säulenhalle komponiert. Somit konnte es nun, wie im Programmheft ausgedrückt, "ortsgerecht" wiedergegeben werden. Auch die übrigen vier Musikstücke brachten den Raum voll zum Klingen.
Nationalratspräsident Andreas Khol sprach daher von einer "berührenden Atmosphäre" und zeigte sich "vom Zauber der Musik gefangen". Er sei froh darüber, dass man sich getraut habe, dieses "experimentelle Konzert" zu realisieren, sagte Khol. Die Zuhörerinnen und Zuhörer reagierten begeistert, was durch den lang anhaltenden Applaus unterstrichen wurde. Unter den zahlreichen Gästen befand sich auch die Präsidentin des Bundesrates, Sissy Roth-Halvax.
Die Säulenhalle als Aufführungsort für musikalische Werke zu wählen, mag zwar auf Grund des Ambientes, das dieser Raum bietet, nicht überraschen. Wer jedoch die äußerst schlechte Akustik dieses Ortes kennt, würde ein solchen Unterfangen von vornherein ausschließen. Gerade diese Schwierigkeit war es aber, die Karlheinz Essls Interesse weckte und ihn dazu brachte, die Herausforderung anzunehmen, für eben diese "eigentümlich Akustik", hervorgerufen durch einen Nachhall von 12 Sekunden, ein Werk zu verfassen.
Das Ergebnis der intensiven Beschäftigung mit den sich in der Säulenhalle überlagernden "Klangbändern", die einen "mehrdimensionalen Klangraum" entstehen lassen, ist die Komposition "Intervention". Die Musiker waren bei der Wiedergabe in der Säulenhalle nicht wie in einem Konzertsaal üblich angeordnet, sondern saßen in jeweils vier gleich instrumentierten Orchestergruppen, bestehend aus jeweils sechs Musikerinnen und Musikern, in den Ecken des Raums, um unter Ausnützung des Halls einen "kreisenden, sich wölbenden Klangraum" zu erzeugen.
"Intervention" ist ein Auftragswerk für einen geplanten aber auf Grund von Neuwahlen nicht durchgeführten Festakt in der Säulenhalle des Parlaments anlässlich der 50-Jahr-Feier der Republik Österreich im Jahr 1995. Etwas mehr als zehn Jahre später war es nun möglich, diese Komposition an ihrem tatsächlichen Bestimmungsort einem interessierten Publikum zu präsentieren.
Das Konzertprogramm umfasste neben diesem Orchesterstück vier weitere Kompositionen, die ebenfalls das Thema des Raumklangs aufgreifen.
So wird bei "Faites vos jeux", einem Klangspiel für im Raum verteilte Instrumentalistinnen und Instrumentalisten, vieles dem Zufall überlassen. Es besteht aus 48 Einzelkarten mit unterschiedlichen musikalischen Motiven. Jede Musikerin und jeder Musiker erhält vor der Aufführung einen jeweils neu zusammen gemischten eigenen Kartenstapel, wodurch eine immer neue Abfolge des musikalischen Materials bewirkt wird. Die Komposition "four2eight" beschränkt sich auf vier um die Zuhörerinnen und Zuhörer positionierte Gruppen zu jeweils einer Trompete und einer Posaune. Bei "Sonnez la cloche!" bildet die Tonaufnahme eines einzelnen Glockenschlags das akustische Ausgangsmaterial, das in ein von Essl geschriebenes Computerprogramm eingespeist und dort vielfältigsten kompositorischen Prozessen unterworfen wird. Das Stück "el-emen’" für Solo-Schlagzeug und Live-Elektronik entstand in Zusammenarbeit mit Günter Meinhart, Lehrer an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz, der auch gestern die Schlaginstrumente spielte.
Karlheinz Essl - Kurzbiographie
Karlheinz Essl wurde am 15. August 1960 in Wien geboren und absolvierte eine Ausbildung zum Chemie-Ingenieur, ehe er an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien Tonsatz bei Alfred Uhl, Kontrabass bei Heinrich Schneikart, Komposition bei Friedrich Cerha und Elektroakustische Musik bei Dieter Kaufmann studierte. Das Studium der Musikwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Wien schloss er mit der Dissertation "Das Synthese-Denken bei Anton Webern" ab.
Bereits früh stellte Essl den Begriff des Komponisten als autonomen Urheber und die traditionelle Aufführungspraxis in Frage und entwickelte ein computer-basiertes Software-Instrument, das er in seinen Musikperformances und Improvisationsprojekten einsetzt. In der Zusammenarbeit u.a. mit dem "Sprayer von Zürich", Harald Naegeli, dem Literaten Andreas Okopenko, der Architektin Carmen Wiederin, der Videokünstlerin Vibeke Sorensen sowie bildenden Künstlern wie Hermann Nitsch und Fabrizio Plessi setzt Essl seinen Begriff von einer zeitgemäßen Musik jenseits traditionsgebundener Realisationsmuster um.
Neben seiner Lehrtätigkeit am "Studio for Advanced Music & Media Technology" der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz betreut Essl als Musikintendant der Sammlung Essl Konzertreihen mit neuer, experimenteller und improvisierter Musik. Für seine kompositorische Tätigkeit wurde er u.a. mit dem "Adolf Schärf–Preis" der Stadt Wien und dem "Würdigungspreis des Landes Niederösterreich" für Musik ausgezeichnet.
Nähere Informationen über Karlheinz Essl sind unter http://www.essl.at zu finden.
ensemble xx. jahrhundert
Dieses Solistenensemble wurde im Jahr 1971 von seinem Leiter Peter Burwik, Lehrer an der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst, gegründet. Es formiert sich aus Mitgliedern großer Wiener Orchester und freischaffenden Instrumentalisten. Ziel ist es, die Musik des 20. Jahrhunderts bekannt zu machen und mittels Kompositionsaufträgen das Gegenwartschaffen zu fördern. Einen wesentlichen Schwerpunkt seiner Arbeit bildet die Auseinandersetzung mit den Werken von Schönberg, Berg und Webern.
Das Ensemble kann auf eine rege Konzerttätigkeit im In- und Ausland verweisen und ist oft Gast zahlreicher internationaler Festivals. Das Orchester beschäftigt sich auch verstärkt mit grenz- und genreüberschreitenden Kompositionen, sei es mit dem Projekt "Alter Wiener Musik", sei es mit der geplanten Präsentation zeitgenössischer Werke aus China, Mexiko, Aserbeidschan, Kaukasus-Ländern und Südamerika.
Näher Informationen über das "ensemble.xx.jahrhundert" bietet das Internet unter: http://www.exxj.com (Schluss)