Parlamentskorrespondenz Nr. 525 vom 03.06.2008
Zukunftsmusik (3 und Schluss)
Wien (PK) – Musikwirtschaft und Standortentwicklung war das Thema des dritten Themenblocks der parlamentarischen Enquete zum Thema "Zukunftsmusik". Die Enquete wurde am Nachmittag fortgesetzt und mit einer allgemeinen Diskussion gegen Abend abgeschlossen.
Dorfmeister: Unterstützung des heimischen Marktes nötig
Stefan Dorfmeister, "Austrian Music Ambassador Network", sprach zum Thema Populärmusik und beleuchtete den internationalen Kontext der österreichischen Musikwirtschaft. Es gehe darum, die heimischen Produkte international bekannter zu machen, zumal in Zeiten der Globalisierung, deren Chancen es zu nutzen gelte. Hierzu müssten die Rahmenbedingungen bei der Vermarktung optimiert werden, die heimische Standortpolitik müsse darauf abgestellt werden, wozu es auch erforderlich sei, den verschiedenen Sparten der heimischen Musik mehr "Respekt" entgegenzubringen. Konkret brauche es entsprechende Unterstützung des heimischen Marktes, schloss Dorfmeister.
Leonhard: Trend zur "Musik im Netz"
Der Buchautor Gerd Leonhard meinte, man sei bei der Verbreitung von Musik via Internet noch am Anfang. Doch schon jetzt hörte eine beachtliche Menge Menschen Musik im Netz, wobei sich der Trend verstärke, dass die Musikstücke gratis an den Konsumenten kämen, was auf den traditionellen Bereich des Musikmarktes entsprechende Auswirkungen habe. Es ergäben sich in diesen Zusammenhang viele rechtliche Fragen, die derzeit noch einer Klärung harrten. So müsse das klassische Copyright durch ein zeitgemäßes Nutzungsrecht aktualisiert werden, erklärte Leonhard. Es brauche eine Lizenzierung der neuen Möglichkeiten, dann würden sich diese auch kommerziell lohnen, schloss der Redner.
Baum: historisch gewachsene Strukturen nicht zerstören
Andreas Baum von der AKM erklärte das gegenwärtige System der kommerziellen Verwertung von Musik. Durch Organisationen wie die AKM werde das Urheberrecht von Komponisten ansprechend vertreten, wobei auf Basis von Gegenseitigkeit auf jedem Territorium jeweils das gesamte Weltschaffen repräsentiert wird. Nun gebe es aber Versuche, dieses System unter Berufung auf den freien Wettbewerb zu zerschlagen, was sich überaus negativ auf historisch gewachsene Strukturen, die sich bewährt haben, auswirken würde. Solchen Initiativen müsse man im Interesse der Urheber, aber auch im Interesse der Konsumenten, eine Absage erteilen. Derzeit herrschten klare Verhältnisse, die für ein breites Angebot und kulturelle Vielfalt sorgten, alles andere würde sich á la longue nur negativ auswirken, weshalb er als Kreativer dafür eintrete, gegen solche Vorhaben aufzutreten, damit auch künftig noch die AKM und nicht das AMS für die Musiker zuständig bleibe.
Mitsche: ORF als wichtigster Träger am elektronischen Medienmarkt
Willy Mitsche (ORF) erläuterte zunächst, dass der ORF täglich 6,1 Mill. Menschen in Österreich, das sind 82,6 %, erreicht und über einen Tagesmarktanteil von 79 % verfügt. Damit sei der ORF der wesentlichste Träger am österreichischen elektronischen Medienmarkt.
Mitsche verteidigte die Programmpolitik des ORF und betonte, der Anteil an österreichischer Musik im ORF betrage 25 %. Der Unterschied zum Zahlenmaterial der AKM entstehe dadurch, dass sich der ORF an den InterpretInnen orientiert, die AKM aber an den UrheberInnen. Mitsche bekräftigte, der ORF sei der österreichischen Identität einerseits und den Wünschen der KonsumentInnen andererseits verpflichtet. Er ging dann näher auf die einzelnen Programme des ORF ein und betonte, in der Sendung "Zeitton" in Ö1 liege der Anteil an zeitgenössischer Musik von österreichischen MusikerInnen bei 60 %. Mitsche erwähnte auch das Radio-Symphonieorchester, das jährlich bis zu 12 Kompositionsaufträge vergibt und immer wieder Erstaufführungen österreichischer KomponistInnen vornimmt. In Ö3 werden laut Mitsche 85 österreichische InterpretInnen regelmäßig eingesetzt. Die Programmauswahl von Ö3 basiere auf Qualität und der Akzeptanz beim Publikum, sagte er und informierte über die Initiativen "Neue Österreicher", "Ö3 Soundcheck" sowie über die Off-Air-Aktivitäten für österreichische MusikerInnen. Ebenso engagiert auf diesem Gebiet sei FM4, wo es den Soundpark, eine Einstiegshilfe für österreichische MusikerInnen, gebe. Auch die Regionalradios seien Partner der lokalen Musikszene, fügte Mitsche hinzu.
Abschließend unterstrich Mitsche, der ORF nehme seine Verantwortung wahr und seine Qualitätskriterien seien durch das Angebot am Musikmarkt sowie durch die Akzeptanz beim Publikum definiert. Quoten lehnte er ab. Er schlug jedoch vor, eine Arbeitsgruppe für weitere Diskussionen und Lösungsvorschläge einzusetzen.
Eder: ORF erfüllt seinen Programmauftrag nicht
Hannes Eder (Universal Music Austria) konterte, der Vorschlag, eine Arbeitsgruppe einzusetzen, liege seit 20 Jahren auf dem Tisch. Er widersprach der Darstellung seines Vorredners heftig und stellte fest, 86 % des Musikprogramms des ORF seien anglo-amerikanischen Ursprungs. Auch Ö3 bringe nur 5 % von heimischen MusikerInnen. Damit stehe die Musiknation Österreich am Schluss jeder Vergleichsstatistik.
Eder betonte, es sei notwendig, zunächst in Österreich erfolgreich zu sein, um dann im Ausland reüssieren zu können. In Österreich kämen jedoch auf Grund der Umstände die Pop- und Rockproduktionen mehr und mehr zum Erliegen. Der ORF erfülle seinen Programmauftrag nicht, und ausgerechnet der Sender mit der größten Reichweite, Ö3, nehme diesen nur oberflächlich wahr. Dabei mangle es nicht an sendefähigem Material, sagte Eder, der auch das Argument, eine Erhöhung der Quote an österreichischen MusikerInnen vertreibe HörerInnen und Werbung, zurückwies. Man wisse aus Umfragen, dass die ÖsterreicherInnen ein ausgewogenes Programm mit heimischem Bezug wünschen. Durch die Diskussionsverweigerung des ORF habe unter den MusikerInnen in der Zwischenzeit Demoralisierung und Depression Platz gegriffen, konstatierte er. Eder forderte daher eine freiwillige Erhöhung der Quote als Antwort auf die Identitätsdebatte, damit man jenen, die die Musiknation Österreich formen, einen Chance gibt.
Smudits: E-Musik-Weltmacht, aber musikindustrielle Kolonie
Alfred Smudits (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, Mediacult) konnte dem Argument, Österreich sei ein kleines Land und ein kleiner Binnenmarkt, weshalb man am heimischen Markt nicht überleben könne, nicht viel abgewinnen. Österreich sei eine Weltmacht auf dem Sektor der E-Musik, aber eine musikindustrielle Kolonie, mit relativ kleinen Dependancen, bemerkte er pointiert. Es gehe nun in erster Linie darum, den gesetzlich festgeschriebenen Kulturauftrag des ORF zu definieren, sagte er, was eine kulturpolitische Diskussion voraussetze.
Als notwendige Maßnahme nannte er Lobbying, Lobbying und nochmals Lobbying. Die Einführung einer Quote für österreichische Musik wäre für ihn insofern kein Tabubruch, da es diese schon für den Film gibt. Eine Quote allein genüge jedoch nicht, sondern es bedürfe zusätzlicher flankierender Maßnahmen, wie etwa Auflagen für Privatradios. Smudits schlug auch vor, Spartenprogramme einzurichten, die vom ORF gemeinsam mit Stakeholdern getragen werden. Darüber hinaus hielt er eine kontinuierliche Evaluierung der Erfüllung des Kulturauftrags durch eine vom ORF unabhängige Einrichtung für erforderlich.
Tomandl: Verbindliche Quote für heimische Musik
Georg Tomandl von Fachverband der Audiovisions- und Filmindustrie und Obmann des Österreichischen Musikfonds erinnerte an die Gründung des Österreichischen Musikfonds, der es sich zur Aufgabe gestellt hat, Musikschaffen, Musikproduktion und Live-Tourneen zu fördern, um die musikalische Vielfalt in Österreich zu erhalten. Der ORF, für den die Österreicher ja zahlen müssen, sollte die Plattform bieten, dass man die Bands und die Musiker des Landes auch hören kann. Laut AKM betrage der Österreich-Anteil 5,5 % in Ö3, auch bei FM4 sinken die Zahlen. Im Radio gebe es zwar Band-Wettbewerbe, aber der Sieger habe keine Garantie, gespielt zu werden, weil – laut Auskunft – "in Ö3 das gespielt wird, was dorthin passt". Es geht nach Meinung von Tomandl nicht, dass ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk bei seinem wesentlichen Sender nach Privatradiomaßstäben durchformatiert ist; außerdem sei es "eigenartig", dass es zwar Hörertests gibt, deren Auswertung kenne aber niemand. Ein wesentliches Kriterium für die Erfüllung des Kulturauftrages sei das Abspielen von Neuigkeiten. Daher forderte Tomandl die Einführung einer verbindlichen Quote für heimische Musik in allen Sendern.
Ager: Was nicht im ORF gespielt wird, wird nicht nachgefragt
Klaus Ager, Vorsitzender des Österreichischen Komponistenbundes, sprach die Anerkennung der Komponisten und eine faire Remuneration deren Arbeit an. Wenn man nach neuen Modellen der Remuneration suchen will, dann seien die Komponisten gerne zu einer Mitarbeit bereit. Hinsichtlich des heimischen Repertoires sei die Situation nicht nur katastrophal, sondern "dramatisch ernst". Österreich liege, was wenig überraschend ist, mit seinen 10 % an letzter Stelle. Wenn man zudem weiß, dass der öffentlich-rechtliche ORF Marktführer ist – 78 % der Österreicher hören oft Musik im Radio –, dann sollte man darüber nachdenken, was man mit dem ORF machen könne. Die Musik, die nicht im ORF gespielt wird und nicht bekannt ist, wird auch nicht nachgefragt, betonte er. Keine Nachfrage bedeutet: keine Tonträgerverkäufe, keine Konzertprogrammierung, keine Auftrittsmöglichkeiten, keine Kompositionsaufträge, keine Plattenverträge, keine Verlagsverträge. Das führe zu weniger Wertschöpfung aller an der Wertschöpfungskette beteiligten Personen und Unternehmen, angefangen von den Urhebern der Werke über die Interpreten, die Performer und Ausführenden bis zu den Tonstudios, Verlagen, Labels usw. Da gehe es insgesamt um sehr, sehr viel Geld, unterstrich Klaus Ager.
Medwenitsch: Musikwirtschaft - keine Arbeitsgruppe, sondern Arbeit
Auch beim Panel "Österreichische Musikwirtschaft quo vadis?" wurde der Frage des österreichischen Musikanteils im ORF seitens der ReferentInnen breiter Raum gewidmet. So wandte sich etwa Franz Medwenitsch vom Verband der österreichischen Musikwirtschaft mit der Feststellung an den ORF-Vertreter Willy Mitsche, dass die Musikwirtschaft dem ORF mit ihrer Forderung nach mehr österreichischer Musik im Österreichischen Rundfunk nicht schaden wolle. Vielmehr gehe es um eine Partnerschaft. Der Idee einer Arbeitsgruppe stehe er allerdings skeptisch gegenüber, sagte er, was die Musikwirtschaft brauche, sei keine Arbeitsgruppe, sondern Arbeit. Es hindere den ORF niemand, von sich aus mehr österreichische Musik zu spielen.
Der ORF ist Medwenitsch zufolge schon deshalb wesentlich für die österreichische Musikwirtschaft, weil der österreichische Musikmarkt sehr klein sei und das Produktionsrisiko daher verhältnismäßig hoch. Ohne Partner in den Medien sei Musikproduktion schwierig.
Als auffällig erachtet es Medwenitsch, dass das Interesse an Musik in den letzten Jahren gestiegen sei, die Absätze aber sinken. Es gebe also kein Produktproblem, meinte er, die Wertschöpfung laufe jedoch offenbar an der Musikwirtschaft vorbei. Medwenitsch forderte auch eine breitere gesellschaftliche Debatte über den Wert des geistigen und kreativen Eigentums, und wertete in diesem Zusammenhang die Urheber-Schutzfrist für Musiker und Labels als viel zu niedrig.
Müller: Ein Musikstandortsicherungsgesetz muss her
Werner Müller, Geschäftsführer des Fachverbands Film- und Musikindustrie der Wirtschaftskammer Österreich, wies ebenfalls auf den kleinen Inlandsmarkt für die Musikwirtschaft hin. Gleichzeitig machte er auf den "nicht voll entwickelten" Exportmarkt, rückläufige Umsätze im traditionellen CD-Bereich, kleine Firmenstrukturen und die seiner Meinung nach noch "entwickelbare" Medienpräsenz im ORF und bei Privaten aufmerksam.
Besonders hob Müller hervor, dass es für die Musikwirtschaft, im Gegensatz zum Filmbereich, in Österreich kaum Förderungen gebe. Er sprach sich in diesem Sinn für ein "Musikstandortsicherungsgesetz" aus, in dessen Rahmen man verschiedene Förderungen zusammenfassen könnte. Ebenso urgierte er einen verstärkten Kampf gegen Piraterie und gesetzlich verpflichtende bzw. zumindest freiwillige Quoten für österreichische Musik im Rundfunk.
Quendler: Muss sich Kunst rechnen?
Harald Quendler, Chef der "Extraplatte", meinte eingangs seines Statements, die Sicht des Kaufmanns sei nicht immer die Sicht des Musikinteressierten. Auch über die Frage "Muss sich Kunst rechnen?" werde schon lange diskutiert. Er selbst verneine diese Frage.
Quendler ortet u.a. gravierende Mängel im Ausbildungsbereich, nicht nur für Musiker, sondern auch im Musikmanagement. Überdies sprach er von einer "schauderhaften" Medienlandschaft und einem ratlosen ORF. Gravierende Folgen hat seiner Auffassung nach auch die Trennung zwischen E- und U-Musik, die nicht zuletzt zu einer unterschwelligen Diskriminierung der U-Musik führe.
Hynek: Mehr heimische Musik ins Radio
Musikdirektor Johannes Hynek setzte sich mit adäquater Nachwuchsförderung auseinander, wobei er auf konkrete Projekte auf diesem Gebiet einging. Dabei merkte er an, dass eine Förderung des Nachwuchses auch bedinge, dass das Hauptmedium des Landes die heimischen Produktionen entsprechend propagiert. Nur, wenn der ORF seine diesbezügliche Aufgabe wahrnehme, könnten die österreichischen Produkte auch auf dem Markt konkurrenzfähig sein, behauptete Hynek, der mit der Losung schloss: "Mehr heimische Musik ins Radio!"
Kirchmayr: Geeignete Produktionsstätten für Musik
DJ Susanne Kirchmayr sah sich als Vertreterin der elektronischen Musik und ging auf die Bedingungen in "ihrer Sparte der Musik" ein. Vor allem beleuchtete sie die elektronische Musik aus der Sicht von Live-Auftritten, für welche sie sich ansprechende Rahmenbedingungen wünschte. Zudem trat sie dafür ein, geeignete Produktionsstätten für Musik zu schaffen, wovon vor allem der Nachwuchs, aber auch weibliche Künstlerinnen, profitieren könnten.
Abschließende Diskussion
Die folgende Diskussionsrunde eröffnete Peter Legat (Präsidentenkonferenz Musik) mit der Forderung nach einer Quote von mindestens 40 % inländischer Musik auf Ö 3, während Harald Ossberger (Präsidentenkonferenz Musik) meinte, ohne Basisförderung der Musiker könne es keine Szene geben. Projektförderung allein reiche nicht aus, es gehe vor allem auch um die Ermöglichung des Existierens überhaupt.
Santangela Jura (IG World Music) sprach von den Problemen der Musiker im Bereich World Music und setzte sich kritisch mit der Fremdenrechtslage in Österreich auseinander, die ihrer Einschätzung nach ausländische Musiker von der Förderung ausschließe und diskriminiere.
Horst Unterholzner (Verband der österreichischen Musikwirtschaft) sah insbesondere Handlungsbedarf bei der Förderung junger Pop- und Rockmusiker und meinte, auf dem Spiel stehe dabei die Sicherung des Standorts in Österreich.
Gerd Leonhard (MediaFuturist) trat für die Errichtung einer Quote auf dem Internet ein und argumentierte, die Zukunft des Musikkonsums liege im Breitband und im Handy, nicht beim traditionellen Radio. Dem hielt Paul Hertel (Österreichischer Musikrat) entgegen, die Musiker brauchten als Partner einen starken ORF. Das Internet sei eine interessante Zukunftsvision, derzeit gelte es aber, mit der Realität in der Gegenwart umzugehen.
Wolfgang Wasserburger (Elternvertreter der Musikschulen Wien) bedauerte, dass viele Kinder jahrelang Instrumente lernen, ohne je zeitgenössische Musik zu spielen. Bedauerlich sei auch die Situation der Musikausbildung. In Wien kommen auf jeden Klavierausbildungsplatz zwanzig Anmeldungen. "Die Lehrer können einem Leid tun, die Jahr für Jahr entscheiden müssen, wer zu den 95 % "unbegabten" Kindern gehört", sagte Wasserburger.
Abgeordnete Gertrude Brinek (V) unterstrich die Rolle der öffentlich-rechtlichen Medien in der Musikausbildung. Der ORF müsse Role Models liefern. Die Rednerin wandte sich gegen jede "Verzweckung" der musikalischen Bildung. Musik müsse sein dürfen, was sie ist, ein eigenständiger Zugang zur Welt, eine autonome Form der Kunst und der Erfahrung, die nicht therapeutischen oder sozialen Zwecken unterworfen werde.
Abgeordnete Christine Muttonen (S) begrüßte den Vorschlag für eine freiwillige Selbstverpflichtung des ORF zur Förderung des österreichischen Musikschaffens als konstruktiv und gab ihrer Freude an der Bereitschaft zur Mitarbeit an diesem Projekt Ausdruck. Muttonen hoffte auf zügige Gespräche und auf ein gutes Ergebnis.
Peter Rantasa (music information center austria) wandte sich gegen Lagerkämpfe zwischen E-Musik und U-Musik, hinter denen freilich klare Interessen stehen. Dass darüber geordnet diskutiert werde, sei erfreulich, denn immerhin gehe es um Verteilungskämpfe und Existenzen. Was noch fehle, seien Zahlen, Daten und Fakten, zeigte Rantasa auf und zeigte sich optimistisch für die Gespräche mit dem ORF.
Waltraud Dennhardt-Herzog (Außenministerium) unterstrich die Bedeutung des Musikexports für Österreich, diesen zu vernachlässigen, schade dem Land, denn die Musik verschaffe Österreich im Ausland einen enormen Standortvorteil. Die Erhaltung dieses Standortvorteils durch sinnvolle Auslandsarbeit brauche Strukturen im Inland. Die Rednerin informierte über das Projekt "New Austrian Sound of Music", mit dem das Außenministerium junge Musiker unterstütze und plädierte für eine Einbindung der Wirtschaft nach skandinavischem Vorbild.
Abgeordneter Hannes Weninger (S) hielt es für notwendig, die wirtschaftlichen, rechtlichen und fiskalischen Rahmenbedingungen der Musikproduktion angesichts völliger veränderter Marktbedingungen auf eine neue Ebene zu bringen. Der Abgeordnete begrüßte einen Dialog zwischen ORF und Musikbranche und sprach die Hoffnung auf eine kulturelle Partnerschaft aus, die aus dem Konflikt entstehen könnte. Ressortübergreifenden Handlungsbedarf zur Lösung fiskalischer und wirtschaftspolitischer Fragen sah Abgeordneter Weninger sowohl für die Bundesregierung als auch für das Parlament.
Bruno Strobl (IGNM) bot die Mitarbeit der Internationalen Gesellschaft für neue Musik bei der Lösung der angesprochenen Probleme an. Die Sendezeiten für Musik haben im ORF zugenommen und auch die Förderungen der öffentlichen Hand, die zeitgenössische Musik werde aber weniger gespielt und gefördert - die Förderungen haben in den letzten zehn Jahren um mehr als 50 % abgenommen. Ein spezieller Arbeitskreis sollte sich mit der Situation der zeitgenössischen Komponisten befassen, verlangte Strobl. Eine Quote für zeitgenössische Musik beim ORF fände er gut, sagte Strobl, aber nicht nur dort, sondern auch bei Orchestern und Musikausführenden.
Mia Zawelka fühlte sich als Musikerin und Komponistin in Ö1 und auch von ihrem Label gut vertreten. Wichtig seien neue Strategien zur Unterstützung des Marketings von Musiklabels. Der Musikstandort Österreich nütze der zeitgenössischen Musik wenig. Das Bewusstsein, dass Österreich zeitgenössische Musik komponiert und produziert werde, sei erst herzustellen. Für problematisch hielt die Musikerin den geringen Anteil zeitgenössischer Musik an Veranstaltungsprogrammen. "Neuer Wind in die Musikschulen" bestehe nicht darin, Popmusik nach Noten spielen zu lernen, sondern jungen Menschen die Möglichkeit zu bieten, Musik selbst zu produzieren.
Peter Paul Skrepek (Musiker-Komponisten-AutorenGilde) warnte vor der Übertragung des Bologna-Prozesses auf die österreichische Musik, dies würde das Ende jeder österreichischen Musik bedeuten. Skrepek bedauerte, dass österreichische Musikschaffende in der heutigen Diskussion geringer vertreten seien als bei einer parlamentarischen Diskussion im Jahre 1997. Das Angebot des ORF komme spät, wobei der Wind aus der EU wehe, die auf die Erfüllung des ORF-Bildungsauftrages dränge. Skrepek sprach sich für eine ernsthafte, datenfundierte Diskussion aus. Diese Diskussion sollte öffentlich geführt werden, verlangte er. Er möchte österreichische Musiker und Musikerinnen im Radio hören, und zwar nicht erst knapp vor oder nach Mitternacht, sagte Peter Paul Skrepek.
Abgeordneter Franz Morak (V) bekundete pointiert, er hasse es, Künstler sehen zu müssen, die als Bittsteller auftreten müssen. Die Wirklichkeit, die Künstler zwinge, zwischen Boheme und Obdachlosigkeit zu leben, sei veränderbar, sagte Morak, der als Musiker selbst unter einem Sendeverbot im ORF gelitten habe. "Wir brauchen einen starken ORF als Triebfeder, um zu zeigen, wer wir sind." Denn wenn ein österreichischer Künstler auf die Frage, wie oft er in Österreich gespielt werde, sage: "Nie", dann antworte man ihm in Deutschland: "Warum willst du dann hier gespielt werden?"
Georg Tomandl (Fachverband der Audiovisions- und Filmindustrie, Österreichischer Musikfonds) reagierte auf den Vorwurf, es gebe keine sinnvollen Konzepte zur Förderung des österreichischen Musikexports, mit Informationen über das "Austrian Music Ambassador Network", an dem 16 heimische Labels beteiligt sind.
Harald Quendler zeigte sich skeptisch gegenüber Medienexperten und bekundete, keinen Qualitätszuwachs erkennen zu können, wenn man auf einem Handy 4000 Fernsehsender empfangen könne. Quendler warnte davor, in der Fülle dessen, was zur Verfügung gestellt werde, bereits einen Qualitätszuwachs sehen zu wollen.
Willy Mitsche (ORF) erinnerte daran, man müsse dem ORF die Möglichkeit geben, stark zu bleiben, wenn man einen starken ORF wolle. Triebfeder der genannten Arbeitsgruppe sei nicht der EU-Kulturauftrag, sondern der Wunsch, eine Frage in aller Öffentlichkeit zu diskutieren und zu einem Konsens über eine freiwillige Selbstverpflichtung zu kommen. Alle Beteiligten sollten sich nach dem Sommer unter Einschluss der Privatradios im Funkhaus treffen, lautete Mitsches Vorschlag. Eine gesetzlich vorgeschriebene Quote wäre staatlicher Dirigismus, das könnte kontraproduktiv sein, warnte Mitsche. Er sei frohen Mutes, gemeinsam ein Ergebnis finden zu können. (Schluss)