Parlamentskorrespondenz Nr. 486 vom 28.05.2026
Österreich zeigt sich als "Strong Innovator", schließt aber nicht zu "Innovation Leaders" auf
Wien (PK) – Am 1. Juli 2023 wurden der Rat für Forschung und Technologieentwicklung (RFTE) und der Österreichische Wissenschaftsrat (ÖWR) in den neuen Rat für Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung (FORWIT) überführt. Aufgabe des FORWIT ist es, die Bundesregierung in den Bereichen Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung und in Fragen der Steigerung der Innovationskraft und der Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit Österreichs zu beraten und zu unterstützen.
Die erste reguläre Sitzung fand am 22. Jänner 2024 in Wien statt. Der FORWIT hat dem Nationalrat nun seinen ersten Tätigkeitsbericht vorgelegt, der seine wichtigsten Aktivitäten in den Jahren 2024 und 2025 zusammenfasst. Darin wird auch darauf hingewiesen, dass der FORWIT aus Kosten-, Effizienz und Ökologiegründen auf Printpublikationen verzichte und seine Veröffentlichungen und Aktivitäten auf seiner Website dokumentiere und verfügbar mache.
FORWIT konstatiert stagnierende Innovationskraft Österreich
Wie der Vorsitzende des FORWIT Thomas Henzinger in seiner Einleitung zum Bericht ausführt, versteht der FORWIT seine Tätigkeit "aus der Mischung zwischen eigenständiger Identifikation und Bearbeitung wichtiger forschungs- und innovationspolitischer Themenstellungen und der Umsetzung spezifischer Aufträge der Bundesregierung".
Österreich steht derzeit an einer wichtigen Wegkreuzung. Der FTI-Monitor zeige, dass trotz hoher Investitionen die Innovationskraft Österreichs im internationalen Vergleich stagniere. Der Rat sehe es daher als seine Aufgabe, die Bundesregierung dabei zu unterstützen, dass der Mitteleinsatz stärker Wirkung zeigt. Österreich müsse den Mut zur Eigenständigkeit besitzen, statt lediglich internationale Konzepte zeitversetzt zu kopieren.
Entscheidend dafür sei Vertrauen und der Forschung und Innovation den Raum für Spontaneität und kontrolliertes Experimentieren zu lassen. Der FORWIT verstehe seine Relevanz in diesem Sinne "als nützlicher Impulsgeber, der unbequeme Sachverhalte anspricht und präzise Handlungsoptionen aufzeigt, um die Zukunftsfähigkeit des Standorts nachhaltig zu sichern", führt Henzinger aus.
FTI-Monitor: Österreich ist "Strong Innovator", aber zurückgefallen
Einer der wichtigsten Schwerpunkte des Arbeitsprogramms des FORWIT ist der FTI-Monitor, welcher die Wirkung der für Forschung und Entwicklung eingesetzten Mittel bewertet. Die aktuellen Daten bestätigen Österreich demnach eine positive Entwicklung in den letzten Jahren. Ein im internationalen Vergleich hoher Ressourceneinsatz ermögliche es, nahe an die innovativsten Länder heranzukommen. Allerdings spiegle er sich nicht in Spitzenwerten für alle Teilindikatoren wider, die zur Messung der Forschungsleistung herangezogen werden. Das vielzitierte Output-Problem resultiere dabei nicht aus fehlender Forschungsleistung, sondern ergebe sich vielmehr aus strukturellen Defiziten wie unzureichenden Transferprozessen, fehlender Risikokultur und ineffektiven Anreizstrukturen.
Österreich bleibe sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor (Unternehmensforschung) bei den F&E-Ausgaben gemessen am BIP weiterhin im internationalen Spitzenfeld. Ebenfalls bestätige sich ein überdurchschnittlicher Wert und Spitzenplatz bei Ausgaben für die Grundlagenforschung. Auch bei der projektfinanzierten Grundlagenforschung habe sich 2024 und 2025 ein klarer Aufwärtstrend gezeigt, auch wenn das Niveau weiterhin recht deutlich unter dem EU-27-Durchschnitt liege.
Das European Innovation Scoreboard (EIS) ist der zentrale Vergleichsrahmen der Europäischen Kommission zur Innovationsleistung eines Landes. Er vergleicht 32 Indikatoren und teilt die Länder in Gruppen von "Emerging Innovators" bis "Innovation Leaders". Laut dem Bericht des FORWIT wurde Österreich 2025 als "Strong Innovator" eingestuft und erzielte einen Innovationsindex von 114 % des EU-Durchschnitts. Damit lag Österreich auf Platz 6 unter den europäischen Ländern. Nach einer Methodenänderung im Jahr 2025 sei Österreich Anfang 2026 von Platz 6 allerdings auf Platz 8 zurückgefallen. Der Abstand zu den Spitzenländern Schweden, Niederlande, Finnland und Dänemark habe sich weiter vergrößert. Österreich habe sich auch vom Ziel, bis 2030 in die Top 5 aufzusteigen, wieder entfernt. Die Zielerreichung betrage erst 37 %, merkt der FORWIT an.
Wer Innovation Leader sein will, muss eigenen Weg finden
Dem Tätigkeitsbericht ist ein Essay der stellvertretenden Vorsitzenden des FORWIT, Sylvia Schwaag Serger, beigegeben. Unter dem Titel "Ergebnisse statt Prozesse" behandelt die Expertin die Frage, was es heißt, im 21. Jahrhundert "Innovation Leader" zu sein, und was es brauche, damit Österreich und Europa in einer Welt, die sich geopolitisch, technologisch und demokratisch immer schneller verändere, nicht nur mithalten, sondern mitgestalten können.
Als "wirklichen Standortvorteil" Österreichs wertet Schwaag Serger die Kombination aus einer hohen Wertschätzung der Wissenschaft und dem Willen zur gesellschaftlichen Öffnung. Dazu komme, dass Österreich über viele Jahre das Bemühen, die F&E-Quote zu steigern, konsequent verfolgt habe. Damit sei es gelungen, über Legislaturperioden und Koalitionen hinweg die F&E-Ausgaben deutlich zu erhöhen. Aus Sicht der Expertin ist das eine beachtliche politökonomische Leistung, die viele wissenschaftliche Erfolge ermöglicht habe.
Kritisch merkt Schwaag Serger aber an, dass die Förderpolitik bisher von der Logik des "Aufholens" und des Aufschließens zu den "Innovation Leaders", vor allem in Europa, geprägt sei. Das zentrale Problem Europas und auch Österreichs sei aber längst nicht mehr der Input in die Forschung, sondern der Output: Konkret gehe es um die Frage, wie viel Wertschöpfung, wie viel Skalierung und wie viel gesellschaftlich sowie wirtschaftlich wirksame Innovation auf Basis dieser Investitionen tatsächlich entstehe.
Zudem reiche es nicht mehr, nur Europa als Referenzrahmen heranzuziehen. Die Dynamik der globalen Forschungs- und Innovationslandschaft werde heute primär in den USA und in Asien geprägt, insbesondere in China. Nur im europäischen Innovationsscoreboard ein oder zwei Plätze gutzumachen, reiche nicht. Österreich habe über Jahre hinweg mit großem Erfolg aufgeholt. "Aber vom Aufholen zum Führen ist es ein qualitativer Sprung", merkt Schwaag Serger an. "Innovation Leader" zu sein bedeute, einen eigenen Weg zu finden.
Die Rolle des Staates als Erstnutzer von Innovationen
In Österreich komme dem öffentlichen Sektor und den Universitäten eine wichtige Rolle für Innovation zu, konstatiert Schwaag Serger. Der Staat müsse technologisch mithalten können, wenn er seine Effizienz und Steuerungs- und Regulierungsfähigkeit erhalten wolle. Wer KI, Plattformen und Datenökonomien nicht verstehe und nicht praktisch erprobt, könne sie auch nicht sinnvoll einhegen. Der FORWIT plädiere daher dafür, künstliche Intelligenz und andere digitale Schlüsseltechnologien offensiv als "GovTech" zu denken, also als Werkzeuge, mit denen Verwaltungen, Gesundheitssysteme, Bildungseinrichtungen und Infrastrukturen zukunftsfähig werden.
Der Staat dürfe daher nicht primär als "Bedenkenträger", sondern solle "als anspruchsvoller Erstnutzer" gesehen werden, also als Lead Customer, der Innovation anstoße. Die Realität sehe aber oft anders aus. Digitale Angebote des Staates würden selbst technologieaffine Bürgerinnen und Bürger überfordern. Prozesse würden in neue Interfaces "hineingequetscht", ohne die Logik dahinter neu zu denken. Darin zeige sich das tiefere Problem des mangelnden Muts, öffentliche Institutionen als Innovationslabore zu nutzen.
Das gelte besonders für Universitäten. In ihrer heutigen Form seien sie nicht automatisch "future proof". Sie würden die eigene Forschungsstärke zu selten nutzen, um neue Lösungen im eigenen Betrieb zu erproben. Universitäten könnten ein starkes Signal setzen, wenn sie sich ausdrücklich "als Reallabore einer innovationsorientierten, demokratischen und nachhaltigen Gesellschaft verstünden", regt die Expertin an.
Eigene Stärken kennen und nützen
"Innovation Leader" zu sein erfordere auch die Bereitschaft, "heilige Kühe" – also bestimmte Tabus, liebgewonnene Zuständigkeiten und überholte Prozesslogiken – in Frage zu stellen. Das bedeute den Übergang von einer Politik, die vor allem Prozesse verwalte, zu einer Politik, die sich an Ergebnissen wie technologischer Souveränität, gesellschaftlicher Kohäsion und ökologischer Nachhaltigkeit messen lasse.
Wenn Europa und Österreich tatsächlich schneller, agiler und resilienter werden wollen, brauche es mehr Selbstbewusstsein und klarere Prioritäten. Man müsse die eigenen Stärken in Forschung und Technologie kennen und sie offensiv als Ausgangspunkt für europäische Allianzen, Projekte und Normsetzung nutzen. Der Anspruch müsse sein, nicht nur aufzuholen, sondern in ausgewählten Bereichen Führungsansprüche zu formulieren und zu untermauern. Das brauche ein neues Verständnis des öffentlichen Sektors. Ministerien, Agenturen, öffentliche Unternehmen und Universitäten müssten als aktive Innovationstreiber und nicht nur als Förderer oder Regulierer gesehen werden. Da bedürfe es einer systemischen statt programmzentrierten Politik, die stärker die Architektur des Innovationssystems insgesamt im Blick habe.
Schwaag Serger fordert auch "Mut zur europäischen Mitgestaltung". Österreich habe die inhaltliche Kompetenz und die Glaubwürdigkeit, in europäischen Debatten zu Technologie- und Innovationspolitik mehr als nur eine Stimme unter vielen zu sein, konstatiert sie. Das gelte für Schlüsseltechnologien ebenso wie für Fragen der Regulierung von KI und für missionsorientierte Programme der EU. (Schluss) sox