Um 23.30 Uhr hörten wir den Trommler auf der Straße. Es war der 15. März 1945, in der Nacht. Alle mussten zum Gemeindeamt kommen.
Plötzlich erschien meine Tante Rosalia Kasper, geborene Herner, mit ihrem Sohn Stefan Kasper. Quer über die Felder sind wir in dieser Nacht zu ihrem Mann Jakob Kasper und ihrem zweitältesten Sohn Jakob Kasper junior. Dort versteckten wir uns acht Tage lang.
Vom Dachboden aus beobachteten wir, wie die Volksdeutschen in die verschiedenen Lager getrieben wurden. Wir sahen, wie alte, wehrlose Menschen und schwangere Frauen geschlagen wurden. Kleine Kinder wurden den Müttern entrissen und verschleppt – man sah sie nie wieder.
Es gab Lager in Apatin, Sombor, Gakowo [Vorort von Sombor], Kruschiwl [Serbisch Kruševlje] und Rudolfsgnad [Serbisch Knićanin]. Wir, Rosalia Herner, Rosalia Kasper, Jakob Kasper und die Söhne Jakob und Stefan Kasper
sowie ich, zitterten vor dem Tag, an dem wir entdeckt werden würden. Johann Kaspar war verschleppt worden. Wir wussten nicht, wo er war.
Nach acht Tagen wurden wir schließlich doch von den Partisanen entdeckt, und wir mussten den Hof verlassen.
Mit Ross und Wagen durften wir nach Apatin in das Lager fahren. Dort musste Jakob junior mit dem Wagen Munition führen. Auf einer solchen gefährlichen Fahrt gelang ihm glücklicherweise die Flucht. Als er entdeckt wurde, musste er ebenfalls nach Apatin in das Lager.
Hier wurden Männer und Frauen mit Kindern getrennt.
Jeden Tag um drei Uhr in der Früh mussten wir aufstehen. Um fünf Uhr bekamen wir eine leere Suppe, ein kleines Laibchen Kukuruzbrot, also Maisbrot. Zu Mittag bekamen wir eine Bohnensuppe mit wurmigen Bohnen und alten Erbsen. So eine Suppe konnte ich nicht essen!
Die Frauen wurden als Putzfrauen in die Häuser der Partisanen verteilt. Dort mussten sie Hausarbeiten verrichten. Wäsche wurde gewaschen. Die anderen wurden zu Feldarbeiten herangezogen. Meine Großmutter musste für die Partisanen kochen.
Das Letzte, was wir noch besaßen, wurde uns hier von den Partisanen geraubt. Anfang 1946 mussten wir in der Hanffabrik in unserem Dorf arbeiten.
Hier bekamen wir Typhus und kamen in das Spital, wo wir von unserem seinerzeitigen Hausarzt, Dr. Stefan, betreut wurden. Täglich wurde der Arzt von den Partisanen gefragt, ob wir nicht schon gesund wären. Dieser verneinte jedoch stets, um uns so lange wie möglich zu schonen.
Kaum waren die Soldaten weg, stand ich auf und ging zum Bukowatz (Bukovački Salaši, Vorort von Sombor) und zur Schneekapelle, zu den serbischen Bauern betteln. Dort bekam ich stets viele Lebensmittel, und diese aßen wir dann heimlich.
Mein Onkel Johann Kasper senior war Kutscher bei den Partisanen. Er konnte uns daher mit Wein und Schnaps versorgen. So konnten wir vermutlich die schwere Krankheit überstehen.
Nun flüchteten wir zum Salasch (Gehöft) der Familie Mijic. Hier wurden wir von Frau Dobrila aufgenommen. Meine Großmutter und ich arbeiteten im Haus, und es ging uns den Umständen entsprechend gut. Auch am Feld arbeitete ich fallweise mit.
Leider hat sich Großmutter die Hand gebrochen. Eine echte Behandlung konnte leider nicht durchgeführt werden. Daher behandelte sie ihre Hand nur mit Alkohol und konnte nichts arbeiten. Daher ging sie freiwillig in das Lager nach Gakowo.
Ich besuchte sie dort so oft als möglich und brachte ihr stets etwas zu essen mit.
1947 wurden die Deutschen am Bukowatz verraten. Die Partisanen erschienen und holten uns alle hier ab. Wir wurden nach Sombor ins Lager getrieben. Hier war auch mein Cousin Stefan Kasper. Nach einer Nacht flüchteten wir quer über die Felder nach Gakowo – zu Großmutter.
Großmutter lag auf Stroh gemeinsam mit mehreren anderen in einem Raum. Lediglich eine Nacht hielten wir es hier aus. In der Nacht kamen die Ratten und liefen uns über die Schenkel. Hier hielten wir es nicht aus – wir mussten fort.
Wir flüchteten wieder zum Salasch. Stefan war bei Frau Kahtizo und ich bei Frau Dobrila. Aber nun hatten diese auch Angst, uns aufzunehmen. Frau Dobrila ging nach Sombor, und es gelang, uns als Arbeitskräfte dort zu kaufen. Nun arbeiteten wir auf den Höfen, und wir hatten genug zu essen.
Im Juni 1947 fassten wir den Gedanken, gemeinsam über die Grenze nach Ungarn zu flüchten. Daher gingen wir wieder ins Lager nach Gakowo. Hier machten wir – Kasper Hans, der inzwischen von der Verschleppung zurück war, Heiser Michl und Großmutter – uns auf den Weg.
Glücklicherweise kamen wir nach Csátalja (Deutsch Tschatali) in Ungarn. Aber schon nach 14 Tagen trommelte es auch hier, wie seinerzeit in Sentiwan: Alle Deutschen mussten fort!
Familie Bernhart, sein Schwager Ebli und wir wollten zurück nach Jugoslawien. Ebli wollte uns mitnehmen. Bernhart hatte aber Angst, entdeckt zu werden, und wollte uns los sein.
An der Grenze wurden wir entdeckt. Die Jugoslawen wollten uns nicht mehr und schickten uns wieder zurück. Für die Alten und gebrechlichen Kinder hatte man sogar einen Wagen bereitgestellt, der die Leute wieder nach Ungarn führte.
Hier kamen dann Autobusse, in denen wir nach Österreich geführt wurden. In Wien, in Meidling, machten wir Rast. Hier traf ich einen Landsmann aus Sentiwan, Hans Schrodi, und dieser gab mir Ratschläge. Er wusste, dass wir aufs Land kamen und dort für die Bauern schwer arbeiten sollten.
Er gab mir seine Adresse in Wien und riet mir, ich sollte sagen, dass ich seine Schwester wäre. Großmutter könnte für ihn kochen und waschen, und für mich könnte er am Bau Arbeit gegen gute Bezahlung besorgen.
Wir wurden nach Zwettl gebracht und landeten beim Bürgermeister in Breitenfeld. Ich musste angeben, dass ich 40 Schilling und Großmutter 20 Schilling bekämen. Weder wussten wir, wie viel dies war, noch bekamen wir das Geld. So war an eine Fahrt nach Wien leider nicht zu denken.
Hier musste ich sehr schwer arbeiten. Morgens 13 Stück Vieh ausmisten. Anschließend schwerste Feldarbeit unter ständiger Aufsicht leisten. Und Fleisch, ja, das bekamen wir nie!
Großmutter musste in der Küche arbeiten. Wir wollten weg, doch wir bekamen kein Geld. Doch schließlich gelang es uns, Geld von den Nachbarn zu bekommen.
In Wien eingetroffen, half uns Hans Schrodi sofort. Ich arbeitete am Bau im 2. Bezirk in der Halmgasse. Im August 1947 arbeitete ich dann in einer Küche, dann in Bedienung und in einer Fabrik.
Von Hans Schrodi sind wir dann ins Lager in den 5. Bezirk, Am Hundsturm, gekommen. Hier lernte ich meinen späteren Gatten Anton Kuschner kennen. Wir suchten natürlich eine Wohnung, aber das war hier nicht leicht.
Durch eine Vermittlung, der wir 2.000 Schilling bezahlen mussten, bekamen wir im 14. Bezirk, in der Cumberlandstraße 23, einen Hauswartposten. Den machte Großmutter, und ich ging in Bedienung.
Am 2. Juni 1951 heiratete ich Anton Kuschner, geboren am 30. September 1928. Am 15. September 1952 bekam ich meinen Sohn Anton Kuschner.
Die Hausfrau hasste Kinder, und so ließ sie uns delogieren. Am 10. November 1952 wurden wir delogiert. Die Möbel wurden beim Magistrat deponiert.
Wir suchten die Polizei auf, und man riet uns, zur Bahnhofsmission zu gehen. Ich, Großmutter und mein acht Wochen altes Kind durften am Südbahnhof gegen neun Schilling übernachten. Mein Gatte schlief am Westbahnhof und zahlte ebenfalls neun Schilling.
Mein Gatte arbeitete am Bau. Wir konnten zum Glück untertags zu einer Frau in den 14. Bezirk fahren. Dort konnten wir kochen und Windeln waschen. Dann schliefen wir getrennt bei netten Leuten. Mein Gatte schlief bei einer Flüchtlingsfamilie, und Großmutter und ich mit dem Kind bei einer Familie im 14. Bezirk.
Schließlich gingen wir aber in das Lager nach Simmering in die Haidequerstraße, denn wir wollten doch wenigstens zusammen sein. Dort lebten wir eineinhalb Jahre in den Holzbaracken.
Am 1. Mai 1954 war es dann endlich so weit. Wir übersiedelten in eine Eineinhalb-Zimmer-Genossenschaftswohnung in Wien 10., Seliger-Siedlung, Sapphogasse 18, 1. Stock, Tür 6.
Durch Hilfe von Freunden wurde es uns ermöglicht, diese Wohnung auf Kredit zum Betrag von 8.000 Schilling anzukaufen. Hier leben wir heute noch und wollen auch hier bleiben.
1956 kauften wir uns einen Schrebergarten. Hier errichteten wir dann ein kleines Häuschen.