Fluchtobjekte und Fluchtgeschichten

Maria Kronister: Herkunft, Flucht und Schweigen

Ich bin die Tochter von Donauschwaben aus der Stadt Ruma in der Vojvodina, im ehemaligen Jugoslawien. Geboren wurde ich bereits in Österreich. Meine Eltern lebten in ihrer Heimat in Jugoslawien als Bauern. Sie waren Deutsche nach der Herkunft ihrer Ahnen im 18. Jahrhundert, fühlten sich als Deutsche, und wie viele Donauschwaben verbanden auch sie ihr Schicksal mit jenem Nazi-Deutschlands.

Mein Vater wurde im Herbst 1942, wie viele wehrfähige Männer aufgrund eines Abkommens mit Hitler-Deutschland, zur SS eingezogen. Er kam nach Auschwitz. Er ging nicht freiwillig. Meine Mutter versuchte mit meinen zwei minderjährigen Brüdern, die Landwirtschaft mehr schlecht als recht am Laufen zu halten.

Meine Eltern waren für mich keine Nazis. Sie waren Bauern in der Vojvodina und hatten keine Ahnung, was in Deutschland wirklich vor sich ging. "Wir waren halt Deutsche, und als der Hitler kam, ging es uns in Jugoslawien besser", hieß es später. Mein Vater war sicherlich Täter – wie auch anders in einem Konzentrations- oder Vernichtungslager.

Als die Partisanen unter Tito immer mehr Gebiete Jugoslawiens eroberten und die russische Front näherkam, begann im Oktober 1944 die Evakuierung vieler deutschsprachiger Jugoslawinnen und Jugoslawen. Soldaten der Wehrmacht brachten sie mit Lastkraftwagen oder Zügen über Ungarn und die Tschechoslowakei nach Österreich. Die ersten, die am 6. Oktober evakuiert wurden, waren Frauen und Kinder von SS-Angehörigen. So auch meine Mutter mit meinen Brüdern.

Diese Evakuierung, diese Flucht, entsprang der Angst vor der Rache der Tito-Partisanen. Wer blieb, den ereilte meist ein grausames Schicksal in den Vernichtungslagern der Partisanen oder mit der Verschleppung in die Sowjetunion.

Ich kenne aus meiner Familie keinen Hass auf die Tito-Partisanen. Meine Angehörigen wussten, warum sie ihre angestammte Heimat verlassen mussten. Es gab auch keine Sprüche im Sinne der Nazi-Ideologie. Nach dem Krieg sagten sie nicht: "Wir haben den Krieg verloren", sondern: "Wir brauchen uns nicht wundern, dass wir wegmussten, was die Deutschen unten aufgeführt haben!"

Mitte November 1944 war meine Mutter mit den Kindern bereits bei einem Bauern in Wels. Sie fand Arbeit und ein Dach über dem Kopf. Meine Familie hatte Glück: kein Flüchtlingslager, keine Erdhöhlen. Meine Mutter war für die Küche und die Versorgung der Hühner zuständig, mein damals 15-jähriger Bruder arbeitete als Knecht. Trotz Schmerz und Leid über den Verlust der Heimat und trotz der Sorge um den Verbleib meines Vaters ging es ihnen dort relativ gut.

Mein Vater wurde im April 1946 aus britischer Gefangenschaft entlassen und kam im Juni desselben Jahres zu seiner Familie nach Wels. Auch er arbeitete zunächst als Knecht auf dem Hof, bis er 1949 eine Beschäftigung als Bauhilfsarbeiter in Linz fand.

Besondere Schwierigkeiten durch die Österreicher hatte meine Familie nicht. Es gab Zuschreibungen wie "Batschkaweib" oder "Banaterweib" – erkennbar an den auf besondere Art gebundenen Kopftüchern der Frauen – oder "Pudelhauben-Deutsche", weil die Männer Pelzhauben trugen. Da es keine Sprachbarriere gab und die Männer arbeiten konnten, gelang die Integration gut. 1953 konnte meine Familie in das Haus einziehen, das sie mit tatkräftiger Unterstützung von Verwandten und donauschwäbischen Nachbarn erbaut hatte.

Und doch blieb der Verlust der Heimat. Alles zurücklassen, einer ungewissen Zukunft entgegen flüchten – das war vor allem für die Frauen sehr schmerzhaft. In Ruma waren sie daheim, das soziale Netz war engmaschig. In Österreich wohnten sie zwar, aber die engsten Verwandten waren weit weg. Die Integration ist gelungen, aber Sehnsucht und Schmerz blieben.

Ich spürte immer eine Sehnsucht in mir, wusste aber lange nicht, wonach. Erst als ich die Heimatstadt meiner Familie besuchte, konnte ich diese Sehnsucht erkennen und auflösen.

Ein weiterer prägender Punkt war für mich das Aufwachsen in einer Stimmung der Angst. Ich spürte das als Kind, schnappte manchmal etwas auf, konnte es aber nicht einordnen. Gesprochen wurde nicht darüber. Als Erwachsene wurde mir klar, und dafür bin ich meiner Familie dankbar, dass es Gründe für dieses Verschweigen gab. Meine Eltern und älteren Brüder wollten mich schützen vor dem Wissen, wo mein Vater im Krieg gewesen war. Zugleich hatten sie wohl Sorge, ich könnte etwas ausplaudern.

Erst als in den 1970er-Jahren die Fernsehserie "Holocaust" lief – ich war da schon erwachsen –, erzählte mir mein älterer Bruder, dass Vater in Auschwitz gewesen war. Ich erinnere mich gut an meine Reaktion: Es war ein Aha-Moment. Daher also die ständige Angst. Zugleich empfand ich Erleichterung, es nun endlich zu wissen.

Ich war keineswegs entsetzt oder gar wütend, auch Scham empfand ich nicht, wie doch viele Nachkommen von Tätern. Es war nicht meine Sache, ich konnte mich gut abgrenzen. Allerdings vermied ich es, Onkel und Cousins, die auch in Auschwitz gewesen waren, zu fragen, ob mein Vater getötet hatte. So genau wollte ich es dann doch nicht wissen. Als mein Vater starb, war ich 19 Jahre alt; Auschwitz war für mich damals noch kein Thema.

Zeit ihres Lebens hatten meine Eltern Angst, dass mein Vater für Auschwitz zur Rechenschaft gezogen werden könnte. Der Schrecken des Krieges und die traumatischen Erfahrungen steckten in unserer Familie. Sie prägten den Alltag und hatten Auswirkungen auf die Gesundheit, vor allem auf jene, die alles selbst erlebt hatten. Meine Eltern kamen mit dem Erlebten nicht zurecht. Sie starben zu früh.

Ich bin Kind einer Bauernfamilie aus Jugoslawien und wurde in Österreich Kind einer Arbeiterfamilie. Auch das prägte mein Leben, meine politische Einstellung und mein Engagement im sozialen Bereich – beeinflusst durch meine Eltern und meine beiden Brüder.

Maria Kronister wurde 1947 in Buchkirchen bei Wels geboren und lebt heute mit ihrer Familie in Wilhering. 

Dieter Lütze: Spielzeuge als Begleiter in die neue Heimat

Wann die Flucht meiner Familie begann, weiß ich leider nicht. Aufgrund der spärlichen Unterlagen tippe ich auf Herbst oder Winter 1944. An die Flucht selbst kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich war damals knapp drei Jahre alt. Leider habe ich meine Eltern nie nach den genauen Umständen gefragt, und jetzt ist es zu spät dafür.

Mein Vater wurde 1909 geboren. Er musste zum serbischen Militär und wurde Offizier. Als der Zweite Weltkrieg begann, musste er einrücken und kam mit seiner Kompanie bis nach Albanien. Als Serbien kapitulierte, wurde er 1941 deutscher Kriegsgefangener. Aufgrund seiner Kenntnisse – er hatte in Deutschland Maschinenbau studiert und konnte perfekt Ungarisch – kam er 1942 zum ungarischen Militär. Er brachte es bis zum Fähnrich bei der königlich ungarischen Flieger-Ausbildungsbrigade und wurde Instruktor für Flugmotoren.

Durch die Kriegsereignisse verschlug es ihn, meine Mutter und mich über Temerin, heute in Serbien, und Sárvár in Ungarn gegen Kriegsende nach Plauen in Sachsen. Wie das Kriegsende genau verlief, weiß ich nicht mehr. Ich habe jedoch unter den alten Dokumenten meines Vaters einen Ausweis der "Ninth Army" vom Juni 1945 gefunden. Dieser gestattete es ihm und seiner Familie, nach Schreez zu reisen, heute ein Teil der Gemeinde Haag in Bayern.

Dort erfuhren meine Eltern, dass meine Großeltern nach Gallspach in Österreich geflüchtet waren. Mein Vater erwirkte daraufhin für uns die Erlaubnis, nach Österreich weiterzureisen. So landeten wir in Gallspach. Im September 1945 kam dort mein kleiner Bruder Peter zur Welt.

Aus dieser Zeit ist auch meine "Ex-Enemy DP Identification Card" erhalten. Sie wurde am 1. November 1946 im österreichischen Camp Grieskirchen ausgestellt. Darauf bin ich als Dieter Lütze, geboren am 21. November 1942, verzeichnet: viereinhalb Jahre alt, blond, mit blauen Augen, ohne besondere Merkmale. Als Nationalität ist "Yugoslav" eingetragen. Auf der Karte steht außerdem mein Fingerabdruck. Für mich ist dieses Dokument heute ein sehr konkreter Hinweis darauf, in welcher Situation wir uns damals befanden: Wir waren nach dem Krieg nicht einfach irgendwo angekommen, sondern als entwurzelte Menschen registriert, verwaltet und auf neue Sicherheiten angewiesen.

Soweit ich weiß, konnte meine Familie auf der Flucht auch einige Haushaltsgegenstände mitnehmen, unter anderem Geschirr und Besteck, aber auch Spielsachen für mich. Einige dieser Dinge mussten meine Eltern später gegen Wohnraum und Essen eintauschen, andere gingen verloren. Manche aber blieben erhalten. Sie verbinden für mich bis heute unsere alte Heimat mit der neuen Heimat.

Erhalten geblieben ist auch ein Kinderfoto von mir mit einigen meiner Spielzeuge. Es zeigt mich noch als kleinen Buben, lachend, umgeben von Spielzeugtieren und Figuren. Wenn ich dieses Foto heute anschaue, sehe ich nicht nur ein Kind mit seinen Spielsachen. Ich sehe auch Dinge, die mitgenommen, bewahrt und durch eine Zeit großer Unsicherheit hindurchgerettet wurden. Die Spielzeuge stehen damit für eine Kindheit, die trotz Krieg, Flucht und Neubeginn nicht ganz verloren ging.

Nach dem Krieg waren wir staatenlos und bekamen später die österreichische Staatsbürgerschaft. Meinem Vater gelang es schon im Oktober 1945, eine Anstellung zu finden. Bis Ende 1949 hatte er fünf verschiedene Arbeiten: Er war Hilfskraft, Kraftfahrer, Facharbeiter, Betriebsassistent und Hilfsarbeiter. Dann fand er eine Anstellung als Vertreter für Papierwaren und schließlich bei der Continental-Vertretung für Österreich in Wien eine Stelle als Vertriebsmitarbeiter. In Wien lebte er einige Zeit allein. Nachdem er eine Wohnung gefunden hatte, holte er 1952 die Familie nach.

Unter den Fluchterfahrungen habe ich bewusst kaum gelitten. Mein kleiner Bruder Peter hat da indirekt viel mehr abbekommen. Ziemlich sicher haben sich die Ängste und Sorgen meiner Mutter während des Krieges auf ihn als ungeborenes Kind ausgewirkt. Das führte dazu, dass seine Kinder- und Jugendzeit sehr problematisch verlief. Er ging dann mit 17 Jahren nach Schweden und hatte auch dort einen schweren Beginn. Schließlich hat er sich dort mit einer kleinen Baufirma ein gutes Leben aufgebaut. Später verkaufte er seine Firma und machte mit seiner zweiten Frau eine zwölfjährige Weltumsegelung. Seit zehn Jahren leben er und seine Frau glücklich in Italien.

Zu den Dingen, die erhalten geblieben sind, gehören vor allem unsere Spielzeugtiere: ein Hund und ein Affe. Mein kleiner Bruder Peter und ich haben die beiden "Affi und Hundi" genannt. Als ich schon etwas älter war, musste ich meinem Bruder vor dem Einschlafen immer Fantasiegeschichten von den beiden erzählen. Er konnte nie genug davon bekommen.

Auch eine hölzerne Eisenbahnlok mit Waggon ist erhalten geblieben. Damit haben wir beide viel gespielt. Ich glaube, es gab noch zwei weitere Waggons, die sind aber verschollen. Es sind wunderbare, unverwüstliche Holzspielzeuge, die ich immer noch gerne in der Hand habe. Zu meinen Erinnerungsstücken gehören auch zwei kleine Vöglein. Meine Mutti hat mir erzählt, dass ich sie beim Einschlafen immer in den beiden Fäustchen gehalten und dabei "andabanda, andabanda …" gemurmelt habe.

Erhalten blieb außerdem ein kleiner Kinderschuh. Den hatte ich als kleines Kind an. Gestrickt hat ihn meine Mutti, und mein Vati hat die Sohle drangemacht. Wo der zweite Schuh ist, weiß ich nicht mehr. Auch mein Silberbecher ist noch da – mein Taufbecher. Und eine Schelle, meine Babyschelle. Ich habe sie angeblich immer in den Mund stecken wollen. Es macht mich sehr froh, wenn ich hier einige meiner Erinnerungen teilen kann, die unsere alte Heimat mit der neuen Heimat verbinden.

Dieter Lütze wurde 1942 in Neusatz/Novi Sad (Vojvodina, Serbien) geboren. 1944 flüchtete er mit seinen Eltern über Deutschland nach Österreich.

Anton Kuschner: Das Gebetbuch meiner Urgroßmutter

Das Gebetbuch meiner Urgroßmutter Rosalia Herner, geboren am 23. Juli 1884 in Batsch Sentiwan in der Batschka/Vojvodina, heute Prigrevica in Serbien, hat sie seit der Vertreibung am 15. März 1945 bis zu ihrem Tod am 17. Mai 1974 immer begleitet: aus der Batschka über Lager, Zwangsarbeit, Flucht, Ungarn, Niederösterreich und schließlich nach Wien. Es war bei ihr in der alten Heimat, auf dem Weg und in der neuen Heimat.

Im Buch sind die Namen und Geburtsdaten der näheren Verwandten eingetragen. Es ist für mich daher nicht nur ein religiöser Gegenstand, sondern auch ein Familienbuch, ein Erinnerungsstück und ein Zeugnis dafür, was von einem früheren Leben mitgenommen und bewahrt werden konnte.

Ich persönlich fühlte mich immer als Österreicher, Wiener und Favoritner. Mein Urgroßvater ist im Ersten Weltkrieg im Einsatz für Österreich-Ungarn gestorben. Meine Urgroßmutter wurde 1884 noch in Österreich-Ungarn geboren. Ihre Vorfahren wurden nach der Niederlage der Türken vermutlich aus deutschen Gebieten angeworben und in der Batschka angesiedelt.

Für mich verbindet dieses Gebetsbuch deshalb mehrere Geschichten: die Geschichte meiner Urgroßmutter Rosalia Herner, die Geschichte meiner Mutter Katharina Kuschner und meine eigene Familiengeschichte in Wien-Favoriten. Es steht für den Verlust der alten Heimat, für Überleben und Neubeginn, aber auch für das, was geblieben ist. Meine Urgroßmutter war zu der Zeit, als ihr alles weggenommen wurde, bereits über 60 Jahre alt. Dass sie diese Strapazen überlebt hat, ist für mich bis heute kaum fassbar. Ihr Mann war schon im Ersten Weltkrieg, im Jahr 1915, in Przemyśl als Soldat der österreichisch-ungarischen Armee verstorben.

Meine Mutter Katharina Kuschner, geborene Schrodi, wurde am 24. November 1929 geboren. Ihre Mutter, Barbara Schrodi, geborene Herner, starb bereits acht Tage nach der Geburt. Mein Großvater ließ meine Mutter bei ihrer Großmutter Rosalia Herner, weil er wusste, dass sie dort in guten Händen war. So wurde Rosalia Herner für meine Mutter zur wichtigsten Bezugsperson. Die beiden lebten gemeinsam und blieben auch während der Vertreibung, soweit es möglich war, immer zusammen.

Da meine Eltern und meine Urgroßmutter mit mir bis zu ihrem Tod 1974 in einer 40 Quadratmeter großen Genossenschaftswohnung in Favoriten wohnten, habe ich von ihr vieles über ihr Leben und die Flucht erfahren. Damals habe ich das Gehörte leider noch nicht niedergeschrieben. In den 1980er-Jahren machte ich dann einige Aufzeichnungen mit meiner Mutter.

Anton Kuschner wurde 1952 in Wien geboren. Er begann 1970 bei der Stadt Wien zu arbeiten. Von 1987–1991 war er SPÖ-Bezirksrat in Wien-Margareten.

Aus den Aufzeichnungen Katharina Kuschners

Katharina Kuschner, 1929 in Batsch Sentiwan (Serbisch Prigrevica) in der Batschka/Vojvodina (Serbien), ist 2009 in einem Pflegeheim der Volkshilfe in Wien 10. verstorben.