Interessanterweise sind wir noch immer jenes Land, das mehr an privater Entwicklungszusammenarbeit aufbringt als an öffentlicher Entwicklungszusammenarbeit. Auch das muss einmal gesagt werden. Steiermark zum Beispiel – schauen Sie sich die Stadt Leibnitz an! Fragen Sie in der Stadt Leibnitz, wer noch nicht auf den Kapverden war! Da fährt der Tierarzt von Leibnitz ein halbes Jahr auf die Kapverden, und der kapverdische Tierarzt kommt nach Leibnitz. Diese Form von Austausch – die Kindergärtnerin, die Krankenschwester und so weiter – wird dort gepflogen.
Oder, schauen wir die Stadtgemeinde Rohrbach im Mühlviertel an! Seit den siebziger Jahren, seit der Mitte der siebziger Jahren ist das eine Selbstbesteuerungsgemeinde. Das heißt, die Gemeinde, jeder Einzelne, besteuert sich selbst, um daraus beispielhaft Projekte der Solidarität und der Entwicklungszusammenarbeit zu finanzieren.
Oder die Ortschaft Sonntag in Vorarlberg, auch so eine Gemeinde. – Wenn man schaut, aus welchen Bundesländern denn die vielen Entwicklungshelfer und Entwick-lungshelferinnen kommen, dann fällt eines auf, und ich muss vor dem oberösterreichischen Vorsitz hier einmal den Hut ziehen: Der überwiegende Anteil kommt aus Oberösterreich. Aber auch die Steiermark, Tirol und eben das kleine Vorarlberg sind da ganz stark und kommen gleich an nächster Stelle.
Und die Entwicklungszusammenarbeit Österreichs – deshalb finde ich ja den Nonsens, den ich da vorhin gehört habe, immer noch so unfassbar – ist genau orientiert an der Stärkung der Rechte der Frauen am Land, an der ländlichen Entwicklung, an der elementaren Versorgung, wie etwa mit Wasser. Es gab eine österreichische Entwicklungshelferin, deren Aufgabe es war, Informationen gegen Pharmamultis zu beschaffen, nämlich die Macht dieser Pharmamultis zu brechen. Es gibt Entwicklungshelfer und -helferinnen – erst letztes Jahr ist ein solches Ehepaar ausgereist –, die versuchen, auch wieder den Glauben an und das Vertrauen in traditionelle Heilmethoden und auch traditionelle Pharmazie zu stärken. Das sind interessante Dinge!
Und wenn dann, Herr Staatssekretär, im Vorwort steht, unser Ziel wird nicht zeitgerecht erreicht werden, tut das weh. Ich war vor Kurzem in Luxemburg, und die Luxemburger Kollegin von der EVP sagte: Wir haben es geschafft, 1,1 Prozent zu erreichen, wir sind deutlich darüber! – 1,1 Prozent! Wir hingegen rechnen auch noch die Tschadsoldaten Österreichs hinein, damit wir irgendwie eine passable Figur machen. Das ist beschämend! Und wenn wir uns anschauen, welche Latte – im Sinne der Solidarität – uns die skandinavischen Länder seit Jahrzehnten vorgeben, dann müssen wir sagen: Es ist noch viel zu tun!
Und vor allem, Herr Staatssekretär, ich weiß – Herr Staatssekretär, ich weiß das –, dass die Staaten immer wieder versuchen, verstärkt an Finanz- und Budgethilfen zu kommen. Ich selber habe teilgenommen am Dialog des lusophonen Afrikas mit der Europäischen Union, und immer wieder geht es um die Budgethilfen. Aber auch in einer globalen Welt, in der wir in wenigen Sekunden mit allen verbunden sind, ist etwas wichtig: Die personelle Entwicklungszusammenarbeit ist etwas Elementares, ist etwas Wichtiges, denn nur durch diese kleinen Netzwerke, durch diese unmittelbaren Begegnungen kann man vielleicht auch umgekehrt dann solche vorurteilstriefenden Meinungen im Land beseitigen oder irgendwie bekämpfen.
Und zuletzt möchte ich noch Folgendes sagen – vielleicht können wir uns auch noch daran erinnern –: Österreich war mitten im Wiederaufbau, und dann kam die erste große Hilfsaktion, „Ein Reiskorn für Korea“, in der Mitte der fünfziger Jahre. Und Österreich – mitten im Wiederaufbau! – hat nicht gesagt: Was gehen uns diese Koreaner an, was schlagen sie sich gegenseitig?, sondern hat unglaubliche Hilfe geleistet. Und alle hier ab 40 werden in ihrer Sozialisation an einem Wort nie vorbeigekommen sein – wenn ich jetzt dieses Wort sage, werden Sie alle sagen: Aha! –: Biafra.
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