Geschichte

Als zentraler Ort der österreichischen Demokratie hat das Haus am Ring schon viel erlebt und stand oft im Mittelpunkt wichtiger Ereignisse in der Geschichte Österreichs.

Haus der vielen Geschichte(n)

Seit seiner Einweihung im 19. Jahrhundert war das Parlamentsgebäude Schauplatz vieler historischer Ereignisse und Wendepunkte der Demokratie. So wurde es auch einige dunkle Jahre hindurch für nicht parlamentarische Zwecke benützt.

Auf dieser Seite erfahren Sie mehr über einige der bedeutendsten historischen Höhe- und Wendepunkte des Hohen Hauses. Für alle, die noch mehr wissen wollen, gibt es eine Literaturauswahl zum Weiterlesen.

Der Reichsrat: Erstes multinationales Parlament der Welt

Der Politiker Karl Renner nannte das Parlament der Monarchie einmal einen "Völkerbund im Kleinen" und spielte damit darauf an, dass dessen Mitglieder aus allen Teilen des Reiches kamen:

Acht Nationen, elf verschiedene Muttersprachen, 17 Kronländer, mehr als 30 Parteien und Gruppierungen, zuletzt 516 Abgeordnete – so präsentierte sich das Abgeordnetenhaus des österreichischen Reichsrates zu der Zeit.

Aufgrund dieser Vielfalt hatte Österreich das erste multinationale Parlament der Welt. Die Verhandlungen in den Sitzungen wurden dennoch ausschließlich in deutscher Sprache geführt.

Nationale Emotionen und Pultdeckelkonzerte

Im Abgeordnetenhaus wurden Reden auf hohem intellektuellen Niveau gehalten. Gleichzeitig war das parlamentarische Leben aber von Nationalitätenkonflikten geprägt.

Immer wieder wurde die Arbeit des Reichsrates durch Obstruktion, also bewusste Verfahrensverzögerung, erschwert. Legendär waren etwa die sogenannten Pultdeckelkonzerte: Abgeordnete, die ihrem Unmut Ausdruck verleihen wollten, verursachten durch das Hin- und Herschieben der Pultdeckel großen Lärm und hinderten so die jeweiligen Redner:innen am Sprechen.

Einen lebendigen Eindruck solcher Sitzungen und von der aufgeladenen politischen Atmosphäre der Zeit vermittelt Mark Twain in seinem Text "Bewegte Zeiten in Österreich" ("Stirring Times in Austria"). Der amerikanische Autor, der von 1897 bis 1899 in Wien und Kaltenleutgeben lebte, war ein präziser Beobachter und Chronist der politischen Szene vor dem Ersten Weltkrieg.

Lehr- und Gesellenjahre bedeutender Staatsmänner

Im Vielvölkerparlament saßen einige Politiker, die nach dem Zerfall der Monarchie in mittel- und südosteuropäischen Demokratien bedeutende Staatsleute wurden, wie zum Beispiel:

  • Alcide de Gasperi (später italienischer Außenminister und Ministerpräsident)
  • Thomas Masaryk (erster Präsident der Tschechoslowakei)
  • Ignacy Daszyński (Polens erster Premierminister)

Der vorletzte Präsident des Abgeordnetenhauses, Julius Sylvester, meinte einmal, die Nachfolgestaaten hätten nicht binnen weniger Wochen selbstständige Staaten bilden können, wenn die Gesetze, die sie vom alten Staat übernahmen, im österreichischen Abgeordnetenhaus nicht beschlossen worden wären.

Der historische Sitzungssaal

Der Plenarsaal des ehemaligen Abgeordnetenhauses des Reichsrates (historischer Sitzungssaal oder Reichsratssitzungssaal) wurde in der Ersten Republik nur mehr bei besonders feierlichen Anlässen wie Sitzungen der Bundesversammlung verwendet. Heute tritt die Bundesversammlung alle sechs Jahre für die Angelobung des neu gewählten Bundespräsidenten bzw. der neu gewählten Bundespräsidentin zusammen.

Auch für gemeinsame Fest-, Gedenk- und Trauersitzungen des Nationalrats und des Bundesrats bietet dieser Saal einen würdevollen Rahmen: Dazu gehören z. B. die Auftaktveranstaltung anlässlich des Jubiläumsjahres 2005, Trauersitzungen anlässlich des Ablebens bedeutender Politiker:innen oder die alljährlich im Mai stattfindende Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus.

Von den Anfängen der Ersten Republik...

Die Übernahme des Parlamentsgebäudes durch die Republik erfolgte bereits vor der eigentlichen Gründung des neuen Staates. Am 3. November 1918 teilte Karl Renner als von der provisorischen Nationalversammlung gewählter Staatskanzler dem kaiserlichen Ministerrat mit, dass er das Gebäude für die Zwecke der deutschösterreichischen Regierung beschlagnahme.

Ab diesem Zeitpunkt fanden die Sitzungen der Nationalversammlung nicht mehr im niederösterreichischen Landhaus in der Herrengasse statt.

Die Nationalversammlung traf sich jetzt im ehemaligen Sitzungssaal des Herrenhauses. Der Budgetsaal diente von da an für Ausschuss- und sonstige Sitzungen.

... bis zu ihrem Ende

Noch ehe also die Provisorische Nationalversammlung formell erstmals im Parlament getagt hatte, hatte die Volksherrschaft den Hansenbau schon in Besitz genommen. Am 12. November 1918 erfolgte auf der Parlamentsrampe die Ausrufung der Republik durch die Parlamentspräsidenten.

Die von der Provisorischen und der Konstituierenden Nationalversammlung bzw. später vom Nationalrat, dem Bundesrat und der Bundesversammlung genützten Sitzungssäle blieben bis zu den Zerstörungen im Jahr 1945 praktisch unverändert.

Das Parlamentsgebäude beherbergte nach der Ausschaltung des Nationalrats durch die Regierung Engelbert Dollfuß am 4. März 1933 formal weiterhin den Bundesrat und – nach Inkrafttreten der Maiverfassung des Jahres 1934 – den Bundestag.

Die scheinparlamentarische Nutzung endete mit der Annexion Österreichs durch das nationalsozialistische Deutschland. Gleichzeitig begann damit ein weiteres dunkles Kapitel in der Geschichte Österreichs und des Hohen Hauses.

Aneignung des Parlamentsgebäudes durch die Nationalsozialisten

Als frühere Hauptstadt der Habsburgermonarchie besaß Wien eine große Anzahl öffentlicher Repräsentationsgebäude, die nach der NS-Machtübernahme einer Neubestimmung zugeführt werden sollten. Dies galt auch für das Parlamentsgebäude.

Am 17. März 1938, fünf Tage nach dem "Anschluss", wurde Josef Bürckel zum Beauftragten Adolf Hitlers für die Volksabstimmung in Österreich und zum kommissarischen Leiter der NSDAP ernannt. Nach der Volksabstimmung wurde er Reichskommissar für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich, später übernahm er das Amt des Gauleiters und Reichsstatthalters von Wien.

Als Dienststelle wählte Bürckel mit dem Parlamentsgebäude einen großen und repräsentativen Bau im Stadtzentrum. Von diesem Hauptquartier aus wurde die Bevölkerung mit nationalsozialistischer Propaganda überzogen, um eine möglichst hohe Zustimmung zum "Anschluss" zu erreichen.

Die Bedeutung des Gebäudes als Amtssitz wuchs mit den zahlreichen Ämtern, die Bürckel innehatte. Im August 1940 löste ihn Baldur von Schirach als Gauleiter und Reichsstatthalter ab. In Abgrenzung zu seinem Amtsvorgänger wählte dieser als Dienstsitz das frühere Bundeskanzleramt am Ballhausplatz. Das Parlamentsgebäude wurde zum Gauhaus der NSDAP erklärt.

Demokratischer Schein

Aus dem Parlament, ehemals Sitz einer demokratisch gewählten Volksvertretung, war ein Repräsentationsbau einer rassistischen Partei geworden, die sich an der Spitze einer sogenannten Volksgemeinschaft sah.

Hier hielt Schirach seine Volkssprechtage ab, an denen er in Anwesenheit der Presse Wiener:innen zu Vorsprachen in sein Büro lud. Zur gleichen Zeit wirkte er an den 1942 einsetzenden Judendeportationen mit, die 1939 von Bürckel initiiert worden waren.

Ab März 1944 wurde Wien Ziel alliierter Luftangriffe. Das Parlamentsgebäude wurde am 7. und 21. Februar 1945 von Fliegerbomben getroffen. Es gab zwar keine Todesopfer im Haus, aber die entstandenen Zerstörungen machten viele Räumlichkeiten unbenutzbar.

Die letzten Tage des Parlamentsgebäudes unter dem NS-Regime sind kaum rekonstruierbar. Während der Schlacht um Wien im April 1945 brachen Brände im bereits von den Bomben geschädigten Bau aus. Die deutsche Wehrmacht ordnete schließlich am 9. April die Aufgabe der Wiener Innenstadt an.

Die Wiederaneignung des Parlaments

Am 13. April 1945 wurde Wien von der Roten Armee befreit. Es folgten die Gründungen der Parteien SPÖ, ÖVP und KPÖ. Gemeinsam proklamierten sie am 27. April die österreichische Unabhängigkeit. Die Provisorische Regierung unter dem ehemaligen Staatskanzler Karl Renner hielt ihre erste Sitzung am 29. April ab, mehr als eine Woche vor der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht.

Bei der Wahl des Sitzungsortes setzte die neue Regierung ein Zeichen: Man entschied sich für das zerstörte Parlamentsgebäude, das nun wiederaufgebaut wurde. Der neu gewählte Nationalrat trat schließlich am 19. Dezember 1945 im Parlament zusammen.

Parlamentarier als Opfer des NS-Terrors

Auch Mandatare wurden Opfer des nationalsozialistischen Terrors. Zwölf Abgeordnete, die vier verschiedenen Parteien zuzurechnen waren, wurden zwischen 1938 und 1945 ermordet. An sie erinnert eine Gedenktafel am oberen Ende der Parlamentsrampe rechts vom Eingang zum Parlamentsgebäude. Die Inschrift lautet:

"Die Sozialdemokraten Robert Danneberg, Anton Falle, Oskar Janicki, Felix Kanitz, Karl Klimberger, Karl Knapp, Paul Schlesinger und Viktor Stein,
die Christlichsozialen Richard Steidle und Hans Sylvester,
der Großdeutsche Hans Prodinger
sowie der Jüdisch-Nationale Robert Stricker."