Geschichte des Palais Epstein

Das Palais am Ring blickt auf eine wechselhafte Geschichte zurück, die oft eng mit der des Parlaments verbunden war.

Die Familie Epstein

Die Geschichte des Palais Epstein ist - vor allem in seinen frühen Jahrzehnten - untrennbar mit der Geschichte seiner Erbauerfamilie und deren privaten und beruflichen Tätigkeiten verbunden. 

Prager Anfänge

Die für das Palais namensgebende Familie Epstein stammte aus Prag, wo sie mit der aufblühenden Textilindustrie zu viel Geld gekommen war. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts legten die Brüder Israel und Ephraim Epstein den Grundstein zum wirtschaftlichen Aufstieg der Familie. Sie spezialisierten sich auf das Bedrucken von Baumwollstoffen, die sogenannte Kattundruckerei.

Damit repräsentierten sie die Reaktion des Kontinents auf die von Großbritannien ausgehende industrielle Revolution, die gerade im Bereich der maschinellen Baumwollverarbeitung eingesetzt hatte.

Die britische Konkurrenz in der Textilindustrie war aufgrund ihres technologischen Vorsprungs übermächtig. Erst die von Napoleon 1806 verhängte Kontinentalsperre, ein gegen Großbritannien erklärtes Handelsembargo als Antwort auf die britische Seeblockade, entlastete die kontinentaleuropäischen Kattundruckereien.

Davon profitierten auch die Prager Betriebe, und die Brüder Epstein gelangten durch strategisch geschickte Unternehmenspolitik rasch zu hohem Ansehen und Wohlstand.

Leopold Epstein: Bankgeschäft und Umzug nach Wien

Nach der geschäftlichen Trennung im Jahr 1815 verlief die Erfolgskurve des von Israel gegründeten Zweigs ungleich steiler als jene seines Bruders Ephraim. 1819 trat Israel Epstein die Fabrik an "seinen einzigen, hierzu eigens vorgebildeten Sohn" Lazar ab, der sich später Leopold Epstein nannte. Unter seiner Leitung wurde die Kattundruckfabrik bald zur bedeutendsten Prags und war 1843 mit fast 1.000 Arbeitern die zweitgrößte in Böhmen. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg der Textilproduktion entwickelte sich auch der unternehmerische Wunsch, die Produkte der Kattundruckfabriken ertragbringend zu vermarkten. Bereits seit 1818 unterhielt die Firma Israel Epstein eine kleine Niederlassung in Wien, in der Lazar den Umsatz steigern konnte.

Aus der Präsenz am wichtigsten Handels- und Finanzplatz der Monarchie ergab sich nahezu zwingend das Ausweiten der geschäftlichen Aktivitäten in den Großhandel und in das Bankgeschäft. Das eigene Bankhaus erwies sich als sehr zweckmäßig zur finanziellen Abwicklung der Transaktionen im Handel, und nach dem Verkauf der Fabriken sollte das Bankgeschäft schließlich ganz in den Mittelpunkt der wirtschaftlichen Tätigkeit des Hauses Epstein treten.

Mit der Verlagerung der wirtschaftlichen Interessen von Prag nach Wien verlegte Lazar, nun Leopold Epstein, auch den Wohnsitz der Familie sowie den Sitz der Firma mehrheitlich nach Wien. Als einer der reichsten Bankiers Wiens wurde Leopold Epstein unter anderem zum Direktor der Nationalbank berufen. Im Jahr 1864 starb er an den Folgen eines Schlaganfalls und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Währing begraben. 

Gustav Epstein - Der Bauherr des Palais

Gustav Epstein wurde als drittes Kind und zugleich ältester Sohn von Lazar Leopold Epstein am 10. April 1828 in Prag geboren und wuchs in Prag und Wien auf.

Nach dem Tod des Vaters war er ein reicher Erbe mit einem geschätzten Vermögen von rund 10 Millionen Gulden, nach heutigem Wert knapp 100 Millionen Euro. Mit nur wenig Freude übernahm er im Jahr 1864 die Firma, da seine Interessen in erster Linie auf kulturellem Gebiet lagen.

Vater Leopold Epstein hatte jedoch testamentarisch verfügt, dass sein Sohn die Firma nur dann erben könne, wenn er diese auch mindestens fünf Jahre leite. Mit einem Teil des Kapitals gründete Gustav Epstein seine eigene Bank, das Bankhaus Epstein.

Bankier und Menschenfreund

Nach dem Verkauf der Fabriken betrieb Gustav Epstein das Bankhaus weiter. Für den Publikumsverkehr unterhielt es eine Wechselstube an der Adresse Kärntnerstraße 3, Ecke Singerstraße 2, darüber hinaus repräsentierte es einen Geschäftstypus, der heute als Investmentbank bezeichnet werden würde.

In seiner Bank befand sich ein separater Raum, der für ein Geldinstitut eher ungewöhnlich war und ist: Hier bearbeitete ein eigens dafür angestellter Mitarbeiter Hilfegesuche von Bedürftigen und zahlte aus einer von Epstein eingerichteten Handkassa finanzielle Zuwendungen an die Armen aus.

Der dafür vorgesehene Betrag soll sich auf 30.000 Gulden (entspricht heute mehr als 300.000 Euro) pro Jahr belaufen haben. Angeblich lautete damals ein geflügeltes Wort: "Der Kaiser gibt einen Kreuzer, der Epstein gibt vier."

Als 1866 zwischen Österreich und Preußen im Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland ein Krieg ausbrach, brauchte der Staat dringend Geld. Als glühender Patriot stellte der kaisertreue Gustav Epstein als erster Privatmann dem Kaiser eine hohe Summe für diesen Krieg zur Verfügung.

Am Ende des Krieges stand die verlorene Schlacht von Königgrätz, in deren Folge Bismarck Österreich aus dem Deutschen Bund ausschloss und Berlin zum politischen Zentrum Europas ausbaute.

Epstein reagierte auf die große Not in der besiegten und gedemütigten Habsburgermonarchie, die auch auf die hohen Reparationskosten zurückzuführen war, und spendete weiter hohe Summen. Als Dank für seine großzügigen Spenden erhielt Gustav Epstein im November 1866 von Kaiser Franz Joseph den Orden der Eisernen Krone 3. Klasse und damit den Adelstitel. Von nun an hieß er Gustav Ritter von Epstein.

Förderer der Künste

Neben der Wohlfahrt galt der Kunst das besondere Interesse und Engagement Gustav Ritter von Epsteins. So beteiligte er sich aktiv an der Gründung und Ausstattung des Museums für Kunst und Industrie (heute MAK – Museum für angewandte Kunst), und seine Ernennung zum Korrespondenten des Museums soll er als höchste Auszeichnung aufgefasst haben. Beim Neubau der Börse setzte er sich als Börserat und Mitglied des Baukomitees entscheidend für die Wahl Theophil Hansens als Architekt ein.

Epstein war auch Vorstandsmitglied des Wiener Musikvereins, und sein Name ist im Foyer des Gebäudes an prominenter Stelle auf einer Ehrentafel für großzügige Spender eingemeißelt.

Seine Liebe zur Kunst bezeugt aber vor allem sein Palais an der Ringstraße, das selbst ein Gesamtkunstwerk ist und auch seine reichen Kunstsammlungen beherbergte.

Als Gustav Epstein nach dem Tod des Vaters die Leitung der Firma L. Epstein übernahm, nutzte er die gewonnene Dispositionsfreiheit nicht dazu, einen neuen geschäftlichen Kurs einzuschlagen, sondern investierte in die Errichtung seiner Badener Landvilla und des prachtvollen Stadtpalais.

Reisen führten ihn bis in den Vorderen Orient, nach Tunesien und Marokko, doch ein Land zog ihn besonders in seinen Bann: Italien. Im Wintergarten des Wiener Palais schuf er eine Art virtuelles Italien, mit Pflanzen, die das Flair des geliebten Landes verströmen sollten, mit Kunstwerken, die er von seinen Reisen in den Süden mitgebracht hatte.

Ein Zeugnis dieser großen Liebe zu Italien und zur italienischen Kunst ist bis heute erhalten geblieben: die Marmorstatuette eines Genius oder Amor, die er aus Florenz mitbrachte. Sie überlebte den Verkauf der Kunstsammlungen, gelangte als Teil des Heiratsgutes von Margarethe von Epstein nach Ungarn und ist jetzt wieder ins Palais Epstein zurückgekehrt.

Nach dem Börsenkrach von 1873 verlor Gustav Ritter von Epstein sein gesamtes Vermögen. Die Familie wohnte noch bis zum Tod des schwerkranken Sohnes Friedrich 1876 im Palais an der Ringstraße und zog kurz danach in eine Mietwohnung. Drei Jahre später, 1879, starb Gustav Epstein an Kehlkopfkrebs. Die Witwe Emilie Epstein lebte nach seinem Tod mit ihren drei Kindern und ihrem Bruder zusammen. Nach Ende des Ersten Weltkriegs übersiedelte sie – bereits hoch betagt – zu ihren Töchtern nach Budapest, wo man noch heute Nachfahren der Familie findet.

Verwendung des Palais durch die Familie Epstein

Das illustre Bauwerk am Ring war lange Zeit der Hauptsitz der Familie Epstein bis zu deren finanziellem Niedergang in Folge eines Börsencrashs. Danach nutzten viele verschiedene Institutionen das vormalige Wohn- und Bankhaus unter anderem als Amtssitz und Bürogebäude.

Bank und Wohnhaus der Epsteins

Im Jänner 1872 bezog die Familie Epstein das Palais und wohnte dort bis 1877. Wie viele andere Ringstraßenpalais diente es nicht nur als Wohnhaus, sondern auch als Geschäftssitz. Einige Geschäftslokale im Erdgeschoß sowie die Wohnungen im zweiten und dritten Stock des Gebäudes waren zur Vermietung bestimmt, wie es der typischen gemischten Nutzung eines Zinspalais entsprach.

Im Erdgeschoß befanden sich zu dieser Zeit der Epsteins Bank- und Geschäftsräume. Die Räumlichkeiten der Epstein’schen Bank waren – von der Ringstraße aus betrachtet – auf der rechten Seite untergebracht. Die Räume auf der linken Seite vermietete Gustav Epstein an andere Geschäftsleute weiter, da in seiner Bank relativ wenig Publikumsverkehr herrschte und somit kein großer Platzbedarf bestand.

Bis etwa 1883 hatten die vermieteten Geschäftslokale auch einen eigenen Eingang, der vermutlich zugemauert wurde. Das belegen alte Aufnahmen des Palais.

Der größte Andrang im Epstein’schen Kontor herrschte in dem Raum, der für die sogenannte Armenbeteiligung vorgesehen war: Ein Mitarbeiter der Bank betreute darin eine Handkassa, aus der er Bedürftigen, die sich anonym an ihn wenden konnten, finanzielle Hilfen auszahlte.

Der eigentliche Unternehmenszweck des Bankhauses bestand  – vergleichbar mit der Funktion einer Investmentbank heute – im Wesentlichen in der Veranlagung und Verwaltung des großen Vermögens Gustav Ritter von Epsteins. So wurden beispielsweise Beteiligungen an anderen Banken und Versicherungsunternehmen sowie an Betrieben der Zucker- und Ölindustrie erworben.

Illustres Wohnhaus

Über die Prunktreppe gelangt man noch heute in den ersten Stock, in die sogenannte Beletage. Hier lebte die Familie Epstein, Gustav und seine Frau Emilie, sowie ihre Kinder Friedrich, Caroline und Margarethe. Grundsätzlich waren die Räume in der linken Gebäudehälfte den weiblichen Familienmitgliedern zugedacht, die der rechten Gustav von Epstein und seinem Sohn vorbehalten.

Was für diese Zeit bemerkenswert und noch eher unüblich war: Die Eheleute Epstein teilten sich ein gemeinsames Schlafzimmer. In den Palais der Adeligen war das zu diesem Zeitpunkt noch undenkbar. Dass die Intimität nach außen sichtbar gemacht wurde, war gesellschaftlich revolutionär.

Doch nicht nur die Familie Epstein bewohnte das Palais. Auch den Gouvernanten und dem Hauslehrer des Sohnes standen eigene Zimmer zur Verfügung, die allerdings an der Rückseite des Hauses lagen. Beinahe ohne Tageslicht und mit Blick in den Lichthof waren sie, zusammen mit den Dienstbotenkammern, mit Sicherheit die ungemütlichsten Räume des Palais.

Prestigeträchtiger Veranstaltungsort

Im zweiten Stock, den man ebenfalls über die Prunktreppe erreichte, befanden sich Mietwohnungen, die der Wohnung der Epsteins ähnlich waren. Im dritten Stock waren ebenfalls zur Vermietung vorgesehene Wohnungen untergebracht, allerdings waren diese weniger prachtvoll und kleiner.

Die drei zentralen Räume im ersten Stock waren ausschließlich für Repräsentationszwecke gedacht. Da das Ehepaar Epstein musikbegeistert war, lud es regelmäßig Gäste zu musikalischen Abenden ein. Die Epsteins empfingen ihre Gäste im reich verzierten Empfangssaal in der Beletage. Von dort aus gelangt man links in den Tanzsaal, rechts in die Räumlichkeiten der weiblichen Familienmitglieder.

The halls are alive...

Im Tanzsaal gaben Pianist:innen wie Clara Schumann und Anton Rubinstein nicht selten Interpretationen von Werken Schuberts und Beethovens zum Besten. Tatsächlich wurde im Tanzsaal zu Zeiten der Familie Epstein mehr musiziert als getanzt, weswegen die Bezeichnung Festsaal zutreffender ist.

Wenn dem Hausherren das Treiben im Rahmen der Feste zu anstrengend wurde, zog er sich gerne in den Wintergarten zurück, der direkt an den Festsaal angeschlossen war. Nach einer Soiree begaben sich die Gäste in den Speisesaal links neben dem Festsaal.

Dieser war mit Werken aus der opulenten Gemäldesammlung Gustav Epsteins – welche er im Rahmen der Weltausstellung 1873 auch der Öffentlichkeit zugänglich machte – ausgestattet. Das gesellige Zusammensein fand seinen Abschluss meist in kleiner Runde im Rauchsalon. 

Spätere Nutzung

Nachdem Gustav Ritter von Epstein infolge des Börsenkrachs von 1873 das Palais 1876 verkaufen musste, wurde das Haus sehr unterschiedlich genutzt. Die Liste seiner verschiedenen Hausherren ist ein Spiegel der Geschichte der letzten 130 Jahre.

Verwendung ab 1883

Das Palais heute: Büros, Demokratiewerkstatt und Veranstaltungsort

Die Diskussion über die weitere Nutzung des Palais Epstein kam Ende der 1990-er Jahre im Zuge seiner Umwidmung auf. Ende 1997 beschloss der Ministerrat, das Palais zu verkaufen. Am 19. November 1998 wurde in der Präsidialsitzung des Nationalrats aber der einhellige Beschluss gefasst, das Palais für Parlamentszwecke zu nutzen. 

Die Bundesimmobiliengesellschaft kaufte schließlich 1998 das Haus an, für das sich auch eine japanische Bank interessiert hatte. Nach einer europaweiten Ausschreibung der Generalsanierung des Palais im Frühjahr 2002 wurde das Haus unter Einbeziehung des Bundesdenkmalamtes weitestgehend originalgetreu restauriert und am 25. Oktober 2005 feierlich eröffnet.

Es dient seither als weitere Dependance des Parlaments in unmittelbarer Nachbarschaft und beherbergte unter anderem für die Dauer der Sanierung die Parlamentsbibliothek.

Vor allem Leon Zelman, der damalige Leiter des Jewish Welcome Service, setzte sich für eine Nutzung des Palais Epstein als "Haus der Geschichte" bzw. "Haus der Toleranz" ein. Für ein Museum wäre das Palais Epstein allerdings zu klein gewesen. Eine Gedenktafel, die am 11. Juli 2008 an der Ecke Schmerlingplatz, Dr.-Karl-Renner-Ring 1 am Palais Epstein angebracht wurde, erinnert an seinen Einsatz für den Dialog zwischen dem heutigen Österreich und Opfern der NS-Verfolgung.