Bibliothek - Aktueller Tipp 02.04.2025

„Wachgerüttelt“ – Das Terrorattentat von Oberwart vor 30 Jahren

Sichtbarkeit und Selbstbewusstsein

"Ohne die vier Toten hätte sich bei uns bei den Roma nichts geändert" – so erinnert sich der 2020 verstorbene Ludwig Horvath in einem Zeitzeugengespräch aus dem Jahr 2008. Das rechtsextremistische Terrorattentat im burgendländischen Oberwart am 4. Februar 1995 – die vier Roma Erwin Horvath, Karl Horvath, Josef Simon und Peter Sarközi wurden durch eine Sprengfalle ermordet – hätte ihn "wachgerüttelt". Für Ludwig Horvath war dies der Beginn seines lebenslangen Engagements für die Sichtbarkeit und Rechte der Volksgruppe der Roma in Österreich. Bereits vor dem Anschlag hatten Vetreter:innen der Roma wichtige Anliegen realisiert: 1989 die Gründung des ersten Roma-Verein Österreichs "Roma Oberwart" oder 1991 die Gründung des "Kulturverein Österreichischer Roma". Ein politischer Meilenstein folgte 1993 – die Anerkennung der Roma als sechste österreichische Volksgruppe durch den Hauptausschuss des Nationalrates am 16. Dezember 1993. Damit einher ging die Einrichtung eines Volksgruppenbeirates wie sie im Volksgruppengesetz von 1976 vorgesehen waren. Am 5. September 1995 konnte der Volksgruppenbeirat der Roma zu seiner konstituierenden Sitzung zusammenkommen. 

Anerkennung

Das Attentat von Oberwart war einer der traurigen Höhepunkte in der von Franz Fuchs verübten Anschlagsserie gegen Angehörige von Minderheiten und sie unterstützende Politiker:innen zwischen Dezember 1993 und Dezember 1996. Der sich in den Gewalttaten und Bekennerschreiben manifestierende Wille zu Gewalt und Vernichtung hatte die österreichischen Rom:nija und Sinti:zze bereits unter dem NS-Regime erfasst: Knapp 11.000 lebten 1938 in Österreich, schätzungsweise zwei Drittel von Ihnen wurden Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, wurden in Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet. Die offizielle Anerkennung und erinnerungspolitisch wichtige Geste erfolgte erst nach Jahrzehnten: Seit 2015 ist der 2. August der "Europäische Holocaust-Gedenktag für die Roma", seit dem Jahr 2023 ist er auch in Österreich ein nationaler Gedenktag.

Die "gesellschaftliche Anerkennung", so Rudolf Sarközi, der langjährige Vorsitzende des Volksgruppenbeirates der Volksgruppe der Roma, bedeute "nicht automatisch das Verschwinden alter Vorurteile und das Ende unserer Ausgrenzung". Durch Dialogformate und Gedenktage ist auch das Österreichische Parlament bestrebt, Vorurteilen und Ausgrenzung entgegenzuwirken. Die Parlamentsbibliothek liefert in dieser Literaturauswahl Werke aus ihrem Bestand zur Volksgruppe der Roma sowie zu den Volksgruppen allgemein. Mehr Literatur zu diesen und vielen weiteren Themen finden Sie über das Suchportal. Die Parlamentsbibliothek wünscht eine gute Lektüre!

Literaturauswahl

  • Baumgartner, Gerhard, u.a., "Einfach weg!": Verschwundene Romasiedlungen im Burgenland (New Academic Press, Wien/Hamburg 2020 – Bestellen
  • Bellen, Alexander van der, u.a., Gleiche unter Gleichen: der Weg der politischen und sozialen Anerkennung der österreichischen Roma als Volksgruppe 1993 (Kulturverein österreichischer Roma, Wien 2023) – Bestellen
  • Bender-Säbelkampf, Anna, Demokratie der ethnischen Minderheiten: Repräsentation und Partizipation in Österreich und der Europäischen Union (Nomos Verlag, Baden-Baden; Facultas.WUV, Wien 2012) – Bestellen
  • Freund, Florian, Vermögensentzug, Restitution und Entschädigung der Roma und Sinti (Oldenbourg Verlag, Wien/München 2004) – Online-Zugriff auf Volltext
  • Hafner, Gerhard (Hg.), Volksgruppenrecht und Volksgruppenpolitik in Bewegung (Klagenfurt/ Celovec, Ljubljana/ Laibach, Wien/Dunaj, Mohorjeva/Hermagoras 2022) – Bestellen
  • Karpf, Peter, u.a. (Hg.) Dialog und Kultur - Beiträge zum Europäischen Volksgruppenkongress 2022 und Sonderthemen (Klagenfurt am Wörthersee, Land Kärnten, Amt der Kärntner Landesregierung, Abteilung 1 - Landesamtsdirektion, Volksgruppenbüro 2023) – Bestellen
  • Österreichisches Volksgruppenzentrum (Hg.), Österreichische Volksgruppenhandbücher (Österreichisches Volksgruppenzentrum, Wien 1991-2005 ) – Bestellen
  • Sarközi, Rudolf, Roma - österreichische Volksgruppe: von der Verfolgung bis zur Anerkennung (Drava Verlag, Klagenfurt/Celovec 2008) – Bestellen
  • Schneller, Erich Maria (Hg.), Das Attentat von Oberwart: Terror, Schock und Wendepunkt (Ed. Lex Liszt 12, Oberwart 2015) – Bestellen
  • Stojka, Ceija, Wir leben im Verborgenen: Aufzeichnungen einer Romni zwischen den Welten (Picus Verlag, Wien 2013) – Bestellen
  • Zentrum polis, Politik lernen in der Schule, Roma in Österreich: Geschichte und Gegenwart (Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Wien 2024) – Bestellen