Fachinfos - Fachdossiers 20.05.2026

Wie prägen Parlamente die Form von Koalitionsregierungen?

Wie prägen Kräfteverhältnisse im Parlament Koalitionsregierungen?

Wissenschaftliche Forschung zu Koalitionen hat sich v. a. infolge der zunehmenden Fragmentierung nationaler Parteiensysteme (s. u.) als zentraler Bereich der Vergleichenden Politikwissenschaft etabliert (vgl. Bräuninger/Debus 2024). Studien aus dem Bereich der Koalitionsforschung beschäftigen sich einerseits mit unterschiedlichsten Aspekten des koalitionären Regierens wie der Stabilität von Koalitionsregierungen (Krauss 2018), ihrer öffentlichen Wahrnehmung (Bowler u. a. 2020), ihrer Effektivität (Krauss/Thürk 2022) oder der Anwendung von Koordinationsmechanismen innerhalb von Koalitionen (Matthews 2019), andererseits nehmen sie die Bildung von Koalitionsregierungen in den Blick.

In diesem Zusammenhang stellt sich vorweg die Frage, welche Parteien überhaupt Teil einer Koalitionsregierung werden (mit Blick auf die Bildung der aktuell im Amt befindlichen österreichischen Bundesregierung vgl. z. B. Graichen 2025). Hierbei spielen die parlamentarischen Kräfteverhältnisse eine entscheidende Rolle. Vor allem ein höherer Anteil an Parlamentssitzen lässt in der Regel die Wahrscheinlichkeit steigen, dass eine Partei Teil einer Koalitionsregierung wird. Das zeigt eine Untersuchung von Regierungskoalitionen in 26 europäischen Ländern, aus denen die Politikwissenschafter Holger Döring und Johan Hellström (2013, S. 693) den Schluss ziehen, dass ein Anstieg des parlamentarischen Sitzanteils einer Partei um einen Prozentpunkt ihre Chance auf eine Regierungsbeteiligung im Durchschnitt um etwa drei bis sieben Prozent erhöht.

In der Koalitionsforschung wird zudem davon ausgegangen, dass die Kräfteverhältnisse im Parlament auch beeinflussen, wie die Regierungsämter unter den Koalitionspartnern aufgeteilt werden. Grundsätzlich entspricht der Anteil an Regierungsämtern in den meisten Fällen ungefähr dem Anteil an Sitzen im Parlament, den die jeweilige Koalitionspartei zur Koalition beiträgt (vgl. z. B. Browne/Franklin 1973). Dieser Zusammenhang wird in der Koalitionsforschung nach dem Soziologen William A. Gamson (1961) als "Gamson’s Law" bezeichnet und trifft laut den Politikwissenschaftern Paul V. Warwick und James N. Druckman (2006) auch dann zu, wenn die Analyse dahin gehend vertieft wird, dass die verschiedenen Ministerien unterschiedlich gewichtet werden (ebd., S. 641 ff.).

Darüber hinaus beschäftigt sich die Koalitionsforschung z. B. auch mit der Frage, wie die Verteilung von Ministerien mit inhaltlichen Schwerpunktsetzungen in vorangegangenen Parlamentswahlen in Zusammenhang steht (vgl. z. B. Bassi 2017).

Welche Koalitionsformen kommen wie häufig vor?

Um einen Überblick über unterschiedliche Konstellationen in Koalitionen zu erhalten und etwaige Trends ablesen zu können, benötigt es umfassende Datensätze wie jenen der Party Government in Europe Database (PAGED) (Hellström u. a. 2024). Dieser enthält Informationen zu Regierungen in 28 europäischen Staaten seit 1944 bzw. seit der Demokratisierung der jeweiligen Staaten bis Ende 2024.

Daraus lässt sich z. B. ablesen, wie häufig verschiedene Formen von (Koalitions-)Regierungen in den heutigen EU-Mitgliedstaaten vorgekommen sind (ausgenommen sind Zypern und Malta, die nicht im Datensatz enthalten sind). Wie die darauf basierende Grafik zeigt, waren nur in fünf Staaten (Spanien, Griechenland, Schweden, Bulgarien, Portugal) weniger als die Hälfte der erfassten Regierungen Koalitionsregierungen, d. h. in den meisten Ländern sind Koalitionen die übliche Regierungsform. Außerdem konnten sich diese Regierungen weitgehend auf parlamentarische Mehrheiten stützen (= Mehrheits-Koalitionsregierungen), auch wenn es nur in vier der angeführten Staaten (Griechenland, Österreich, Deutschland, Luxemburg) noch nie eine Minderheits-Koalitionsregierung gab.

Als Minderheits-Koalitionsregierungen gelten Regierungen, die sich aus mehr als einer Partei zusammensetzen und in ihren jeweiligen Parlamenten keine Mehrheit hinter sich haben. Mehrheits-Koalitionsregierungen haben eine Mehrheit im Parlament hinter sich. Die Kategorie "Keine Koalitionsregierungen" enthält Alleinregierungen sowie Regierungen, die nicht von Parteien getragen werden (also in der Regel Expertinnen- und Expertenregierungen).

Aus wie vielen Parteien bestehen Koalitionen in Europa?

Die Anzahl an Parteien, die gemeinsam eine Regierung bilden, kann stark variieren. Dies steht ebenfalls im Zusammenhang mit den Kräfteverhältnissen im jeweiligen Parlament. Die nächste Grafik zeigt, wie (Koalitions-)Regierungen in den 27 EU-Mitgliedstaaten aktuell ausgestaltet sind (die Darstellung basiert auf einer eigenen Recherche, Stand: März 2026), und inkludiert daher auch Malta und Zypern; Anm.). Die häufigste Form sind Zweier- oder Dreierkoalitionen (jeweils neun). In sieben Staaten setzen sich die Regierungen aus mehr Parteien zusammen, in zwei Staaten regieren Parteien alleine.

Mithilfe der Zahlen aus dem PAGED-Datensatz (und dementsprechend wieder mit einer leicht abweichenden Auswahl an Staaten im Vergleich zur vorhergehenden Grafik; Anm.) lässt sich nachzeichnen, wie sich die durchschnittliche Größe von Koalitionsregierungen – im Sinne der Anzahl an daran beteiligten Parteien – im Zeitverlauf entwickelt hat. Dafür wird für jedes Jahrzehnt (1940er, 1950er etc.) die durchschnittliche Koalitionsgröße berechnet. Ausschlaggebend für die Zuteilung zu einem Jahrzehnt ist das Datum, an dem die Regierung ins Amt gekommen ist. Wie die blaue Linie in dieser Grafik zeigt, unterliegt die durchschnittliche Größe von Koalitionen gewissen Schwankungen, jedoch bewegt sie sich stets zwischen 2,5 und 3,5 Koalitionsparteien.

Vergleiche zwischen den Jahrzehnten sind im Bewusstsein zu betrachten, dass sich die Zahl der inkludierten Länder im Laufe des Beobachtungszeitraums erhöht hat, weil immer mehr Staaten demokratisch wurden. Umso spannender wird die Betrachtung durch die in derselben Grafik erfolgte Darstellung der Entwicklung der effektiven Anzahl an Parteien in Parlamenten (die orange Linie). Diese sogenannte ENPP ("effective number of parties in parliament") dient Expertinnen und Experten seit den späten 70ern (vgl. Laakso/Taagepera 1979) als Messgröße für die Fragmentierung eines Parteiensystems: Die Zahl ergibt sich nicht ausschließlich aus der Anzahl an Parteien, die im jeweiligen Parlament vertreten sind, sondern gewichtet diese zusätzlich in Relation zu ihrer jeweiligen Mandatsstärke. Je größer die Zahl ist, als desto fragmentierter gilt das Parteiensystem.

Basierend auf Zahlen der "Who Governs Europe"-Database bildet diese Linie eine zunehmende Fragmentierung der Parteiensysteme der einbezogenen Staaten ab. Holger Döring und Johan Hellström (2013) beschäftigten sich schon vor über zehn Jahren mit der Frage, warum sich diese Fragmentierung nicht in einem vergleichsweisen Wachstum der durchschnittlichen Koalitionsgröße niederschlägt. Sie beobachteten, dass es in zunehmend fragmentierten Parteiensystemen immer häufiger zur Zusammenarbeit größerer Parteien kommt. Da das Publikationsdatum dieser Untersuchung allerdings bereits über zehn Jahre zurückliegt, können keine aktuell gültigen Aussagen zu den Ursachen dieses Phänomens getätigt werden.

Betrachtet man die Staaten aus einer vergleichenden Perspektive, wird offensichtlich, dass die durchschnittliche Größe der Koalitionsregierungen relativ stark variiert. Die jeweilige Zahl ergibt sich aus der durchschnittlichen Anzahl an Parteien aller Koalitionsregierungen eines Landes zwischen 1944 (bzw. dem Jahr der ersten demokratischen Regierung) und 2024.

Österreich sticht dabei als jenes Land hervor, dessen Koalitionen eindeutig aus der im Durchschnitt geringsten Anzahl an Parteien gebildet wurden. Da die aktuelle Regierung nicht in den Zahlen enthalten ist, hebt einzig die erste Regierung unter Bundeskanzler Leopold Figl von 1945 bis 1949 (siehe Regierungen seit 1945 - Bundeskanzleramt Österreich) die Zahl auf über 2 an. Dementsprechend lässt sich abschließend das Fazit ziehen, dass die gegenwärtige Dreierkoalition zwar im Verlauf der österreichischen Geschichte, aber keineswegs im europäischen Vergleich eine Ausnahme darstellt.

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