Wie prägen Kräfteverhältnisse im Parlament Koalitionsregierungen?
Wissenschaftliche Forschung zu Koalitionen hat sich v. a. infolge der zunehmenden Fragmentierung nationaler Parteiensysteme (s. u.) als zentraler Bereich der Vergleichenden Politikwissenschaft etabliert (vgl. Bräuninger/Debus 2024). Studien aus dem Bereich der Koalitionsforschung beschäftigen sich einerseits mit unterschiedlichsten Aspekten des koalitionären Regierens wie der Stabilität von Koalitionsregierungen (Krauss 2018), ihrer öffentlichen Wahrnehmung (Bowler u. a. 2020), ihrer Effektivität (Krauss/Thürk 2022) oder der Anwendung von Koordinationsmechanismen innerhalb von Koalitionen (Matthews 2019), andererseits nehmen sie die Bildung von Koalitionsregierungen in den Blick.
In diesem Zusammenhang stellt sich vorweg die Frage, welche Parteien überhaupt Teil einer Koalitionsregierung werden (mit Blick auf die Bildung der aktuell im Amt befindlichen österreichischen Bundesregierung vgl. z. B. Graichen 2025). Hierbei spielen die parlamentarischen Kräfteverhältnisse eine entscheidende Rolle. Vor allem ein höherer Anteil an Parlamentssitzen lässt in der Regel die Wahrscheinlichkeit steigen, dass eine Partei Teil einer Koalitionsregierung wird. Das zeigt eine Untersuchung von Regierungskoalitionen in 26 europäischen Ländern, aus denen die Politikwissenschafter Holger Döring und Johan Hellström (2013, S. 693) den Schluss ziehen, dass ein Anstieg des parlamentarischen Sitzanteils einer Partei um einen Prozentpunkt ihre Chance auf eine Regierungsbeteiligung im Durchschnitt um etwa drei bis sieben Prozent erhöht.
In der Koalitionsforschung wird zudem davon ausgegangen, dass die Kräfteverhältnisse im Parlament auch beeinflussen, wie die Regierungsämter unter den Koalitionspartnern aufgeteilt werden. Grundsätzlich entspricht der Anteil an Regierungsämtern in den meisten Fällen ungefähr dem Anteil an Sitzen im Parlament, den die jeweilige Koalitionspartei zur Koalition beiträgt (vgl. z. B. Browne/Franklin 1973). Dieser Zusammenhang wird in der Koalitionsforschung nach dem Soziologen William A. Gamson (1961) als "Gamson’s Law" bezeichnet und trifft laut den Politikwissenschaftern Paul V. Warwick und James N. Druckman (2006) auch dann zu, wenn die Analyse dahin gehend vertieft wird, dass die verschiedenen Ministerien unterschiedlich gewichtet werden (ebd., S. 641 ff.).
Darüber hinaus beschäftigt sich die Koalitionsforschung z. B. auch mit der Frage, wie die Verteilung von Ministerien mit inhaltlichen Schwerpunktsetzungen in vorangegangenen Parlamentswahlen in Zusammenhang steht (vgl. z. B. Bassi 2017).