LETZTES UPDATE: 17.07.2017; 14:13
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Architektonisches Konzept

In der baulichen Struktur spiegelt sich die soziale Realität der Ringstraßengesellschaft wider: Herrschende und dienende Schicht sind eng miteinander verbunden und dennoch räumlich scharf getrennt. Die Unterschiede zwischen den Klassen werden auch in der baulichen Struktur abgebildet. Die Herrschaft wohnte zur Ringstraße – die Dienerschaft zur Rückseite.

Unterpunkte anzeigen Die vornehme Zurückhaltung

Die Fassade des Palais Epstein wurde von Theophil Hansen im Stil des strengen Historismus sehr schlicht gestaltet. Ganz dem Wunsch des Bauherrn Gustav Ritter von Epstein entsprechend, lässt die noble Zurückhaltung außen die Pracht und den Prunk im Inneren nicht erahnen. Lediglich die prominente Lage am höchsten Punkt der Ringstraße und das von Karyatiden gerahmte Portal weisen auf die gehobene soziale Stellung des Eigentümers hin.

Die Ringstraßenfront

Markantestes Gestaltungselement der Ringstraßenfront des Palais Epstein ist die im Vergleich zu anderen Palais ungewöhnlich breite Portalzone des Erdgeschoßes. Sie ist auch der einzige aus der Fluchtlinie vorspringende Gebäudeteil.

Gebildet wird sie von vier Karyatiden, die den Balkon der Beletage tragen. Sie sind ein Werk von Vincenz Pilz, einem der Lieblingsbildhauer Hansens. Er war bereit, die Ausgestaltung der Plastik ihrer architektonischen Funktion unterzuordnen.

Das Portal selbst war ursprünglich mit zwei mächtigen bronzenen Türklopfern geschmückt, die heute leider verschollen sind.

Durch das Portal und das Vestibül gelangt man in den mit Glas überdachten Innenhof, von dem aus sich das Gebäude den BesucherInnen erschließt.

Blockhafte Außengestaltung des Palais

Das Gebäude ist als geschlossener Baublock mit vier Geschoßen angelegt. Das Erdgeschoß setzt sich durch roh bearbeitetes Quadermauerwerk ab und ist von großen Rundbogenfenstern geprägt.

Nach oben hin wird die Gestaltung der Außenfassade mehr und mehr verfeinert und dadurch die Wirkung gesteigert. Vor allem das Attikageschoß ist mit überreichem Schmuck versehen.

Hansen wählte dafür Hermenpilaster mit dazwischenliegenden Reliefs, beides aus Terrakotta gefertigt. Den Abschluss bildet ein ausladendes Kranzgesims.

Unterpunkte anzeigen Der Grundriss des Gebäudes

Erdgeschoß

Vestibül und Atrium

Das Vestibül war so konzipiert, dass es als Einfahrt für Kutschen diente, mit denen man bis zur Feststiege vorfahren konnte. In der Kuppel des Vestibüls war die Devise Epsteins "Sis qui videris" (Sei, der du scheinst) zu lesen.

Überträgt man diesen Leitspruch des architektonischen Konzepts für das Palais auf die Persönlichkeit seines Eigentümers, so bedeutet das: außen vornehme Zurückhaltung, innen der Reichtum der schönen Seele.

Der vordere Bereich des Erdgeschoßes hatte primär die Funktion, von der äußeren zur inneren Repräsentationssphäre des Palais überzuleiten. An der Rückseite des glasüberdachten Innenhofs waren die Remise für die Kutschen und die Sattelkammer untergebracht.

Geschäftslokal - Bankhaus Epstein

Im Erdgeschoß des Palais befanden sich das "Gewölbe", das waren die vermieteten Geschäftslokale an der linken Gebäudeseite, und das "Comptoir", also die Räume des Bankhauses Epstein an der rechten Seite.

Das Bankhaus der Familie Epstein kann man heute mit einer Investmentbank vergleichen. Da mit dieser Art von Geschäften so gut wie kein Publikumsverkehr verbunden war, nahmen die Bankräumlichkeiten auch nur einen Teil der Ringstraßenfront in Anspruch.

Erster Stock oder Beletage

Die prachtvoll ausgestatteten und reich möblierten Räume im ersten Stock bewohnte ab 1872 die fünfköpfige Familie des Eigentümers . Die drei zentralen Räume an der Ringstraßenfront – der Empfangssaal, der Fest- bzw. Tanzsaal und der Speisesaal – waren der Repräsentation gewidmet.

In der daran anschließenden linken Gebäudeseite waren überwiegend die Räume der weiblichen Familienmitglieder untergebracht, mit Ausnahme des gemeinsamen ehelichen Schlafzimmers. Im rechten Gebäudeflügel befanden sich die Zimmer der Herren. Die Tatsache, dass die Eheleute Epstein gemeinsam in einem Zimmer nächtigten, zeigt, dass für die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts Intimität kein Tabuthema mehr war sondern gesellschaftlich akzeptiert wurde.

Diese Art des Umgangs wäre in den barocken Adelspalästen der Innenstadt undenkbar gewesen.

Bescheidene Räumlichkeiten für Gouvernanten und Hauslehrer

Den gebildeten Angehörigen des Personals wie den Gouvernanten bzw. dem Hauslehrer des Sohnes wurde, was die Unterbringung betraf, seitens der Herrschaft keine übermäßige Wertschätzung entgegen gebracht.

Den Gouvernanten wurden kleine Räume im hinteren Bereich des Hauses zugewiesen, der Hauslehrer bewohnte ein Schlauchzimmer mit Blick in einen Lichthof über der Rampe für die Pferde.

Der Keller

Eine vom Hof erreichbare Rampe führte in den Keller, wo sich die Pferdeställe, Heizungseinrichtungen, Kellerräume und das Eishaus befanden. Insgesamt 14 Pferde fristeten dort ihr Dasein in völlig dunklen Räumen ohne direkte Belüftung.

 

Literaturverweis:

Das Palais Epstein, Ein Haus mit Geschichte, Parlamentsdirektion Wien (Hrsg), Ueberreuter Verlag, Wien 2009

Unterpunkte anzeigen Die Treppen - ein Spiegel der sozialen Strukturen

Von den unterschiedlichen Zugangserschließungen durch insgesamt drei im Gebäude angelegte Treppen lassen sich die sozialen Abstufungen hinsichtlich ihrer BenutzerInnen ableiten. Zum einen die Prunktreppe für den Hausherrn, seine Familie und die Gäste, und zum anderen die Treppe zu den Mietwohnungen.

Die Prunktreppe zur Beletage

Die großzügig geführte Prunktreppe führt an der linken Seite des Innenhofes in den ersten und weiter in den zweiten Stock.

Sie ist mit verschiedenfarbigen Marmorarten und Stuckmarmor reich ausgestattet. Anders als in vergleichbaren Zinspalais erschließt sie damit nicht nur die Wohnung des Eigentümers in der Beletage, sondern auch die großzügig angelegte Mietwohnung darüber.

Diese ist in ihren Ausmaßen mit der Epstein’schen Wohnung im ersten Stock vergleichbar. Aufgrund dieser "sozialen Gleichstellung" ist davon auszugehen, dass Gustav Ritter von Epstein diese Wohnung als künftiges Domizil für seinen Sohn vorgesehen hatte. Die beiden Nobelgeschoße im ersten und zweiten Stock sind an der Außenfassade durch Balkone betont, die von vier Karyatiden getragen werden.

Eine enge Treppe zu den Mietwohnungen

Die drei weniger großzügig konzipierten Mietwohnungen im dritten Stock sind nur durch die engere Treppe an der rechten Seite des Innenhofs zu erreichen.

Wenig Lebensqualität - erreichbar über die "Dienstbotenstiege"

Am engsten nimmt sich schließlich die Treppe im Hoftrakt aus – die "Dienstbotenstiege". Über sie konnte das Personal in seine zum Teil im niedrigen Mezzanin gelegenen, vielfach lichtlosen Kammern gelangen. Durch das Einziehen von Zwischendecken fielen die Räume für die Bediensteten sehr klein und niedrig aus.

Sie waren schlecht belichtet und nicht ausreichend belüftet. Deshalb blieb ihnen auch die baubehördliche Bewilligung versagt. Im Zuge der Restaurierung des Palais wurde der Dienstbotentrakt zur Gänze entkernt, an seiner Stelle wurde eine moderne Stiegen- und Liftanlage eingebaut.