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Baugeschichte

Am 20. Dezember 1857 verfügte Kaiser Franz Joseph die Schleifung der Wiener Befestigungen. Es sollte an dieser Stelle ein Prachtboulevard entstehen, der von monumentalen öffentlichen und privaten Bauten gesäumt war. Die neue Ringstraßenzone schuf eine Verbindung zwischen dem historischen Stadtzentrum und den Vorstädten. Sie dynamisierte damit die Entwicklung des städtischen Raumes und bot zugleich dem wirtschaftlich erfolgreichen Großbürgertum ein Forum, seinen sozialen Aufstieg zur Schau zu stellen.

Unterpunkte anzeigen Prachtbauten treten an die Stelle der Wiener Stadtbefestigung

Die Stadtentwicklung der Gründerzeit hatte die europäische Metropole Paris zum Vorbild. In Paris entstanden bereits Mitte des 19. Jahrhunderts die "Boulevards"; wo Prachtbauten an die Stelle der Stadtbefestigung traten.

Die Gründerzeit war durch enormen wirtschaftlichen Aufschwung, Industrialisierung, ungehemmten Kapitalismus und unerschütterlichen Fortschrittsglauben gekennzeichnet. Sie beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts und endet mit dem Börsenkrach von 1873 abrupt.

 

Das Ringstraßenpalais - ein Dokument des sozialen Aufstiegs

Das Palais Epstein entstand auf dem Höhepunkt der sogenannten "Gründerzeit". Es ist das letzte in der Substanz weitgehend unverändert erhaltene Ringstraßenpalais.

Es steht somit für einen Gebäudetypus, der dazu bestimmt war, einen bestimmten gesellschaftlichen Typus zu repräsentieren: die Person des "sozialen Aufsteigers" der "Gründerzeit". Diese erfolgreichen Persönlichkeiten waren oftmals jüdischer Herkunft und durch Industrie, Handel und Bankwesen zu wirtschaftlichem Erfolg gelangt.

Ein herrschaftliches Wohn- und Geschäftshaus machte sichtbar, dass sein Besitzer den Eintritt in die gesellschaftliche Führungsschicht der Monarchie geschafft hatte; oft war die Erhebung in den Adelsstand damit verbunden.

Das "Zinspalais" – nicht benötigter Wohnraum wird vermietet

Das Palais Epstein repräsentiert prototypisch das für die Wiener Ringstraße charakteristische "Zinspalais". Es verband die Dokumentation des sozialen Status der Stifterfamilie mit dem aus dem kapitalistischen Geist der Zeit erwachsenen Ziel, durch Vermietung von Wohn- und Geschäftsräumen eine Kapitalrendite zu erzielen.

Unterpunkte anzeigen Die Architekten des Palais Epstein

Der Bauherr, Gustav Ritter von Epstein, hatte zwei Lieblingsarchitekten: Theophil Hansen und Otto Wagner.

Die Errichtung des Palais Epstein stellt das wichtigste gemeinsame Projekt dieser beiden großen, durch eine Generation getrennten, aber in Freundschaft verbundenen Architekten dar. Den etablierten Ringstraßenarchitekten Theophil Hansen betraute Epstein mit der Entwurfsarbeit, den jungen Otto Wagner beauftragte er mit der Bauführung des Palais.

Theophil Hansen verkörpert die für die Wiener Ringstraße charakteristische Architektur des Historismus. Mit seinem architektonischen Meisterwerk, dem Wiener Parlamentsgebäude, hat er das vielleicht bedeutendste Zeugnis der historistischen Architektur der Ringstraßenära hinterlassen.

Otto Wagner hatte den Historismus überwunden und sich durch einige beispielhafte Bauten wie das Wiener Postsparkassengebäude einen Namen gemacht. Vor allem aber durch seine theoretischen Schriften und die Ausbildung zahlreicher bedeutender Schüler an der "Akademie der Architektur der Moderne" galt er als bahnbrechender Architekt. Otto Wagner errichtete auch die Sommerresidenz der Familie Epstein in Baden bei Wien.

Das Gebäude selbst beherbergte zahlreiche Besitzer und erfuhr unterschiedliche Nutzungen. Es macht damit auch einen Teil österreichischer Geschichte greifbar. Die Beschäftigung mit all den Facetten, die das Palais im Laufe der Jahre umgeben, lässt nicht nur die Geschichte Wiens in ihrer politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialen Dimension im ausgehenden 19. sowie im 20. Jahrhundert nachvollziehen:

Sie erlaubt auch Einblicke in konkrete Lebenssituationen, eingebettet in die Gesamtentwicklung, und sie lässt die kulturelle Aufbruchstimmung der Zeit seiner Erbauer spüren.

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Literaturverweis:

Das Palais Epstein, Ein Haus mit Geschichte, Parlamentsdirektion Wien (Hrsg), Ueberreuter Verlag, Wien 2009