LETZTES UPDATE: 17.07.2017; 14:13

Das Arbeitszimmer mit Blick auf den Schmerlingplatz erreicht man vom Rauch- und Spielsalon aus. Obwohl dieser Raum im Grundriss-Ausführungsplan von Theophil Hansen als "Arbeitszimmer" bezeichnet wurde, handelte es sich dabei eher um die luxuriös-komfortable Studierstube des Hausherrn, in die er sich zur Zerstreuung zurückziehen konnte.

Die Einrichtung zu Zeiten Gustav Epsteins sagte sehr viel über dessen Charakter aus. Geht man vom ersten farbenprächtigen Entwurf aus, der im Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste aufbewahrt wird, so sah der Architekt in der Kassettendecke ursprünglich vier Gemälde vor: Allegorien von Handel, Industrie, Eisenbahn und Schifffahrt, also jene Wirtschaftszweige, die für den Aufstieg der Familie von Bedeutung waren.

Dieses Konzept wurde von Epstein aber nicht angenommen, denn er wollte kein Arbeitszimmer, sondern ein Studierzimmer. Die Einrichtungsgegenstände wiesen den Benutzer als feinsinnigen, humanistisch gebildeten Gelehrten, als Kunstkenner, Kunstsammler und bedeutenden Mäzen aus.

Die Einrichtung blieb nicht erhalten, dürfte jedoch sehr prachtvoll und im "Rubens-Stil" gestaltet gewesen sein, schenkt man der Beschreibung eines Zeitgenossen Glauben: "Wie prächtig und zugleich wie anheimelnd wirkt der Anblick dieses Gemaches auf uns; wir sehen da ein Meublement ganz aus Eichenholz, allen Zwecken einer confortablen Studierstube gewidmet; ein geräumiger Schreibtisch, hohe Lehnstühle, ein Divan, Bücherstellen etc. bilden dasselbe ... Die Decke dieses Gemaches ziert eine höchst werthvolle Copie eines Werkes von Rubens aus dem Louvre ..."

Die Baubeschreibung des Jahres 1876 führt aus: "... Im Arbeitszimmer des Bankiers nebenan finden wir rothe Damastwände, massiv geschnitzte Eichenmöbel und im getäfelten Plafond ein großes Mittelbild, die gelungene Copie eines Rubens ‚Venus und Amor’, dessen Original sich in Florenz befindet." Das wertvolle Gemälde dürfte von Epstein nach dem Börsenkrach verkauft worden sein.

Wo sich früher die Kopie des Rubensgemäldes im Mittelteil der Decke befand, ist heute eine Holzkassette angebracht. Die übrige Decke ist wieder aus Stuckmarmor (gemaltes Holzimitat) gefertigt, wodurch sie den Eindruck einer echten Holzdecke erweckt. Unter dem schönen Kamin wurde bei der Restaurierung noch eine Fläche des originalen Parketts gefunden, sodass der Boden für den gesamten Raum rekonstruiert werden konnte.

 

Literaturverweis:

Das Palais Epstein. Geschichte, Restaurierung, Umbau. Ein neues Haus an der Wiener Ringstraße. Bundesimmobiliengesellschaft mbH [Hrsg.], Wien 2005, Seite 58.