LETZTES UPDATE: 17.07.2017; 14:14
Diese Seite vorlesen lassen Diese Seite als Lesezeichen hinzufügen

Die Renovierung des Palais

Im Gegensatz zu vielen anderen Privathäusern an der Wiener Ringstraße ist das Palais im künstlerischen und baulichen Urzustand weitgehend erhalten geblieben. Die verschiedenen NutzerInnen des Gebäudes hatten jedoch merkliche Spuren hinterlassen. Unter anderem waren Zwischenwände in historisch geschützten Räumlichkeiten aufgestellt, wertvolle Wände tapeziert, EDV-Kabel über Putz verlegt und Zwischendecken eingezogen worden. Viele Bausünden machten die Sanierung des Palais zu einer besonderen Herausforderung.

Unterpunkte anzeigen Die Sanierung dauerte vier Jahre

Mehr als vier Jahre – von der Bestandsaufnahme über die Planung bis zur Fertigstellung – dauerten die Sanierungs- und Adaptierungsarbeiten. Dabei war viel detektivischer Spürsinn, Phantasie und Expertenwissen gefragt, stießen die verantwortlichen Architekten doch immer wieder auf neue Überraschungen.

Technisch hoch entwickelte Glasschiebetüren hinter Holzverkleidungen, Holztafeln in einem Abstellraum, die sich als Original-Parkettboden des Festsaales erwiesen, oder ein ausgetüftelter Mechanismus zur Verbarrikadierung der Fenster im Erdgeschoß, sind nur einige Entdeckungen, die im Zuge der Renovierung gemacht wurden. 

Auch ungeöffnete Briefe, Spielkarten und Kassiber von Gefangenen aus jener Zeit, in der die Sowjetische Zentralkommandantur im Palais Epstein residierte, gehören zu den Fundstücken.

Ein Augenmerk auf die Erhaltung der historische Substanz

Generell brachte man bei der Sanierung des Palais Epstein der historischen Bausubstanz großen Respekt entgegen. Vor allem die prächtigen Räume der Beletage wollte man so weit wie möglich originalgetreu restaurieren.

Vor welchen Problemen die Architekten dabei unter anderem standen, lässt sich anhand eines Beispiels verdeutlichen.

Der Festsaal der Beletage ist mit 16 Wandbeleuchtungskörpern ausgestattet, die allesamt mit Glühbirnen versehen waren. Zur großen Überraschung aller stellte sich heraus, dass diese Glühbirnen nicht elektrifiziert waren, sondern mit Gas betrieben wurden. Wie aber eine Elektrifizierung vornehmen, wenn aus Gründen des Denkmalschutzes an den Wandoberflächen nicht gestemmt werden durfte?

Erst mit Hilfe einer Spezialfirma und Spezialbohrungen konnten entsprechende Installationen angebracht werden. Verantwortlich für die Generalsanierung des Palais Epstein zeichnete die Bundesimmobiliengesellschaft, die über das "Fruchtgenussrecht" am Palais verfügt. Sie bezog von Beginn an das Bundesdenkmalamt in das heikle Sanierungsprojekt mit ein und arbeitete eng mit dem Institut für Restaurierung und Konservierung der Akademie der bildenden Künste zusammen.

Zunächst galt es, den Bauzustand des Palais gründlich zu erheben, mit dem Ziel, ein möglichst genaues Bild von noch vorhandenen originalen Bauelementen und Oberflächen zu erhalten und Bereiche festzulegen, die im Sinne des Denkmalschutzes nicht verändert werden dürfen.

Dabei zeigte sich, dass die Umbauten durch die verschiedenen Nutzer zum Glück nur mit geringen Schäden an der Bausubstanz verbunden waren. In großen Bereichen war die historische Dekoration immer noch vorhanden: Stuckmarmor, aufwändige Holzarbeiten, Deckenmalereien und -gemälde, Stuckdekoration an Decken und Wänden.

Die Sieger des Architekturwettbewerbs – Alexander van der Donk und Georg Töpfer

Mit der notwendigen Adaptierung des Gebäudes wurden die Wiener Architekten Alexander van der Donk und Georg Töpfer betraut. Sie gingen als Sieger aus einem Architekturwettbewerb hervor. Ihr von einer Jury einstimmig ausgewähltes Projekt wurde "als Beispiel einer klassischen Sanierung" gewertet, "deren Schwergewicht auf der Erhaltung der historischen Baustruktur liegt und dem künstlerischen Rang des Palais Epstein entspricht".

Durch den Kunstgriff der beiden Architekten, den Haupteingang auf die dem Parlament zugewandte Seite des Palais zu verlagern, gelang es, ohne einen Eingriff in die Prachträume der Beletage weitere Nutzflächen zu schaffen.

Der hintere, wenig attraktive Teil des Gebäudes, der ehemalige Dienstbotentrakt, wurde komplett abgetragen und durch einen von außen nicht sichtbaren, völlig neuen Bauteil ersetzt. Dort sind nunmehr Liftanlagen, Fluchtstiegen, EDV, Haustechnik, sowie Sanitärräume untergebracht. Zusätzlicher Raum entstand durch einen – ebenfalls von außen nicht sichtbaren – gläsernen Dachaufbau.

Bei der Erstellung des Raumnutzungskonzepts haben die Planer großen Wert darauf gelegt, dass die historisch wertvollen Räume des Palais nicht hinter Bürotüren verschwinden.

So sind in der prachtvollen Beletage Ausschusslokale und Sitzungszimmer untergebracht, die im Rahmen von Führungen seit 2006 besichtigt werden können. Das Erdgeschoß beherbergt einen großen Veranstaltungsraum für bis zu 120 Personen.

Zudem wird hier eine öffentlich zugängliche Dauerausstellung über die Familie Epstein und die wechselvolle Geschichte des Palais gezeigt.

Die Restaurierung des Palais folgte einem allgemeinen Prinzip: Wände und Decken, die nur einen fragmentarischen Bestand an Dekorationen aufwiesen, wurden in einem gebrochenen Weiß gestrichen. Dies wird zwar als ein Bruch im Ensemble empfunden, aber es ist, wie von den Verantwortlichen betont wird, ehrlicher und verträglicher als eine unglaubwürdig wirkende Rekonstruktion.

Unterpunkte anzeigen Erstaunliche Entdeckungen bei der Sanierung

Im Festsaal

Bei den Restaurierungsarbeiten wurden in einem Raum des ehemaligen Dienstbotentrakts Parkettplatten gefunden, deren Abmessung ergab, dass es sich dabei um den Original-Fußboden des Festsaals handelte.

Die Platten wurden gereinigt, holztechnisch saniert und wie bei einem Puzzle entsprechend der ursprünglichen Anordnung eingepasst. Gemäß historischen Vorbildern wurde die gereinigte Oberfläche mit speziellen Harz-Öl-Wachs-Schichten behandelt, um so den ursprünglichen Charakter der Holzoberfläche wiederherzustellen.

Das Tafelparkett ist sehr weich und bedarf wegen seiner Empfindlichkeit besonderen Schutzes und sorgfältiger Pflege. Die Schiebetürblätter aus Spiegelglas für die zu Beginn der Restaurierung des Palais noch zugemauerte Türöffnung zwischen Festsaal und Speisezimmer wurden auf dem Dachboden entdeckt und konnten ohne Beeinträchtigung ihrer Funktionstauglichkeit eingebaut werden.

Rätsel gibt nach wie vor das Produktionsverfahren für das Glas der mächtigen Spiegelglas-Schiebetür zwischen dem Festsaal und dem Wintergarten auf, die während der Sanierung in einer Nische entdeckt wurde.

Das heute übliche "Floatglas-Verfahren", bei dem flüssiges Glas auf eine Quecksilberfläche aufgebracht wird, war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch unbekannt. Damals wurden die Glasscheiben zu einem Ballon mundgeblasen, der aufgeschnitten und behutsam aufgelegt werden musste, um zu einer geraden, glatten Glastafel zu kommen. Schließlich wurden die Spiegel auch noch geschliffen.

Unerklärlich ist, wie es den Glasbläsern unter den damaligen technischen Voraussetzungen gelang, derart große und makellose Flächen herzustellen. Die größte Sorge des Sanierungsteams war, dass die Original-Spiegel im Zuge der Renovierung zu Bruch gehen könnten, da ein Austausch nur sehr schwer möglich gewesen wäre.

Einem darauf spezialisierten Unternehmen gelang es, die Leitungsführung zerstörungsfrei zu gestalten. Durch komplizierte Schrägbohrungen mit Hilfe eines drei Meter langen Bohrers konnten die notwendigen Installationen nahezu ohne Schäden am Stuckmarmor und an den Stuccolustro-Flächen durchgeführt werden.

Im Rauch- und Spielsalon

Im Zuge der Renovierungsarbeiten wurden bei der Demontage nachträglich eingebauter Türstöcke Fragmente der ursprünglichen Wanddekoration von 1872 entdeckt. An beiden Türen des Raums kamen sogenannte Supraporten zum Vorschein, über einer Tür oder einem Portal angebrachte Gemälde oder Reliefs.

Dabei handelte es sich um eine auf eine dicke Putzschicht gemalte, Stuccolustro-ähnliche Dekoration, deren schwarz glänzender Grund von einem blattvergoldeten, diagonal verlaufenden Gitter überlagert wird.

Die Raumgestaltung war somit vom diagonal gestellten Quadrat dominiert, was auch der Fund eines Fragments des historischen Parkettbodens belegt. Der Türaufsatz mit einem zentralen Löwenkopf-Medaillon und Anthemion-Motiven, einem Friesband aus Lotosblüten und Palmette, ist in farbiger Abstimmung mit Decken- und Türfassung polychrom, also vielfarbig, ausgeführt.

Die Wanddekoration wurde in den Bereichen um die Türrahmen sorgsam saniert und restauriert.

Im Arbeitszimmer

Unter dem schönen Kamin wurde bei der Restaurierung noch eine Fläche des originalen Parketts gefunden, sodass der Boden für den gesamten Raum rekonstruiert werden konnte.

Eine kleine Ausstellung im Arbeitszimmer zeigt heute unter anderem Bildnisse von Gustav und Emilie Epstein sowie eine Zeichnung Otto Wagners von der Villa in Baden und originale Sitzmöbel, jedoch nicht mit Originalstoff.

Die Möbel stammen aber nicht aus dem Arbeitszimmer selbst, sondern aus dem Besitz von Professor Emil Schulteisz.