LETZTES UPDATE: 17.07.2017; 14:15
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Aufstieg einer Prager Familie

Unter Leopold Epstein stieg seine Textilfabrik zur zweitgrößten in ganz Böhmen auf. Damit war auch großes Ansehen verbunden. Im Zuge der Expansion der Geschäfte nach Wien stieg die Familie schließlich auch ins Bankengeschäft ein. Nachdem Gustav Epstein die Geschäfte seines Vaters übernommen hatte, entwickelte sich die Bank zu einer der bedeutendsten in der Monarchie.

Unterpunkte anzeigen Erfolgreiche Unternehmer durch Textiliengroßhandel

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts legten die Brüder Israel und Ephraim Epstein den Grundstein zum wirtschaftlichen Aufstieg der Familie. Sie spezialisierten sich auf das Bedrucken von Baumwollstoffen, die sogenannte Kattundruckerei.

Damit repräsentierten sie die Reaktion des Kontinents auf die von Großbritannien ausgehende industrielle Revolution, die gerade im Bereich der maschinellen Baumwollverarbeitung eingesetzt hatte. Die britische Konkurrenz war aber aufgrund ihres technologischen Vorsprungs übermächtig.

Erst die von Napoleon 1806 verhängte Kontinentalsperre, ein gegen Großbritannien erklärtes Handelsembargo als Antwort auf die britische Seeblockade, entlastete die kontinentaleuropäischen Kattundruckereien. Davon profitierten auch die Prager Betriebe, und die Brüder Epstein gelangten durch strategisch geschickte Unternehmenspolitik rasch zu hohem Ansehen und Wohlstand.

Unterpunkte anzeigen Unter Leopold Epstein stieg die Fabrik zur zweitgrößten in ganz Böhmen auf

Nach der geschäftlichen Trennung im Jahr 1815 verlief die von Israel begründete Linie ungleich steiler als jene seines Bruders Ephraim. 1819 trat Israel Epstein die Fabrik an "seinen einzigen, hierzu eigens vorgebildeten Sohn" Lazar ab, der sich später Leopold Epstein nannte. Dieser besaß offenkundig besonderes wirtschaftliches Geschick. Unter seiner Leitung wurde die Kattundruckfabrik bald zur bedeutendsten Prags und war 1843 mit fast 1.000 Arbeitern die zweitgrößte in Böhmen. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg der Textilproduktion entwickelte sich auch der unternehmerische Wunsch, die Produkte der Kattundruckfabriken ertragbringend zu vermarkten. Bereits 1818 hatte die Firma Israel Epstein eine kleine Niederlassung in Wien unterhalten, in der Lazar den Umsatz steigern konnte.

Unterpunkte anzeigen Expansion nach Wien, Beginn der Bankgeschäfte

Aus der Präsenz am wichtigsten Handels- und Finanzplatz der Monarchie ergab sich nahezu zwingend das Ausweiten der geschäftlichen Aktivitäten in den Großhandel und in das Bankgeschäft. 1850 erhielt Lazar Epstein von der niederösterreichischen Statthalterei die Großhandelsbefugnis, worauf er die Kurrentwarenhandelsbefugnis zurücklegte ("Kurrentwaren" nannte das österreichische Handelsrecht jene Klasse von Textilien, zu der auch Baumwollgewebe zählte). In der Folge verlegte sich Lazar zunehmend auf das Bankgeschäft, vornehmlich auf Wechselstuben. Das eigene Bankhaus erwies sich als sehr zweckmäßig zur finanziellen Abwicklung der Transaktionen im Handel, und nach dem Verkauf der Fabriken sollte das Bankgeschäft schließlich ganz in den Mittelpunkt der wirtschaftlichen Tätigkeit des Hauses Epstein treten.

Unterpunkte anzeigen Umzug der Familie nach Wien, Leopold Epstein wird Direktor der Nationalbank

Mit der Verlagerung der wirtschaftlichen Interessen von Prag nach Wien verlegte Lazar, nun Leopold Epstein, auch den Wohnsitz der Familie sowie den Sitz der Firma mehrheitlich nach Wien. Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde und zeitgenössische Chronist Sigmund Mayer beschrieb Leopold Epstein als einen zwar nicht sehr feinen, aber sehr gescheiten Mann, der "durch Aussehen und Wesen eine Stadtfigur" wurde. Er sei durch seinen fülligen Körperbau aufgefallen und habe durch seinen wachen Verstand und seine geschäftliche Kompetenz beeindruckt. Als einer der reichsten Bankiers Wiens wurde Leopold Epstein unter anderem zum Direktor der Nationalbank berufen. Im Jahr 1864 starb er an den Folgen eines Schlaganfalls und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Währing begraben.

Unterpunkte anzeigen Geschickte Heiratspolitik soll Wohlstand sichern

Die Kultur der Familie Epstein war deutsch geprägt: Es wurde deutsch gesprochen, in der Bibliothek befanden sich vor allem Bücher in deutscher Sprache, aber auch in Französisch und Englisch.

Leopold Epsteins reiche Töchter vermählten sich standesgemäß: Antonie heiratete in die nach Wien eingewanderte jüdische Bankiersfamilie Boschan, Anna in die aus Portugal in die Niederlande emigrierte jüdische Familie Teixeira de Mattos.

Auch Sohn Gustav, der mit 21 Jahren zum Leiter der väterlichen Baumwolldruckfabriken in Böhmen und mit 27 zum Prokuristen im väterlichen Großhandel in Wien berufen wurde, ging eine standesgemäße Ehe ein, und zwar mit der um acht Jahre jüngeren Emilie Wehle.

Sie entstammte einer angesehenen jüdischen Familie in Prag.

 

Literaturverweis:

Das Palais Epstein, Ein Haus mit Geschichte, Parlamentsdirektion Wien (Hrsg), Ueberreuter Verlag, Wien 2009