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Der Bauherr des Palais Epstein

Gustav Epstein wurde als drittes Kind und zugleich ältester Sohn von Lazar/Leopold Epstein am 10. April 1828 in Prag geboren und wuchs in Prag und Wien auf. Er vollendete den gesellschaftlichen Aufstieg der Familie und starb am 23. September 1879 verarmt infolge des Börsenkrachs von 1873.

Unterpunkte anzeigen Gustav erbt das Vermögen des Vaters und gründet die Bank Epstein

Nach dem Tod des Vaters war Gustav Epstein ein reicher Erbe mit einem geschätzten Vermögen von rund zehn Millionen Gulden, nach heutigem Wert knapp 100 Millionen Euro. Er übernahm im Jahr 1864 die Firma mit nur wenig Freude, da seine Interessen in erster Linie auf kulturellem Gebiet lagen.

Vater Leopold Epstein hatte jedoch testamentarisch verfügt, dass sein Sohn die Firma nur dann erben könne, wenn er diese auch mindestens fünf Jahre leite. Mit einem Teil des Kapitals gründete Gustav Epstein aber seine eigene Bank, das Bankhaus Epstein.

Ursprünglich sollte sein jüngerer Bruder Joseph in die Fußstapfen des Vaters treten und erhielt zunächst auch 1853 die Prokura im Alter von 23 Jahren. Da er aber hohe Schulden machte (über 150.000 Gulden, das entspricht in heutiger Währung kaufkraftmäßig mehr als 1,5 Millionen Euro), schied er bereits drei Jahre später aus der Firma aus.

Leopold Epstein beglich zwar die Schulden seines jüngeren Sohnes, enterbte ihn aber gleichzeitig, sodass Gustav die Verantwortung übernahm, die Geschicke des Hauses zu lenken.

Unterpunkte anzeigen Repräsentation lag dem Bauherrn mehr als harte Geschäftsverhandlungen

Im Jahr 1871 zog sich Gustav Epstein aus der Geschäftsführung zurück und überließ diese seinen Prokuristen. Offizieller Grund war seine Kränklichkeit – offenbar litt er bereits damals an Kehlkopftuberkulose.

Gustav Epstein übte weiterhin eine Reihe von Verwaltungsratsfunktionen in Gesellschaften aus, in die sein Bankhaus investiert hatte, doch handelte es sich dabei durchwegs um repräsentative und nicht um operative wirtschaftliche Tätigkeiten. Wie schon zuvor sein Vater, war er Direktor der Nationalbank sowie Börserat, darüber hinaus Verwaltungsrat der im Bau befindlichen Kaiserin-Elisabeth-Bahn (heute Westbahn) und Vorstandsmitglied verschiedener großer Baugesellschaften.

Dazu kamen leitende Funktionen in den Organisationen der Zucker-, Öl- und Papierindustrie und hohe Positionen in Handelskammer und Gewerbeverein. In Wien repräsentierte er ungarische und böhmische Versicherungen und vertrat umgekehrt auch Wiener Gesellschaften in Prag und Budapest. Seine internationalen Beziehungen führten ihn vor allem in die Niederlande, nach Italien und in das Großherzogtum Oldenburg, dessen österreichischer Generalkonsul er war.

Von 1867 bis zu seinem Tod war er auch im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde. Das Bankhaus betrieb Gustav Epstein weiter. Für den Publikumsverkehr unterhielt es eine Wechselstube unter der Adresse Kärntnerstraße 3/Singerstraße 2, ansonsten repräsentierte es einen Geschäftstypus, der heute als Investmentbank bezeichnet werden würde.

Betriebsgegenstand war die Verwaltung des eigenen Vermögens und der verschiedenen Beteiligungen, beispielsweise in der Zucker- und Ölproduktion, im Bankwesen und in der Versicherungsbranche.

Unterpunkte anzeigen Emilie und Gustav mit ihren vier Kindern

Gustav Epsteins Gattin Emilie entstammte, wie er selbst, einer angesehenen und wohlhabenden jüdischen Prager Familie, der Familie Wehle. Die Ehe wurde am 17. August 1858 in Prag geschlossen und war, wie für bürgerliche Ehen der Zeit üblich, die Verbindung zweier Familien auf der Basis gemeinsamer Interessen. Der Ehe von Gustav und Emilie Epstein entsprangen vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter.

 

1859 wurde der älteste Sohn Friedrich Joseph, 1861 die Tochter Caroline Maria geboren. Die zweite Tochter, Margarethe, kam 1870 zur Welt und heiratete wie ihre ältere Schwester nach Ungarn. Bereits nach der Aufgabe des Palais und zwei Jahre vor dem Tod seines Vaters 1877 wurde der jüngste Sohn geboren, Leopold Friedrich Julius Ritter von Epstein.

Unterpunkte anzeigen Soziale Unterstützungen und Investitionen in den Krieg

In seiner Bank befand sich ein separater Raum, der für ein Geldinstitut eher ungewöhnlich war und ist. Hier bearbeitete ein eigens dafür angestellter Mitarbeiter Hilfegesuche von Bedürftigen und zahlte aus einer von Epstein eingerichteten Handkassa finanzielle Zuwendungen an die Armen aus.

Der dafür ausgesetzte Betrag soll sich bei 30.000 Gulden (in heutiger Währung kaufkraftmäßig nicht weniger als 300.000 Euro) pro Jahr bewegt haben. Angeblich lautete damals ein geflügeltes Wort: "Der Kaiser gibt einen Kreuzer, der Epstein gibt vier."

Als 1866 zwischen Österreich und Preußen der Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland ausbrach, brauchte der Staat dringend Geld. Als glühender Patriot stellte der kaisertreue Gustav Epstein als erster Privatmann dem Kaiser für den Krieg eine hohe Summe zur Verfügung.

Am Ende des Krieges stand die verlorene Schlacht von Königgrätz, in deren Folge Bismarck Österreich aus dem Deutschen Bund ausschloss und Berlin zum politischen Zentrum Europas ausbaute. Epstein reagierte auf die große Not in der besiegten und gedemütigten Habsburgermonarchie, die auch auf die hohen Reparationskosten zurückzuführen war, und spendete weiter hohe Summen.

Als Dank für seine großzügigen Spenden erhielt Gustav Epstein im November 1866 von Kaiser Franz Joseph den Orden der Eisernen Krone 3. Klasse und damit den Adelstitel. Von nun an hieß er Gustav Ritter von Epstein.

Unterpunkte anzeigen Private Kulturförderung im Bereich der bildenden Kunst und Musik

Neben der Wohlfahrt galt der Kunst das besondere Interesse und Engagement Gustav Ritter von Epsteins. So beteiligte er sich aktiv an der Gründung und Ausstattung des Museums für Kunst und Industrie (heute MAK – Museum für angewandte Kunst), und seine Ernennung zum Korrespondenten des Museums soll er als höchste Auszeichnung aufgefasst haben.

Beim Neubau der Börse setzte er sich als Börserat und Mitglied des Baukomitees entscheidend für die Wahl Theophil Hansens als Architekt ein.

Epstein war auch Vorstandsmitglied des Wiener Musikvereins und sein Name ist im Foyer des Gebäudes auf einer Ehrentafel für großzügige Spender an prominenter Stelle eingemeißelt.

Seine Liebe zur Kunst schlug sich aber vor allem in seinem Palais an der Ringstraße nieder, das selbst ein Gesamtkunstwerk ist und auch seine reichen Kunstsammlungen beherbergte.

Zentrum des Palais ist der prachtvolle Tanzsaal, in dem in den Jahren 1872 und 1873 wöchentlich musikalische Soireen abgehalten wurden. Diese waren insbesondere den Kompositionen Beethovens und Schuberts gewidmet, die von bedeutenden MusikerInnen meist am Klavier interpretiert wurden.

Zu den Vortragenden gehörten zum Beispiel Clara Schumann und Anton Rubinstein. Klaviermusik wurde in der Familie auch aktiv gepflegt. Margarethe von Epstein begann schon im Alter von drei Jahren im Palais zu musizieren und trat später bei den in kleinerem Kreis abgehaltenen Familienmusizierabenden als Pianistin auf.

Als Gustav Epstein nach dem Tod des Vaters die Leitung der Firma L. Epstein übernahm, nutzte er die gewonnene Dispositionsfreiheit nicht dazu, einen neuen geschäftlichen Kurs zu steuern, sondern investierte in die Errichtung seiner Badener Landvilla und des prachtvollen Stadtpalais.

Unterpunkte anzeigen Rege Reisetätigkeit, vor allem nach Italien

Eine Leidenschaft Gustav Ritter von Epsteins war das Reisen, nicht nur wegen seiner angegriffenen Gesundheit. Für ihn standen weniger wirtschaftliche Zwecke oder die Anbahnung und Pflege von Geschäftskontakten im Vordergrund, sondern vielmehr die kulturellen Eindrücke.

Die Reisen führten ihn bis in den Vorderen Orient, nach Tunesien und Marokko, doch ein Land zog ihn besonders in seinen Bann: Italien, das er mit der Seele suchte. Im Wintergarten des Wiener Palais schuf er ein "virtuelles Italien", mit Pflanzen, die das Flair des geliebten Landes verströmen sollten, mit Kunstwerken, die er von seinen Reisen in den Süden mitgebracht hatte.

Ein Zeugnis dieser großen Liebe zu Italien und zur italienischen Kunst ist bis heute erhalten geblieben: die Marmorstatuette eines Genius oder Amor, die er aus Florenz mitbrachte. Sie überlebte den Verkauf der Kunstsammlungen, gelangte als Teil des Heiratsgutes von Margarethe von Epstein nach Ungarn und ist jetzt wieder ins Palais Epstein zurückgekehrt.

 

Literaturverweis:

Das Palais Epstein, Ein Haus mit Geschichte, Parlamentsdirektion Wien (Hrsg), Ueberreuter Verlag, Wien 2009