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Die Spuren der Familie Epstein bis heute

Nach dem Börsenkrach von 1873 verlor Gustav Ritter von Epstein sein gesamtes Vermögen. Die Familie wohnte aber bis zum Tod ihres älteren Sohnes Friedrich 1876 im Palais an der Ringstraße. Drei Jahre später, 1879, starb auch Gustav Epstein an Kehlkopfkrebs. Die Witwe Emilie Epstein und die beiden Töchter verließen schließlich nach dem Tod des Vaters Wien. Sie gingen nach Budapest, wo man noch heute Nachfahren der Familie findet.

Unterpunkte anzeigen Der dramatische Fall der Familie Epstein

Gustav Ritter von Epstein befand sich am "Schwarzen Freitag" auf einer seiner Italienreisen, um sein langwieriges Halsleiden zu lindern.

Er kehrte überstürzt nach Wien zurück und sah sich plötzlich mit einer völlig anderen Welt konfrontiert. Auch hinsichtlich seiner persönlichen Situation blieb kein Stein auf dem anderen. Eine Zeitung schrieb: "... er verließ Wien als Millionär und kehrte als Bettler zurück ..."

Das wirtschaftliche Chaos forderte seine Opfer, eine Selbstmordwelle erschütterte Wien und traf Epstein zunächst mit dem Tod seines Neffen Boschan schwer.

Das Palais Epstein war jedoch nicht nur durch den materiellen Ruin des Bankhauses betroffen, es war auch Schauplatz eines spektakulären Selbstmords: Der 34-jährige Adolf Taussig, Kassier des Bankhauses Epstein, hatte sich vom vierten Stock des Palais auf die Lothringergasse gestürzt.

Taussig, der als Mitarbeiter über einen außerordentlich guten Ruf verfügte, war in zwei Jahren durch Spekulation steinreich und nun plötzlich bettelarm geworden. Seine riesigen Schulden hatte er aus der Firmenkassa beglichen, wofür er in seinem Abschiedsbrief Epstein um Verzeihung bat.

Unterpunkte anzeigen Das gesamtes Familienvermögen war verloren

Epstein selbst verlor sein gesamtes Vermögen, das in drei Generationen solide erworben und angelegt worden war. Nur mit Mühe konnte er den Konkurs seiner Bank vermeiden.

Am 11. August musste er seine Wechselstube verkaufen, die Liquidation des Bank- und Großhandelshauses wurde in den folgenden Jahren im Stillen durchgeführt, sodass die Bank "in Ehren" geschlossen wurde. Epstein war damit einer der wenigen in Wien, die aus dem Börsenkrach sauber, wenn auch ruiniert herauskamen.

Das Wiener Palais konnte mithilfe von Hypotheken mühsam gehalten werden, da Epstein seinen schwerkranken Sohn Friedrich so lange wie möglich im gewohnten Heim belassen wollte.

Nachdem der 17-Jährige im Jänner 1876 verstorben war, räumte die Familie das Palais und übersiedelte in eine Mietwohnung im Haus des Niederösterreichischen Gewerbevereins (Eschenbachgasse 11, im 4. Wiener Gemeindebezirk), dessen prominenter Funktionär Epstein jahrelang war.

Gustav Ritter von Epstein starb am 23. September 1879 verarmt im Alter von 51 Jahren an Kehlkopfkrebs.

Der Nachlass Gustav Ritter von Epsteins war mit mehr als 350.000 Gulden (in heutiger Währung kaufkraftmäßig rund 3,5 Millionen Euro) überschuldet. Gustav Ritter von Epstein ist in der israelitischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofs begraben.

Unterpunkte anzeigen Die Spuren bis heute

Bald nach dem Tod Gustav Ritter von Epsteins übersiedelte seine Witwe Emilie mit ihren drei Kindern Caroline, Margarethe und Leopold in eine Wohnung im Haus Reichsratsstraße 5, hinter dem Parlamentsgebäude, unweit ihres einstigen Palais. Sohn Friedrich Joseph war bereits im 17. Lebensjahr an Tuberkulose gestorben.

Immerhin gelang es Emilie von Epstein, ihrem Sohn Leopold das Studium der Rechte zu ermöglichen und ihre beiden Töchter Margarethe und Caroline gutbürgerlich zu verheiraten.

Die Schwiegersöhne gehörten nicht der Schicht der Bankiers und Großhändler an, sondern jener der Beamten und Offiziere, in die auch Leopold als Ministerialbeamter eingetreten war, ehe er in jungen Jahren starb.

Beide Schwiegersöhne stammten aus Ungarn: Der eine war Staatsanwalt und schlug die richterliche Laufbahn ein, der andere war k.u.k. Major und wechselte zur ungarischen Landwehr, weil er sich dort bessere Karrierechancen versprach.

Bevor sie sich vermählten, wechselten Caroline und Margarethe von Epstein die Konfession und ließen sich taufen. Als nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zumindest die Versorgungslage in Ungarn besser schien als in Wien, übersiedelte auch die nach dem Tod ihres Bruders vereinsamte Emilie von Epstein nach Budapest, wo sie von ihren Töchtern aufgenommen wurde und ihr Leben beschloss.

Unterpunkte anzeigen Die Nachfahren Schulteisz und Gerö

Während die Ehe Carolines mit dem Staatsanwalt Anton/Antal Gerö kinderlos blieb, entstammten der Verbindung Margarethes mit dem k.u.k. Major Emil Schultheisz vier Kinder.

Nach Emil Schultheisz Aufstieg zum Honvéd-Generalmajor wurde er 1912 mit dem Prädikat "de Dévecser" geadelt. Im Ersten Weltkrieg reaktiviert, spielte er eine wichtige Rolle bei den Kämpfen in der Bukowina und wurde Feldmarschallleutnant.

Nach dem Krieg aus Pressburg/Bratislava vertrieben, zog die Familie nach Budapest. Auch dort blieb die Familiensprache Deutsch; die Familie Schultheisz, die sich nun Schulteisz schrieb, stammte aus Westfalen.

Nur der Ehe von Stefan/Istvan, dem dritten Sohn von Margarethe und Emil, entsprang ein Kind – ein Sohn, der nach dem Großvater Emil getauft wurde. 1923 geboren, durchlebte Emil Schulteisz, der Urenkel Gustav Ritter von Epsteins, die typische Jugend eines Offizierskindes:

In nicht weniger als neun verschiedenen Städten besuchte er die Schule und studierte in Ödenburg/Sopron, Klausenburg, Debrecen und Budapest zunächst evangelische Theologie, dann Latein, Griechisch und Philosophie, schließlich Medizin.

1949 promovierte er zum Doktor der Medizin. Ein halbes Jahr lang hatte er die Möglichkeit, bei Professor Karl Fellinger in Wien seine Studien zu ergänzen. Er wurde Internist, Chefarzt am staatlichen Zentralkrankenhaus in Budapest und Universitätsprofessor für Geschichte der Medizin an der Budapester Universität.

Elf Jahre hindurch, von 1973 bis 1984, wirkte er, ohne der Kommunistischen Partei beigetreten zu sein, als ungarischer Gesundheitsminister. Als Medizinhistoriker war er auch nach seiner Emeritierung weiter an der Universität tätig.

Unterpunkte anzeigen Gräber in Wien und Budapest

Im Familiengrab auf dem Währinger jüdischen Friedhof sind Lazar/Leopold Epstein, seine erste Frau Caroline, sein Sohn Joseph und sein früh verstorbener Enkel Friedrich beigesetzt.

Gustav Ritter von Epstein hat seine letzte Ruhestätte in der Ehrenreihe der jüdischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofs gefunden. Im gleichen Grab ruht auch sein Sohn Leopold.

Unweit seiner Grabstätte sind auch die zweite Frau seines Vaters, Rosalie, sowie sein Schwiegervater Leopold Wehle und sein Schwager Johann Wehle beigesetzt. Seine Witwe und seine beiden Töchter sind in Budapest begraben.

Bis 1938 erinnerte eine Straße in Baden an Gustav Ritter von Epstein, sie wurde nach dem "Anschluss" in Kornhäuselgasse umbenannt. Erst im Jahr 2005 wurde durch die Benennung eines Alleestücks in einem kleinen Park nahe dem Badener Bahnhof nach Gustav Ritter von Epstein ein bescheidener Ersatz geschaffen.

 

Literaturverweis:

Das Palais Epstein, Ein Haus mit Geschichte, Parlamentsdirektion Wien (Hrsg), Ueberreuter Verlag, Wien 2009