LETZTES UPDATE: 17.07.2017; 14:15
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Das Eckpalais war sowohl Wohnhaus als auch Bank

Im Jänner 1872 bezog die Familie Epstein das Palais und wohnte dort bis 1877. Wie viele andere Ringstraßenpalais diente es nicht nur als Wohnhaus, sondern auch als Geschäftssitz. Einige Geschäftslokale im Erdgeschoß sowie die Wohnungen im zweiten und dritten Stock des Gebäudes waren zur Vermietung bestimmt, wie es der typisch gemischten Nutzung eines "Zinspalais" entsprach.

Unterpunkte anzeigen Bank- und Geschäftsgebäude

Im Erdgeschoß befanden sich zur Zeit der Epsteins Bank- und Geschäftsräume. Die Räumlichkeiten der Epstein'schen Bank waren – von der Ringstraße aus betrachtet – auf der rechten Seite untergebracht. Die Räume auf der linken Seite vermietete Gustav Epstein an andere Geschäftsleute weiter, da in seiner Bank relativ wenig Publikumsverkehr herrschte und somit kein großer Platzbedarf bestand.

Bis etwa 1883 hatten die vermieteten Geschäftslokale auch einen eigenen Eingang, der vermutlich zugemauert wurde. Das belegen alte Aufnahmen des Palais. Lediglich in einem Raum des Epstein’schen Kontors herrschte größerer Publikumsandrang: Dieser war für die sogenannte "Armenbeteiligung" vorgesehen. Ein Mitarbeiter der Bank betreute darin eine Handkassa, aus der er Bedürftigen, die sich anonym an ihn wenden konnten, finanzielle Hilfen auszahlte.

Der eigentliche Unternehmenszweck des Bankhauses ist heute mit der Funktion einer Investmentbank vergleichbar. Betriebsgegenstand war im Wesentlichen die Veranlagung und Verwaltung des großen Vermögens Gustav Ritter von Epsteins. So wurden beispielsweise Beteiligungen an anderen Banken und Versicherungsunternehmen sowie an Betrieben der Zucker- und Ölindustrie erworben.

Unterpunkte anzeigen Wohnhaus

Über die Prunktreppe gelangt man noch heute in den ersten Stock, in die sogenannte Beletage. Hier lebte die Familie Epstein, Gustav und seine Frau Emilie, sowie ihre Kinder Friedrich, Caroline und Margarethe.

Grundsätzlich waren die Räume auf der linken Gebäudehälfte den weiblichen Familienmitgliedern vorbehalten, die der rechten Gustav von Epstein und seinem Sohn. Etwas war für diese Zeit bemerkenswert und noch eher unüblich: Die Eheleute Epstein teilten sich ein gemeinsames Schlafzimmer. In den Palais der Adeligen war das bis zu diesem Zeitpunkt undenkbar; gesellschaftlich revolutionär war, dass die Intimität erstmalig nach außen sichtbar gemacht wurde.

Doch nicht nur die Familie Epstein bewohnte das Palais. Auch den Gouvernanten und dem Hauslehrer des Sohnes standen eigene Zimmer zur Verfügung, die allerdings an der Rückseite des Hauses lagen. Beinahe ohne Tageslicht und mit Blick in den Lichthof waren sie zusammen mit den Dienstbotenkammern mit Sicherheit die ungemütlichsten Räume des Palais.

Im zweiten Stock, den man ebenfalls über die Prunktreppe erreichte, befanden sich Mietwohnungen, die der Wohnung der Epsteins ähnlich waren. Im dritten Stock waren ebenfalls Wohnungen untergebracht, die die Familie vermietete, allerdings waren diese weniger prachtvoll und kleiner.

Unterpunkte anzeigen Repräsentationsräume

Die drei zentralen Räume im ersten Stock waren ausschließlich für Repräsentationszwecke gedacht.

Da das Ehepaar Epstein musikbegeistert war, lud es regelmäßig Gäste zu musikalischen Abenden ein. Die Epsteins empfingen ihre Gäste im reich verzierten Empfangssaal in der Beletage. Von dort aus gelangt man links in den Tanzsaal, rechts in die Räumlichkeiten der weiblichen Familienmitglieder.

Im Tanzsaal gaben PianistInnen wie Clara Schumann und Anton Rubinstein nicht selten Interpretationen von Werken Schuberts und Beethovens zum Besten. Tatsächlich wurde im Tanzsaal zu Zeiten der Familie Epstein mehr musiziert als getanzt, weswegen die Bezeichnung "Festsaal" zutreffender ist.

Wenn dem Hausherren das Treiben im Rahmen der Feste zu anstrengend wurde, zog er sich gerne in den Wintergarten zurück, der direkt an den Festsaal angeschlossen war. Nach einer Soiree begaben sich die Gäste in den Speisesaal links neben dem Festsaal.

Dieser war mit einer opulenten Gemäldesammlung Gustav Epsteins ausgestattet, die er auch der Öffentlichkeit im Rahmen der Weltausstellung 1873 zugänglich machte. Das gesellige Zusammensein fand seinen Abschluss meist in kleiner Runde im Rauchsalon.

 

Literaturverweis:

Das Palais Epstein, Ein Haus mit Geschichte, Parlamentsdirektion Wien (Hrsg), Ueberreuter Verlag, Wien 2009