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Die Bewohner des Palais nach der Familie Epstein

Nachdem Gustav Ritter von Epstein infolge des Börsenkrachs von 1873 das Palais 1876 verkaufen musste, wurde das Haus sehr unterschiedlich genutzt. Die verschiedenen Hausherren sind ein Spiegel der Geschichte der letzten 130 Jahre.

Unterpunkte anzeigen 1883-1902: Imperial Continental Gas Association (ICGA)

Die ICGA (mit Stammsitz in London) war seit Beginn der Errichtung der ersten Gaswerke in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Wien tätig – unter anderem bei der flächendeckenden "Illumination von Gassen und Plätzen”, die von Kaiser Franz Joseph 1867 verfügt wurde.

Von 1877 bis 1899 erhielt sie sozusagen als Monopol einen Vertrag über die Gasversorgung Wiens und zog in das Palais Epstein ein – als repräsentative Niederlassung in einem der prominentesten Ringstraßenpalais Wiens.

Das Palais Epstein war während dieser Zeit nicht nur Firmensitz der ICGA, sondern auch Wohnsitz der Familie Drory. Der Techniker und Erfinder Henry James Drory war Direktor der ICGA und wohnte gemeinsam mit seiner Frau, seinen vier Kindern und dem Dienstpersonal im zweiten Stock. Die noble Beletage diente repräsentativen Empfängen der ICGA sowie Firmen- und Familienfeiern, im Erdgeschoß befanden sich Büroräume.

Die Monopolstellung und die daraus resultierenden überhöhten Gaspreise waren immer wieder Anlass für kommunalpolitischen Unmut und Polemiken gegen die ICGA. Schließlich wurde unter dem christlich-sozialen Bürgermeister Karl Lueger der Beschluss zum Bau des ersten Wiener Großgaswerkes (Gasometer) gefasst, das Ende 1899 in Betrieb ging. In der Folge verließ die ICGA zunächst das Palais Epstein und 1911 Wien.

Unterpunkte anzeigen 1902-1922: Verwaltungsgerichtshof

Der Verwaltungsgerichtshof – eine Kontrollinstanz, die bereits 1876 im Zuge einer grundlegenden Verfassungs- und Verwaltungsreform eingerichtet wurde – war von 1902 bis 1922 Hausherr des Palais Epstein. Aufgabe dieser Behörde, eines Kollegiums aus unabhängigen Richtern, war es, die Gesetzmäßigkeit der gesamten öffentlichen Verwaltung zu gewährleisten – ein Kampf gegen die Mühlen der Bürokratie.

Der Verwaltungsgerichtshof hatte einen guten Ruf - auch bei kritischen Zeitgenossen. Nach dem Zerfall der Monarchie wurde das System der österreichischen Verwaltungsgerichtsbarkeit auch von den Nachfolgestaaten übernommen. Ihre Grundlagen haben auch in der Zweiten Republik Gültigkeit bewahrt.

Unterpunkte anzeigen 1922-1938: Stadtschulrat 1

In der Ersten Republik war das Palais Epstein Sitz des Wiener Stadtschulrates. Nach der Trennung Wiens von Niederösterreich mit 1. Jänner 1922 wurde der Wiener Stadtschulrat gegründet.

Während dieser Zeit war der Sozialdemokrat Dr. Otto Glöckel Präsident des Stadtschulrates. Er leitete umfassende Reformen ein: Demokratisierung der Schulverwaltung, Neugestaltung der Lehreraus- und -fortbildung (1925 wird die Pädagogische Akademie gegründet), Modernisierung des Lehrbetriebs samt Entrümpelung der Lehrpläne bis hin zu Ansätzen einer Schülerselbstverwaltung und Einbeziehung von Psychologen.

Unterpunkte anzeigen 1938-1945: Reichsbauamt

Nach dem "Anschluss" Österreichs an das Dritte Reich wurde das Palais Epstein für das Deutsche Reichsbauamt beschlagnahmt. Entgegen ersten Ankündigungen – etwa in Wien 70.000 Wohnungen schaffen zu wollen – hielt sich die tatsächliche Bautätigkeit dieser Behörde sehr in Grenzen.

Eine Reihe von monströsen Projekten blieb zum Glück "Papierarchitektur" – ein Gau-Forum an der verlängerten Bellariastraße, ein "Haus des Führers" gegenüber dem Naturhistorischen Museum oder die Errichtung monumentaler Aufmarschplätze, die nur durch die Schleifung von Leopoldstadt und Brigittenau realisierbar gewesen wären.

Mit Beginn der Bombardierung durch die Alliierten im Jahr 1943 wurde die Errichtung von Bunkeranlagen und Flaktürmen notwendig. Die Wiener Flaktürme – Luftschutzanlagen für 40.000 Zivilisten und Geschützstellung für die Fliegerabwehr – erinnern noch heute eindringlich an den Nationalsozialismus. Im Unterschied zu benachbarten Gebäuden wie dem Parlament wurde das Palais Epstein während des Zweiten Weltkrieges nicht beschädigt.

Unterpunkte anzeigen 1945-1955: Sowjetische Stadtkommandantur

Nach der Befreiung Wiens durch die Rote Armee im April 1945 vergingen vier Monate, bis auch westalliierte Truppen in der österreichischen Hauptstadt eintrafen, um die ihnen zugewiesenen Besatzungssektoren einzunehmen. Wien war durch das "Zonenabkommen" in fünf Sektoren gegliedert worden: Während die vier alliierten Mächte jeweils einen Sektor in eigene Verwaltung übernahmen, wurde die Innere Stadt gemeinsam verwaltet. War dafür die Interalliierte Kommandantur verantwortlich, so errichtete jede der vier Mächte eine eigene Stadtkommandantur zur Verwaltung des ihr zugewiesenen Sektors.

Das Palais als Sitz der sowjetischen Stadtkommandantur

Warum das Palais Epstein als Sitz der sowjetischen Stadtkommandantur ausgewählt wurde, ist nicht bekannt. Generalleutnant Alexej Blagodatow ist der erste von sieben Hausherren in zehn Jahren und zunächst nach Kriegsende für die "Aufrechterhaltung der Ordnung" und "Wiederherstellung eines normalen Lebens" zuständig.

In Wiens Straßen liegen 9.000 Tote, 36.000 Gebäude sind total bzw. bis zur Unbewohnbarkeit zerstört, die Versorgungslage ist katastrophal. Die Kommandantur setzte in Wien zunächst eine lokale Verwaltung von Bezirkskommandanten ein.

Als symbolisch wohl wichtigste Handlung übergab Stadtkommandant Blagodatow am 29. April 1945 Karl Renner und seiner provisorischen österreichischen Regierung das Parlament.

Das negative Image der sowjetischen Besatzer

Der Stellenwert der Stadtkommandantur veränderte sich mit dem Einzug der westlichen Alliierten im Herbst 1945 in Wien – die Interalliierte Kommandantur ist vor allem unter dem Schlagwort "Die Vier im Jeep" noch heute ein Begriff.

Das negative Image der Russen in Österreich war nicht nur auf die Ausschreitungen im Zuge der Befreiung zurückzuführen, sondern auch eine Folge der Verhaftungen und Verschleppungen durch sowjetische Behörden in der Zeit danach.

Neben der Stadtkommandantur war auch der KGB-Vorläufer NKWD im Palais Epstein untergebracht – einige Räume dienten offensichtlich übergangsweise als Gefängnis. Bisher sind um die 2.200 Fälle von Verschleppungen österreichischer StaatsbürgerInnen in die Sowjetunion aktenkundig.

Das Palais blieb aber unverwüstet

Die während dieser Zeit an der Fassade des Palais Epstein angebrachten monumentalen Bilder von Stalin und Lenin waren gleichzeitig Symbole eines totalitären Staates.

Mit dem Abzug der alliierten Truppen räumten auch die Sowjets das Palais Epstein, und hinterließen dieses in keinem besonders desolaten Zustand, angeblich dank der Anstrengungen eines Kulturoffiziers.

Unterpunkte anzeigen Dependance der Akademie für Musik und Darstellende Kunst

Der Bauherr des Palais Epstein, Gustav Ritter von Epstein, ein Mäzen der Künste und im Besonderen ein Förderer des Wiener Musikvereines, hätte es sich wohl nicht träumen lassen, dass sein Palais einmal, wenngleich nur für ein Studienjahr, der einstmals vom Musikverein als Konservatorium begründeten Wiener Akademie für Musik und darstellende Kunst Obdach bieten würde.

Die schwierigen Raumverhältnisse, unter denen viele öffentliche Einrichtungen auch noch mehr als zehn Jahre nach Kriegsende litten, machten es notwendig, dass das Palais nach dem Auszug der Roten Armee und der darauffolgenden Renovierung vorübergehend der Akademie als Ausweichquartier diente.

Unterpunkte anzeigen 1958-2001: Stadtschulrat 2

Der Stadtschulrat stellte 1955 (wie schon im April 1945) einen Antrag auf Rückgabe des Palais Epstein und dieses wurde nach umfassenden Renovierungsarbeiten 1958 wieder Sitz des Wiener Stadtschulrates. Die Leitung übernahmen aus der Emigration nach Wien zurückgekehrte MitarbeiterInnen des Stadtschulrates der Ersten Republik.

Unterpunkte anzeigen Literatur

Die Ausführungen folgen in weiten Bereichen Erich Klein und Brigitte Hamann.

Klein, Erich: Fünf Hausherren und ein Haus. In: Das Palais Epstein. Geschichte, Restaurierung, Umbau. Ein neues Haus an der Wiener Ringstraße. Bundesimmobiliengesellschaft mbH (Hrsg.), Wien 2005, S. 68–86

Hamann, Brigitte: Das Palais Epstein zur Zeit der ICGA, Familie Drory, Kommunalisierung, Das Palais Epstein im Lauf der Geschichte. In: Forum Parlament, Jg. 3, Nr. 2/2005