LETZTES UPDATE: 14.11.2016; 14:44
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Parlament begeht Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus

Am Donnerstag, den 5. Mai, hat das österreichische Parlament den Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus begangen. Zum 66. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen im Jahr 1945 hatten Nationalratspräsidentin Barbara Prammer und Bundesratspräsident Gottfried Kneifel in den historischen Sitzungssaal geladen. Als Gedenkrednerin trat heuer die in Wien geborene KZ-Überlebende, Autorin und Literaturwissenschafterin Ruth Klüger auf. 63 SchülerInnen und Lehrlinge präsentierten zudem einen von ihnen produzierten Film, in dem sie sich mit dem Terrornetzwerk der NationalsozialistInnen und Themen wie "Zivilcourage" und "Menschenrechte" auseinandersetzen.

Musikalische Beiträge des Chor- und Instrumentalensembles der Musikschule Linz unter der Leitung von Thomas Mandel umrahmten den Gedenktag, an dem neben Nationalratsabgeordneten und Mitgliedern des Bundesrates auch zahlreiche prominente Gäste aus dem In- und Ausland teilnahmen.

Kneifel: Politik muss Gedenken stärken

In seinen Begrüßungsworten betonte Bundesratspräsident Kneifel die Bedeutung des Gedenkens für die Demokratie. Dabei erinnerte er an die Pflicht der Politik, dieses Gedenken auch in Zukunft zu stärken und wies darauf hin, dass der Umgang mit der Geschichte Österreichs und ihren dunklen Kapiteln nicht zur Privatsache jeder/s Einzelnen verkommen dürfe. Aus der Beschäftigung mit der Vergangenheit leitete Kneifel auch konkrete Arbeitsaufträge für die heutige Politik ab: So dürfe es nie wieder Massenarbeitslosigkeit wie in den 20er- und 30er-Jahren geben, die den Aufstieg der Radikalen erst ermöglicht habe. Auch am vereinten Europa müsse man weiterbauen, um Frieden und Freiheit zu sichern.

Prammer: "Demokratie braucht Demokratinnen und Demokraten"

Wie Kneifel ging auch Nationalratspräsidentin Prammer in Ihrer Eröffnungsrede auf die Bedeutung des Gedenkens ein. So solle die Beteiligung vieler ÖsterreicherInnen an den Verbrechen des Nationalsozialismus nicht ausgeblendet werden. Die Menschenrechte schützten heute demokratische Werte wie das Recht auf freie Meinungsäußerung oder den Schutz vor Diskriminierung. Demokratie und Menschenrechte bräuchten jedoch Demokratinnen und Demokraten mit Zivilcourage, um sie vor Angriffen zu schützen, strich Prammer die Verantwortung jeder/s Einzelnen hervor.

Ruth Klüger spricht über den Umgang mit dem Holocaust-Gedenken

Am Beginn ihrer Gedenkrede trug Ruth Klüger ihr Gedicht "Der Kamin" vor – erstmals in der Öffentlichkeit, wie sie betonte. Sie hatte die erschütternde Lyrik 1944 als Kind im KZ Auschwitz verfasst und nach dem Krieg an eine deutsche Zeitung geschickt. Diese druckte aber nur einen Teil ihres Gedichts mit verstümmelter Aussage ab. Der Kommentar der Zeitung dazu: Einige Teile seien nicht zur Veröffentlichung geeignet, da sie das ganze Elend eines Kindes zeigten. Diese Geschichte sei symptomatisch für den Umgang mit dem Holocaust. Zu oft habe man den Holocaust-Überlebenden – vor allem den Kindern – nicht zugehört, sondern die eigenen Gefühle der Erschütterung in den Vordergrund gestellt.

Auch der Begriff der Verdrängung spiele in der Erinnerung an den industrialisierten Massenmord der Nazis eine große Rolle: Da ein Vergessen des Geschehenen nicht möglich sei, werde es beiseitegeschoben. So sei auch die Stilisierung der Opfer zu Märtyrern zu verstehen – "eine Form der Verdrängung, indem man der äußersten Sinnlosigkeit einen Sinn abgewinnt".

Sentimentalisierung und Relativierung des Geschehenen seien weitere Methoden der Verdrängung der Shoa, so Klüger. Besonders die Relativierung sei aber eigentlich nicht möglich, da das Ausmaß des Holocaust alle Rahmen sprenge. Die Literaturwissenschafterin erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass Österreicher und Deutsche nicht nur Juden, sondern auch Kinder ihres eigenen Volkes im Euthanasieprogramm massenweise ermordeten. Dies zeige den gesamten Menschenhass und die Menschenverachtung der geschehenen Verbrechen.

Die Shoa: Ein unbegreiflicher Auswuchs der menschlichen Freiheit

Der Völkermord bleibe im Kern nach wie vor unbegreiflich, so Klüger. Er lasse sich nicht mit rationalen Argumenten erklären, bleibe ihr nach wie vor ein ungelöstes Rätsel. Es sei wohl das Rätsel der menschlichen Freiheit, denn niemand sei vorprogrammiert. Und Selbstbestimmung könne zwar zum Fortschritt und zum Guten, allerdings auch zum abgrundtief Bösen führen, betonte die Autorin. Die Hoffnung bleibe jedoch, dass "Forschen, Dichten, Nachdenken und Diskutieren zu einer Erhellung unseres Tuns und Lassens und der Möglichkeiten und Grenzen unserer zwielichtigen, zweideutigen und zwiespältigen menschlichen Freiheit" führe, schloss Klüger ihre Rede.

"Das Netzwerk" – ein Filmbeitrag von Jugendlichen

Bereits im Vorfeld hatten 63 Jugendliche aus Wien, Niederösterreich, Oberösterreich, der Steiermark und Kärnten im ehemaligen KZ Mauthausen und dessen Nebenlagern an einem Projekt zum Schwerpunktthema "Netzwerk des Terrors" gearbeitet. Dabei erstellten die SchülerInnen und Lehrlinge unter der Leitung des Mauthausen Komitees Kurzfilme, die sie zu einem Gesamtfilmbeitrag vereinten.

Der am Gedenktag erstmals gezeigte Film soll das aus der Projektarbeit neu erworbene Wissen und die gemachten Erfahrungen der SchülerInnen und Lehrlinge widerspiegeln. Im Mittelpunkt steht dabei die Auseinandersetzung der jungen Menschen mit den Themenbereichen "Menschenrechte", "Respekt", "Integration" und "Zivilcourage". Dabei geht es zwar auch um historische Zusammenhänge, vor allem aber soll die Relevanz dieser Begriffe im täglichen Leben der TeilnehmerInnen verdeutlicht werden.

Dem Netzwerk des Terrors, mit dem die NationalsozialistInnen unter Mithilfe unzähliger MitläuferInnen und MittäterInnen Europa überzogen, soll durch die Verbindung dieser Themenbereiche ein Netzwerk des Engagements, der Toleranz und des Miteinanders gegenübergestellt werden. Dementsprechend lautet der Titel des Filmbeitrags: "Das Netzwerk".

 

Jährlicher Gedenktag am 5. Mai

Der Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus wird seit 1998 jährlich begangen. Mit der Ausnahme des Jahres 2001, als die Veranstaltung im Redoutensaal der Hofburg abgehalten wurde, fand sie im historischen Sitzungssaal des Parlaments statt. Grundlage für den Gedenktag bilden gleichlautende Entschließungen des Nationalrates und des Bundesrates aus dem Jahr 1997.