Parlamentskorrespondenz Nr. 282 vom 01.04.2008

Klimaschutz: Literarisch-politischer Vorwurf und Appell Jugendlicher

Wien (PK) – "Du hast die Macht, du Zwetschke!!!" Diese befehlsartige Aufforderung stellt Elke Pruckner, eine 17-jährige Autorin, nicht der genannten Obstsorte, sondern sie wendet sich an uns Konsumentinnen und Konsumenten. Sie will uns damit klarmachen, dass es bereits kleiner Schritte im Alltag, eines umsichtigen, kritischen und umweltbewussten Handelns bedarf, um einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten – etwa, indem man sehr genau darauf achtet, woher das Obst und Gemüse kommt, das man kaufen will, und indem man zu jenen Produkten greift, die in unserer nächsten Umgebung gerade geerntet werden.

Ihr Beitrag, dem der Titel des Buchs "Die Macht der Zwetschke. Junge Gedanken zum Klimawandel" entnommen ist, ist einer der zahlreichen besorgten Appelle junger Menschen, die in dem genannten Band gesammelt und im Ueberreuter Verlag von der Dritten Präsidentin des Nationalrats, Eva Glawischnig-Piesczek, herausgegeben wurde.

Glawischnig: Buch ist Anklage der jungen Generation

Präsidentin Eva Glawischnig-Piesczek bezeichnete die im Buch veröffentlichten sowie alle übrigen eingelangten Beiträge als eine große Anklage der jungen Generation an die Erwachsenen und als einen Appell, endlich die Verantwortung wahr zu nehmen. Die Aussagen der jungen Autorinnen und Autoren seien von persönlichem Engagement getragen, sie seien auch bedrückend und sollten uns allen zu denken geben.

Glawischnig-Piesczek erinnerte in ihrer Begrüßung an den Klimaschutz-Schreibwettbewerb (clim-8), der aufgrund ihrer Initiative ins Leben gerufen worden war und an dem mehr als 300 Schülerinnen und Schüler im Alter von 14 bis 19 Jahren teilgenommen haben. In sachlich-wissenschaftlichen, zum Teil auch literarischen Beiträgen und Appellen haben die Jugendlichen ihrer Sorge um die Zukunft des Planeten Erde und damit auch um ihre eigene Zukunft in einer lebenswerten Umwelt Ausdruck verliehen. Eine Jury, der die Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek Johanna Rachinger, die Autorin Eva Rossmann, der Journalist Michael Lohmeyer und die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb angehörten, hatte die schwierige Aufgabe, die 25 besten Arbeiten auszuwählen.

Das Ergebnis liegt nun in Buchform vor. Dieses wurde heute im Parlament offiziell an die Autorinnen und Autoren übergeben und im Rahmen eines "Literarisch-politischen Quintetts" der Öffentlichkeit präsentiert. In einer "lockeren Atmosphäre", die auch durch bequeme Sitzmöbel, Stehlampen und ein Bücherregal hergestellt wurde, diskutierten die Dritte Präsidentin des Nationalrats, Eva Glawischnig-Piesczek, Bundesministerin Claudia Schmied, Siemens-Generaldirektorin Brigitte Ederer, Telekom-Generaldirektor Boris Nemsic und der Gewinner des Wettbewerbs, der 17-jährige Tiroler Matthias Mayer.

Sein "Märchen vom Klimawandel", ausgehend von der Grundidee des Turmbaus zu Babel, ist in Form einer Metapher geschrieben. Einem  Aufschrei gleich hinterfragt die mit einem zweiten Preis prämierte 15-jährige Katharina Pokorny, ob es noch Sinn hat, sich zu bilden, einen Job zu haben und eine Familie zu gründen angesichts der Realität. Und sie endet mit einem Appell: "Nicht aufgeben! Noch können wir zusammen etwas tun. Wir. Jeder für sich."

"Aufschreien sollst Du! Ja schrei! Setz Dich zur Wehr! Mach alles, nur warte nicht!" So beginnt der Beitrag von der 15-jährigen Marie Gamillscheg, der der dritte Preis zugesprochen wurde.

Das sind nur wenige, subjektiv ausgewählte Beispiele für nicht nur engagierte sondern auch sprachlich ausgezeichnet formulierte Appelle, Aufschreie, Mahnungen, Aufforderungen, die in dem Buch veröffentlicht werden und die Verantwortung jedes einzelnen ansprechen. Abgerundet wird die Sammlung von der in 13 Kapitel unterteilten Geschichte "Lillis Reise" von der 18-jährigen Veronika Fagerer, die zwar keinen Preis erhalten hat, aber stellvertretend für alle jene Werke aufgenommen wurde, "um zu zeigen, dass alle Geschichten ausgezeichnet waren, auch wenn nicht alle ausgezeichnet wurden", wie Präsidentin Eva Glawischnig-Piesczek in ihrem Vorwort schreibt.

Den Abschluss bilden Fakten und Hintergründe zum Klimawandel, zusammengefasst von Andreas Jäger von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG).

Die Antworten aus der heimischen Politik und Wirtschaft

Die jungen Autorinnen und Autoren haben sich auch im Zuge des Schreibwettbewerbs in Form konkreter Appelle an Politikerinnen und Politiker aus dem In- und Ausland gewendet. Einer, der geantwortet hat, ist Bundespräsident Heinz Fischer, dessen Brief Präsidentin Glawischnig-Piesczek den Jugendlichen und dem Auditorium zur Kenntnis brachte.

Bundeskanzler Alfred Gusenbauer war gekommen, um seine Stellungnahme persönlich zu übermitteln. Der Kampf gegen den Klimawandel erfordere den Einsatz von allen, unterstrich er und fügte gleichzeitig warnend hinzu, die Auseinandersetzung um notwendige Maßnahmen sei noch nicht gewonnen. Er wies in diesem Zusammenhang mit kritischem Unterton auf das neueste Buch des tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Klaus hin, der in der Politik gegen den Klimawandel eine Gefährdung der Zivilisation erblickt. Gusenbauer ging weiter auf die schwierigen Verhandlungen innerhalb der EU über die Wegekosten-Richtlinie und das diesbezügliche österreichische Engagement ein, sämtliche durch den LKW-Verkehr entstandenen Kosten in Mautgebühren mit einbeziehen zu können. Der Bundeskanzler erinnerte auch an die von der Österreichischen Bundesregierung beschlossene Klimaschutz-Strategie und unterstrich die Bedeutung der Bewusstseinsbildung innerhalb der Bevölkerung. Das heute vorgestellte Buch leiste dazu einen wichtigen Beitrag, stellte er fest.

Der Bundessprecher der Grünen Alexander Van der Bellen gestand ein, es sei für Politikerinnen und Politiker zäh, das sensible Thema Klimawandel zu behandeln. Man brauche die Öffentlichkeit, weil es um ein Verteilungsproblem zwischen Jung und Alt gehe. Unangenehme Maßnahmen müssten jetzt gesetzt werden, die positiven Auswirkungen seien erst in 30 bis 50 Jahren zu spüren.

Bundesministerin Claudia Schmied unterstrich die Selbstverantwortung. Sie betrachte es daher als eine Aufgabe der Schule, die Wahrnehmung der Schülerinnen und Schüler zu schärfen. Schule sei nicht nur Ort des Lernens und des Unterrichts, sondern sollte auch als Lebensraum erlebt werden, wo Einstellungen, Haltungen und Werte so wie die Nachhaltigkeit einen großen Stellenwert haben. Sie wolle die Lehrerinnen und Lehrer dazu ermuntern, den gesellschaftspolitischen Diskurs zu führen. Schmied brachte auch eine Initiative in Erinnerung, die sie mit Umweltminister Pröll ins Leben gerufen hat. Demnach werden ökologische Schulen mit einem Gütesiegel ausgezeichnet. Ein wesentlicher Aspekt unter vielen sei auch, welche Lebensmittel von den Schulen eingekauft werden, fügte sie abschließend hinzu.

Siemens-Generaldirektorin Brigitte Ederer wollte nicht alles so negativ sehen, wie dies im Buch anklingt. "Es ist nicht zu spät, wir haben Chancen", zeigte sie sich überzeugt. Man müsse die Prognosen ernst nehmen, aber darauf gebe es immer gesellschaftliche und technische Entwicklungen und Reaktionen. Man dürfe sich auch nicht der Täuschung hingeben, mit österreichischen Lösungen allein sei es getan, betonte sie, vielmehr brauche man internationale Lösungen und Rahmenbedingungen. Ederer machte auch deutlich, dass jede Änderung Konsequenzen in Form von Verzicht nach sich ziehe. Diese Auswirkungen müsse man mit bedenken, sagte sie und nannte als Beispiel billige Kleidung, die dann nicht mehr zur Verfügung stehen würde.

Telekom-Generaldirektor Boris Nemsic führte ebenfalls die Frage der Balance ins Treffen. Er hege große Erwartungen in die Wissenschaft, die wichtige Impulse für die Wirtschaft geben werde. Auch die Globalisierung wollte er nicht nur negativ sehen, denn man könne auch den Klimaschutz darin verpacken. Die drastischen Beispiele über mögliche Konsequenzen des Klimawandels seien notwendig, weil sie aufweckten und Bewusstsein schafften. Man könne aber gegensteuern, wobei man die Zivilisation nicht verteufeln dürfe und Wahrheit vorherrschen sollte.

Zu diesen optimistischen Bemerkungen unterstrich der Sieger des Wettbewerbs Matthias Mayer einmal mehr die Verantwortung jedes einzelnen von uns. Die Unternehmen produzierten nur das, was auch gekauft wird, sagte er. Die Macht der Konsumentinnen und Konsumenten dürfe nicht unterschätzt werden. Der Verzicht, den wir durch die notwendige Änderung des Lebensstils auf uns nehmen müssten, sei nicht allzu groß. Bei allem technischen Fortschritt dürfe die Umwelt nicht vergessen werden, es müsse vielmehr ein Gleichgewicht gesichert sein. Mayer blieb bei seiner Anklage an die derzeitige Erwachsenen-Generation. Sie hätte den Jugendlichen Wissen vorenthalten und hätte diese in einem falschen Lebensstil erzogen.

Reaktionen aus den USA und der EU

Der Geschäftsträger der US-Botschaft in Wien, Scott Kilner, überbrachte die Reaktion auf die zahlreichen Schreiben an Präsident George W.Bush persönlich. Der Klimawandel stelle für die USA ein ernst zu nehmendes Problem dar, bekräftigte er, Kyoto sei aber nicht das Alpha und Omega der Klimapolitik. Die USA seien entschlossen, bei der Reduktion von Treibhausgasen eine führende Rolle zu übernehmen, es bedürfe aber eines nachhaltigen globalen Ansatzes. Die Maßnahmen und Aktivitäten müssten auch auf nationale Begebenheiten und wirtschaftliche Interessen Rücksicht nehmen.

Auch EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso hat in einem Schreiben auf die Appelle der Jugendlichen reagiert. Er spricht darin die Verantwortung aller an und listet die Maßnahmen der EU-Kommission auf, um den Temperaturanstieg bis Ende des Jahrhunderts zu begrenzen. Die EU plane unter anderem, die CO2-Emissionen um mindestens 20 % zu reduzieren. (Schluss)

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie – etwas zeitverzögert – auf der Website des Parlaments im Fotoalbum : www.parlament.gv.at