News 30.10.2025, 11:02

Das Rätsel der Rossebändiger

An den unteren Enden der Auffahrtsrampe zum Parlament stehen, auf vier hohen Granitpostamenten, die Standbilder von Rossebändigern: Männer, die versuchen, Pferde im Zaum zu halten. Die Bronzegüsse sind das Symbol der Bezähmung der Leidenschaften - ein Appell an die Parlamentarierinnen und Parlamentarier, im Hohen Haus ihre politischen Leidenschaften zu mäßigen.

Untersuchung der Angewandten

Knapp 130 Jahre nach ihrer Aufstellung hat nun ein Team der Universität für angewandte Kunst einen der Rossebändiger untersucht. Sie dokumentierten die Witterungsschäden und Verfärbungen an den Statuen – im Fachjargon Oberflächen-Phänomene genannt – und wollten wissen, wie dick und gut erhalten die Schicht ist, mit der die Statuen bedeckt sind. Früher wurden Statuen zum Schutz vor der Witterung nämlich mit Wachs umzogen.

"Zuerst fertigen wir Schadenskartierungen an, das erstellen wir eigentlich immer als erstes", erklärt Marlene Krischan vom Institut für Konservierung und Restaurierung der Angewandten. Dabei werden Oberflächen-Phänomene wie Verfärbungen an den Statuen eingezeichnet.

Zusätzlich wurden die Statuen mit Infrarot-Kameras fotografiert und mit einem speziellen Messgerät untersucht, wie dick die Wachsschicht ist. Die ist üblicherweise nur wenige Mikrometer dünn.

Neben Fotodokumentationen wurden auch Infrarotaufnahmen gemacht.

Die Doktorandin untersucht neben den Rossebändigern auch andere Statuen entlang der Ringstraße.

Beliebtes Motiv

"Rossebändiger" sind uralte Figuren: In der Ilias nennt Homer den Anführer des griechischen Heeres Agamemnon so, in der Odyssee erhält der greise Nestor diese Bezeichnung. Besonders in der Barockzeit sind Rossebändiger ein beliebtes Motiv der darstellenden Kunst.

Eine geheime Botschaft?

Hippologen – die Hippologie ist die Wissenschaft vom Pferd - haben kritisch angemerkt, dass in der vor dem Parlament dargestellten Art die Bändigung eines im Aufbäumen begriffenen Pferds nie und nimmer gelingen könne. Die rechte Faust des Bändigers scheint eher nach vorn unten statt in Richtung der breiten Brust des Rosses zu ziehen. Und wie die Linke die Zügel straffe, sei als Methode der Zähmung völlig ungeeignet.

Unwissenheit, versteckte Botschaft oder ein Augenzwinkern? Lassen sich die Pferde vielleicht gar nicht zäumen?

Doch vielleicht ist das Ross gar nicht so wild und ungestüm, sondern bloß, als ein typisches Fluchttier, vor dem unmotiviert zwischen ihm und seinem Bändiger hervorflatternden Tuch unklarer Herkunft und Bestimmung erschrocken?

Als die Rossebändiger in der Kunstgießerei Josef Lax gegossen und 1899 - nach Hansens Tod - aufgestellt wurden, waren Pferde und Pferdefuhrwerke im Straßenbild Wiens selbstverständlich. Man könnte also davon ausgehen, dass der Schöpfer der Figuren mit Pferden und ihrer "Bezähmung" vertraut war. Sollte er am Ende andeuten haben wollen, dass die zur Verfügung stehenden Mittel für die Bezähmung der politischen Leidenschaften unzureichend sind? Aber vielleicht steckt keinerlei andeutende Absicht dahinter - was in der Stadt Sigmund Freuds wohl noch mehr Charme hätte.