News 15.12.2025, 09:30

"Ein trostloses Bild der Verwüstung" wird wieder zum Hohen Haus

"Brandgeschwärzte leere Fensterhöhlen blicken uns neben der rechten Rampenauffahrt entgegen. Das Hämmern der Tischler, das emsige Schaben von Maurerkellen schallt weithin durch die hohen Gänge", schrieb der "Wiener Kurier" am 18. Dezember 1945. Schwere, an die Substanz gehende Schäden hat das Herz der Demokratie während des Zweiten Weltkriegs erlitten. Dementsprechend sprach die Zeitung "Neues Österreich" wenige Tage vor der ersten Nationalratssitzung nach Kriegsende, die am 19. Dezember 1945 stattfinden sollte, von einem "trostlosen Bild der Verwüstung".

"Beschleunigte Bauaktion" soll Parlamentsbetrieb ermöglichen

Unter Hochdruck wurden am Hohen Haus die letzten notwendigen Arbeiten einer "beschleunigten Bauaktion" durchgeführt. Über 100 Arbeiter waren an diesen ersten Instandsetzungsarbeiten beteiligt. Zuerst mussten in Aufräumarbeiten tausende Kubikmeter an Schutt entfernt werden. Ziel war es, so rasch wie möglich einen Parlamentsbetrieb in einem durch den Zweiten Weltkrieg stark in Mitleidenschaft gezogenen Gebäude möglich zu machen. Die Schäden waren jedoch groß. Viele Teile des Hauses waren beschädigt, Teile davon waren gänzlich zerstört. Letztlich sollten die gesamten Renovierungsarbeiten noch Jahre in Anspruch nehmen.

Staatskanzler Renner drängt auf Betrieb des Parlaments im Parlamentsgebäude

Aufgrund der massiven Schäden wurden auch Ausweichquartiere für den Parlamentsbetrieb überlegt. Staatskanzler Karl Renner drängte jedoch auf den raschen Wiedereinzug in das Parlamentsgebäude und die Durchführung der dafür notwendigen Instandsetzungsarbeiten in den unterschiedlichsten Bereichen. Wohl eher behelfsmäßig wurden die schwerwiegendsten Schäden, etwa an den Dächern behoben.

 

Im April 1945 übergaben die sowjetischen Besatzungsmächte das Parlament an die Provisorische Staatsregierung. (im Bild: Generalleutnant und Stadtkommandant für Wien, Alexej Blagodatow, schüttelt Staatskanzler Karl Renner die Hand; rechts der Wiener Bürgermeister Theodor Körner)

Adaptierungen für die erste National­ratssitzung 

Der heutige Bundesversammlungssaal blieb von Kriegsschäden weitgehend verschont und sollte daher für die konstituierende Sitzung des Nationalrats am 19. Dezember 1945 genutzt werden. Dafür waren auch hier Adaptierungsarbeiten notwendig, berichtete die Zeitung "Neues Österreich" am 16. Dezember 1945. Die früheren Aufbauten für das Präsidium waren zu einem Aufstellpodium für Fahnenträger umgebaut worden. Daher musste ein neues Podium errichtet werden.

Auf provisorische Instandsetzungen folgen jahrelange Renovierungsarbeiten

Mit diesen ersten Adaptierungsarbeiten wurde zwar der Parlamentsbetrieb ermöglicht, viele Schäden waren aber dadurch alles andere als beseitigt. Den Schlusspunkt der Instandsetzungen markierte schließlich die Eröffnung des völlig neu gestalteten und in weiten Teilen neu gebauten Nationalratssaals im Jahr 1956.