News 07.11.2025, 15:56

"Ich wurde in eine Zelle mit 400 anderen Menschen gepresst"

2025 jähren sich die Novemberpogrome zum 87. Mal. Der Zeitzeuge Erich Finsches erzählt seine Geschichte.

In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 und in den darauffolgenden Tagen stürmten Nationalsozialisten jüdische Einrichtungen im gesamten Deutschen Reich. Sie plünderten und zerstörten Geschäfte sowie Wohnungen von Juden und Jüdinnen, steckten Gebetshäuser in Brand und misshandelten die jüdische Bevölkerung.

Die sogenannten Novemberpogrome jähren sich heuer zum 87. Mal. Der heute 98-jährige Erich Finsches hat sie überlebt.

"Deine Mutter ist deportiert worden"

Erich Finsches war elf Jahre alt als die Pogrome stattfanden. Als sein Vater in der Pogromnacht verschwand, suchte er ihn auf dem Bezirkskommissariat. Anstatt mit seinem Vater zurück in die Wohnung zu kehren, wurde der junge Erich Finsches selbst festgenommen. "Im Zellentrakt sind die Menschen gestanden wie die Heringe, mich hat man auch noch hineingepresst", erzählte er in einem Interview mit dem Newsroom der Parlamentsdirektion. Erst nach einer halben Nacht fand er unter den 400 anderen Menschen seinen Vater.

Erich Finsches überlebte unter dem NS-Regime unter anderem die Konzentrationslager Auschwitz und Dachau. Als er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Wien zurückkehrte, musste er sich seine Kindheitswohnung mit der Witwe eines SS-Oberscharführers teilen. "Deine Mutter brauchst du nicht suchen, die ist deportiert worden", erfuhr er von ihr, "und die Wohnung ist 'arisiert' worden."

Erich Finsches (links) erhielt bei der Verleihung des Simon-Wiesenthal-Preises 2024 eine Ehrung vom Zweiten Nationalratspräsidenten Peter Haubner (rechts) und der Vorständin des Nationalfonds Judith Pfeffer.

Ehrung von Zeitzeugen bei Simon-Wiesenthal-Preisverleihung

Erich Finsches war am 18. September 2025 im Rahmen der Verleihung des Simon-Wiesenthal-Preises zu Gast im Parlament. Gemeinsam mit anderen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wie Don Jaffé, Josef Salomonovic und Kitty Schrott wurde er dort geehrt.

Der Simon-Wiesenthal-Preis wird jährlich vom Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus an Menschen und Organisationen vergeben, die sich gegen Antisemitismus und für Aufklärung über den Holocaust einsetzen.

Aktuell läuft die Einreichfrist für den Simon-Wiesenthal-Preis 2025. Einzelpersonen und Gruppen aus dem In- und Ausland sind eingeladen, sich bis 19. Dezember 2025 zu bewerben oder können vorgeschlagen werden.