Parlamentskorrespondenz Nr. 33 vom 18.01.2008

Die Magie des Gedichts

Wien (PK) – Über 50 Jahre nach der ersten die heimische Poesie der Verfolgten und ins Exil Getriebenen zusammenfassenden Anthologie legt die Theodor Kramer-Gesellschaft eine neue und umfassende Sammlung dieser Form der Exilliteratur vor. Nationalratspräsidentin Barbara Prammer präsentierte das Werk heute am frühen Abend im Hohen Haus vor hunderten interessierten Zeitzeugen, Künstlern und Kunstliebhabern.

Prammer zitierte eingangs Rose Ausländers "Dunkle Flüsse" und meinte, dieses Poem spiegle das Schicksal der Emigranten beredt wider. Es sei ein rauer Weg, den allzu viele gehen mussten und immer noch gehen müssen. Die Schilderungen der Schrecken des Exils reichten von Ovid bis zu den Autorinnen und Autoren dieses Buches, und wie schwer der Verlust der Heimat wiege, zeigten etwa die Schicksale von Egon Friedell oder Stefan Zweig, betonte die Präsidentin, die in diesem Zusammenhang auch an Carl Zuckmayer erinnerte, der gemeint hatte, aus dem Exil gebe es kein Zurück, nur ein Weiter.

Die Präsidentin wies aber auch darauf hin, dass durch das Wirken österreichischer Künstler im Exil in den jeweiligen Gastländern Verständnis für Österreich erweckt wurde. Es habe ein geistiges Österreich gegeben, das in Opposition zu Nazideutschland stand. Leider seien jene, die Österreich auch in dieser dunkler Stunde bejaht hätten, in und von Österreich viel zu lange negiert worden.

Die österreichische Exilforschung hole hier Versäumtes nach. Das Buch mache auf die Bedeutung der Sprache für die Exilanten aufmerksam und verweise auch auf das damit verbundene Spannungsfeld, es sei daher allen ans Herz gelegt. Schließlich wies die Präsidentin darauf hin, dass auch heute noch viele Menschen ins Exil gezwungen würden, die darob von unserer Gastfreundschaft genauso abhängig seien wie es die Exilanten damals von jener ihrer Gastländer waren. Aus der Geschichte lernen heiße also, diese Menschen so aufzunehmen, wie wir wünschten, aufgenommen zu werden.

Für die Herausgeber bezeichnete der Vizepräsident des österreichischen P.E.N.-Clubs Miguel Herz-Kestranek Exil als unbekannten Aspekt des Holocaust und meinte, man müsse das Exil in seiner gesamten sozialen Dimension sehen. Er unterstrich die Eindringlichkeit der Texte, die den Kern der Sache offenlegten und so Bewusstsein bildeten. Durch diese Gedichte könne man ermessen, was Exil bedeute, und das sei auch bedeutsam für die Fragen, die man sich heute stellen müsse.

Konstantin Kaiser nannte die Gedichte eine Grundlage des Erinnerns, eine Art Flaschenpost, die eine Erinnerungskapsel beinhalte. Er betonte das breite Spektrum der in der Anthologie enthaltenen Texte. Daniela Strigl meinte, dass ihr Theodor Kramer zuerst als Dichter aufgefallen sei und nicht als Opfer des Nationalsozialismus. So solle man auch jenen begegnen, die in diesem Buch versammelt seien, wobei es sich nicht nur um berühmte Namen handle, sondern auch um jene, die man mit dem Abdrucken ihrer Texte dem Vergessen entreiße, um den nationalsozialistischen Plan ihrer Vernichtung zu durchkreuzen.

Im Anschluss lasen Ruth Klüger, Elfriede Gerstl und Herbert Kuhner Auszüge aus der Gedichtsammlung. Moderiert wurde die Veranstaltung von Siglinde Bolbecher.

Lyrik des Widerstands

Die von der Theodor-Kramer-Gesellschaft herausgegebene Anthologie stellt 278 Lyrikerinnen und Lyriker mit über 500 markanten Werkproben und in Kurzbiographien vor. Die Gedichte entstanden in Arrestzellen und Konzentrationslagern, auf der Flucht durch viele Länder, in der Einsamkeit des Exils und der Heimkehr in ein fremd gewordenes Land.

Abschiedsschmerz und Heimweh stehen in den Werken neben kämpferischen Strophen, Elegie und Trauer um das Verlorene neben der poetischen Eroberung neuer Lebensorte. Freie Formen wechseln mit strengen Versmaßen, kühne Neuerungen der Form finden sich neben konventionellen Gestaltungen.

Gedichte wurden in Kassibern aus Gefängnissen geschmuggelt, von Mitgefangenen auswendig gelernt, in Exilzeitschriften publiziert, von überlebenden Freunden und Verwandten bewahrt. Unzählige Gedichte des Exils und des Widerstands jedoch gingen für immer verloren, weshalb die Herausgeber darauf verweisen, dass diese Edition keineswegs einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann. Sie zeigen sich vielmehr überzeugt, dass es noch viele Entdeckungen auf diesem Gebiet geben wird, und wollen durch diese Zusammenstellung zu weiterer Exilforschung anregen.

Das Gedicht hat für Verfolgte und Vertriebene zentrale Bedeutung: als Überlebenshilfe in einer bedrückenden Außenwelt, als Möglichkeit des genauen und doch unmittelbaren Ausdrucks, als Behauptung der eigenen Persönlichkeit und oft als verzweifelte Botschaft an die anderen.

Gedichte "sind der Kampf eines Einzelnen gegen die zunehmende weltumfassende Verdunkelung des Lebens und seiner Werte, und die haben zunächst dem Ich dieser Gedichte geholfen, dem Ungeheuerlichen gegenüber bei Besinnung und bei Gefühl zu bleiben. Sie bedeuten die innere Gegenwehr, die Notwehr eines Menschen", schrieb Berthold Viertel 1941 in der Vorrede zu seinem Gedichtband "Fürchte dich nicht!" Nicht von ungefähr waren Emigranten oft aufmerksame und genaue Beobachter der Vorgänge und blieben dies auch nach ihrer Rückkehr in die frühere Heimat.

Schließlich erinnert die Anthologie auch daran, dass der Nationalsozialismus nicht nur für die größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte verantwortlich ist, sondern dass er auch den Zusammenhang einer österreichischen Kultur, wie er in den Gebieten der ehemaligen Donaumonarchie noch bis zum Zweiten Weltkrieg präsent war, dauerhaft zerstört hat. In dieser Anthologie freilich lebt dieser Zusammenhalt noch einmal auf, und so stehen hier Autorinnen und Autoren aus Galizien neben solchen der Bukowina, Lyrikerinnen und Lyriker aus der Tschechoslowakei haben ebenso ihren Platz wie solche aus dem Banat.

Das Buch ist mithin ein Spiegel heimischer Dichtkunst des 20. Jahrhunderts, und so liest sich das Verzeichnis der AutorInnen wie ein Who is Who der österreichischen Literatur. Vertreten sind unter anderen Ilse Aichinger, Günter Anders, Rose Ausländer, Otto Basil, Richard Beer-Hofmann, Hermann Broch, Max Brod, Paul Celan, Albert Drach, Albert Ehrenstein, Karl Farkas, Erich Fried, Albert Paris Gütersloh, Peter Hammerschlag, Raoul Hausmann, Oskar Jellinek, Paul Leppin, Erika Mitterer, Paula von Preradovic, Alexander Roda Roda, Joseph Roth, Alexander Sacher-Masoch, Georg Scheuer, Hugo Sonnenschein, Jura Soyfer, Hilde Spiel, Johannes Urzidil, Berthold Viertel, Franz Werfel und Stefan Zweig.

Das Buch "In welcher Sprache träumen Sie?" wurde von der Theodor Kramer-Gesellschaft im Eigenverlag herausgebracht. Es umfasst 567 Seiten und ist um 30 Euro im Buchhandel erhältlich.

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie – etwas zeitverzögert – auf der Website des Parlaments im Fotoalbum : www.parlament.gv.at (Schluss)