Parlamentskorrespondenz Nr. 65 vom 28.01.2008

Leben in den Gräben

Wien (PK) – Nationalratspräsidentin Barbara Prammer lud heute Nachmittag zu einer Buchpräsentation ins Palais Epstein. Vorgestellt wurden die Lebenserinnerungen des Anton Haderlap, die unter dem Titel "Graparji. So haben wir gelebt" im Drava-Verlag erschienen sind. Umrahmt wurde die Veranstaltung, an der ein ebenso zahlreiches wie illustres Publikum, darunter viele Abgeordnete, teilnahm, von einer Ausstellung des Titels "Das Ende der Erinnerung – Kärntner PartisanInnen" mit Werken von Ernst Logar.

Prammer hieß die Anwesenden zu einer sehr spannenden Veranstaltung willkommen und meinte, das heutige Thema passe hervorragend ins Palais Epstein, das eine sehr wechselvolle Geschichte hinter sich gebracht habe, ehe es nun der österreichischen Öffentlichkeit diene. Die Ausstellung und das Buch beleuchteten einen lange verdrängten Aspekt der österreichischen Geschichte, zeugten sie doch vom NS-Terror gegen die Kärntner Slowenen.

Diese Verfolgung sei nach 1945 konsequent verdrängt worden, und auch der Kampf der Partisanen, die einen wesentlichen Beitrag zur Befreiung Österreichs geleistet hätten, dürfe nicht länger in den Hintergrund gedrängt werden. Buch und Ausstellung seien daher Teil des Bemühens, die Opfer nicht vergessen zu lassen. So solle die Erinnerung für zukünftige Generationen bewahrt bleiben, so sollte aber auch uns ein klarerer Blick auf die eigene Geschichte ermöglicht werden, so die Präsidentin, die darauf hinwies, dass sich auch der Nationalfonds von dieser Idee leiten lasse.

Der Partisanenkampf, so Prammer weiter, sei wichtig für die Erlangung des Staatsvertrages gewesen, in dessen Artikel 7 auch die Rechte der Kärntner Slowenen verbrieft seien. Diese seien aber leider immer noch nicht im erforderlichen Maße verwirklicht. Im 21. Jahrhundert lebten wir in einem Europa der Vielfalt, und wie ein Land mit seinen Minderheiten umgehe, sei ein Gradmesser für seine demokratische Reife. Die Politik habe daher für das Gedeihen der Volksgruppen Sorge zu tragen und ein weltoffenes Klima zu fördern, schloss die Präsidentin.

Der Klagenfurter Universitätsprofessor Peter Gstettner würdigte die Kunstwerke Logars als Markstein wider das Vergessen. Es drohe ein Ende der Geschichte, denn diejenigen, welche die Geschichte erlebt hätten, würden weniger, und es könne kein Recycling der lebenden Geschichte geben. Aber auch Erinnerungen hätten, um Jorge Semprun zu zitieren, ein Recht auf Leben und ein Recht auf Erneuerung. Mit Projekten wie jenem Logars verbinde sich die Hoffnung, dass die Wahrheit auch in Zukunft Gehör finde.

Nicht umsonst stünden die Videomonitore, mittels derer die Interviews mit den Kärntner Slowenen zu sehen seien, auf Küchentischen, denn diese symbolisierten das Private, und in der Tat existiere die Erinnerung an jene Zeit oft nur noch im Privaten, seien die Partisanen doch im offiziellen Kärnten seit Jahrzehnten ungeschützt vielfacher Diffamierung ausgesetzt, was nicht ohne Wirkung auf die Betroffenen geblieben sei.

Der Kampf der Kärntner Partisanen habe mit seiner völligen Delegitimierung durch die offizielle Landesgeschichte geendet, der Rückzug der Geschichte ins Private sei die logische Konsequenz gewesen. In Kärnten sei die Geschichte eben nicht von den Siegern, sondern von den Verlierern geschrieben worden, die sich nachträglich zu Siegern erklärt hätten.

Das sei eine traurige Geschichte für Kärnten und für Österreich, fuhr Gstettner fort, aber sie sei nicht hoffnungslos, solange immer noch Menschen bereit seien, ihre Geschichte bei Veranstaltungen wie dieser öffentlich zu machen, denn damit sei die Geschichte eben doch noch nicht ganz zu Ende.

Logar selbst verwies auf seine Familiengeschichte, die ihn dazu bewogen habe, sich eingehender mit jener Zeit zu befassen. Bis heute gebe es keine ansprechende Würdigung der Tätigkeit der Kärntner Partisanen und des slowenischen Widerstandes, weshalb in ihm der Wunsch entstanden sei, die Lebensgeschichte dieser Menschen aufzuzeichnen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, damit diese mehr über die Geschichte der Kärntner Slowenen erfahren könne.

Zum Buch sprach für den Drava-Verlag Franz Marenits. Er meinte, sein Verlag veröffentliche Erinnerungsliteratur, weil es Bücher gegen das Vergessen brauche. Sie stellten Geschichte sehr persönlich und eindringlich dar, zeugten von Diskriminierung und Unterdrückung, von Verfolgung, aber auch von Überlebenswillen und Widerstand. Es seien dies Themen, die in Kärnten immer noch tabu seien, und daher brauche es solche Bücher als Teil eines kollektiven Gedächtnisses.

Der Klagenfurter Universitätsprofessor Klaus Amann ergänzte, das Ziel der Nazis sei die vollständige ethnische Säuberung Südkärntens gewesen. Auch Haderlaps Familie habe sich früh im Visier der Nationalsozialisten befunden, sein Buch gebe davon Zeugnis und erzähle in eindringlichen Worten von den damaligen Ereignissen.

Amann übte Kritik am Umgang des öffentlichen Kärnten mit den Partisanen und mit den Opfern des Nationalsozialismus. Niemand habe sich für diese Menschen zuständig gefühlt, keine offizielle Stelle habe ihnen geholfen, niemand habe nachgeforscht, selbst heute gebe es noch keine Aufzeichnungen über die Opfer des NS-Terrors in Südkärnten. Die Betroffenen würden zum Teil bis heute mit Unverständnis behandelt, Haderlaps Mutter, die im KZ gewesen war, musste 20 Jahre um eine Anerkennung als NS-Opfer kämpfen. Daher seien Bücher wie dieses so nötig, um zu zeigen, dass man Unrecht nicht hinnehmen dürfe. Im Anschluss lasen Amann und der Autor aus dem Buch.

So haben wir gelebt

Der 1930 geborene Anton Haderlap schildert in seinen Erinnerungen schnörkellos und eindringlich das harte Leben der Keuschler in den Eisenkappler Gräben (auf Slowenisch "grape", daher sind die im slowenischen Original genannten "Graparji" die in den Gräben Lebenden), die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dem kargen Boden in der zerklüfteten Bergwelt mühsam das zum Leben Notwendige abringen. Alle müssen zum Broterwerb beitragen, für ein unbeschwertes Heranwachsen bleibt wenig Raum. Auch der junge Anton werkt früh als Bauer und lernt schnell, was es alles zu tun gibt auf einem Hof.

Haderlap muss aber auch bald feststellen, dass die Slowenen in Südkärnten nicht wohlgelitten sind. Deutschnationale treiben früh schon ihr Unwesen, der "Kärntner Abwehrkampf" und die Grenzziehung zwischen Österreich und Jugoslawien vertieft den Graben zwischen den beiden Volksgruppen in Kärnten. Haderlap wird in der Schule unmissverständlich klar gemacht, dass nur, wer Deutsch spricht, eine Zukunft in diesem Bundeslande haben wird.

Die verbalen Drohungen gehen in physische über, als 1938 Hitler-Deutschland Österreich okkupiert. Den Slowenen wird ihre Sprache, ihr Vereinsleben und letztlich ihre Identität genommen. Und wer sich nicht fügt, den trifft die nationalsozialistische Repression mit voller Härte. Individuelle Verhaftungen gehen in kollektive Vertreibung über, tausende Slowenen werden in Arbeitslager verfrachtet, andere landen in Kerkern und Konzentrationslagern.

Doch die Nazis stoßen mehr und mehr auf Widerstand. Viele Slowenen gehen in die Wälder und organisieren dort eine Partisanenarmee, der sich 1942 auch Haderlaps Vater anschließt. Als daraufhin seine Mutter in das KZ Ravensbrück verbracht wird, will auch der kleine Anton seinen Beitrag zur Befreiung seiner Heimat und seines Volkes leisten. Er hilft den Partisanen, wo er kann und wird schließlich mit seinem Bruder gemeinsam Kurier der Befreiungsarmee.

Seit einigen Jahren unternimmt es der Drava-Verlag verdienstvoller Weise, dieses an sich viel zu wenig beachtete Kapitel heimischer Geschichte systematisch aufzuarbeiten. Dabei beschränkt sich der Verlag nicht darauf, irgendwelche Historiker in professoralem Gehabe über die Taten jener urteilen zu lassen, die Österreich vom Nationalsozialismus befreit haben, sondern er lässt die Betroffenen selbst zu Wort kommen und über die "Zeit ohne Gnade" berichten.

Haderlaps "Graparji" ist mittlerweile der fünfte Band dieser exquisiten Reihe, die mit Lipej Koleniks "Für das Leben" (im Original "Mali ljude na veliki poti" – Kleines Volk auf großem Weg) und Andrej Kokots "Das Kind, das ich war" ihren Ausgang nahm und in dem von Helena Verdel und Vida Obid herausgegebenen Memoiren Tone Jelens, "Auf den Spuren der Hoffnung" (im Original "Hoja z Mavrico" – Die Jagd nach dem Regenbogen), ihren bisherigen Höhepunkt fand.

Die Bücher ermöglichen ein klares Bild der Verhältnisse in Kärnten und machen gerade darum die Hintergründe aktueller Diskussionen (Stichwort: Ortstafelstreit) umso deutlicher. Ein Muss für alle an Zeitgeschichte Interessierte.

Haderlaps "Graparji. So haben wir gelebt" hat 176 Seiten, kostet 19 Euro 80 und ist im Buchhandel erhältlich. (Schluss)

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie – etwas zeitverzögert – auf der Website des Parlaments im Fotoalbum : www.parlament.gv.at