Parlamentskorrespondenz Nr. 199 vom 05.03.2008

Frauenschicksale im Schicksalsjahr

Wien (PK) – Nationalratspräsidentin Barbara Prammer lud heute Abend zu einer Buchpräsentation ins Hohe Haus. Vorgestellt wurde der Band "Frauen 1938, Verfolgte – Widerständige – Mitläuferinnen".

Prammer wies darauf hin, dass die heutige Veranstaltung eine der ersten anlässlich des Gedenkjahres 2008 sei. Sie freue sich, ein wichtiges Buch mit außergewöhnlichen Frauen präsentieren zu können. Sie sei um Frauenthemen stets bemüht und verfolge zudem das Anliegen, Geschichtsthemen ins Hohe Haus zu bringen: "Heute verbinden sich diese beiden Themen."

Prammer analysierte die NS-Ideologie, welche die Frauen auf die Rolle als Mutter und Hausfrau reduziert habe und sie ganz bewusst aus der Politik herausgenommen und herausgehalten habe. Gleichzeitig aber wurden Frauen dennoch in das totalitäre Regime eingebunden, sie mussten etwa in der Arbeitswelt jene Lücken schließen, die durch den Abzug der Männer, welche zur Wehrmacht mussten, entstanden waren.

Die menschenverachtende Politik der Nationalsozialisten machte vor den Frauen nicht Halt und bürdeten ihnen noch zusätzliche Lasten auf, erklärte Prammer, die sodann auf die Verfolgung von Frauen durch den Nationalsozialismus einging, dabei insbesondere auf deren Besonderheiten verweisend.

Die weibliche Seite der Geschichte müsse vertieft, die diesbezüglichen Facetten müssten ausgelotet werden, solange die Zeitzeuginnen noch lebten, betonte die Präsidentin. Man müsse diese Geschichte auch den Kindern und Enkeln vermitteln, müsse Verantwortung übernehmen, damit man eben doch aus der Geschichte lerne. Daher sei sie froh, dass es solche Bücher gibt, denn sie leisteten dazu einen wichtigen Beitrag.

Hannah Lessing vom Nationalfonds der Republik Österreich sagte, durch ihre Tätigkeit sei sie tagtäglich mit den Schicksalen der Opfer konfrontiert. Viele davon seien Frauen, was von der Forschung lange Zeit zu wenig berücksichtigt worden sei. Die spezifische Verfolgung der Frauen wurde ignoriert, die große Zahl der Frauen nicht beachtet. Bei Widerstand und Verfolgung denke man immer zuerst an Männer, bei Tätern wie bei Opfern dominiere die männliche Sicht, und erst in den letzten Jahren kam es an dieser Stelle zu einem Umdenken.

Lessing unterstrich die bedeutende Rolle, die Frauen vielfach spielten, etwa beim Organisieren der Flucht oder beim Bewältigen des Alltags im Exil. Hier sei vieles noch nicht gesagt, vieles noch nicht recherchiert, vieles noch nicht festgehalten. Man habe die Zeit fast versäumt, die Frauen zu befragen. Hier verschwinde Geschichte, für das kollektive Gedächtnis sei schon viel verloren. Doch kein Schicksal dürfe vergessen werden, und so müsse man bewahren, was noch zu bewahren sei. Dieses Buch leiste dazu seinen Beitrag.

Verlagsleiterin Vanessa Wieser ging auf den Inhalt dieses "offenen und heterogenen Kompendiums" ein und zeigte sich stolz auf das "wunderbare Buch, das einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der österreichischen Zeitgeschichte leistet", wofür allen Beteiligten herzlich zu danken sei.

In der anschließenden Gesprächsrunde dankte die Herausgeberin Evelyn Steinthaler den Zeitzeuginnen für die Bereitschaft, zu dem Band beizutragen, und befragte sie nach ihren Erinnerungen an den März 1938. Dagmar Ostermann erzählte, wie das Ausmaß des Antisemitismus unter der österreichischen Bevölkerung selbst ihren aus Deutschland gekommenen Onkel verwunderte. Katharina Sasso erinnerte sich an den politischen Opportunismus und die ideologisch motivierte Unmenschlichkeit am Beispiel ihrer Klassenlehrerin. Ceija Stojka wiederum bekam schon als kleines Kind die massive Feindseligkeit, die den Fahrenden entgegenschlug, zu spüren. Ihrer Familie wurde ab 1938 systematisch jede Lebensgrundlage genommen.

Alle drei Zeitzeuginnen thematisierten das Ausmaß der Gleichgültigkeit und des Unverständnisses, das den Überlebenden nach 1945 entgegengebracht wurde. Nach wie vor sei es wichtig, die jüngeren Generationen über das Geschehene zu informieren und Geschichtsverfälschungen entgegenzutreten. 

Beschlossen wurde die Veranstaltung mit einer Lesung von Sabine Gruber.

Frauen 1938

Der Sammelband "Frauen 1938" enthält 16 Beiträge, die sich unter verschiedenen Gesichtspunkten und mit unterschiedlichen Herangehensweisen mit den Schicksalen von Frauen nach dem "Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland befassen. Das NS-System versuchte seiner Ideologie entsprechend einerseits Frauen zu entpolitisieren und ins Private abzudrängen, griff aber in verschiedenster Weise in ihr Leben ein, sei es, weil sie einer Kategorie von in der "Volksgemeinschaft" Unerwünschten zugeordnet und so zu Opfern gemacht wurden, oder weil von ihnen erwartet wurde, dass sie zum Funktionieren dieser "Volksgemeinschaft" ihren Beitrag leisteten.   

Neben Beiträgen von HistorikerInnen über Frauen auf dem Gebiet der damaligen "Ostmark" finden sich Interviews mit vier Zeitzeuginnen: Elfriede Gerstl, Dagmar Ostermann, Katharina Sasso und Ceija Stojka. Dazu kommen literarische Texte, so ein Gedicht von Elfriede Gerstl und ein Essay von Elfriede Jelinek, der die Erinnerungskultur thematisiert. In "Dort, wo etwas ist, sind Menschen" behandelt die Schriftstellerin Sabine Gruber in literarischer Form die Unterstützung von Deserteuren in Südtirol durch weibliche Familienangehörige.

Der Darstellung der Möglichkeiten von Widerstand und Alltagsdissens von Frauen im Nationalsozialismus (Ingrid Bauer) wird auch das Thema weiblichen Mitläufertums (Eva Geber) und Verantwortung von Frauen in der NS-Zeit entgegengestellt (Margit Reiter), wobei besonders auch auf die Rolle von Frauen im Verschweigen und Verharmlosen der geschehenen Verbrechen verwiesen wird.

Christian Dürr versucht in seinem Beitrag "Weibliche Häftlinge im Konzentrationslager Mauthausen" Stand, Defizite und Aufgaben der Forschung zu diesem Themenkomplex bestimmen. Alois Nußbaumer beschäftigt sich mit dem Schicksal von osteuropäischen Zwangsarbeiterinnen im Pinzgau. Helga Embacher befasst sich mit Frauen in der Emigration, während Maria Ecker ihren Beitrag Frauen in Wien im Zeitraum von 1938-1941, die vom NS-Regime als "Mischlinge" eingestuft wurden, widmet. Vida Obid und Lisa Rettl erinnern an den Widerstand von Partisaninnen aus den Reihen der Kärntner Slowenen.

Der von Evelyn Steinthaler herausgegebene Band "Frauen 1938. Verfolgte – Widerständige – Mitläuferinnen" ist im Milena Verlag erschienen, umfasst 192 Seiten und ist zum Preis von 21 Euro 90 im Buchhandel erhältlich. (Schluss)

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie – etwas zeitverzögert – auf der Website des Parlaments im Fotoalbum : www.parlament.gv.at