Parlamentskorrespondenz Nr. 326 vom 14.04.2008

Geschichten als Geschichte

Wien (PK) - Schicksalsmomente, wie Zeitzeugen sie erlebten, sind das Thema eines Buchs des Kronenzeitung-Innenpolitikers Dieter Kindermann, das heute Abend im Parlament präsentiert wurde. Wie passend der Ort der Präsentation war, erhellt auch daraus, dass im bzw. vor dem Parlament im November 1918 die Republik ausgerufen wurde – ein erstes Th3emenfeld des Buchs. Die Ausrufung der Republik war zugleich das Ende von 645 Jahren Habsburger-Herrschaft in Österreich. Kindermann schildert in dem Buch, wie Staatskanzler Renner ungeduldig auf die Verzichtserklärung von Kaiser Karl wartete, die der letzte Ministerpräsident der Monarchie, Heinrich Lammasch, überbringen sollte. Renners Sekretärin, Amalia Strauss-Ferneböck, verzögerte den historischen Augenblick um rund eine Stunde: Sie ließ Lammasch warten. 1978 erzählte sie es Dieter Kindermann im Interview: "Ich habe Lammasch für einen Bittsteller gehalten und ins Vorzimmer verbannt. Als er insistierte, etwas Wichtiges zu überbringen, hab' ich mir gedacht: Mein Gott, das sagen alle."

Diese Szene beschreibt auch schon sehr gut das jüngste Buch aus der Feder von Dieter Kindermann: Es ist eine Chronik, wie Geschichte aus dem konkreten Erleben von Einzelnen, einmal mit und einmal ohne "großen" Namen, wahrgenommen wurde. Schicksalsmomente eben, die sich vielfach erst in der späteren Betrachtung als solche erwiesen. Der Zweite Präsident des Nationalrats, Michael Spindelegger, hatte zur Präsentation des Buchs, das im Verlag Kremayr & Scheriau erschienen ist, geladen, und ein ebenso zahlreiches wie illustres Publikum hatte der Einladung Folge geleistet. Spindelegger begrüßte etwa den Präsidenten des Verfassungsgerichtshofs, Karl Korinek, sowie politische Mandatare unter den Gästen. Kindermann habe "mit Geschichten Geschichte geschrieben", sagte Spindelegger und erinnerte daran, dass viele von Kindermanns Gesprächspartnern mit dem Parlament verbunden waren bzw. sind. In seinem Buch präsentiere er Geschichte nicht in Schwarz oder Weiß, sondern in ihren "vielen Schattierungen".

Der frühere Nationalratspräsident Andreas Khol würdigte das Buch Kindermanns als Beitrag zur oral history und den Autor als "Weltmeister des fünf Meter-Laufs", der seinen Lesern Sachverhalte sehr knapp und zugleich verständlich nahebringe. Kindermann beherrsche aber auch den Langstreckenlauf, was er als Buchautor beweise. "Man weiß, hier schreibt ein Patriot, der dieses Land liebt", sagte Khol, und ein Autor, "bei dem der Thron nicht weit vom Altar entfernt ist". Dem bekannten Wort von Ingeborg Bachmann, dass die Geschichte zwar ununterbrochen lehre, aber keine Schüler finde, stellte Khol die Ansicht von Philosophen wie Rudolf Burger gegenüber, dass man aus der Geschichte nichts lernen könne, weil sie aus den Projektionen eigener Wunschvorstellungen bestehe und als Keule verwendet werde, die man "anderen über den Schädel schlägt". Dem gegenüber rühmte der frühere Präsident des Nationalrats die Authentizität der von Kindermann in seinem Buch verwendeten Zitate.

Dieter Kindermann wies die "Schuld" am Zustandekommen des Buchs Andreas Khol zu, der ihn aufgefordert habe, aus vielen einzelnen Gesprächen ein Buch zu machen. Er habe dabei nicht die Geschichte aus Zahlen, Daten und Fakten im Blick gehabt, sondern Geschichte aus menschlichen Schicksalen, besonders an den tiefen Einschnitten der Jahre 1918, 1938 und 1968. Martin Scheriau, der Geschäftsführer des Verlags Kremayr & Scheriau, sah in dem Buch – dem bereits dritten in diesem Verlag - ein "menschliches Bild der Geschichte Österreichs".

Abschließend las Kammerschauspieler Franz Robert Wagner aus Kindermanns Buch.

Zum Buch

Geschichte habe stets zwei Komponenten, stellte der große Geschichtsschreiber Golo Mann einmal fest: "Das, was geschehen ist, und den, der das Geschehene von seinem Ort in der Zeit sieht und zu verstehen versucht." Für das Buch von Dieter Kindermann darf man diesen zweiten Aspekt, den des Betrachters, verdoppeln. Denn diesen Ort teilen sich Kindermann und seine InterviewpartnerInnen aus mehreren Jahrzehnten, allesamt Zeitzeugen des vergangenen Jahrhunderts. Diese Perspektive und Kindermanns unprätentiöser, einfühlsamer Interview- und Erzählstil machen Atmosphäre und Reiz des Buchs aus. Es ist auch etwas wie die Ernte eines Journalistenlebens, die mehr eine Chronik ist denn eine Sammlung von Anekdoten. Kindermann hat seine GesprächspartnerInnen nicht nach deren Prominenz, sondern nach deren Nähe zu den im Titel genannten Schicksalsmomenten gewählt, wenn auch das Buch den Verdacht erhärtet, dass Prominenz dieser Nähe eher förderlich ist.

In Abwandlung des Werbespruchs eines Magazins: Der Rezensent kann Ihnen nicht sagen, was in dem Buch steht, Sie müssen schon selbst lesen! Und die Lektüre lohnt sich durchaus, denn der Leser erfährt Details am Rande, die wenig bis gar nicht bekannt sind. Wie ist es etwa dazu gekommen, dass Karl Popper, der spätere Sir und "Erfinder" des kritischen Rationalismus, den österreichische Politiker eine Zeit lang so gern im Mund führten, als 16jähriger Gymnasiast "Zaungast der Geschichte" werden und die Kugeln pfeifen hören konnte an jenem denkwürdigen 12. November 1918? Er hat es Kindermann 75 Jahre später erzählt, als der ihn in London anrief: "Mein Onkel war Parlamentsstenograf." Kindermann zitiert auch jene Rede, durch die Ignaz Seipel der "Prälat ohne Milde" wurde, und er bat dazu – wie auch bei anderen Anlässen – die politischen Erben jener Zeit, also PolitikerInnen unserer Tage wie Fischer, Khol und andere, um kurze Stellungnahmen. Oder er befragte die leiblichen Nachkommen, wie den Sohn von Bundespräsident Miklas.

Wahrscheinlich ist diese Form chronikaler Geschichtsdarstellung sogar besser geeignet, Gräuel und Niedertracht in der Historie darzustellen als eine trocken-wissenschaftlich-objektive Darstellung. Das mag auch für die folgende Episode gelten: Fritz Inkret erzählte Kindermann über die Hinrichtung des Sozialdemokraten Koloman Wallisch. Der gleichfalls verhaftete Inkret war in der Nachbarzelle Ohrenzeuge, wie Wallisch sich vor seiner Hinrichtung von seiner Frau verabschiedete: "Paula, sei tapfer und mach's mir nicht so schwer." Und wie ein zynisches Schlusswort wird der Satz des Scharfrichters Lang überliefert: "Bei Ihnen, Herr Wallisch, war es mir ein besonderes Vergnügen."

Ja, Vergnügliches wird auch berichtet, selbst mitten im Schrecken. So erzählte Karl Renners Enkel vom Besuch bei seinem inhaftierten Großvater im Straflandesgericht. Zur größten Irritation des Wachpersonals hatte Renner in seiner Zelle Gedichte über das Leben im Gefängnis geschrieben – in Latein und Altgriechisch. Der berühmte "Geist der Lagerstraße", aus dem die II. Republik entstanden ist, hat schon sehr früh begonnen. Kindermann berichtet von einem Gespräch mit dem Schriftsteller Rudolf Kalmar, wonach schon auf dem Transport nach Dachau – der erste "Prominententransport" wurde schon am 1. April am Westbahnhof abgefertigt – aus der Solidarität der Gequälten der Lagergeist entstanden ist. Sonst vergessene Heldentaten werden in Erinnerung gerufen – wie die der Medizinstudentin Trude Unger, die im Zweiten Weltkrieg im Spital als medizinische Hilfskraft praktisch ärztliche Arbeit machte. Zweimal rettete sie den über Wien abgeschossenen US-Soldaten McIlhenny – das erste Mal vor den Nazis, das zweite Mal vor den Russen.

Was kam beim Festessen nach dem Abschluss des Staatsvertrags auf den Tisch? Kindermann hat nicht nur diese Menüfolge festgehalten, sondern auch jene beim Jubiläum 50 Jahre später im Haus der Industrie. In einer Fülle von historischen Randnotizen entfaltet sich so ein buntes Kaleidoskop über jene Zeit und jene Ereignisse, die grosso modo das vorige Jahrhundert ausmachen. Und für alle, die nach bestimmten Personen suchen, enthält das Buch ein vier Seiten langes Personenregister.

Das Buch "Schicksalsmomente wie Zeitzeugen sie erlebten" ist im Verlag Kremayr & Scheriau erschienen, hat 224 Seiten und ist um den Preis von € 22,90 im Buchhandel erhältlich.

HINWEIS: Fotos von dieser Buchpräsentation finden Sie – etwas zeitverzögert – auf der Website des Parlaments im Fotoalbum : www.parlament.gv.at (Schluss)