Parlamentskorrespondenz Nr. 523 vom 03.06.2008
Das Parlament macht "Zukunftsmusik"
Wien (PK) – Unter dem Titel "Zukunftsmusik. Aktuelle Herausforderungen und musikalische Entwicklungsperspektiven in Österreich" befasste sich eine Parlamentarische Enquete heute mit den Themen Musik(aus)bildung, Musikvermittlung und Musikpädagogik sowie Musikwirtschaft und Musikstandort Österreich. Der Anstoß zu der Veranstaltung war vom Gesprächen zwischen der Präsidentenkonferenz Musik und dem parlamentarischen Kulturausschuss ausgegangen, dessen Vorsitzende Abgeordnete Christine Muttonen (S) in ihren Begrüßungsworten unter Hinweis auf den breiten Teilnehmerkreis ihre Hoffnung auf einen fruchtbaren Dialog zwischen Politik und Kultur zum Ausdruck brachte. Sie erinnerte an die konstruktive Zusammenarbeit aller Fraktionen im Vorfeld der Enquete und meinte, Napoleon zitierend, Musik habe von allen Künsten den tiefsten Einfluss auf das Gemüt, der Gesetzgeber sollte sie deshalb am meisten fördern.
Schmied: Musik ist eine "tragende Säule Österreichs"
Bundesministerin Claudia Schmied sah durch diese Enquete die Tatsache bestätigt, dass Musik nicht nur eine tragende kulturelle Säule Österreichs, sondern auch ein respektabler Wirtschaftsfaktor und darüber hinaus ein wichtiger Baustein in der Persönlichkeitsbildung junger Menschen ist. Um ihre Vielfältigkeit zu erhalten, gelte es, die Rahmenbedingungen für eine lebendige Musiklandschaft immer wieder neu zu definieren und zu schaffen.
Musik sei Teil der kulturellen Identität, müsse aber aus der Position der "reinen Kunst" herausgeholt und auch in ihrer gesellschaftspolitischen Bedeutung verstanden werden, war für Schmied klar. Die Ministerin unterstrich dabei vor allem die Rolle der Musik als integrative Kraft und erinnerte an Projekte wie das West-Eastern Divan Orchestra Daniel Barenboims, die zeigen, dass gerade das Mittel der Musik ein Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Kulturen und Religionen auf Augenhöhe ermöglicht.
Hahn: Musikbereich ist am stärksten globalisiert
Bundesminister Johannes Hahn stellte fest, die tertiäre Musikausbildung sei in Österreich auf einem sehr hohen Niveau, die drei öffentlichen Musikuniversitäten hätten durchaus unterschiedliche Profile, stünden aber weniger im Wettbewerb zueinander als im internationalen Wettbewerb mit entsprechenden Ausbildungseinrichtungen anderer Länder. Aus dem Umstand, dass 46 % der Studierenden an den Musikuniversitäten nicht aus Österreich stammen, leitete Hahn die Schlussfolgerung ab, der Musikbereich sei der am stärksten internationalisierte und globalisierte Studienbereich in Österreich. Es sei daher wichtig, bei der Gestaltung der strukturellen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen auf die erhöhte Mobilität Bedacht zu nehmen.
Was die Umsetzung der Bologna-Architektur betrifft, gab Hahn zu bedenken, drei Jahre Ausbildung seien im Musikbereich nicht ausreichend. Eine Novellierung des Universitätsgesetzes werde mehr Flexibilität bringen, die es erlaubt, ein Bologna-Studium auch in acht Semestern zu absolvieren, wobei es allerdings, wie der Minister betonte, bei der viersemestrigen Dauer des Master-Studiums bleiben werde.
Kirchschlager: Ein guter Musikunterricht fördert die Menschenbildung
"Grundsätzliches und internationale Rahmenbedingungen" lautete das Thema des ersten Themenblock, der bei der Enquete im Mittelpunkt stand. Das einleitende Impulsreferat von Kammersängerin Angelika Kirchschlager war ein Appell an die Verantwortlichen, mehr Wert auf die musikalische Bildung und Ausbildung zu legen. Es gehe um die Frage, sagte sie, wo unsere Wertigkeiten liegen und was uns in der Gesellschaft wichtig ist. Man dürfe sich nicht nur auf die Weiterverwertung und den Verkauf von Musik konzentrieren, denn es gehe um viel mehr als um die Philharmoniker und die Sängerknaben. Warum ist es so schwierig, guten Musikunterricht allen zugute kommen zu lassen, fragte sie.
Kirchschlager ortet in vielen Fällen einen ineffizienten Musikunterricht an den Schulen und sie übte Kritik an der Tendenz, Musik und Kultur nur als ein Sahnehäubchen zu verstehen, an dem man zuerst mit der Sparschraube zu drehen beginnt. Das sei ein Sparen am falschen Platz, da Musik über ein großes soziales Element verfüge. Wer musiziert, müsse etwas von sich äußern, erklärte die Sängerin, weshalb Musizieren auch sehr viel mit Emotion und Intuition zu tun habe. Diese Erfahrung sei um so wichtiger, als wir heute in einer Zeit leben, in der die Ratio völlig überhand nehme, die Menschen immer mehr zu EinzelkämpferInnen gemacht würden und es immer schwieriger werde, aus der Anonymität herauszutreten. Im Musikunterricht passiere Menschenbildung, und auch dies werde mehr und mehr zur Notwendigkeit, da der kultivierte Umgang miteinander und der Respekt voreinander verloren gehe. Somit könnte ein guter Musikunterricht auch etwas zum Klimawandel in der Gesellschaft beitragen, bekräftige Kirchschlager.
Sie verwies auf das erfolgreiche Projekt in Venezuela, wo man in einer unterirdischen Garage begonnen hatte, mit Kindern und Jugendlichen zu musizieren, und damit eine Welle von Musikbegeisterung ausgelöst hat. Die zahlreichen Orchester zeigten deutlich, dass hier Energien freigeworden sind. Immer mehr hervorragende KünstlerInnen kämen heute aus den Slums. Kirchschlager schlug auch vor, sich im Musikunterricht anstelle von zu viel Theorie wieder mehr dem Volkslied und dem Lied an sich zuzuwenden. Man müsse die Kinder regelmäßig mit etwas Schönem konfrontieren, denn das Schöne dürfe kein Privileg für einige wenige bleiben.
Rantasa zu den fünf musikalischen Grundrechten
Peter Rantasa vom Music Information Center Austria, das sich die bessere Verbreitung und den besseren Zugang zur Musik zur Aufgabe gemacht hat, ging auf die fünf musikalischen Grundrechte ein, die vom IMC (International Music Council) formuliert worden sind.
Hinsichtlich des Rechts aller Menschen auf freien musikalischen Ausdruck stehe Österreich vorbildlich da, betonte er und erinnerte an den verfassungsrechtlichen Schutz im B-VG. Schwierigkeiten gebe es jedoch bei den Visaerteilungen und Aufenthaltsgenehmigungen. Einiges gebe es in Österreich noch zu verbessern, um das Recht aller Menschen auf den Erwerb musikalischer Fähigkeiten zu verwirklichen, stellte er fest. In der so genannten "Road Map for Art-Education" werde daher vorgeschlagen, praktizierende KünstlerInnen im Unterricht einzubinden und eine engere Zusammenarbeit mit den Kreativen zu suchen. Auch sollte die Lebenswirklichkeit der SchülerInnen besser berücksichtigt werden, meinte er. Rantasa schloss sich den Aussagen von Angelika Kirschlager vollinhaltlich an und betonte, eine gute kulturelle und musikalische Ausbildung sei die Basis für ein starkes Publikum und damit auch für eine starke Musikwirtschaft.
Das Recht aller Menschen auf Zugang zu musikalischen und kulturellen Aktivitäten durch Teilnehmen, Zuhören, Kreation und Information, sowie das Recht für Kulturschaffende auf geeignete Ausstattung, um ihre Kunst auszuüben und durch alle Medien zu kommunizieren, sei heute stark geprägt durch Digitalisierung und Globalisierung sowie durch Marktkonzentration. In der Wertschöpfungskette gehe es den Veranstaltern und KonsumentInnen in Österreich hervorragend, wobei man für die zeitgenössische Kunst noch mehr tun könnte, bemerkte Rantasa. Wesentlich schlechter sehe es am Tonträgermarkt aus, wo derzeit ein umfassender Strukturwandel in Gange sei. Die Politik habe daher darauf zu reagieren und gezielte Strategien zu entwickeln. Bei den elektronischen Medien habe sich in den letzten Jahren viel getan, erläuterte Rantasa, es sei jedoch erforderlich, die Präsenz österreichischer Musik darin anzuheben. Der Experte dachte in diesem Zusammenhang auch an Selbstverpflichtungen der Medien.
Als größte Herausforderung bezeichnete Rantasa die Realisierung des Rechts für Kulturschaffende, gerechte Anerkennung und Bezahlung für ihre Arbeit zu erhalten. Von diesem Ziel sei Österreich so weit entfernt wie alle anderen Länder, stellte er fest. Die Einkommen der KünstlerInnen lägen weit unter dem gesamtgesellschaftlichen Durchschnitt. Die Arbeit der Kreativen habe gerecht entlohnt zu werden, forderte er, wobei auf deren Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen sei. All dies zeige, dass sich die Herausforderungen nicht auf Bildung und Wissenschaft beschränken, sondern auch die Wirtschaft und die Justiz betreffen.
Dudt: Musik ist keine Handelsware
Simone Dudt vom Europäischen Musikrat, einem Dachverband und Netzwerk verschiedener Musikorganisationen, beleuchtete die internationalen Rahmenbedingungen. Im Zentrum der Arbeit des Musikrats steht die Förderung und der Schutz der musikalischen Vielfalt, sowie die Wahrung der musikalischen Grundrechte.
Dudt ging zunächst auf die UNESCO-Konvention zur kulturellen Vielfalt aus dem Jahr 2005 ein. Sie bezeichnete diese als die "Magna Charta" der Kultur, denn diese verankere das Menschrecht auf kulturelle Vielfalt im Völkerrecht. Kunst und Kultur seien somit unter anderem als Träger von Identitäten festgelegt, weshalb diese Bereiche nicht wie eine Handelsware angesehen werden dürfen.
Die EU sei ein eigenständiger Vertragspartner dieser Konvention und habe sie daher in einem eigenen Dokument, der "Europäischen Agenda für Kultur in einer globalisierten Welt", im November 2007 ausgestaltet. Darin werde die kulturelle Vielfalt beschworen und die Kreativität als ein Katalysator bezeichnet. Kultur werde darüber hinaus auch als ein wesentlicher Bestandteil der internationalen Beziehungen anerkannt. Weiters werde in der Agenda die Einbeziehung der Kultur in andere Politikbereiche gefordert (culture mainstreaming).
Schließlich erläuterte Dudt das Dokument "Kreative Kommunikation zu Online-Inhalten", das sich auf KonsumentInnen und Urheberrechte konzentriere. Das Dokument stehe völlig im Geiste der Lissabonstrategie und greift nach Ansicht Dudts zu kurz, weil es den kulturellen Reichtum zu sehr auf den Wirtschaftsfaktor reduziere. Das culture mainstreaming habe hier noch nicht Eingang gefunden.
In einem Ausblick auf das Jahr 2009 kündigte Dudt das Thema Kreativität und Innovation als Schwerpunkte der EU an. Auch hier warnte sie vor einer zu engen Interpretation und mahnte die Beachtung des Aspekts der musikalischen Vielfalt ein.
Beim zweiten Themenblock ging es dann um aktuelle Herausforderungen an die musikalische Bildung und Ausbildung. (Forts. PK 524)