Parlamentskorrespondenz Nr. 844 vom 27.09.2011
"Signings": Zeichen der Verständigung
Wien (PK) – Ein ungewöhnliches "Schauspiel" konnten Besucherinnen und Besucher heute Abend im Parlament erleben. Aus Anlass des Internationalen Weltgehörlosentags mutierte die Säulenhalle des Hohen Hauses ausnahmsweise zur Bühne. Unter dem Titel "Signings - The Puzzled Wife" präsentierten der Regisseur, Choreograf und Autor Bernd Roger Bienert und das Teatro Barocco auf Einladung von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer eine spezielle Tanz-Theater-Produktion für Hörende und Gehörlose.
Das Konzept der Performance wurde bereits im Jahr 2009 entwickelt, für die Aufführung im Parlament jedoch speziell an die Architektur der Säulenhalle angepasst. Die Gebärdendarstellerinnen Alice Xiaoshu Hu und Nadia Kichler sowie die TänzerInnen Martina Haager, Ursula Szameit, Kira von Zierotin und Kun Chen Shih "übersetzten" einen von Burgschauspieler Hans Dieter Knebel gesprochenen, teils ironischen, teils ernsten, Monolog in Gesten und choreographische Bewegungsabfolgen, eine vollkommen lautlose Tanzsprache.
"Wir bewegen uns in einer Welt voller Zeichen", betonte Bienert in seinen Einleitungsworten zum Stück, jeder Mensch gebe Zeichen. Viele Gesten blieben aber unbeachtet, die Bewegung des Körpers würde oft nicht wahrgenommen. Man sollte stärker auf seine Intuition vertrauen, mahnte der Regisseur, ein Körper in Bewegung lüge nie.
Bienert setzt sich bereits seit einiger Zeit künstlerisch mit der Fragestellung auseinander, wie man Lautsprache in Gebärdensprache und im Folgenden in Tanzgesten übersetzt. Im Stück "The Puzzled Wife" werden drei Frauenbiographien zu einer verwoben, genauso wie das lautsprachliche Bühnenwerk immer stärker in das stumme fließt, bis zuletzt aus beiden Teilen eine performative und begehbare Rauminstallation aus Wort, Gebärde und Bewegung entsteht. Im Sinne eines von Bienert initiierten Inklusions-Projekts wurden in die Performance im Parlament auch Kinder miteinbezogen.
Begrüßt wurden die ZuschauerInnen von der Obfrau des Sozialausschusses des Nationalrats, Renate Csörgits. Sie erinnerte daran, dass der Weltgehörlosentag bereits 1951 erstmals begangen und mit dem Ziel gegründet wurde, auf die Situation von Gehörlosen aufmerksam zu machen. Gehörlose würden im Alltag immer noch auf viele Barrieren stoßen, gab Csörgits zu bedenken, es sei daher wichtig, das Bewusstsein für die Probleme von Gehörlosen zu schärfen. Der Weltgehörlosentag wolle außerdem für die Gebärdensprache werben. Von der Tanz-Theater-Performance erwartete sich Csörgits nicht zuletzt einen Abbau von Vorurteilen.
Nationalratsabgeordnete Helene Jarmer, selbst gehörlos, wies darauf hin, dass es neben dem "Red Ribbon" und dem "Pink Ribbon", mit denen man Solidarität für Aids-Kranke bzw. für Frauen mit Brustkrebserkrankung ausdrücken könne, auch eine türkise Schleife gebe, um Respekt gegenüber der Gebärdensprache zu bekunden. Sie wertete die Verankerung der österreichischen Gebärdensprache in der Verfassung als positiv, gab aber zu bedenken, dass Österreich in der Umsetzung dieser Verfassungsbestimmung noch viel aufzuholen habe. Unter anderem urgierte sie ein Recht für Kinder auf Unterricht in Gebärdensprache. Generell machte Jarmer geltend, dass die Gebärdensprache eine vollwertige Sprache mit eigenständiger Struktur sei – man könne Kompliziertes ebenso übersetzen wie Einfaches.
Die Tanz-Theater-Produktion "Signings" ist Teil einer Veranstaltungsreihe im Parlament unter dem Motto "Vielfalt Demokratie". Die Reihe wird am kommenden Donnerstag, dem 29. September, mit einem Symposium zum Thema "Demography, Education and Democracy – A Global Perspective" fortgesetzt. (Schluss)
HINWEIS: Fotos von der Veranstaltung finden Sie – etwas zeitverzögert – auf der Website des Parlaments (www.parlament.gv.at) im Fotoalbum.