Parlamentskorrespondenz Nr. 939 vom 15.10.2011
"Es ist nicht unmöglich, die Welt zu verbessern!"
Wien (PK) – In seinen beiden Büchern "Empört euch!" und "Engagiert euch!", die nicht nur in Europa auf großes Echo gestoßen sind, hält der 93-jährige französische Ex-Diplomat Stéphane Hessel ein kraftvolles und beherztes Plädoyer für die Verantwortung des Individuums. Als ehemaliger Résistance-Kämpfer, der die Internierung im KZ Buchenwald nur durch, wie er sagt, "eine glückliche Fügung" überlebte, weiß Hessel schließlich um die Notwendigkeit, couragiert für seine Anliegen einzutreten. Auf Parlamente und globale Institutionen will der ehemalige Diplomat beim Anstoß eines Prozesses der gesellschaftlichen Veränderung allerdings nicht verzichten: Dass die Wahl auf das Hohe Haus als Rahmen für die heutige Begegnung Hessels mit Ö1-Radiojournalist Michael Kerbler fiel, ist demnach kein Zufall.
Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, die im Rahmen der Reihe "Vielfalt Demokratie" und in Kooperation mit dem ORF-Hörfunksender Ö1 zum diesem Gespräch geladen hatten, zeigte sich ob des großen Interesses an der Veranstaltung erfreut: So voll wie heute, sei der Nationalratssitzungssaal schließlich noch nie gewesen. Dass man unter den mehr als zahlreich erschienen Gästen auch den früheren Zweiten Nationalratspräsidenten Heinrich Neisser, den französischen Botschafter Philippe Carré, die ehemalige Bundesratspräsidentin Anna Elisabeth Haselbach, die frühere Grüne Klubobfrau Freda Meissner-Blau und ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz begrüßen dürfe, erfüllte Prammer dabei mit besonderer Freude.
Das Motto "So geht es nicht weiter!", unter dem die heutige Veranstaltung stehe, sei Analyse und Appell zu gleich. Schließlich stelle das sinkende Vertrauen in eigene Lebensgestaltungsoptionen, Politik und Demokratie, das in Umfragen immer wieder zum Ausdruck komme, vor große politische Herausforderungen, zeigte sich Prammer überzeugt. Ihnen mit den Mitteln des Populismus zu begegnen, halte sie aber für keine adäquate Lösung. Es gehe vielmehr darum, im Sinne redlicher Politik komplexe Antworten auf komplexe Fragen zu finden. Im Anschluss an Hessel gelte es deshalb vor allem junge Menschen zu ermuntern, sich zu interessieren, zu engagieren und zu organisieren. Politik und Parlament hätten sich ihnen dabei entsprechend zu öffnen. Das Hohe Haus setze bereits diesbezügliche Initiativen, versicherte Prammer und verwies in diesem Zusammenhang unter anderem auf eine gemeinsame Enquete mit der Bundesjugendvertretung, die heute in den Räumlichkeiten des Palais Epstein stattgefunden hatte (siehe PK 938/2011).
ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz dankte für die Gelegenheit, im Hohen Haus zu Gast sein zu dürfen. Dass man zu dieser Veranstaltung ins Parlament lade, hielt er für ein gewichtiges Zeichen der Öffnung in schwierigen Zeiten. Die gegenwärtige Euro-, Wirtschafts-, aber auch Vertrauenskrise sei, so Wrabetz, außerdem ein guter Moment, auf jene Jahre zurückzublicken, in denen Stéphane Hessel und seine MitstreiterInnen die Welt um neue europäische und demokratische Werte des Friedens und der Menschenrechte bereicherten. Dass diese Ideale heute vielleicht wieder zu zerbrechen drohen, müsse Anlass geben, mehr Demokratie zu fordern, zeigte sich der ORF-Generaldirektor überzeugt. Die Thesen Hessels träfen in jedem Fall einen gesellschaftlichen Nerv: Das zeige auch das überaus bunt gemischte Publikum, das der heutigen Veranstaltung beiwohne. Der ORF verstehe sich als Plattform für derartige Debatten, wie man unter anderem mit der Ö1-Sendereihe "Im Gespräch" unter Beweis stelle. Dass man die diesbezüglichen Möglichkeiten ab dem 26. Oktober durch den Kanal ORF 3 (vorm. TW1) erweitern könne, sei ihm, so Wrabetz, eine besondere Freude.
Plädoyer für ein Leben in Würde
Im Gespräch mit Michael Kerbler reflektierte Hessel nicht nur über seinen persönlichen Werdegang, sondern auch über die Bedeutung jener Werte, die den französischen Ex-Diplomaten Zeit seines Lebens begleiteten und die auch in die Charta der Menschenrechte der Vereinten Nationen, an deren Erstellung er als Co-Autor mitwirken durfte, Niederschlag gefunden haben. Als zentrales Element charakterisierte Hessel dabei die Würde des Menschen, deren Gewährleistung in komplexen gesellschaftlichen Systemen immer wieder in Frage gestellt werde. Angesichts zunehmender Dominanz ökonomischer Kalküle verliere unser Leben schließlich an diesem notwendigen Faktor. Dementsprechend drücke der französische Titel seines Buches "Empört euch!", den Kerbler für passender gehalten hatte, wohl tatsächlich deutlicher aus, was ihm am Herzen liege: Das französische Verb "indigner" leite sich schließlich vom lateinischen Wort für Würde ab. Mit Empörung meine er also das laute Aussprechen des Wunsches nach Veränderung angesichts einer Situation, die unglücklich mache und entwürdige.
Damit wolle er aber nicht der Anwendung von Gewalt das Wort reden, versicherte Hessel: "Zuhauen" bringe schließlich nichts. Man müsse vielmehr versuchen, ohne die Kraft der Gewalt mächtig zu werden. Dass dieser Weg der zielführendere sei, hätten Persönlichkeiten wie Havel, Gorbatschow, Mandela und Ghandi bereits eindeutig unter Beweis gestellt. Er halte dementsprechend auch nichts davon, den Kampf gegen den Terrorismus mit Bomben zu führen, hielt Hessel fest: Man müsse vielmehr die Gründe des Hasses, die hinter derartigen Anschlägen steckten, aufdecken. In der Auseinandersetzung mit waffenlosen Mächten wie Hedgefonds-Managern, auf die Kerbler zu sprechen gekommen war, stelle Gewalt per se keine Option dar: Man könne sie nicht "beschießen", meinte der französische Diplomat scherzhaft, sondern müsse den Weg der Überzeugung gehen, um sie eventuell von ihren unzweckmäßigen Gewohnheiten abzubringen. Überhaupt wäre es immer besser, Menschen zusammenzubringen, als sie zu bekämpfen, zeigte sich Hessel überzeugt. Die Tendenz zum gewaltsamen Vorgehen könne man zwar mancherorts nachvollziehen, räumte er unter anderem in Hinblick auf seine Position zum Nahost-Konflikt ein, doch bedeute dieses Verständnis nicht, Gewalt als Methode zu befürworten.
Dass Empörte zueinanderfinden, um etwas zu bewegen, sei angesichts der Chancen, die die heutigen Kommunikationsmittel eröffneten, einfacher denn je. Das illustriere auch die Geschichte seines Buches "Empört euch!", das binnen kürzester Zeit um die Welt ging und heute in rund 30 Sprachen vorliegt. Im Zeitalter der Globalisierung sei das Miteinander aller Menschen ein Muss, stand für Hessel außer Frage: Es brauche deshalb nicht nur Empörung, sondern auch eine neue Lehre des Zusammenlebens und des Mitgefühls im Sinne einer gemeinsamen Leidenschaft für das Schöne in der Welt. Dabei seien es vor allem die Künste, die kulturelle Unterschiede überbrücken, meinte der Lyrik-Fan.
Auflehnen sollte man sich immer dann, wenn Dinge zwar legal, aber nicht legitim sind, hielt Hessel auf die Frage Kerblers nach dem Bestehen einer Verpflichtung zum Widerstand fest. Dementsprechend gebe es auch heute einiges, gegen das man sich sträuben solle: Als diesbezügliches Beispiel nannte er etwa den unwürdigen Umgang mit MigrantInnen und Roma, wie er vielerorts in Europa anzutreffen wäre. Das Empören, das er meine, sei eine Auflehnung gegen Zustände, die die Menschenrechte verletzten, nicht aber der schlichte Ausdruck eines Missfallens. Auch dürfe man nicht erwarten, dass Empörung immer zur Befriedigung eines Bedürfnisses führe. Man müsse sie aber dennoch zum Ausdruck bringen, wenn sie einem "aus dem Herzen spreche".
Vertrauen und Hoffnung als Botschaft an die Jugend
Er wünsche sich, der jüngeren Generation eine hoffnungsvolle Welt überlassen zu können, wenngleich er sicher sei, dass es nie eine einfache sein werde. Die Jugend solle außerdem wieder Vertrauen fassen: Nicht nur in sich selbst, sondern auch in demokratische Institutionen, indem sie wähle und in Parteien aktiv werde. Den Gedankengang, dass dies alles nutzlos sei, halte er für falsch, schließlich existierten immer noch mutige PolitikerInnen, zeigte sich Hessel überzeugt. Da der Wunsch nach Veränderung eindeutig bestehe, gelte es nun die Demokratie zu stützen und das Gefühl, nicht demokratisch genug regiert zu werden, zum Ausgangspunkt eines Wandlungsprozesses zu machen. Vielleicht gelte es in diesem Zusammenhang aber auch andere demokratische Formen zu erproben. Mit Sicherheit bedürfe es jedoch "politischer Experimente", zeigte er sich überzeugt. Auch um an die äußerst positiven letzten 10 Jahre des 20. Jahrhunderts, in denen man wichtige politische Schritte gesetzt habe, anknüpfen zu können, gelte es nachzudenken, wie man zentrale demokratische Werte wiederbeleben könne.
In all diesen Prozessen brauche es aber ein hinreichendes Maß an Geduld, die der Jugend manchmal fehle, attestierte Hessel. Solle sich etwas bewegen, dürfe man allerdings auch nicht den Fehler machen, zu geduldig zu sein, merkte er scherzhaft an. Das gelte natürlich auch für die Europäische Union, die er für noch lange nicht zu Ende gebaut hielt. Die letzten 50 Jahre hätten jedoch gezeigt, dass man auf dem richtigen Weg sei. Zu kämpfen gelte es dementsprechend gegen Indifferenz und Entmutigung.
Von der Verantwortung eines Überlebenden
Angesprochen auf seinen persönlichen Antrieb kam Hessel auf die Zeit seiner Internierung im KZ Buchenwald zu sprechen. Als Überlebender habe er schließlich auch "Verantwortung" für jene, die in dieser Zeit ermordet wurden. Er fühle sich dementsprechend menschlich dazu verpflichtet, seine Botschaft weiterzugeben. Das sei seine ganz persönliche Antwort auf die Frage: "Was nutzt es, dass ich noch da bin?".
Auf die Frage seines Umgangs mit der Möglichkeit, von Protestkulturen vereinnahmt zu werden, merkte Hessel an, es brauche heute keine Revolutionen mehr, sondern tiefgreifende Reformen. Dementsprechend bedürfe es auch keiner "roten Fahne", sondern eines guten Programms.
Was den Tod anbelange, so hege er eine besondere Beziehung zu ihm, erklärte der bald 94-jährige Diplomat: Er sehe ihn als etwas Positives. Sein Leben würde er trotz allem nicht mit dem Prädikat "gelungen", das Michael Kerbler in die Diskussion eingebracht hatte, versehen. Gelungen seien ihm zwar einige Dinge, doch gebe es noch sehr viel zu tun. Denke er daran, werde er melancholisch – wenn auch nur ein kleines bisschen. (Schluss)
Die Ausstrahlung der Veranstaltungsaufzeichnung erfolgt am 20.Oktober 2011 im Rahmen der Ö1-Sendereihe "Im Gespräch" und am 26.Oktober 2011 um 17.00 Uhr auf ORF 3 (vorm. TW1).
HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie – etwas zeitverzögert – auf der Website des Parlaments (www.parlament.gv.at) im Fotoalbum.