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Viele Überlebende griffen unmittelbar nach ihrer Befreiung zu Stift und Papier, um festzuhalten, was kaum in Worte zu fassen war. Es waren ihre ersten Briefe an Eltern, Kinder, Ehepartner oder Freunde. In ihnen spiegeln sich die widersprüchlichen Gefühle der ersten Tage nach der Befreiung: der Seufzer der Erleichterung, aber auch die Angst und der Schmerz über den Verlust geliebter Menschen, die Hoffnung auf ein Wiedersehen und die Scham, selbst überlebt zu haben.
Eine Schwester schreibt ihrem Bruder, dass ihre Mutter nicht mehr lebt. Ein Ehemann sucht verzweifelt nach seiner Frau und seinem Kind und bittet Freunde zugleich um warme Kleidung. Solche Briefe und viele weitere machen die Realität der Befreiung unmittelbar erfahrbar. Sie erzählen nicht von einem einfachen Neubeginn, sondern von der schmerzhaften Konfrontation mit Verlust, Ungewissheit und der Frage, wer noch am Leben ist.
Yad Vashem hat diese außergewöhnlichen persönlichen Briefe in dem Band "After So Much Pain and Anguish: First Letters after Liberation" zusammengetragen, der 2016 in Jerusalem erschienen ist. Zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung haben Yad Vashem, der Herder Verlag und der Deutsche Freundeskreis von Yad Vashem gemeinsam die deutsche Ausgabe erarbeitet.
Die Stimmen der Überlebenden werden nun auch im deutschsprachigen Raum zugänglich, in jenem Sprach- und Kulturraum, von dem die Verfolgung und Vernichtung ausging. Der Band bewahrt diese persönlichen Erzählungen und gibt ihnen einen würdigen Ort der Erinnerung. Damit leistet er einen wichtigen Beitrag zum Gedenken an die Opfer und zur Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Überlebenden.