Dieses Fachdossier wurde am 28.11.2023 erstveröffentlicht und am 11.05.2026 aktualisiert.
Kann man Demokratie messen?
Demokratie in Zahlen
In der Beschreibung und Vermittlung demokratischer Entwicklungen wird oft auf Demokratieindizes verwiesen. Sie zielen nach eigener Definition meist darauf ab, die Qualität von Demokratie(n) messbar zu machen, um so das Verständnis aktueller Entwicklungen zu verbessern.
Medien greifen die neuesten Ergebnisse dieser Indizes gerne auf. Zuletzt wurde z. B. im März 2026 darauf verwiesen, dass das Institut Varieties of Democracy (V-Dem) in ihrem neuesten Democracy Report 2026 die USA aufgrund aktueller Entwicklungen der US-amerikanischen Politik unter Präsident Donald Trump nicht mehr als liberale Demokratie einstufe (siehe: USA laut Studie keine liberale Demokratie mehr).
Mit Bezug zu Österreich wurden zur selben Zeit v. a. die Ergebnisse der Studie "Junge Menschen und Demokratie" zitiert (siehe z. B. hier: "Demokratie Monitor": Vertrauen der Jugend in Politik schwindet). Die Studie ist das Ergebnis der Zusammenarbeit des FORESIGHT-Instituts mit dem österreichischen Parlament. Sie wurde ins Leben gerufen, um eine fundierte Grundlage für die Betrachtung der Einstellungen junger Menschen zur Demokratie in Österreich zur Verfügung zu stellen. Die Zusammenarbeit wurde 2025 erstmals wesentlich intensiviert. Statt 300 werden nun jährlich ca. 1000 junge Menschen im Alter von 16 bis 26 befragt. Die Ergebnisse wurden wie gewohnt unter Einbindung aller Fraktionen präsentiert und diskutiert (siehe: Studie: Weniger als die Hälfte der jungen Menschen vertrauen Parlament).
Das vorliegende Fachdossier bietet einen Überblick darüber, was es bei der Verwendung von Demokratieindizes zu beachten gilt, welche Indizes existieren und welche Aussagen über die österreichische Demokratie getroffen werden.
Kann man Demokratie messen?
Demokratieindizes verfolgen in der Regel den Zweck, nachvollziehbare Daten zur Entwicklung von Demokratien zu erheben und zur Verfügung zu stellen. Dadurch sollen Vergleiche gezogen werden können – zwischen politischen Einheiten (in den meisten Fällen Nationalstaaten) und/oder zwischen verschiedenen Zeitpunkten (um etwaige Trends zu identifizieren). Sie stellen diese Daten aber nicht nur zur Verfügung, sondern legen oft selbst großen Wert auf eine komprimierte, möglichst einprägsame Darstellung, z. B. anhand von Rankings und/oder bestimmten Punktesystemen.
Immer wieder beziehen sich Einschätzungen zur Entwicklung von Demokratie insgesamt genauso wie zu Entwicklungen in einzelnen Fällen auf die entsprechenden Zahlen. Wie Coppedge et al. (2017) in einem Vergleich unterschiedlicher Indizes nachweisen konnten, werden diese einerseits sehr häufig als Basis für weiterführende Untersuchungen und Debatten genutzt, andererseits dienen sie oft aber auch als Referenz für die Formulierung zugespitzter, öffentlichkeitswirksamer Aussagen zu Demokratie.
Der Versuch, einfach nachvollziehbare Antworten auf eine derart komplexe Fragestellung – wie entwickelt sich die Qualität von Demokratie(n)? – zu liefern, birgt aber auch Gefahren. Das beginnt damit, dass nie alle – weder die Fragenden noch die Befragten – dasselbe Verständnis von Demokratie mitbringen. Weiters verweisen Kritikerinnen und Kritiker nicht nur auf die Unterschiedlichkeit politischer Systeme, sondern z. B. auch auf die unterschiedlichen Datenlagen in verschiedenen Nationalstaaten. Daran anschließend stellt sich die Frage, ob Vergleiche und verallgemeinernde Aussagen, die sich darauf beziehen, aus methodisch-wissenschaftlicher Perspektive überhaupt zulässig wären (siehe dazu z. B. den Vergleich unterschiedlicher Indizes von Vaccaro 2021 oder die neuere Publikation von Philip Manow zur "Bestimmung der liberalen Demokratie und ihrer Freunde"). Abgesehen davon sehen Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler die Bewertung der Qualität von Demokratie generell kritisch: Üblicherweise beruht sie auf normativen – historisch und geografisch spezifisch (meist eurozentristisch) geprägten – Vorstellungen davon, was "gute Demokratie" ist. Darüber hinaus ist Demokratie immer ein dynamischer Prozess und daher nur sehr schwer durch Momentaufnahmen, wie sie Demokratieindizes darstellen, zu erfassen (siehe dazu die Überlegungen des Politikwissenschaftlers Fabio Wolkenstein zu einer Theorie demokratischer Regressionen).
Aber gerade in Phasen gesellschaftlicher Transformation scheint der Bedarf nach Orientierungshilfen in Form von Indizes groß zu sein. So erhielten Demokratieindizes mit dem allmählichen Ende der sogenannten Dritten Demokratisierungswelle Ende der 1990er/Anfang der 2000er zunehmend Aufmerksamkeit. Parallel dazu nahm auch die wissenschaftliche Beschäftigung damit zu. Das in den vergangenen Jahren wachsende Interesse wird darauf zurückgeführt, dass (scheinbar) etablierte demokratische Grundsätze zunehmend infrage gestellt werden und antidemokratische bis (neo-)autoritäre Entwicklungen zu beobachten sind (siehe z. B. Demirovic 2018, Manow 2024 oder folgendes Interview mit dem Politikwissenschaftler Wolfram Schaffar über autoritäre Entwicklungen).
Um die Aussagekraft von Demokratieindizes einschätzen zu können, bedarf es einer kritischen Betrachtung der Organisationen bzw. Institutionen, die für deren Erstellung verantwortlich sind, sowie der angewandten Untersuchungsmethoden. Als Grundlage dafür listet der folgende Überblick existierende Demokratieindizes auf, gibt einen kurzen Einblick in die organisatorischen Hintergründe und unterschiedlichen Herangehensweisen und vergleicht die Ergebnisse anhand des Beispiels Österreich.
Die österreichische Demokratie in internationalen Indizes
Unterschiedliche Organisationen versuchen mithilfe von Indizes, demokratische Entwicklungen in möglichst vielen Staaten regelmäßig und vergleichend zu analysieren. Zu den bekanntesten zählen der Democracy Index (erstellt von der EIU Economist Intelligence Unit, zuletzt für das Jahr 2024), Freedom in the World (Freedom House, für 2025), Democracy Report (V-Dem Institute, für 2025) und Stateness Index (Universität Würzburg, für 2025). Sie ordnen Staaten in Kategorien und/oder ein Ranking ein. Wie Österreich dabei abschneidet, zeigt die folgende Grafik (Anm.: Beim Studium dieser Berichte darf nicht vergessen werden, dass es sich dabei nur um retrospektive Betrachtungen abgeschlossener Jahre handeln kann. Tagesaktuelle Entwicklungen können sich dementsprechend nicht darin widerspiegeln.):
Aus den in der Grafik angeführten Indizes lassen sich für Österreich u. a. die folgenden Tendenzen ableiten: Im Democracy Index (2025) rutschte Österreich im Jahr 2024 im Vergleich zu 2023 um einen Platz ab.
Im Bericht Freedom in the World (2026) werden Staaten anhand der Einschätzung jeweils mehrerer Kriterien für die zwei Bereiche Politische Rechte und Bürgerrechte bewertet. Österreich erhielt mit 94 von 100 möglichen Punkten für das Jahr 2025 einen mehr als für das Jahr 2024. Die Österreich-spezifischen Erläuterungen von Freedom House für das Jahr 2025 stehen noch aus. Für das Jahr 2024 gab es nicht die volle Punktezahl bei den folgenden Bewertungskriterien: (i) Gleiche politische Rechte und Möglichkeit an Wahlen teilzunehmen für unterschiedliche Teile der Bevölkerung, (ii) Absicherung gegenüber Amtsmissbrauch, (iii) Offenheit und Transparenz der Regierung, (iv) Freiheit und Unabhängigkeit der Medien, (v) Religionsfreiheit, (vi) Gleichheit vor dem Recht für alle Teile der Bevölkerung, (vii) Schutz von Individuen vor wirtschaftlicher Ausbeutung (siehe: Austria: Freedom in the World 2025 Country Report ).
Noch vor wenigen Jahren erhielt die Abstufung Österreichs aus der Kategorie "Liberal Democracy" in die Kategorie "Electoral Democracy" im Democracy Report 2022 des V-Dem Institutes große politische Aufmerksamkeit. Beispielsweise forderten Nationalratsabgeordnete der SPÖ damals im Zusammenhang damit in einem Entschließungsantrag ein Demokratie- und Transparenzpaket . Der aktuellste Democracy Report (2026) stuft Österreich für das Jahr 2025 wieder als "Liberal Democracy" ein. Eine Betrachtung der Entwicklungen der vergangenen zehn Jahre würde den Studienautorinnen und -autoren zufolge insgesamt keine statistisch signifikanten Entwicklungen ergeben – mit Ausnahme von Verschlechterungen im Bereich Partizipation (siehe Tabelle A2, S. 48).
Ein weiterer Index namens The Global State of Democracy (International IDEA, zuletzt für das Jahr 2024) stuft jeden der 173 analysierten Staaten in unterschiedlichen Kategorien separat ein. Demnach ist Österreich Nummer 24 in der Kategorie Partizipation, Nummer 17 in der Kategorie Rechte, Nummer 26 in der Kategorie Repräsentation und Nummer 28 in der Kategorie Rechtsstaatlichkeit. In den Österreich-spezifischen Erläuterungen ist mit Bezug auf die Jahre 2019 bis 2024 von einem deutlichen Rückgang in den Bereichen Korruptionsfreiheit, Meinungsfreiheit sowie Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit die Rede. Außerdem werden strenge Beschränkungen für Versammlungen und ein Regierungsvorschlag zur verstärkten Überwachung der Kommunikation als Faktoren angeführt, welche den Status der Demokratie in Österreich negativ beeinflussen.
Alle Organisationen, die für die oben genannten Indizes verantwortlich sind, verstehen sich in irgendeiner Form als Forschungsinstitutionen. Sie sind direkt angesiedelt an oder stehen in enger Beziehung zu Universitäten (V-Dem Institute; Universität Würzburg), NGOs (Freedom House), internationalen Organisationen (International IDEA) oder Medien (EIU). Neben den Auswertungen stellen sie mehr oder weniger detaillierte Informationen über die Methode (v. a.: Wie wurde der Index erstellt?) sowie meist auch die erhobenen Daten frei zugänglich zur Verfügung.
Weitere bekannte internationale Indizes sind die Polity5 Data Series sowie das Democracy Barometer. Beide haben aber in den vergangenen Jahren keine aktuellen Zahlen und Untersuchungen mehr angeboten. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Indizes, die sich auf einzelne Komponenten von Demokratie fokussieren, wie z. B. Menschenrechte (Human Freedom Index; CIRI Human Rights Data Project), Rechtsstaatlichkeit (WJP Rule of Law Index), Informations- und Pressefreiheit (Global Right to Information Rating; World Press Freedom Index), ideologische Freiheit (Moral Freedom Index), ökonomische Freiheit (Economic Freedom of the World; Index of Economic Freedom), Wahlen (Perceptions of Electoral Integrity dataset) oder den Umgang mit Korruption (Corruption Perceptions Index).
Welche Indizes konzentrieren sich auf Österreich?
In Österreich existiert der Österreichische Demokratie Monitor. Laut eigener Definition soll er die Demokratieentwicklung in Österreich beobachten, auf Probleme aufmerksam machen und Lösungen vorschlagen. Die Daten werden seit 2018 jährlich erhoben und veröffentlicht. Eine breite Palette an Kooperationspartnerinnen und -partner, darunter auch das österreichische Parlament, soll die breite Unterstützung der Zivilgesellschaft repräsentieren. Die sogenannte "Jugend-Studie" im Auftrag des Parlaments, die in diesem Rahmen durchgeführt wird (s. o.), ist nicht zu verwechseln mit der Studie zu Jugend und Demokratie im Auftrag der Jugendstaatssekretärin, welche als Monitoring bezeichnet wird, obwohl sie nur einmalig durchgeführt wurde.
Bis März 2023 führte außerdem das Austrian Democracy Lab ADL halbjährlich Umfragen in der österreichischen Bevölkerung durch. Das sogenannte Demokratieradar erhob und veröffentlichte repräsentative Daten über das Stimmungs- und Meinungsbild der Menschen in Österreich. Das ADL war allerdings ein zeitlich begrenztes Projekt, das nach fünf Jahren abgeschlossen wurde.
Letztlich gibt es noch den Demokratie-Index, der jährlich von einer Gruppe bestehend aus sieben österreichischen NGOs erstellt wird. Bezugnehmend auf das Buch "Freiheit, Gleichheit, Ungewissheit. Wie schafft man Demokratie?" des Politikwissenschaftlers Jan-Werner Müller wird die kontinuierliche Entwicklung von sieben zentralen Aspekten der kritischen Infrastruktur von Demokratie in Österreich beobachtet und bewertet. Die Mitglieder dieser Initiative machen klar, dass ihre Herangehensweise keiner streng wissenschaftlichen Methode folgt und stellen ihre Berechnungen öffentlich zur Diskussion (für 2025 siehe hier: Demokratie-Index).
Welchen Beitrag leisten Demokratieindizes zu öffentlichen Debatten?
Wie bereits angedeutet, dienen Demokratieindizes oft als Referenz für prägnante Aussagen über – meist negative – Entwicklungen von Demokratie. Das beweist ein kurzer Blick auf Beispiele der medialen Berichterstattung im Anschluss an die Veröffentlichung neuer Zahlen. Als der Demokratie-Index Ende Oktober 2023 seine Ergebnisse präsentierte, wurde vor allem auf Einschränkungen der Pressefreiheit und einen Rückfall in Sachen Grundrechte verwiesen (für einen Überblick über Berichte in diversen Medien siehe: Der Demokratie-Index 2023 in den Medien). Als die Ergebnisse des Demokratie-Monitors am 1. Österreichischen Demokratietag 2022 zur Diskussion gestellt wurden, wurde in zahlreichen Artikeln und Reportagen über einen massiven Vertrauensverlust in das politische System, die Regierung und/oder das Parlament berichtet (siehe Google-News-Suche zu "Demokratiemonitor 2022"). Spezifischere Beiträge fokussierten z. B. darauf, dass sich 26 % der Befragten einen "starken Führer" wünschen (siehe Kolumne in Der Standard vom 28.12.2022). Als die oben genannte Studie zu jungen Menschen und Demokratie zum Jahr 2025 veröffentlicht wurde, konzentrierten sich Berichte z. B. auf die "deutlich sinkende Zufriedenheit mit der Demokratie". Weitaus weniger ins Zentrum gerückt wurde beispielsweise die Tatsache, dass junge Menschen immer mehr Interesse an Politik zeigen und regelmäßig über politische Themen sprechen.
Dementsprechend ist darauf zu achten, dass Zuspitzungen auf Teilergebnisse zu einer verkürzten Darstellung gesellschaftlicher Entwicklungen führen können. Für wissenschaftlich fundierte Aussagen bedarf es einer genauen Betrachtung der angewandten Methode sowie einer Kontextualisierung und tiefergehenden Analyse der spezifischen Daten. Z. B. in Bezug auf die oben erwähnte Erkenntnis wären Fragen zu stellen wie: Was verstehen die Befragten unter einem "starken Führer"? Wer wurde befragt? Wie genau wurde die Frage formuliert? Welche weiteren Fragen stehen damit in Zusammenhang? Welche Geschehnisse dominierten öffentliche Debatten in jenem Zeitraum, in dem die Befragung durchgeführt wurde?
Wie dieser kurze Einblick zeigen soll, können Demokratieindizes dennoch zumindest dazu beitragen, die Aufmerksamkeit auf aktuelle Entwicklungen von Demokratie zu lenken. Sie können ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Demokratie kein fixer Zustand ist, sondern ein ständiger Prozess.
Quellenauswahl
- Demirovic, Alex (2018): Autoritärer Populismus als neoliberale Krisenbewältigungsstrategie.
- Lauth, Hans-Joachim (2004): Demokratie und Demokratiemessung: eine konzeptionelle Grundlegung für den interkulturellen Vergleich.
- Manow, Philip (2024): Unter Beobachtung: die Bestimmung der liberalen Demokratie und ihrer Freunde.
- Müller, Thomas/Susanne Pickel (2007): Wie lässt sich Demokratie am besten messen? Zur Konzeptqualität von Demokratie-Indizes.