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Historische Persönlichkeiten

Die Geschichte der Parlamentsbibliothek ist maßgeblich geprägt von ihren BibliotheksdirektorInnen und MitarbeiterInnen.

Während ihres 150-jährigen Bestehens waren es vor allem die folgend angeführten Personen, die das Geschick der Bibliothek bestimmten: Franz J. Koch (1869 - 1870), Johann Vincenz Goehlert (1870-1876), Johann Freiherr von Päumann (1876-1881), Siegfried Lipiner (1881-1911), Johann Ladislaus Merklas (1912-1924), Ernst Lemm (1925-1933), Richard Fuchs (1933 - 1942), Hilda Rothe (1942 -1945), Gustav Blenk (1946-1957), Michael Stickler (1958-1974), Theodor Stöhr (1975-1991) und seit 1992 Elisabeth Dietrich-Schulz. Sie ist die erste Direktorin der Parlamentsbibliothek.

Siegfried Lipiner, Karl Renner und Hilda Rothe werden aufgrund ihrer besonderen Lebensläufe näher vorgestellt. Siegfried Lipiner, eine der prägenden und später oft vergessenen Kultur- und Geistesgrößen Wiens um die Jahrhundertwende, war der längstdienende Direktor der Parlamentsbibliothek. Er war Dichter, Übersetzer und Polyhistor. Er stand unter anderem mit Friedrich Nietzsche, Richard Wagner und vor allem mit Gustav Mahler in Kontakt. Karl Renner war von 1895 bis 1907 als Bibliothekar in der Parlamentsbibliothek tätig, bevor er - nach Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten Männerwahlrechts - in das Abgeordnetenhaus gewählt wurde. Später bekleidete er die höchsten Ämter des Staates. Hilda Rothe, der in besonderer Weise die Festschrift der Parlamentsbibliothek gewidmet ist, hat sich in der Zeit des Nationalsozialismus für den Erhalt der Bibliothek eingesetzt.

Unterpunkte anzeigen Siegfried Lipiner (1856 – 1911): Literat in der Parlamentsbibliothek

Siegfried Lipiner hat Zeit seines Lebens mehrere Professionen ausgeübt, er war Schriftsteller, Philosoph, Übersetzer, Bibliothekar und galt als Universalgelehrter. Vor allem wurde er durch seine in jungen Jahren verfassten Werke, die Dichtung „Der entfesselte Prometheus“ begann er mit 19 und schloss sie mit 20 ab, frühzeitig berühmt. Lipiner stand in Kontakt mit Friedrich Nietzsche, Richard Wagner, Gustav Mahler und dem Kreis um den sozialdemokratischen Abgeordneten Engelbert Pernerstorfer, dem unter anderem Victor Adler und Herman Bahr angehörten. Er geriet allerdings in der Folge seines schlagartigen Bekanntwerdens fast ebenso schnell wieder in Vergessenheit, sodass die Arbeiterzeitung in ihrem Nachruf auf Lipiner konstatierte: „Ein Unbekannter starb“. 1961 hat die Stadt Wien eine Straße im 23. Bezirk nach ihm benannt.

Siegfried Salomo Lipiner wird 1856 im galizischen Jaroslau, heute im südlichen Polen gelegen, geboren. Als Sohn jüdischer Eltern wächst er unter ärmlichen Verhältnissen auf. Ab 1871 besucht er das Leopoldstädter Gymnasium in Wien und maturiert dort mit Auszeichnung. Er studiert Philosophie an den Universitäten Wien, Leipzig und Straßburg, in seiner leider verschollen gegangenen Dissertation beschäftigt er sich mit Faust und der Philosophie Goethes.

Der Bibliotheksdirektor

1881 mit 24 Jahren wird Lipiner auf Empfehlung des Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Dr. Franciszek Smolka, als Leiter der Parlamentsbibliothek eingestellt. Lipiner ist somit jüngster - und mit 30 Jahren Amtszeit - auch längstdienender Bibliotheksdirektor. In seiner Empfehlung schreibt Smolka über Lipiner, dass dieser alle Eigenschaften aufweise, die für eine Bibliotheksleitung wichtig sind: „Lipiner ist nicht nur ein vorzüglicher wissenschaftlich gebildeter und geistvoller, sondern auch mit der Literatur aller Kulturepochen vertrauter Mann, der sich in seinem Privatleben des besten Leumunds erfreut.“

Lipiner widmet sich seiner Aufgabe als Bibliotheksdirektor sehr gewissenhaft und gilt vielen als idealtypische Verkörperung eines Bibliothekars. Pernerstorfer beschreibt den Bibliothekar Lipiner in seinem Nachruf als den „lebendigen Beherrscher des sachlichen Inhaltes der Büchermassen“. Seine große Allgemeinbildung setzt er für die Bibliothek ein: „Man konnte bei ihm nicht bloß erfahren, wo etwas Wissenswertes über einen juristischen Gegenstand zu finden sei, er wusste in der Regel selbst ziemlich viel, oft mehr von dem Gegenstande, als der fragende Sachverständige selbst.“

Lipiner bemüht sich, die budgetären Mittel für die Bibliothek zu erhöhen. Er verweist auf die Notwendigkeit einer gut funktionierenden Bibliothek und auf die im Vergleich besser dotierten Bibliotheken des Deutschen und des Ungarischen Reichstages. Schließlich gelingt ihm eine Erhöhung des Bibliotheksbudgets von 1500 auf 2000 und von 1887 bis 1895 auf gar 3500 Gulden pro Jahr. Unter seiner Ägide wird auch der Personalstand erweitert. 1893 erfolgt mit Dr. Ladislaus Merklas die Einstellung des – neben dem Bibliotheksleiter - ersten akademischen Beamten. Am Ende seiner Amtszeit hat die Bibliothek einen Bestand von ca. 50.000 Bänden.

Der Dichter

Schon während seiner letzten Jahre im Gymnasium schuf Lipiner mit „Echo“, der Tragödie „Arnold von Brecia“ und Teilen von „Der entfesselte Prometheus“ seine ersten Dichtungen. Es folgen noch mehrere Werke, unter anderem das Epos „Renatus" (1876), der Gedichtband „Buch der Freude“ (1880), das Libretto „Merlin" (1886) und die Dramen „Kassandra" (1910) und „Adam" (1911).

Hartmut von Hartungen, der über den Dichter Lipiner 1932 seine Dissertation schreibt, sieht „die christlich-religiöse Welt, sein Bekenntnis zu Christus als den Erlöser… bestimmend auf sein ganzes Schaffen.“ Gelobt wird Lipiners künstlerische und schöpferische Gestaltungskraft, die starke Begabung für die Form, vor allem des Versmaßes, und der damals beliebte romantische Impetus seiner Gedankenwelt. Kritik findet die mangelnde inhaltliche Ausarbeitung und die blasse Figurenzeichnung.

Lipiner beginnt das Epos mit dem Vorgesang an die Promethiden. Um einen Eindruck von seinem Schaffen zu bekommen, werden nun folgend die ersten zwei Strophen zitiert.

O die ihr wandelt durch des Lebens Lande,
In heissem Ringen bahnend euren Pfad,
Die schmerzvoll ihr gesprengt des Geistes Bande,
Dem Schicksalswort getrotzt in freier That,
Ihr Wenigen - gegeben uns zum Pfande,
Dass einst zur Ernte reift die junge Saat,
Euch bring ich an des neuen Lebens Wiege
Dies Lied von eurem Fall und eurem Siege!

Ihr führt der Namen viel. Euch nennt man Sünder,
Die sich in wildem Frevelmuth empört,
Besiegte heisst ihr, heisset Ueberwinder,
Bald hell erleuchtet und bald wahnbethört. -
Ich aber nenn euch eures Vaters Kinder,
Des Vaters, der geschaffen und zerstört,
Der kühn geschöpft aus ew‘gem Lebensbronnen,
Der höchsten Ruhm und höchstes Weh gewonnen.

Lipiner sendet das Buch an dem von ihm bewunderten Friedrich Nietzsche und an Richard Wagner und tritt mit beiden in einen Briefwechsel. Nietzsche zeigt sich anfänglich von Lipiner und seinem Werk sehr begeistert, er bezeichnet ihn gar als „veritables Genie“. Doch bald schon beschwert er sich über dessen Aufdringlichkeit und der Kontakt bricht ab: „Von Lipiner ein Brief, lang, bedeutend für ihn sprechend, aber von unglaublicher Impertinenz gegen mich. Den ‚Verehrer’ und seinen Kreis bin ich nun los“.

Lipiner und Mahler

Mit Gustav Mahler verband Lipiner eine länger andauernde Freundschaft. Mahler bezeichnet ihn als „teuerste[n] Freund fürs Leben, bei dem er ‚Rat in allen möglichen Phasen des Daseins’ und ‚Beruhigung all’ seiner Zweifel sucht und findet“. Auch auf Mahlers Denken und Schaffen hat Lipiner teilweise großen Einfluss. Mahlers Zweite Symphonie bezieht sich direkt auf Lipiners Übersetzung der „Todtenfeier“ (auf Polnisch: Dziady) des polnischen Nationaldichters Adam Mickewicz.

Die Freundschaft zu Gustav Mahler bricht erst ab, als dieser seine spätere Gemahlin Alma kennenlernte. Das Verhältnis Lipiners zu Alma Mahler ist von Anfang an von einer beidseitig offen ausgetragenen Feindschaft bestimmt. Lipiner sieht geringschätzig auf Alma Mahler herab, während diese sein Werk als „eklektisches schwulstiges Zeug“ bezeichnet. Erst 1909 kommt es zwischen Gustav Mahler und Lipiner zu einer neuerlichen Annäherung. 1910, ein Jahr vor Lipiners Tod, widmet dieser Gustav Mahler zum 50. Geburtstag das längere Gedicht Der Musiker spricht.

Quellen

Bach, J.: Siegfried Lipiner. Aus: Arbeiter-Zeitung. 1912, Nr. 10. - 3 Bl. Signatur der Parlamentsbibliothek: 63.491

Brenner, Helmut: Lipiner, Siegfried. In: Mahlers Menschen : Freunde und Weggefährten. St. Pölten: Residenz-Verl. 2014. S. 140 - 144.

Hartungen, Hartmut von: Der Dichter Siegfried Lipiner : (1856 - 1911) , München, Univ., Diss., 1932. - 81 S. Signatur der Parlamentsbibliothek: 56.477

Lipiner, Siegfried: Der entfesselte Prometheus : eine Dichtung in fünf Gesängen - Leipzig : Breitkopf & Härtel, 1876. - 174 S. Signatur der Parlamentsbibliothek: 26.916

Pech, Christian, Nur was sich ändert, bleibt. Die österreichische Parlamentsbibliothek im Wandel der Zeit. 1869-2002 / Red. Barbara Blümel / Elisabeth Dietrich-Schulz. Wien: Parlamentsdirektion, 2002. - 150 S. Signatur der Parlamentsbibliothek: 65.000

Suchy, Irene: Über Gustav Mahler: Briefe. Lipiner – Weltmusikgeschichte in der Parlamentsbibliothek. In: Zu Wort gemeldet ist… das Buch : 150 Jahre Parlamentsbibliothek. Salzburg/Wien: Residenz Verlag (erscheint Oktober 2019)

Unterpunkte anzeigen Karl Renner (1870 - 1950): Bundespräsident, Nationalratspräsident, Staatskanzler, Reichsrats- und Nationalratsabgeordneter, Bibliothekar

Unter den zahlreichen schillernden Persönlichkeiten, die in der Reichsratsbibliothek ihren Dienst versahen, befand sich auch eine der herausragensten politischen Erscheinungen der jüngeren österreichischen Geschichte: Karl Renner. Als zentraler Theoretiker und Funktionär der österreichischen Sozialdemokratie sollte er in seiner politischen Karriere die höchsten Ämter des Staates bekleiden - Bundespräsident, Präsident des Nationalrates, Staatskanzler, Reichsrats- und Nationalratsabgeordneter -, und das in Zeiten größtmöglicher staatlicher und politischer Instabilität.

Im Jahr 1895, als er zu seinem Vorstellungsgespräch bei Siegfried Lipiner, dem Direktor der Reichsratsbibliothek und gleichzeitig eine der geheimeren Kultur- und Geistesgrößen Wiens um die Jahrhundertwende, eine ganze Stunde zu spät kam, war seine maßgebliche Beteiligung an so zahlreichen für sein Land schicksalhaften politischen Ereignissen und Entscheidungen noch nicht absehbar.

Der Beginn der Bibliothekarskarriere

Noch vor Beendigung seines Rechtsstudiums wurde Karl Renner vom Dekan der Juristischen Fakultät, Eugen von Philippovich, darauf aufmerksam gemacht, dass sich der Direktor der Reichsratsbibliothek, Siegfried Lipiner, an ihn gewandt habe und „[…] er einen jungen Mann [suche], der im staatswissenschaftlichen Seminar gearbeitet, außer nationalökonomischen auch eingehende staatsrechtliche Kenntnisse erworben und politisches Interesse habe, vor allem aber ein flinker Arbeiter sei.“ Seine Aufgabe würde darin bestehen, „den Buchbestand der Bibliothek neu aufzunehmen und einen Materienkatalog in Druck herstellen zu lassen. Die Arbeit würde einige Monate in Anspruch nehmen.“ Die Aufgabe war für Karl Renner trotz ihrer Befristung vor allem deswegen interessant, weil sie die Perspektive bot, in den ordentlichen Staatsdienst aufgenommen zu werden. Für einen Studenten aus bescheidenen Verhältnissen in „wilder Ehe“ und mit großen politischen und publizistischen Ambitionen eine in ihrer Attraktivität nicht zu unterschätzende Gelegenheit, trotz des Wermutstropfens, dass es „selbstverständlich sei, dass [er] auf jede aktive politische Parteitätigkeit verzichte, da [er] dort allen Parteien in gleicher Weise zu dienen habe.“ Dieser Umstand ließ ihn selbst noch kurz vor dem aussichtsreichen Vorstellungsgespräch zaudern, sodass er um die bereits erwähnte Stunde zu spät erschien. Karl Renner dürfte Siegfried Lipiner trotz dieser ungünstigen Ausgangssituation voll und ganz überzeugt haben. Obwohl bereits einem anderen Bewerber die Stelle zugesagt wurde, entschied er sich für den jungen Studenten und zukünftigen „Baumeister der Republik“. Karl Renner begann seine Arbeit „ohne Vertrag mit einem Diurnum von vorläufig 80 Kronen (vierzig Gulden) monatlich, als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter [...], tägliche Dienstzeit von 9 bis 12 und von 2 bis 5 Uhr, Dienstantritt am 1. Dezember 1895.“

Der "Renner-Katalog"

Der von Karl Renner erarbeitete Materienkatalog wurde in der Parlamentsbibliothek bis 1994 verwendet. Er diente zur systematischen inhaltlichen Erschließung und Zuordnung des Buchbestandes mittels fein aufgegliederter Kategorien und ermöglichte so für BibliotheksbenutzerInnen und BibliothekarInnen die Literaturrecherche nach Themengebieten. Die vor seinem Dienstantritt 1895 bestehenden vielfältigen Druckverzeichnisse für rund 25.000 Druckwerke - alphabetischer Nominalkatalog auf Zetteln, gedruckter alphabetischer Realkatalog in Buchform, gedruckter Realkatalog in Buchform, Zusatzregister für alle Arten von Erwerbungen - ermöglichten allein eine Suche nach formalen Kriterien wie Autor, Titel etc.

Erfolg im Bibliothekswesen und in der Politik

Nachdem Karl Renner sein Studium beendet hatte, hielt Siegfried Lipiner Wort. Er wurde, wie im Vorstellungsgespräch in Aussicht gestellt, 1897 verbeamtet und zum „Amanuensis“, einem wissenschaftlichen Bibliotheksmitarbeiter, in der zehnten Rangklasse erhoben. Für sein 1896 abgelegtes Rigorosum erhielt Renner postum finanzielle Aushilfen aus der Staatskasse in Höhe von je 50fl. Seine Karriere in der Bibliothek verlief günstig und erfuhr ihre Krönung in der Ernennung zum „Bibliotheksdirektor II. Classe“, welche zeitgleich mit der Ernennung des Direktors der Reichratsbibliothek, Siegfried Lipiner, zum „Bibliotheksdirektor I. Classe“ erfolgte. Als Abgeordneter versuchte er zunächst beide Arbeitswelten zu vereinbaren. Da ihm dies nicht gelang, sah er sich gezwungen, um Beurlaubung anzusuchen: „Infolge meiner Wahl zum Reichsratsabgeordneten bin ich sowohl während der Tagung als auch außerhalb dieser Zeit durch die aus dem Mandat erwachsenden Aufgaben in dem Maße in Anspruch genommen, dass ich meinen Dienst in der Bibliothek nicht versehen kann. Da während der immer kürzer werdenden Zeit der Vertagung bei bestem Willen eine ersprießliche, zusammenhängende Tätigkeit in der Bibliothek - und nur mit einer solchen wäre der Verwaltung gedient – faktisch auf die Dauer ausgeschlossen erscheint, stelle ich die Bitte, meine dauernde Beurlaubung für die laufende Wahlperiode veranlassen zu wollen.“

Das Ende der Bibliothekarskarriere

Der Verlauf seiner politischen Karriere sollte bewirken, dass Renner nie wieder in den Bibliotheksdienst zurückkehrte. In der Bibliothek wurde sein Ausscheiden bedauert. Bei der Anforderung von Ernst von Frisch als Ersatz für Renner bemerkte Siegfried Lipiner: „...muss doch gerade bei diesem Anlasse dem Schein gewehrt werden, als ob dieser formelle Ersatz für Dr. Renner auch einen materiellen bedeuten sollte. Von einem solchen wird – nicht was die individuellen Qualitäten, sondern was die reinfachliche Tüchtigkeit des Dr. Renners betrifft – erst dann die Rede sein können, wenn neben Dr. v. Frisch eine rechts- und staatswissenschaftlich gebildete Hilfskraft in den Dienst der Bibliothek gestellt wird.“

Ehrenmitglied des Vereins österreichischer Bibliotheken

Im Jahr 1948, zwei Jahre vor seinem Tod, wurde Karl Renner von der Vereinigung österreichischer Bibliothekare zum Ehrenmitglied ernannt. Nach seinem Tod am 31. Dezember 1950 wurde er in der Januarausgabe der „Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekare“ auf die folgende Weise gewürdigt: „Der Ehrenprotektor unserer Vereinigung, Bundespräsident Dr. jur. Dr. h.c. Karl Renner ist am 31. Dezember 1950 gestorben. Die österreichischen Bibliothekare betrauern nicht nur mit allen Österreichern den Tod des erfahrenen und väterlichen Staatslenkers und edlen Menschen, sie verlieren in dem Verewigten, dessen Andenken sie treu bewahren werden, auch einen ehemaligen Fachkollegen, der trotz der vielfältigen Aufgaben seines hohen Amtes, stets werktätiges Verständnis für die Nöte des Bibliothekswesens bewies.“

Quellen

Dietrich-Schulz, Elisabeth: Die österreichische Parlamentsbibliothek im Wandel. In: Mitteilungen der VÖB 56, 2003, Nr. 2, S. 54-63

Lösch, Hellmut, Die österreichische Parlamentsbibliothek in Vergangenheit und Gegenwart. In: Parlament und Bibliothek: Internationale Festschrift für Wolfgang Dietz zum 65. Geburtstag / hrsg. von Gerhard Hahn, München 1986

Pech, Christian, Nur was sich ändert, bleibt. Die österreichische Parlamentsbibliothek im Wandel der Zeit. 1869-2002 / Red. Barbara Blümel / Elisabeth Dietrich-Schulz. Wien 2002

Stickler, Michael, Die Bibliothek des Reichsrathes 1869 – 1919. In: Mayrhöfer, Josef / Ritzer, Walter (Hrsg.), Festschrift Josef Stummvoll: Dem Generaldirektor der Österreichischen Nationalbibliothek zum 65. Geburtstag, 19. August 1967, dargebracht von seinen Freunden und Mitarbeitern, Wien 1970

Unterpunkte anzeigen Hilda Rothe (1893 - 1967): eine couragierte Bewahrerin des Bibliotheksbestandes während des Nationalsozialismus und Zweiten Weltkriegs

Im Zuge des 150-jährigen Jubiläums der Parlamentsbibliothek und der Beleuchtung ihrer Geschichte soll an dieser Stelle mit großem Respekt und Dankbarkeit eine Bibliothekarin und ihr beherztes und couragiertes Wirken in Erinnerung gerufen werden.

Die Rede ist von Dr.in Hilda Rothe, die sich - gar nicht groß genug zu nennende - Verdienste um die Erhaltung der eigenständigen Identität der Parlamentsbibliothek und Bewahrung des singulären Bestandes, so wie er heute vorliegt, erworben hat. Dies zudem mehr als couragiert in den widrigsten Zeiten des 20. Jhdts. während des Nationalsozialismus und den Wirren während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Und dies alles, ohne jemals in ihrer langjährigen Laufbahn in der Parlamentsbibliothek als Frau eine Führungsposition bzw. die Bibliotheksleitung überantwortet bekommen zu haben.

Die passionierte Bibliothekarin verbrachte fast ihr ganzes Leben in der Parlamentsbibliothek: Sie begann nach ihrer Promovierung des Philosophiestudiums 1917 und Ablegung der Lehramtsprüfung 1920 als Bibliothekspraktikantin und Beamtenanwärterin ihre Laufbahn in der Parlamentsbibliothek. 1922 wurde sie zur Staatsbibliotheksbeamtin und 1926 zur Unterstaatsbibliothekarin ernannt. Sie war in der Ersten Republik die einzige Frau mit Hochschulabschluss im Mitarbeiterstab des Inneren Dienstes. Obwohl sie während ihrer Laufbahn alle Beförderungsstufen erlangte (Staatsbibliothekarin II. Klasse 1933, Staatsbibliothekarin I. Klasse 1935, Oberstaatsbibliothekarin 1954), war es ihr nicht vergönnt je zur Bibliotheksleiterin aufzusteigen.

1938 bis 1945

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und der damit verbundenen endgültigen Auflösung des Parlaments wurde die Bibliothek zwar zum 1. Mai 1942 mit der Administrativen Bibliothek rechtlich vereinigt, ihre Büchersammlung sollte jedoch de facto aufgelöst werden. Hilda Rothe erinnert sich 1956 in einem Artikel der Wiener Zeitung: „Schon meldeten sich verschiedenste Interessenten für jene unersetzlichen historischen Schriftstücke an, die, wie etwa das Oktoberdiplom oder das Februarpatent, außer in der Parlamentsbibliothek nur mehr in unseren ersten Archiven vorhanden sind. Auch für ganze Gebiete der großen Sammlungen lagen die entsprechenden Anfragen vor.“

Durch mehrere persönliche Vorsprachen rettete Frau Dr. Rothe in dieser heiklen Phase die Bibliothek davor, aufgelöst zu werden. Ihr gelang es, durch Verhandlungen den Termin der Auflösung der Bibliothek in Wien letztlich bis zum Kriegsende zu verzögern, was schlussendlich gleichbedeutend mit der Erhaltung der wertvollen Büchersammlung war - ein Beispiel erfolgreichen passiven Widerstands.

Kriegsende und Nachkriegszeit - eine Leben in und für die Bibliothek

In den dramatischen letzten Kriegstagen und in der unmittelbaren Nachkriegszeit dürfte Rothe neuerlich eine entscheidende Rolle in der Parlamentsbibliothek gespielt haben: Ihr unmittelbarer Vorgesetzter, der frühere Bibliotheksdirektor Richard Fuchs, war zu Kriegsende schon seit Längerem nicht mehr in Wien und sie hielt in diesen Monaten mehr oder weniger alleine die Stellung.

Eine Besonderheit der so engen Verflechtung ihres Lebens mit der Bibliothek bestand im Umstand, dass Rothe von 1945 bis 1950 direkt in der Parlamentsbibliothek im historischen Parlamentsgebäude wohnte. Unmittelbar nach Kriegsende war ihr eine Notunterkunft im Parlament zugewiesen worden, sie erhielt ein Zimmer innerhalb der Bibliothek und lebte dort mit ihrer Mutter und ihrer Schwester. Diese Einquartierung hatte durchaus einen begründeten praktischen Nutzen, da der Bibliothekstrakt an der Rückseite des Parlamentsgebäudes damals nicht ausreichend bewacht werden konnte.

Hilda Rothe ist ein weiteres Mal die „Rettung“ der Bibliothek zu Kriegsende zu verdanken, wie ihrem Personalakt zu entnehmen ist: „Besondere Verdienste hat sie sich in den Umbruchtagen des Jahres 1945 erworben. Ganz allein auf sich gestellt, war es ihr dank ihres unerschrockenen Eintretens möglich, viele von russischen Soldaten versuchte Übergriffe abzuwehren. So konnte sie die Parlamentsbibliothek vor unersetzlichen Verlusten bewahren.“

Rothe beschreibt 1946 solche Vandalenakte, demnach seien „Angehörige einer Besatzungsarmee nach Belieben durch die Fenster in die Bibliothek eingestiegen, hatten in den Büchern gestöbert, sie verstellt, Bündel von Seiten herausgerissen oder sogar - weit gefährlicher - angezündete Bücher in die Stellagen wieder eingestellt.“ Der spätere Leiter der Bibliothek, Gustav Blenk, im O-Ton: „Ja, und wissen S’ auch, dass Frau Doktor Rothe die ganze Bibliothek, […] 1945 ganz allein gegen die Russen gehalten hat? Man kann sich kaum vorstellen, was das damals geheißen hat, nicht wahr?“

Dass die Parlamentsbibliothek ihre Selbstständigkeit wieder erhalten würde, war in den ersten Monaten nach dem Krieg keinesfalls gewiss. Jedenfalls ließ der Leiter der Administrativen Bibliothek Guido Mayr-Werchota, der damals offiziell auch noch die Parlamentsbibliothek leitete, Bücher aus dieser weiter abtransportieren. Die Rückgabe dieser Bücher ist ebenfalls Rothes eindringlichen Interventionen an höchsten Stellen zu verdanken. Die Nachkriegszeit brachten für die Bibliothek wie das ganze Land neuerlich Notzustände, nun infrastruktureller Art. In einem Brief vom 9. Jänner 1946, den Rothe angesichts der schwierigen Lage dramatisch mit ,,Kampf ums Dasein" betitelt, beschreibt sie die harten Arbeitsbedingungen „daß ich bis in den Oktober hinein bei offenem Fenster arbeiten mußte, da in unseren Arbeitsräumen […] erst in der zweiten Dezemberhälfte wenigstens die äußeren Fenster eingeschnitten wurden. […] In unseren Arbeitsräumen bildeten die Läden an den vollständig zerschossenen Fenstern den einzigen Wärmeschutz; ich konnte sie aber nicht geschlossen halten, weil ich nicht einmal Licht hatte! [ ... ] Ich konnte mir geduldig Hände und Füße frieren, so daß ich jetzt drei oder vier Nägel an den Fingern verliere, ein Ofen war nicht zu erlangen. […] Das Katalogzimmer, das Herz der Bibliothek […] bleibt vollständig ungeheizt; es herrscht dort eine Temperatur von ungefähr Null Grad."

In einem Akt aus Jänner 1946 wird sie zwar einmal als ,,provisorische Leiterin der Parlaments-Bibliothek" bezeichnet. Erster offizieller Leiter nach Kriegsende wurde 1946 dann aber nicht Rothe, sondern Gustav Blenk. Trotz ihres außergewöhnlichen Engagements für die Bibliothek und Ihrer umfassenden Kenntnis des Bestandes wurde Rothe bei dieser Besetzung als hochqualifizierte Frau übergangen, eine insofern leider „klassische“ Akademikerinnen-Biographie dieser Frauengeneration. Nicht nur dass sie keine Führungsposition einnehmen konnte, blieb sie, obwohl promoviert, bis zu ihrer krankheitsbedingten Pensionierung 1956 trotz aller formal erlangten Beförderungsstufen in der Verwendungsgruppe B (Maturanten und Maturantinnen) eingestuft.

Späte Anerkennung

Im Jahr ihrer Versetzung in den Ruhestand 1956 erhielt sie das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, wobei vor allem ihre Verdienste im Jahr 1945 hervorgehoben wurden, als „sie durch ihr unerschrockenes Verhalten während der Umsturzzeit viele Übergriffe abwehren und vereiteln konnte". Weiters wurden ihre „unermüdlichen Bemühungen" gewürdigt, denen es zu verdanken sei, „dass die Wiedereröffnung der Parlamentsbibliothek unmittelbar nach der Konstituierung des Nationalrates im Dezember 1945 möglich war". In einem Artikel der Wiener Zeitung anlässlich dieser Auszeichnung wird sie ebenfalls gebührend gewürdigt: „Es ist das Verdienst Dr. Hilda Rothes, der von ihr betreuten Bibliothek das Schicksal erspart zu haben, das anderen Institutionen ähnlicher Art damals wiederfuhr; daß die Werke teils eingestampft, teils verlagert oder auch in alle Winde zerstreut wurden.“

Quellen

Lösch, Hellmut: Die österreichische Parlamentsbibliothek in Vergangenheit und Gegenwart. – In: Parlament und Bibliothek : Internationale Festschrift für Wolfgang Dietz zum 65. Geburtstag / hrsg. Von Gerhard Hahn. – München u.a. : Saur, 1986 .

Perz, Bertrand: Inbesitznahmen : das Parlamentsgebäude in Wien 1933-1956 / Bertrand Perz, Verena Pawlowsky, Ina Markova ; herausgegeben von der Parlamentsdirektion, Wien . – Salzburg, Wien : Residenz Verlag, 2018.

Pech, Christian: Nur was sich ändert, bleibt! : die österreichische Parlamentsbibliothek im Wandel der Zeit, 1869-2002 / Christian Pech . - Wien : Parlamentsdirektion, 2002 .

Parlamentsbibliothek zweimal in Gefahr : hohe Auszeichnung für Frau Oberstaatsbibliothekar i.R. Dr. Hilda Rothe. - Wiener Zeitung Nr. 275, November 1956

Der „Herr Hofrat“ ist Rapid-Anhänger. – In: Wiener Samstag, Jg. 6/1957, Nr. 42

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