Vom 26. bis 30. Jänner 2026 wurde der erste Teil der Sitzungsperiode 2026 der Parlamentarischen Versammlung des Europarats (ER-PV) in Straßburg abgehalten. Die österreichische Delegation war mit elf von insgesamt zwölf Delegationsmitgliedern vor Ort vertreten.
Zu Beginn der Sitzungswoche wurde Abgeordnete zum Nationalrat, Petra Bayr mit 164 von 214 gültigen Stimmen zur Präsidentin der Parlamentarischen Versammlung des Europarats gewählt. Ihre Amtszeit beträgt zwei Jahre, vorbehaltlich einer Wiederwahl im Jänner 2027. Einem Einspruch gegen die Beglaubigungen der österreichischen Delegation durch Mitglieder der rechtskonservativen Fraktion ECPA, aufgrund einer im Jänner 2027 in Kraft tretenden Regel zur Geschlechterbalance in den Delegationen, wurde entsprechend einer Einschätzung des Geschäftsordnungsausschusses nicht stattgegeben.
Die neue Präsidentin der Versammlung schilderte in ihrer Antrittsrede ihren politischen Werdegang, um zu verdeutlichen, wie sich viele Politikerinnen und Politiker bereits vor ihrem Eintritt in die Politik mit jenen Werten identifizieren, die im Europarat und seiner Versammlung verteidigt werden. In diesem Sinne bezeichnete sie die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) als lebendes Instrument, welches noch weiter ausgebaut gehöre. Als Präsidentin stehe sie nun mehr denn je für all jene Menschen ein, die ihre Rechte in Bereichen wie Minderheiten, Meinungsfreiheit, Zugang zu Bildung und Gleichbehandlung verteidigen. Sie wisse auch, dass sie in der Versammlung von Gleichgesinnten umgeben sei wenn es um die Verteidigung der EMRK, um die Umsetzung der Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) sowie um die Ausarbeitung neuer Rechte, wie beispielsweise jenes auf eine sichere und saubere Umwelt, gehe. "Gemeinsam werden wir nicht nur die Konvention, unseren Gerichtshof und unsere Werte verteidigen, sondern sie auch weiterentwickeln und an eine sich wandelnde Welt anpassen, ohne dabei die Grundsätze zu kompromittieren, auf denen wir aufgebaut sind – Grundsätze, die nach Krieg, Zerstörung und Entmenschlichung entstanden sind und in der Entschlossenheit verwurzelt sind, dass eine solche Strategie niemals wieder zugelassen werden darf. Diese Grundsätze zu verzerren, zu verwässern oder neu zu interpretieren oder den Gerichtshof dafür zu kritisieren, dass er diese Grundsätze in Urteile umsetzt, an die sich die Mitgliedstaaten halten müssen, erscheint mir unverantwortlich und absolut inakzeptabel. Es ist einfach nicht hinnehmbar, sich von populistischen Diskussionen dazu verleiten zu lassen, grundlegende Menschenrechte in Frage zu stellen.", so Bayr. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben sei es, den Europarat bekannter zu machen, insbesondere bei der Jugend, weshalb sie die von ihrem Vorgänger ins Leben gerufene "Eine Stunde für den Europarat"-Initiative an Schulen weiter vorantreiben werde. In Bezug auf den Aggressionskrieg Russlands gegen die Ukraine forderte sie nach einer Rechenschaftspflicht für die in Butscha, Mariupol oder Charkiw begangenen Gräueltaten und bedankte sich mit größter Anerkennung bei allen Ukrainerinnen und Ukrainern, die nicht nur für ihre eigene Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen, sondern für die Freiheit aller. Unter anderem in Richtung USA sagte die Präsidentin: "Menschenrechte sind universell oder sie sind es nicht. Strategische Partnerschaften dürfen niemals schweigen angesichts von Morden durch Regierungsstellen, der Todesstrafe oder Verstöße gegen das Völkerrecht rechtfertigen. Territoriale Souveränität ist nicht verhandelbar."
Angesichts zahlreicher Krisenherde in Europa und seiner Nachbarschaft wurden dringliche und aktuelle Debatten zu den Themen Erhaltung des internationalen Rechtssystems, Situation in Gaza und im Westjordanland, Grönland, politische Krise im Nahen Osten und 65 Jahre Europäische Sozialcharta abgehalten. Ein vom Ministerkomitee vorgelegter Entwurf eines Zusatzprotokolls zum Übereinkommen über Menschenrechte und Biomedizin zum Schutz der Menschenrechte und der Würde von Personen im Zusammenhang mit unfreiwilliger Unterbringung und unfreiwilliger Behandlung in Einrichtungen der psychiatrischen Gesundheitsversorgung wurde mit der Begründung, dass dies die Abschaffung von Zwangspraktiken in solchen Einrichtungen erschweren würde, einstimmig abgelehnt. Am 27. Jänner wurde eine Gedenkfeier zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust samt anschließender Kranzniederlegung vor dem Europaratsgebäude abgehalten. Außerdem fand die erste Sitzung der neuen Plattform für den Dialog zwischen der Parlamentarischen Versammlung des Europarates und den russischen demokratischen Kräften statt. Regelmäßige Treffen sollen dazu dienen, Fragen von gemeinsamem Interesse zu erörtern und die Bemühungen der Oppositionellen um ein demokratisches Russland zu würdigen. Zusätzlich wurde beschlossen, den sogenannten "post-monitoring Dialog" mit Nordmazedonien, welcher als Übergang vom Überwachungsverfahren in die normale Mitgliedschaft dient, zu beenden. Nicht zuletzt wurden die Richterinnen und Richter am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) für Zypern und die Niederlande gewählt.
Im Laufe der Sitzungswoche wandten sich außerdem die folgenden Persönlichkeiten an die Mitglieder der Versammlung: Maia SANDU, Präsidentin von Moldau, Alain BERSET, Generalsekretär des Europarats, Ararat MIRZOYAN, Außenminister Armeniens und Mihai POPŞOI, stellvertretender Premierminister und Außenminister von Moldau sowie aktueller Vorsitzender des Ministerkomitees.
Bundesrätin Eder-Gitschthaler erkundigte sich beim Außenminister Armeniens nach den Beziehungen seines Landes mit den Vereinigten Staaten von Amerika. Dieser erläuterte die neue strategische Partnerschaft mit den USA sowie die laufende Suche nach Möglichkeiten, diese weiter auszubauen. Durchaus positiv habe sich die Partnerschaft auf den Friedensprozess mit Aserbaidschan ausgewirkt.