Der französische Philosoph Emmanuel Lévinas (2022) führte eindrücklich vor, wie sich die eigene Wahrnehmung eines anderen Menschen verändert, wenn man dessen Antlitz direkt vor Augen hat. Er argumentiert, dass man nur so dessen Andersartigkeit und Verwundbarkeit erkennen und respektieren kann. Wissenschaftliche Untersuchungen unterstreichen dies in Bezug auf den unmittelbaren Kontakt zwischen politisch tätigen Personen und Bürger:innen. Dieser bringt andere Dynamiken mit sich als Kontakt, der über Medien – sei es eindimensionale Kommunikation über klassische Massenmedien oder direkte(re) Kommunikation über sogenannte soziale Medien – vermittelt wird (Pritzlaff-Scheele & Nullmeier 2018).
Grundsätzlich ist festzustellen, dass es relativ wenig Forschung zu diesem Thema gibt. Der Großteil der vorhandenen wissenschaftlichen Literatur hat die Präsenz von (potenziellen) Abgeordneten in ihrem jeweiligen Wahlkreis und die (möglichen) Auswirkungen dieser Präsenz auf deren Unterstützung zum Thema (siehe z. B. Auel & Umit 2018; Siefken & Costa 2018).
Beim direkten Kontakt mit Bürger:innen geht es aber nicht unbedingt (nur) um die Unterstützung bei Wahlen. Es geht – viel grundlegender – darum, dass Politiker:innen in einer parlamentarischen Demokratie Entscheidungen nicht losgelöst von Bürger:innen, die sie repräsentieren, treffen sollen. Wie die Politikwissenschaftler:innen Katrin Auel und Resul Umit (2018) betonen, war diese Auffassung nicht immer selbstverständlich.
Forscher:innen wie Cristina Leston-Bandeira (2012) oder Sven Siefken und Olivier Costa (2018) betonen, dass direkte Treffen neben diesem demokratiepolitischen Anspruch aber auch weitere relevante Funktionen für Politiker:innen erfüllen. Sie können dazu genutzt werden, um politische Botschaften zu kommunizieren, Vertrauen herzustellen und/oder der Frustration von (potenziellen) Wähler:innen, die sich oft von Parteien nicht gehört fühlen, entgegenzuwirken. Politische Repräsentant:innen haben zudem oft das Gefühl, ihren Wähler:innen vor Ort bei bestimmten Anliegen oder Projekten unmittelbar helfen zu können.
Vielleicht nach wie vor am meisten unterschätzt wird jedoch das Potential, das im sogenannten "Laienwissen" (Epstein 2023) oder der "gelebten Erfahrung" (Geddes 2023) von Bürger:innen liegt. Ergebnisse wissenschaftlicher Studien zeigen, dass die glaubhafte und nachvollziehbare Integration dieses Wissens in politische Entscheidungen die oben angesprochene Distanz zwischen politischen Entscheidungsträger:innen und Bürger:innen deutlich reduzieren und in weiterer Folge zu einer höheren Akzeptanz politischer Entscheidungen führen kann. Dieses Bewusstsein fließt mittlerweile auch z. B. in die Entwicklung von Formaten der deliberativen Demokratie ein (siehe dazu Informationen der Bertelsmann Stiftung zur Deliberativen Demokratie).
Was sich Politiker:innen vom direkten Kontakt mit Bürger:innen erwarten, hängt wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge von einer Vielzahl an Faktoren ab. Dazu zählen neben persönlichen Merkmalen der einzelnen Politiker:innen auch deren inhaltlichen Schwerpunkte, ihre Funktionen, ihre Bekanntheit, der Grad ihrer Etablierung (generell sowie innerhalb der eigenen Partei), die Wahrscheinlichkeit ihrer (Wieder-)Wahl oder die Zusammensetzung des jeweiligen Wahlkreises (z. B. Homogenität bzw. Heterogenität der Gruppe an Wahlberechtigten, schnelle oder langsame Entwicklung der demografischen Zusammensetzung des Wahlkreises etc.; siehe Auel & Umit 2018). Außerdem spielen auch die zeitliche Nähe zu Wahlen sowie unter Umständen die aktuelle Position der eigenen Partei – in erster Linie die Frage, ob sie in Regierungsverantwortung oder in Opposition ist – eine Rolle (Clarke & Markovits 2024).
Politiker:innen und ihr Umfeld haben den direkten Kontakt als Bereich identifiziert, in den es sich lohnt, Zeit und andere Ressourcen zu investieren. Daneben gibt es mittlerweile auch Parlamente, die abseits jeglicher parteipolitischen Motivation gezielt die Kommunikation zwischen Abgeordneten und Bürger:innen fördern. Beispielsweise hat das Parlament des Vereinigten Königreichs 2007 die "parliamentary communication allowance" etabliert. Allen Abgeordneten werden damit dieselben Mittel für die Kommunikation mit Bürger:innen zur Verfügung gestellt. Aus wissenschaftlicher Sicht besteht mittlerweile Zweifel, ob eine derartige Förderung z. B. die Wahlbeteiligung oder die Chance auf Wiederwahl einzelner Abgeordneter steigern kann. Einer Einschätzung des britischen Politikwissenschafters Umit zufolge sei allerdings auch die Angst unbegründet, dass dadurch ein Wettbewerbsvorteil für im Amt befindliche Abgeordnete geschaffen würde. Insofern erfüllt der Einsatz derartiger Mittel eher andere Zwecke (siehe oben) als das Überzeugen von potenziellen Wähler:innen.