Open Data Showcases - Parlamentarier:innen 19.01.2026

Redner und Rednerinnen-Karrieren im Nationalrat

Redner und Rednerinnen-Karrieren im National­rat

Im Plenum des Nationalrats werden Gesetzesentwürfe, Anfragen, EU-Materien und vieles mehr öffentlich diskutiert. Dabei legen die Abgeordneten sowohl ihre eigenen Standpunkte als auch die ihrer Parteien dar. Zudem können sie ihr politisches Handeln begründen und das der anderen kritisieren.

Plenarsitzungen sind nicht nur für die Besuchenden vor Ort öffentlich, sondern werden auch medial verbreitet: seit den späten 1960er-Jahren über TV-Berichte, seit den 1990ern auch als Live-Übertragungen und mittlerweile auch via Parlamentsmediathek und Social Media. Mit ihren Redebeiträgen können Abgeordnete somit nicht nur vor der Öffentlichkeit und den anderen Klubs, sondern auch innerhalb der eigenen Reihen ihr Profil schärfen. Redebeiträge sind daher wertvolle Gelegenheiten für Abgeordnete, um ihre Partei und sich selbst zu repräsentieren. In diesem Showcase gehen wir daher der Frage nach, wie häufig Abgeordnete im Nationalrat zu Wort kommen und wie sich ihre Redeaktivität im Verlauf ihrer Zugehörigkeit zum Nationalrat ändert.

In der Untersuchung inkludiert sind alle Abgeordneten, die zwischen Jänner 1996 und Oktober 2024 zum ersten Mal in den Nationalrat eingezogen sind. Unterbrechungen ihrer Zeit im Nationalrat, zum Beispiel durch Ab- und Wiederwahl, werden von der gesamten Mandatsdauer abgezogen. Es werden außerdem nur Reden von Abgeordneten zum Nationalrat ausgewertet. Redebeiträge von Mitgliedern der Bundesregierung, Mitgliedern der Volksanwaltschaft, des Präsidenten oder der Präsidentin des Rechnungshofes und die Wortmeldungen des Präsidiums des Nationalrates im Rahmen der Sitzungsleitung werden nicht gezählt.

Wann halten Abgeordnete ihre erste Rede?

Als Erstes betrachten wir, wann ein Abgeordneter oder eine Abgeordnete nach dem Einzug in den Nationalrat die erste Rede hält. Abbildung 1 zeigt den prozentualen Anteil der Abgeordneten (in %), die bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nach ihrem Eintritt bereits eine Rede gehalten haben.

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Es zeigt sich, dass der Prozentsatz recht konstant steigt und kaum Zeitpunkte zu sehen sind, zu denen plötzlich besonders viele oder wenige Abgeordnete ihre erste Rede halten. Insgesamt wird die Kurve mit der Zeit aber immer flacher. Während nach den ersten 50 Tagen 52 Prozent – also bereits mehr als die Hälfte – ihre erste Rede absolviert haben, sind es nach 100 Tagen 76 Prozent und nach 150 Tagen 94 Prozent. Für die meisten neuen Abgeordneten dauert es also nur wenige Monate, bis sie erstmals im Plenum zu Wort kommen.

Es gibt vereinzelt Abgeordnete (10 Fälle im Untersuchungszeitraum), die aus dem Nationalrat ausscheiden, bevor sie ihre erste Rede halten. Dies betrifft jedoch ausschließlich Personen, die nur wenige Wochen bis Monate im Nationalrat vertreten waren, beispielsweise wenn jemand kurz vor einer Nationalratswahl ein Mandat übernimmt, bei der folgenden Wahl aber gleich wieder ausscheidet.

Wie wirkt sich Seniorität auf die Anzahl an Reden aus?

Als Nächstes untersuchen wir, wie sich die Anzahl der Reden von Abgeordneten mit Fortdauer ihres Mandats verändert. Man könnte vermuten, dass mit zunehmender Erfahrung – und damit einhergehendem steigendem Ansehen im eigenen Klub – die Anzahl an Reden zunimmt. Eine weitere Erwartung ist, dass Abgeordnete aus kleineren Parlamentsklubs mehr Reden halten, da diese Klubs pro Kopf mehr Redezeit bekommen.

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Abbildung 2 kann diese Annahmen nur teilweise bestätigen. Jeder Punkt stellt einen bzw. eine Abgeordnete im ersten, zweiten, dritten usw. Jahr nach Einzug in den Nationalrat dar. Die dunkelblauen Balken zeigen die Median-Anzahl der Reden für das jeweilige Jahr. In ihrem ersten Jahr reden Abgeordnete zwar im Durchschnitt noch etwas weniger (11 Reden), die Medianwerte der folgenden Jahre bewegen sich jedoch konstant zwischen 13 bis 15 Reden. Erst in den späten Jahren nach Eintritt werden die Schwankungen größer, was sich jedoch auf die kleiner werdende Anzahl an Fällen zurückführen lässt (nur wenige Abgeordnete haben ihr Mandat über einen so langen Zeitraum inne). Im Mittel lässt sich also kein wesentlicher Effekt von Seniorität auf die Redeanzahl feststellen.

Wenn wir die mit Namen versehenen Ausreißer betrachten, zeigt sich allerdings klar, dass die "Vielredner" bzw. "Vielrednerinnen" vor allem aus kleineren Klubs kommen. Die meisten nicht beschrifteten Ausreißer repräsentieren Abgeordnete des Team Stronach, der Liste Jetzt, des BZÖ oder der NEOS. Die meisten Reden hielt jedoch Rupert Doppler – jeweils über 100 pro Jahr – in seinen zwei Jahren als fraktionsloser Abgeordneter nach dem Ausschluss aus der FPÖ. Während Ausreißer zumeist in den ersten zehn Jahren ihres Mandats in Erscheinung treten, sind sie in Einzelfällen auch später möglich: Die starke Präsenz der FPÖ-Abgeordneten Dagmar Belakowitsch im fünfzehnten Jahr ihres Mandats setzte etwa mit dem Beginn der Covid-19-Pandemie in Österreich 2020 ein.

Verschiedene Arten von Rede-Karrieren

Die Entwicklung der Redeanzahl über die Jahre kann auf verschiedene Weisen dargestellt werden. Während Abbildung 2 uns ein generelles Bild vermittelt, werfen wir in Abbildung 3 einen genaueren Blick auf individuelle Redner- bzw. Rednerinnen-Karrieren. Jeder Strahl repräsentiert die kumulierte Anzahl von Reden eines bzw. einer Abgeordneten im Zeitverlauf. Einige Fälle haben wir namentlich hervorgehoben.

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Die meisten dieser ausgewählten Abgeordneten halten überdurchschnittlich viele Reden, wie die gestrichelte Linie verdeutlicht. Es sind also tendenziell die aktiveren Redner und Rednerinnen des Nationalrats hervorgehoben. Die in absoluten Zahlen meisten Reden im Untersuchungszeitraum hat Werner Kogler gehalten, auf ihn entfallen 777 Reden in 19 Jahren. Relativ gesehen sind Leopold Steinbichler (62 Reden pro Jahr) und Gerald Loacker (60 Reden pro Jahr) die aktivsten Redner.

Anhand von Werner Kogler und Dagmar Belakowitsch lässt sich zudem gut beobachten, dass die Entwicklung einer Redner- oder Rednerinnen-Karriere unterschiedliche Verläufe annehmen kann. Während Koglers Linie mit der Zeit flacher wird, er mit Fortdauer seines Mandats also jährlich weniger Reden hält, verläuft Belakowitschs Linie zunehmend steiler. Sie tritt also mit wachsender Seniorität immer öfter ans Redepult.

Am unteren Ende der Abbildung sind Barbara Prammer und Wolfgang Sobotka hervorgehoben. Deren niedrige Anzahl an Reden lässt sich dadurch erklären, dass sie die Präsidentschaft im Nationalrat innehatten. Prammer kam diese Rolle von 2006 bis 2014 (von 2004-06 2. Präsidentin) zu, Sobotka von 2017 bis 2024. Mit dieser Rolle geht üblicherweise einher, dass man sich kaum an inhaltlichen Debatten beteiligt. Das bestätigt sich vor allem bei Betrachtung der Linie von Barbara Prammer: In ihren ersten Jahren im Nationalrat zeigte sie ein recht übliches Redeverhalten. In ihrem fünften Jahr wurde sie zur Zweiten Präsidentin gewählt. Ab diesem Zeitpunkt hält sie nur noch wenige Reden, was sich in einer entsprechend flach verlaufenden Linie zeigt. Wolfgang Sobotka war vor seiner Wahl zum Präsidenten nicht Mitglied des Nationalrates. Seine Linie verläuft von Beginn an flach.

Zusammenfassend zeigt dieser Showcase: Die Häufigkeit, mit der Abgeordnete im Laufe ihrer Karriere Reden halten, variiert erheblich. Diese Unterschiede lassen sich in der Regel nicht durch die Seniorität der Personen erklären. Stattdessen spielen vor allem die Größe des Parlamentsklubs und individuelle Faktoren eine Rolle.

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