Ein Staat löst sich auf
Anfang November 1918 war die Niederlage der Mittelmächte nicht mehr zu verleugnen. Bulgarien und das Osmanische Reich hatten bereits kapituliert, am 3. November 1918 streckte auch die Donaumonarchie die Waffen. Das Deutsche Reich zögerte noch einige Zeit, fand sich dann aber doch mit dem Ausgang des Krieges ab. Kaiser Wilhelm II. musste ins Exil, während in Berlin am 9. November 1918 die Republik ausgerufen wurde. Damit schien auch die weitere Entwicklung in Wien vorgezeichnet zu sein.
Tatsächlich aber weigerte sich Kaiser Karl beharrlich, seinen Thron zu räumen. Erst die normative Kraft des Faktischen zwang ihn am 11. November zum Einlenken. Nachdem die "Wiener Zeitung" angekündigt hatte, am folgenden Tag werde vor dem Parlamentsgebäude durch die Präsidenten der Provisorischen Nationalversammlung das neue Deutschösterreich aus der Taufe gehoben, unterzeichnete Karl in Schloss Schönbrunn eine dürre Erklärung, in welcher er auf seinen Anteil an den Staatsgeschäften verzichtete – und um den provisorischen Charakter dieses Statements noch extra zu betonen, tat er es mit einem Bleistift. Formal also hatte der Kaiser gar nicht abgedankt und sah sich weiter als Oberhaupt des Staates, nur auf die damit verbundenen Hoheitsrechte verzichtend.
Dementsprechend unzufrieden war man allerorts mit seiner Reaktion. Es setzte sich jedoch schließlich der Standpunkt durch, für den gewollten Zweck mochte es genügen, da die Realität ohnehin schon andere Fakten geschaffen hatte. Bereits am frühen Nachmittag hatte Karl nämlich die Demission der Regierung Lammasch angenommen, ohne diese, wie sonst üblich, mit der vorläufigen Fortführung der Geschäfte zu betrauen. Das Kaisertum Österreich hatte damit seinen Kaiser und seine Regierung verloren.