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Schusterstochter, Weberkind: Die ersten Parlamentarierinnen

1919 zogen erstmals Frauen ins Parlament ein: acht starke Persönlichkeiten, die sich allesamt entschlossen gegen die Not und Rechtlosigkeit der Ärmsten im Land einsetzten. Die meisten von ihnen stammten selbst aus armen Familien.

Ein Blick auf die ungewöhnlichen Lebensgeschichten der Pionierinnen Anna Boschek, Hildegard Burjan, Emmy Freundlich, Adelheid Popp, Gabriele Proft, Therese Schlesinger, Amalie Seidel und Marie Tusch.

Unterpunkte anzeigen Gründerin der Caritas Socialis: Hildegard Burjan

Die Gründerin der Caritas Sozialis (CS) forderte bereits 1917 "Gleichen Lohn für gleiche Arbeit". Sie erkannte und bekämpfte soziale Missstände speziell dort, wo sie sozial schwache Frauen und Kinder trafen.

Hildegard Burjan war die einzige Christlich-Soziale unter den ersten Frauen, die 1919 als Abgeordnete ins Parlament der jungen Republik einzogen (bzw. in die Konstituierende Nationalversammlung) – und die einzige, der es möglich war, ein Studium zu absolvieren. Sie gehörte dem Parlament nur kurz an und gründete noch im selben Jahr die – heute noch aktive - religiöse Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis (CS).

Gründerin mehrerer Hilfsvereine

Jugendkriminalität, Verwahrlosung, Prostitution: Die tief religiöse Ordensgründerin erkannte das Elend großer gesellschaftlicher Schichten und versuchte, gezielt gegenzusteuern und Not zu lindern. Sie engagierte sich vor allem für Frauen – speziell Heimarbeiterinnen und Dienstbotinnen - und gegen Kinderarbeit. Burjan gründete auch die caritativen Vereine "Verband der christlichen Heimarbeiterinnen" (1912) und "Soziale Hilfe" (1918).

Wechsel zum katholischen Glauben

Hildegard Burjan entstammte einer jüdisch-liberalen Familie. Sie studierte in der Schweiz Literatur und Philosophie und promovierte mit Auszeichnung. 1909 konvertierte sie nach einer schweren Nierenkrankheit zum katholischen Glauben und brachte wenig später unter Lebensgefahr eine Tochter zur Welt. Burjan starb 1933 mit nur 50 Jahren an Spätfolgen der Nierenerkrankung. Der Einmarsch Hitlers blieb der Jüdin und vehementen Nazi-Gegnerin erspart (Tochter und Ehemann emigrierten).

Die erste Selige unter Österreichs Abgeordneten

Hildegard Burjan wird auch in zweiter Hinsicht "Pionierin": als erste Seliggesprochene unter Österreichs ParlamentarierInnen. Sie ist weltweit die erste Parlamentarierin, der diese Ehre zuteil wird. Ihr Seligsprechungsprozess wurde 1963 von Kardinal Franz König eingeleitet. Der erforderliche "Wunderprozess" ist seit 2001 abgeschlossen. Am 29. Jänner 2012 wurde Hildegard Burjan im Stephansdom seliggesprochen.

Unterpunkte anzeigen Pionierin der Gewerkschaft: Anna Boschek

Anna Boschek war eine Pionierin der österreichischen Gewerkschaftsbewegung. Sie stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Nach dem Tod des Vaters musste sie mit neun Jahren die Schule abbrechen. Sie arbeitete in der Chemie- und der Textilindustrie.

1890: Die erste Frau im Parteivorstand der Sozialdemokraten

1891 trat Anna Boschek der Gewerkschaft bei und wurde Mitglied des sozialdemokratischen Arbeiterinnen-Bildungsvereins. Zwei Jahre später bekam sie eine Anstellung bei der Gewerkschaftskommission für die gewerkschaftliche Organisierung von Frauen - eine Funktion, die sie bei ihrem Kampf um die Gleichberechtigung der Frau nützen konnte.

1890 wurde sie als erste Frau in den Parteivorstand der Sozialdemokraten gewählt. Nach dem Ersten Weltkrieg war sie von 1918 bis 1920 Mitglied des Wiener Gemeinderats. 1919 zog sie in die Konstituierende Nationalversammlung ein.

Vor allem Sozial- und Arbeitsfragen

Boschek engagierte sich vor allem in Sozial- und Arbeitsfragen. Im Rahmen der Mitarbeit am sozialrevolutionären Gesetzeswerk von Ferdinand Hanusch trat sie für die Gründung der Arbeiterkammern ein.

Das Gesetz zum Achtstundenarbeitstag trug ebenso ihre Handschrift wie Vorlagen zur Arbeitsruhe, zum Nachtarbeitsverbot für Frauen und zur Gewerbeinspektion sowie das Hausgehilfinnengesetz.

1934 wird sie verhaftet

Zusammen mit Käthe Leichter, die ihre parlamentarische Mitarbeiterin wurde, arbeitete sie nicht nur an allen sozialpolitischen Gesetzen mit. Die beiden waren vor allem an den frauenpolitischen Aktivitäten der Freien Gewerkschaften, der Arbeiterkammer und der Sozialdemokratischen Partei maßgeblich beteiligt.

Boschek blieb bis zur Auflösung des Parlaments 1934 Abgeordnete zum Nationalrat. Danach wurde sie verhaftet und nach der Freilassung unter Polizeiaufsicht gestellt. Nach 1945 übernahm Anna Boschek aus gesundheitlichen Gründen keine politischen Funktionen mehr, der gewerkschaftlichen und sozialistischen Bewegung blieb sie bis an ihr Lebensende treu.

Sie starb 1957 in Wien.

Unterpunkte anzeigen Einzige Frau in der Wirtschaftssektion des Völkerbundes: Emmy Freundlich

Emmy Freundlich (geborene Emma Kögler) entstammte einer wohlhabenden böhmischen Familie. In Berührung mit Politik bzw. sozialdemokratischen Ideen kam sie durch ihren Mann Leo Freundlich, einen Sozialdemokraten jüdischer Herkunft, von dem sie sich später scheiden ließ.

Sie engagierte sich in der Arbeiterbewegung, publizierte in sozialdemokratischen Zeitungen und leistete politische Basisarbeit bei der Organisation für Textil-, Tabak- und Heimarbeiterinnen. In Wien arbeitete Freundlich auch in der Genossenschaftsbewegung. Emmy Freundlich war auch Schriftstellerin.

1919 wurde sie Abgeordnete im österreichischen Nationalrat. Sie meldete sich vor allem zu ökonomischen Fragen zu Wort, aber auch zu Ernährungs- und Konsumentenangelegenheiten. Von 1919 bis 1922 war sie Direktorin des Ernährungsamtes. 1918 bis 1923 gehörte Emmy Freundlich dem Wiener Gemeinderat an. 1924 wurde sie als einzige Frau Mitglied der Wirtschaftssektion des Völkerbundes. 1934, nach der Ausschaltung des Parlaments, wurde sie verhaftet. 1939 emigrierte Emmy Freundlich nach England. 1947 übersiedelte sie nach New York, wo sie ein Jahr später starb.

Unterpunkte anzeigen Vom Weberkind zur politischen Leitfigur: Adelheid Popp

Adelheid Popp gilt als parlamentarische Pionierin und Ausnahmeerscheinung. Sie war das jüngste von 15 Kindern einer Weberfamilie und schaffte es trotz ungünstigster Voraussetzungen, zur politischen Leitfigur aufzusteigen.

Die erste Parteiangestellte Österreichs gründet eine Zeitung

Adelheid Popp (geborene Dworak) war die erste Frau, die von einer Partei angestellt wurde. Sie wurde Mitglied des Wiener Arbeiterinnenbildungsvereins (1891) und Vorsitzende des Lese- und Diskutierclubs "Libertas" (1893). Von 1892 bis 1934 war sie Redakteurin der von ihr mitbegründeten Arbeiterinnen-Zeitung.

Für die Frauen, gegen die Parteispitze

1902 gründete sie gemeinsam mit Therese Schlesinger gegen den Widerstand der Parteispitze den Verein sozialdemokratischer Frauen und Mädchen. 1918 wurde sie dann schließlich in den Wiener Gemeinderat gewählt, dem sie bis 1923 angehörte. Sie wurde aber auch als eine der ersten acht Parlamentarierinnen nach Einführung des Frauenwahlrechts 1919 in die Konstituierende Nationalversammlung gewählt und gehörte dann dem Nationalrat bis zu seiner Auflösung im Jahr 1934 an.

Jugend einer Arbeiterin

Bereits mit 8 Jahren musste sie als Heimarbeiterin Geld verdienen, mit 10 Jahren meldete sie die Mutter nicht mehr in der Schule an. In ihren Erinnerungen "Jugend einer Arbeiterin" schildert sie eindrucksvoll, wie sie in der Kälte, nur spärlich bekleidet, oft erfolglos Arbeit suchte, wie sie bettelte, wie sie das Bett mit anderen teilen musste.

Bildung: Der Hebel zur Selbstbefreiung

Schon als Kind hatte Popp eine ungewöhnliche Leidenschaft: Sie liebte das Lesen. Nach Goethe, Lenau und Chamisso bekam sie schließlich auch die "Gleichheit" in die Hände, das Zentralorgan der frühen Sozialdemokratie. Damit war ihr Interesse an politischer Lektüre geweckt.

Sie gab ihr Wissen und ihre Anschauungen ihren Kolleginnen in der Fabrik weiter, was im Hinblick auf ihren Arbeitsplatz nicht ungefährlich war. In der Bildung erkannte sie den zentralen Hebel zur Selbstbefreiung, zum sozialen Aufstieg und zu einem würdigen Leben. Adelheid Popp hörte nie auf, sich weiterzubilden, und lernte Fremdsprachen wie Englisch und Französisch.

Die Gewerkschaften wollten damals keine Frauen

Sie musste nicht nur mit gesellschaftlichen Vorurteilen kämpfen, sondern auch gegen Widerstände in der eigenen Partei. Die Gewerkschaften sahen die Frauen als Eindringlinge an. Beim Kampf um das Frauenwahlrecht blieb das Verständnis der Parteigenossen gering.

Prominenter Förderer, moderner Ehemann

Unterstützung fand Adelheid Popp bei Victor Adler. Oft musste sie auch nach Veranstaltungen vor den Richter, sie wurde aber meist freigesprochen. 1895 wurde sie wegen ihrer kritischen Haltung zur traditionellen Ehe zu einer Arreststrafe verurteilt.

Popp selbst hatte einen in seinem Denken sehr modernen Ehemann, auch wenn er um 20 Jahre älter war als sie. Julius Popp, Mitherausgeber der Arbeiterzeitung, Sekretär und Kassier der Partei, ermutigte sie sogar, ihren öffentlichen Aufgaben nachzukommen. Während ihrer Abwesenheit kümmerte er sich um das Kind.

Politische Forderungen

Ihre politischen Vorstellungen waren ihrer Zeit weit voraus: Karenzzeit für Mütter, die Errichtung von Entbindungsanstalten, die Gleichstellung der Frauen in der Ehe und im Beruf. Sie fordert bereits 1896 eine Art Quotenregelung - und selbstverständlich das Frauenwahlrecht.

Adelheid Popp starb 1939 in Wien an einem Schlaganfall.

Unterpunkte anzeigen Parlamentarierin der Ersten und Zweiten Republik: Gabriele Proft

Gabriele Proft, 1879 in Opava/Mähren geborene Schusterstochter, war als einzige der ersten acht Mandatarinnen auch in der Zweiten Republik noch aktive Politikerin. Dazwischen lagen Haft und Konzentrationslager.

Hausgehilfin und mitreißende Rednerin

Nach zwei Jahren Bürgerschule arbeitete Gabriele Proft zunächst als Hausgehilfin und Heimarbeiterin. Mit 17 Jahren kam sie nach Wien, wo sie Vorträge besuchte und schließlich dem Bildungsverein Apollo beitrat. Proft war eine begabte Rednerin und engagierte sich in der sozialdemokratischen Frauenbewegung und der Gewerkschaft.

Parteivorstand und Pazifistin

Ab 1909 ist sie Zentralsekretärin der sozialdemokratischen Frauenorganisation, daneben schreibt sie als Journalistin u. a. in "Der Kampf". Ab 1911 gehört sie dem Parteivorstand an und ist vertraut mit bedeutenden Persönlichkeiten der Zeit - von Clara Zetkin bis Leo Trotzki.

Proft gehört zum linken Flügel der Partei und ist – wie Friedrich Adler - für eine konsequente Friedenspolitik. Am Parteitag von 1917 trug Proft die "Erklärung der Linken" vor, die sich gegen die staatstreue Haltung der Parteiführung wandte. 1918 wird sie Wiener Gemeinderätin, 1919 ist sie eine der acht Frauen, die ins Parlament einziehen.

Haft und Konzentrationslager

Gabriele Proft wirkt von 1919 bis 1934 als Abgeordnete. In den folgenden bewegten Jahren wird sie 1934 vom Dollfuß-Regime verhaftet und später auch von den Nationalsozialisten: von 1944 bis Kriegsende ist Proft im Konzentrationslager Maria-Lanzendorf.

Voller Kraft in die zweite Republik

Trotz ihres Alters stellte sich die 65-jährige Gabriele Proft 1945 sofort wieder ihrer Partei zur Verfügung. Sie ist damit eine der wenigen österreichischen PolitikerInnen, die sowohl in der Ersten als auch in der Zweiten Republik wichtige politische Ämter bekleideten. Sie wurde Vorsitzende der SPÖ-Frauen und stellvertretende Vorsitzende der SPÖ. Von 1945 bis 1953 war sie abermals Abgeordnete, danach zog sie sich in den Ruhestand zurück.

Proft starb 1971 in Bad Ischl und erlebte somit noch den Beginn der Ära Kreisky.

Unterpunkte anzeigen "Zentralküchen" für Arbeiterfamilien: Therese Schlesinger

Therese Schlesinger (geborene Eckstein) entstammte einer großbürgerlichen, jüdisch-liberalen Familie. Ihre Geschwister machten sich teils ebenfalls für die Sozialdemokratie stark: Gustav Eckstein, Emma Eckstein, Friedrich Eckstein.

Unbändiger Drang nach Bildung

Das Elternhaus vermittelte den Kindern eine liberale Erziehung. In der eigenen Fabrik wurden sozialpolitische Modelle zur Verbesserung der Situation der ArbeiterInnen umgesetzt. Dies beeinflusste das Denken und Handeln von Therese Schlesinger stark. Sie selbst hatte Zeit ihres Lebens einen enormen Drang nach Bildung: Da Frauen nicht studieren durften, hatte sie nur Volks- und Bürgerschule besucht.

Große Ziele, privates Unglück

Ihr Privatleben war nicht sehr glücklich: Bei der Geburt der Tochter infizierte sie sich an Rotlauf, was ihr bleibende Lähmungen und schwere gesundheitliche Probleme bereitete. Ihr Mann starb nach nur zweieinhalb Jahren Ehe. Das Elend der Arbeiterschaft wurde ihr Lebensthema – zunächst noch als Vertreterin der bürgerlichen Frauenbewegung.

Sie wird Sozialdemokratin

Therese Schlesinger las und publizierte politische Schriften und fühlte sich immer mehr den SozialdemokratInnen verbunden. Sie wurde Parteimitglied und schließlich - am 4. März 1919 - eine der ersten weiblichen Abgeordneten in der Konstituierenden Nationalversammlung. 1923 wechselte sie vom Nationalrat in den Bundesrat, dem sie bis 1930 angehört.

Moderne Ideen machen sie unbeliebt

Therese Schlesinger gründete eigene Frauensektionen in der Gewerkschaft und den Verein Sozialdemokratischer Frauen und Mädchen. Mit ihrem Einsatz für die Frauen stieß sie auch in der Partei auf Widerspruch.

Ihre wichtigsten Forderungen: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, gleiche politische Rechte für Frauen und Männer, Arbeitszeitverkürzung für Mütter, staatliche Mutterschaftsversicherung, allgemeine Kinderversicherung. Gemeinsam mit ihren Genossinnen kämpfte sie für die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs.

"Zentralküchen" in Wohnhäusern für Arbeiter

Von Schlesinger stammt auch die Idee, in den Wohnhäusern der Arbeiter Zentralküchen und Wäschereien einzurichten. Der Gedanke dahinter: Frauen hätten dann mehr Zeit für familiäre Beziehungen und Fortbildung.

Bildung als Schlüssel zur Befreiung

Bildung war für Therese Schlesinger der Schlüssel zur Befreiung der Arbeiterschaft von Ausbeutung – und bei Mädchen eine unabdingbare Voraussetzung für die Gleichberechtigung.

"Linzer Programm" und Justizpolitik

Von Schlesinger stammen jene Punkte im "Linzer Programm" der SPÖ von 1926, die Frauenfragen betreffen. Was weitere politische Themen betrifft: Therese Schlesinger war eine entschiedene Gegnerin der Prügelstrafe; sie setzte sich für eine adäquate ambulante Betreuung psychisch Kranker ein.

In der Justizpolitik vertrat sie die damals ungewöhnliche Auffassung, dass Rache im gesellschaftlichen Umgang mit Kriminellen nichts zu suchen hat. Als Kriegsgegnerin schloss sie sich der Linksopposition um Friedrich Adler an und arbeitete als Vorstandsmitglied des Parteischüler-Vereins "Karl Marx".

Privat hatte Therese Schlesinger Schweres zu tragen: Ihre Tochter Anna nahm sich 1920 das Leben. 1939 musste Schlesinger mit 76 Jahren wegen ihrer jüdischen Herkunft emigrieren.

Sie starb 1940 in Frankreich.

Unterpunkte anzeigen Mit 17 Jahren organisiert sie einen Streik: Amalie Seidel

Amalie Seidel war 17, als sie den 1. Mai als arbeitsfreien Tag an ihrer Dienststelle durchsetzte: Dafür wurde sie am nächsten Tag fristlos entlassen. Seidel (geborene Ryba) stammte aus einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie. Sie arbeitete zunächst als Dienstmädchen und Heimarbeiterin, später in der Textilindustrie.

Mit 17 Jahren organisiert sie einen Streik

Gleich nach ihrer Entlassung (wegen des 1. Mai) organisierte die 17-Jährige den ersten Frauenstreik: rund 700 Frauen demonstrierten unter anderem für den Zehnstunden-Arbeitstag und die Wiedereinstellung Amalie Seidels. Die Forderungen wurden erfüllt.

Victor Adler wird aufmerksam und unterstützt sie

Führende Sozialdemokraten wie Victor Adler wurden durch den Frauenstreik auf Seidel aufmerksam und sorgten für ihre Weiterbildung. Sie engagierte sich in der Frauenbildung und war Mitbegründerin einer Konsumgenossenschaft.

1895 heiratete sie den Sozialdemokraten und Gewerkschafter Richard Seidel, mit dem sie zwei Töchter hatte. Sie war Mitglied der Konstituierenden Nationalversammlung bzw. des Nationalrats von 1919 bis 1934 und von 1918 bis 1923 Abgeordnete zum Wiener Gemeinderat, wo sie als erste Frau das Wort ergriff.

1934 wird sie verhaftet

Ihre Arbeit war von der Armut ihrer Kindheit geprägt: So befürwortete sie die Konsumgenossenschaftsbewegung, engagierte sich in sozialpolitischen Fragen, war stellvertretende Vorsitzende des Wiener Jugendhilfswerks und widmete sich der Gleichstellung der Frau.1934 wurde Amalie Seidel verhaftet, in Folge zog sie sich offiziell aus der Politik zurück.

Ihre Wohnung bleibt ein fixer Treffpunkt

Ihre Wohnung blieb aber in den Folgejahren ein fester Treffpunkt für mehrere Wiener Politikerinnen, wo ungestört gesprochen werden konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Amalie Seidel keine politischen Ämter mehr. Sie lebte bei ihrer Tochter Emma und deren Ehemann Karl Seitz, dem einstigen Präsidenten der Konstituierenden Nationalversammlung, Bürgermeister von Wien und Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP).

Seidel starb 1952 in Wien.

Unterpunkte anzeigen Für Straffreiheit der Abtreibung: Maria Tusch

Maria Tusch (geborene Pirtsch) wurde als Kind einer ledigen Magd in Klagenfurt geboren. Mit zwölf Jahren musste sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen und wurde Arbeiterin in der k. u. k. Tabakfabrik in Klagenfurt.

Sie wurde Vertrauensfrau, später Betriebsrätin und übernahm schließlich die Leitung des Landesfrauenkomittees der Kärntner Sozialdemokraten (SDAPÖ).

Für Kriegsversehrte und Frauenrechte

1919 zog sie als eine der ersten acht Frauen in das österreichische Parlament ein und blieb bis zu dessen Auflösung im Jahr 1934 Abgeordnete zum österreichischen Nationalrat. Ihre politische Arbeit galt u. a. dem Schicksal der Kriegsversehrten des Ersten Weltkrieges und den Frauenrechten.

Straffreiheit der Abtreibung

Sie engagierte sich für die soziale Absicherung von Frauen und Müttern und setzte sich für die Straffreiheit von Abtreibungen ein. Aufgrund ihrer Arbeitserfahrungen fungierte sie als Expertin für wirtschaftliche Fragen des österreichischen Tabakmonopols. Mit den Worten "Frauen, Ihr müßt selbstbewußt werden!" beendete Marie Tusch fast jeden ihrer Vorträge.

1939 starb sie in Klagenfurt an einer Lungenentzündung.