News 17.10.2023, 08:42

"Frauenzimmer" und Politik: 175 Jahre seit der Revolution von 1848

Am 17. Oktober 1848 versammeln sich rund 300 Frauen, um dem neuen österreichischen Parlament eine Petition zu überreichen – unterzeichnet von der Präsidentin des Ersten Demokratischen Frauenvereins, Karoline von Perin-Gradenstein. Ihr Ziel: Den Landsturm, eine bewaffnete Miliz der bäuerlichen Bevölkerung zur Verteidigung des revolutionären Wiens, einzuberufen und selbst Waffen tragen zu dürfen.

Dass sich Frauen damit nicht nur in die Politik, sondern auch in kriegerische Angelegenheiten einmischen wollen, wird nicht nur von ihren männlichen Zeitgenossen als Skandal betrachtet, es markiert auch den Beginn des Ringens um Gleichberechtigung und politische Teilhabe für Frauen in Österreich.

Die Beteiligung von Frauen im Revolutionsjahr 1848

Als im März 1848 die Revolution in Österreich ausbricht, stehen Forderungen nach bürgerlichen Freiheiten im Mittelpunkt. Frauen sind davon aber ausgenommen und werden von der politischen Teilhabe ausgeschlossen. Dennoch engagieren sie sich auf unterschiedliche Weise. Viele Frauen bauen Barrikaden, Frauen des Bürgertums – und auch des Adels – begleiten Demonstrationen, verpflegen Barrikadenbauer:innen und gründen karitative Vereine, unter anderem um Fahnen für die Akademische Legion oder die Nationalgarde herzustellen. Es gibt auch Berichte über Töchter aus wohlhabenden Familien, die in Begleitung von Gouvernanten oder Dienstmädchen am Barrikadenbau teilnahmen.

Die Ziele sind vielfältig: Frauen aus den unteren Schichten kämpfen vor allem aus existenziellen Gründen und als Reaktion auf Ungerechtigkeiten ihrer Dienstherren und Vermieter. Frauen aus dem Bürgertum und dem Adel streben politische Veränderungen wie Presse- und Meinungsfreiheit an, gründen Vereine und fordern das Wahlrecht.

Gründung des Ersten Demokratischen Frauenvereins

Am 28. August 1848 versammeln sich hauptsächlich bürgerliche Frauen im Volksgarten, um einen Frauenverein zu gründen. Die konkreten Ziele dieses Vereins sind breit gefächert: Die Mitglieder wollen sowohl sozial als auch humanitär und politisch-emanzipatorisch wirken. Tatsächlich hat dieser Verein, abgesehen von der französischen Frauenbewegung, das wohl elaborierteste Programm eines politischen Frauenvereins dieser Zeit. Ebenso bemerkenswert ist, dass die Standesunterschiede innerhalb des Vereins aufgehoben werden. Ein Beispiel aus den Statuten verdeutlicht dies: "Man sagt einfach Frau und Fräulein."

Die Initiatorin dieses Vereins war Katharina Strunz, die bereits im Juni desselben Jahres eine Gruppe von Frauen anführt, die den im Innsbrucker Exil sitzenden Kaiser nach Wien zurückholen will. Da die Mehrheit der anwesenden Frauen diesen Standpunkt jedoch nicht teilen, wird am 28. August Karoline von Perin-Gradenstein Präsidentin des Ersten Demokratischen Frauenvereins.

Perin-Gradenstein vertritt die Grundsätze der Frauenemanzipation und ist eine der wenigen Frauen aus der Wiener 1848er Bewegung, über die mehr als ihr Name bekannt ist. Sie ist Witwe und entstammt dem Erbadel. Sie ist die Lebensgefährtin des Juristen und Revolutionärs Alfred Julius Becher, der ab Juni 1848 als Redakteur der Wiener Zeitschrift "Der Radikale" tätig ist. Nach der Niederschlagung der Revolution wird Perin-Gradenstein verfolgt und verhaftet. Misshandlungen und der Tod ihres Lebensgefährten führen zu psychischen Problemen. Ende November 1848 wird sie aus der Haft entlassen.

Später emigriert sie nach München, das Sorgerecht für ihre Kinder und ihr Vermögen werden ihr entzogen. Nach ihrer Rückkehr nach Wien distanziert sie sich von ihrem Engagement und verdient ihren Lebensunterhalt als Fotografin. Trotz politischer Verfolgung konnte sie in der fotografischen Szene Fuß fassen. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1888 tritt sie nicht mehr politisch in Erscheinung.

"Schmutzige Amazonen" und "politische Marktschreierinnen"

Ein Redakteur der Breslauer Zeitung beschreibt das Geschehen am 17. Oktober 1848 wie folgt: "Soeben stoße ich auf eine Schar von 300 Frauenzimmern (ärmerer Klasse), welche angeführt von einigen wohlgekleideten Frauen sich zum Reichstage bewegen, um von ihm die Erlaubnis zu bekommen, den Landsturm aufzurufen und selbst Waffen tragen zu dürfen."

Die Petition, die rund 1.000 Frauen aus unterschiedlichen Gesellschaftsklassen unterschrieben haben, trifft im Revolutionsparlament auf wenig Zustimmung und wird nach kurzer Diskussion abgelehnt. Das weibliche politische Denken dieser Zeit steht im Widerspruch zum bürgerlichen Idealbild. Ein Berichterstatter bemerkt in sarkastischem Ton: "Höchst komisch war die Episode mit der Sturmpetition vom Frauenverein, welch allseits die Aufforderung des Landsturmes begehrt. Wurde unter Heiterkeit verworfen."

Andere zeitgenössische Berichte über die Demonstration am 17. Oktober 1848 beschreiben die Frauen als "schmutzige Amazonen" und "politische Marktschreierinnen". Ihnen wird in manchen Artikeln auch die Schuld an der Niederschlagung der revolutionären Bewegung und der nachfolgenden Phase des repressiven Neoabsolutismus gegeben.

Es gibt jedoch auch Unterstützung und Akzeptanz. Im September 1848 wird das "Zentralkomitee der demokratischen Vereine" gegründet und auch der Demokratische Wiener Frauenverein als Mitglied anerkannt.

Politische Teilhabe

Im Revolutionsjahr 1848 noch skandalisiert und verfolgt, ist die politische Teilhabe von Frauen in Österreich heute selbstverständlich. Der Weg dahin war mühsam und dauerte Jahrzehnte: Erst im Jahr 1919 erhalten Frauen in Österreich das Wahlrecht. Als die Konstituierende Nationalversammlung am 4. März 1919 zu ihrer ersten Sitzung zusammentritt, ziehen die ersten acht weiblichen Abgeordneten ins Parlament ein: Anna Boschek, Emmy Freundlich, Adelheid Popp, Gabriele Proft, Therese Schlesinger, Amalie Seidel und Maria Tusch für die Sozialdemokratische Partei, sowie Hildegard Burjan für die Christlichsoziale Partei.

1966 wird mit Grete Rehor die erste Frau in Österreich zur Ministerin ernannt. 1993 werden Gleichbehandlungsgesetze verabschiedet. Sie verbieten Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Im Jahr 2006 wird Barbara Prammer als erste Frau zur Präsidentin des Nationalrats gewählt.

Die Forderung nach Gleichberechtigung und politischer Teilhabe ist jedoch kein abgeschlossener Prozess: Erst 2019 gab es ein großes Frauenvolksbegehren, das darauf abzielte, die Gleichstellung der Geschlechter und die Rechte von Frauen in Österreich zu stärken. Gefordert wurden u. a. Quotenregelungen für mehr politische Mitbestimmungsmöglichkeiten, Maßnahmen zur Beseitigung von Einkommensunterschieden, die Förderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie der Ausbau von Maßnahmen gegen Gewalt an Frauen.